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mit dem örrcisblatt für Vie Kreise Marburg und Kirchhain

«nd den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Benage."

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DieGberhesstsche Zrrtnng" erscheint täglich mit Ausnahme der m 1 < , rTS OTX O 1 Q YL M m T

IQß Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt viertel- JtS. löif jährlich durch die Bost bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), Bet

unfern Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.

Marburg

Sonnabend 14. August 1909.

Die JnfertionSgebiihr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UntoerfitätSbuchdruckerei Inhaber Dr. C. H itzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

44. Jahrg.

Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 63.__

Die Kündigung des deutsch-amerikanischen Handelsabkommens.

Das gegenwärtige deutsch-amerikanische Han­delsabkommen ist von den Vereinigten Staaten gemäß- der in ihm enthaltenen Kündigungsfrist zum 7. Februar 1910 gekündigt worden. Es er­hebt sich sofort die Frage, ob und gegebenenfalls wie ein neuer Handelsvertrag mit den Vereinigten Staaten abgeschlossen werden soll. Der jetzige Vertrag ist ein Reziprozitätsvertrag, worin die von dem einen dem anderen vertragschließenden Teile gewährten Zugeständnisse einzeln aufgezählt find. Das neue amerikanische Zolltarifgesetz ent­hält die Bestimmung, daß die amerikanischen Minirnalzölle nur denjenigen Staaten gewährt werden dürfen, die den Vereinigten Staaten das Meistbegünstigungsrecht einräumen. Bedingung für den Abschluß eines Vertrages, worin Deutsch­land die amerikanischen Minimalzölle' gewährt würden, würde also das Zugeständnis der Meist­begünstigung seitens Deutschlands sein. Es würde sich demnach in der vorliegenden Frage um eine Entscheidung darüber handeln, ob die Erlangung der neuen, in diesen Minimalzöllen steckenden Vorteile die Differenz wert find, die gegenwärtig zwischen den in Amerika und den an die meistbegünstigten Staaten gewährten deut­schen Konzesiionen vorhanden ist. Es ist selbst­verständlich, daß in dieser Frage lediglich da? deutsche Jnterefie die Entscheidung geben wird, wie ja bei der Ausgestaltung des neuen Zoll­tarifs in den Vereinigten Staaten ledialich deren Jnterefie bestimmend war. Die Ausfuhr Deutsch­lands nach den Vereinigten Staaten hatte sich in dem letzten Jahrzehnt beträchtlich gesteigert. Sie War dem Werte nach im Spezialhandel von 832,9 Millionen Mk. im Jahre 1898 auf 652,3 Millionen Mk. im Jahre 1907 gestiegen; dann allerdings entsprechend dem Rückgänge der Ge­samtkonjunktur auf 507,5 Millionen Mk. im Jahre 1908 gefallen. Die Einfuhr der Vereinigten Staaten nach Deutschland hatte 1907 einen Wert von 1319,3 Millionen Mk. Die Vereinigten Staaten führten nach Deutschland hauptsächlich ein: Bmlmwolle. Kupfer. Schweineschmalz, Wei­zen, Petroleum. Mais, Oelkncben, Oleomargarine, Daumwollensmnenöl, Nadelholz, Terpentinharz, Terventinöl, Kleie. Robvbosvhat. Schmieröl und Mähmaschinen. Die deutsche Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten irmfaßt namentlich: Baum- Wollstrümpfe, Kinderspielieug, Teerfarbstoffe, Glacehandschuhe, baumwollene Handschuhe und Haarnetze. Wollenaewebe. seidene und halbseidene

Gewebe, Chlorkalium, Postkarten mit Bilddruck, baumwollene Spitzenstösse, Spitzen, Kalbfelle, Rohfelle zur Pelzwerkbereitung, Posamentier- ivaren, Abrauntsalze, Kautschuk, Glaceleder, feine Schneidcwaren und Farbendruckbilder. Um zu beurteilen, welche Vorteile die amerikanischen Minimalzölle gewähren würden, wird man deren authentische Veröffentlichung, die noch immer hier nicht im Zusammenhänge vorliegt, abwarten müssen. Dann wird aber sofort an den zustän­digen Regierungsstellen, die natürlich auch bisher schon die Entwickelmtg jenseits des Ozeans ver­folgt hatten, die betreffende Arbeit in Angriff ge­nommen werden. Man wird Wohl nicht in der Annahme fehlgehen, daß, sobald sie beendet sein tvird, der Wirtschaftliche Ausschuß zur Vorberei­tung handclspoliüscher Maßnahmen nach Berlin einbentfen werden wird, um sein Urteil über die vorliegende Frage auf Grund der bis dahin ge­wonnenen Materialien abzugeben. Zuletzt war dieser Ausschnß im Anfänge des Herbstes 1908 zur Beurteilung des deuffch-portugiesischen Han­delsvertrages nlsammenbernfen. Käme es zum Abschluß eines neuen Vertrages, so würde der Reichstag in der nächsten Tagung damit befaßt werden.

Russisches.

Der Petersburger Korrespondent derFrks. Ztg." übermittelt seinem Blatte die Provinz­chronik einer Petersburger Zeitung vom 4. August, die ein leider allzu charakteristisches Bild von russischem Leben (selbst in der Pro­vinz!) gibt. Ein Kommentar ist für das, was man hier lieft, nicht nötig. Die Herren Rufien, die aber so gern nach außen groß auftreten und speziell auf Deutschland nicht gut zu sprechen find, sollten diese Ehronik mal eine zeitlang sich täglich zu Gemitte führen, vielleicht werden fie dann etwas demütiger.

Tambow: Zwei zum Tode Verurteilten wurde die Todesstrafe durch lebenslänglich« Zwangsarbeit ersetzt. Willna: Einer wurde zum Tode verletzt. Rostow a. Don: Der frühere Di­rektor des Polizeidepartements Trussewttsch wurde auf dem Wege auf fein im Kreise bele- genes Gut Deniffowo bestohlen. Die Räuber sind verhaftet worden. Kiew: Bei der allrus­sischen Revision der Intendantur wurde folgende Tatsache festgestellt: Hauptmann S., ein zur Intendantur gehöriger Offizier, sollte in den russisch-japanischen Krieg. Um das zu vermei­den, warb S. ein Jiüiividuum, das ihm in einem Eafeechantant eine Ohrfeige gab. Da S. sich weigerte, den Beleidiger zu fordern, wurde er vom Gerichte seiner Regimentskameraden aus dem Regiment ausgeschlossen und kam auf diese Art von der Ablefftung der Wehrpflicht im Kriege frei. Datum: Der Kriegsgouverneur entsetzte den Arzt des Kreises Artschinsk, Für­

sten Eristow, weil dieser sich weigerte, eine Kor­respondenz zu dementieren, in der ihm die WorteWer nicht zwei Rubel besitzt, barf nicht leben," zugeschrieben wurden. Rostow am Don: Die Stadtverordneten von Nachitschewanj, Tscharykow und Sagirew verlangten, daß das im Klub konzertierende Orchester Chansons zum Vortrag bringe. Als das nicht geschah, machten sie einen Skandal und begingen Ausschreitungen, die ihre Verhaftung notwendig machten. Shi- tomir: Das Mitglied der Semstwoverwaltung Chodakow fiel einer groben Ausschreitung zum Opfer. Der Kreisadelsmarschall Kitsch, der sich mit Chodakow im Hause der Semstwoverwal­tung gestritten hatte, überfiel ihn und miß­handelte ihn grausam. Chodakow liegt an Ner­venerschütterung darnieder. Kiew: In Borif- sowskoje Pole, Gouv. Poltawa, erschien ein Ue- bekannter, der sich für einen Kiewer Geistlichen ausgcck, und mietete ein 8jähriges Bauernmäd­chen zu feiner Bedienung. Rach einigen Ta­gen brachte er das Kind seinen Eltern wieder zurück. Nachdem er fortgegangen war, stellte es sich heraus, daß das kleine Mädchen vergewal­tigt worden war. Jekaterinoslaw: Acht Bur­schen lockten ein junges Mädchen in ihre Woh­nung, wo es der Reihe nach von allen acht ver­gewaltigt wurde. Pleskau: In der Nähe von Dorpat traf der Bauernbursche Wilinin ein 8jähriges Bauernmädchen im Felde, vergewal­tigte und erschoß es hernach. Uglitsch: Bei der Heumahd erschlug der Bauernbursche Viktorow seinen leiblichen Vater wahrend des Schlafes, weil dieser sehr streng mit ihm gewesen war.

Politische Umschau.

Preise für Luftschiffer.

Wie sich aus den ausgesetzten Preisen er­gibt, sind eine Reihe interesianter und bedeut­samer Aufgaben von den Lustschiffern zu lösen. Da ist zunächst der Flug von London nach Man­chester, den der ruhmüberhäufteBesieger" des Kanals, der französische Ingenieur Blsriot, un­ternehmen will. Die Enffernung London-Man­chester, etwa 250 Kilometer, soll in 24 Stunden mit höchstens zwei Zwischenlandungen zurückge­legt werden. Dem Vollbringer winkt ein Preis von 200 000 JL Eine Summe von 100 000 Frcs. kann in Frankreich von demjenigen verdient werden, der eine Strecke von 10 Kilometern zehnma? zurücklegt. Geringere Preise sind ange­boten für einen Rekordflug Brüffel-Ostende und zurück oder für eine ähnliche Entfernung inner­halb Belgiens, für den ersten französischen Staatsangehörigen, der den amerikanischen Avi- atiker Wilbur Wright nach Maßgabe des Streckenrekords ober des Zeitrekords schlägt. Ein besonderes lebhaftes Jnterefie ist der Linie London-Manchester zugewendet. Für febe eng­lische Meile, bie zwischen diesen beiden Städten nach Ueberwindung der ersten 25 englischen Mei­len auf dem Luftwege zurückgelegt wird, werden

in einem Falle 5 Pfd. angeboten, in zwei an« deren Fällen muß das Luftschiff englischen Ur­sprungs bezw. mit einem bestimmten Motor ausgerüstet fein. Für Flüge von Mailand nach Turin, Ott. 130 Kilometer, von dem Militär­lager bei Chalons nach dem Paradefeld von Essy, von Newyork nach Albany über den Hud­son-Fluß, Distanz ca. 225 Kilometer, für einen Flug über den Englischen Kanal, unter der Bedingung, daß «in englischer Aeroplan benutzt wird, für alle diese Leistungen werden mehr oder weniger hohe Preise ausgesetzt. Großen Wert scheint man in Frankreich darauf zu legen, daß die Mitnahme eines Menschen oder eines entsprechenden Gewichts ermöglicht wird. Für denjenigen, der einen solchen Transport vom Departement Seine oder Seine-et-Oise nach dem Departement Puy-de-D6me in höchstens 6 Stun­den ausführt, ist ein Preis von 100 000 Frcs. zu gewinnen. Bei einer anderen Preisaufgabe erhöht sich die ausgesetzte Belohnung um 5000 Frcs., wenn die mitfahrende Person eine Dame ist. Um auch weibliche Luftschiffer zu eifrigem Wettbewerb anzuspornen, hat ein Franzose 1000 Frcs. für die erste Luftschifferin ausge­setzt, die einen Kreisflug von ca. 1 Kilometer Ausdehnung ausführt. Ein Frühaufsteher und dazu «in Liebhaber von Prunkbechern muß der Luftschiffer sein, der an einen Wettbewerb, bei dem die Aufgabe gestellt ist, fünf Jahre hinter­einander, am 31. März jedes Jahres vor Son- n«naufgang einen möglichst weiten und zwar mindestens doppelt so weiten Flug wie am 31. März des vorangegangenen Jahres auszuführen, Gefallen finden mag. Endlich kann noch der Eigentümer eines Äeroplans von den kleinsten Dimensionen, der aber imstande ist, einen Men. schen in die Luft zu erheben, und der Luftschif- fer, der, nachdem er bereits 20 Kilometer zurück, gelegt hat, über dem Weichbild von Paris zwi« scheu 10 Uhr vormittags und 3 Uhr nachmit­tags einen bestimmten vorgeschriebenen Luft­weg-einhält und zurücklegt, ersterer mit 1000 Frcs., letzterer mit 12 000 Frcs. preisgekrönt werden.

Vom Kaffee.

Nach Einführung der Kaffeezollerhöhung dürfte es von Jnterefie sein, eine Ueberficht über die Staaten zu erhalten, aus denen Deutschland seinen Kaffee bezieht. Nach dxn vor kurzem veröffentlichten Zahlen über Ein- und Ausfuhr der ersten Hälfte des laufenden Kalenderjahres waren 1333 718 Doppelzentner Kaffee in das deutsche Zollgebiet eingeführt. Davon stammte der allergrößte Teil, nämlich 978 488 Doppel­zentner, aus Brasilien. Ihm folgte im weiten Abstande Guatemala, das an der Einfuhr mit 125 584 Doppelzentner beteiligt war. Danach führten ein Niederl. Indien 50 786 Doppelzent­ner, Venezuela 42 498 Doppelzentner, Merffi 26 755 Doppelzentner, Britisch Indien 23 419 Doppelzentner, Salvador 20 651 Doppelzentner, Columbien 18 264 Doppelzentner und Costarica 15 478 Doppelzentner. Unter diesen Staaten sind

70 (Nachdruck verboten.)

Gin Sommertrairrn.

1 Roman von K. van Bettet.

(Schluß.)

Ulli wollte eben das Streichhölzchen ver­löschen, mit dem sie das Kaffeefeuer entzündet hatte, als das Mädchen mit der MeldungHerr Doktor Werner" die Tür weit öffnete und ohne förmliche Anfrage den altbekannten Gast ein­treten ließ. Ullis zitternden Fingern entglitt das noch brennende Hölzchen, fiel auf die Fran­sen der Lbergebreiteten Decke, entzündete diese, und als Ulli, verwirrt, fafiungslos die kleine Flamme mit den Fingern ausbruden wollte, schlug diese keck in die leichten Spitzen ihrer sei­denen Bluse und hüllte im Nu ihren ganzen Arm in feurig sprühende Glut. Mit einem Satze war der zögernd an der Tür stehen ge­bliebene Doktor neben dem jungen Mädchen. Eine auf dem Divan liegende schwer« Decke um ihre Gestalt werfend und Ulli mit einem Arm an sich prefiend, drückte er mit der freien Hand die nur noch matt schwelende Kaffeeserviette aus, so daß in der Zeit von einer Minute die ganze drohende Feuersgefahr beseitigt war und er die betäubt und regungslos an seiner Brust ruhende Gestalt des jungen Mädchens sanft auf einen Sessel gleiten lasten konnte.

Keines von beiden hatte dabei ein Wort ge­sprochen : alles war so schnell, so zwingend vor sich gegangen, daß ihnen dazu nicht Zeit geblie­ben war und auch jetzt entrang sich ein kurzes Gott sei Dank" den Lippen Werners, während et, sich zu Ulli herabbeugend, sorgsam die schwer« Decke von ihrem Oberkörper löste und den aus ihr auftauchenden, bis zum Ellenbogen nackten Arm ängstlich auf seine Unversehrtheit hin prüfte. Die Flamme hatte nur Zeit gehabt, darüber hinfegend die luftigen Spitzen und den leichten Seidenstoff zu zerstören, auf dem wei­ßen, regungslos in des Doktors Hand ruhenden Arm aber nur ganz matte, rötliche Flecken zu«

rückgelasten, die zu keinerlei Besorgnis, ge­schweige zu irgend einer Behandlung Veran- lafiung geben konnten. Genau so hatte er vor­gestern fast um dieselbe Zeit einen anderen Arm in seinen Fingern gehalten. Hastig, als wenn das kühle zarte Fleisch ihn brenne, ließ er ihn auf Ullis Schoß gleiten, und feine Stimme klang heiser und gepreßt, als er jetzt sagte:Sie sind mit dem Schreck davongekommen, gnädiges Fräulein! Die Flammen haben keine Spuren hinterlasten, und ich freue mich, daß mein letz­tes Zusammensein mit Ihnen noch einen so guten Zweck erfüllt hat und ich Sie aus Feuers­gefahr erretten konnte!" Sein« Worte sollten scherzend klingen, hatten aber einen gezwun­genen Ton, und während er sprach, kam beiden der Gedanke, daß leider sich nicht jede Glut löschen und ersticken laste und er in Ullis Herzen viel heißere, brennendere Flammen entfacht habe, als diese waren, die er eben zerdrückte.

Ullis ganzes Wesen war in Aufruhr und Verwirrung. Sie fühlte noch immer seinen Arm. der sie so fest umschlungen hatte; das über jeden Schreck hinaus wonnige Gefühl, an seiner Brust Zu ruhen, einmal wenigstens im Leben; und darin ging alles unter, das sonst bie Form unb "'e Ähnlichkeit verlangte. Aber irgend etwas mußte sie ihm doch antworten, im Schweigen konnte sie nicht verharren, und ohne an den

für seine tatkräftige Hilfe zu denken, griff st« zu dem am nächsten Liegenden:Sie kom­men, um Abschied zu nehmen?"

Ja, gnädiges Fräulein. Ihr Herr Sätet wird Ihnen wohl schon gesagt haben"

Gewiß, daß Sie mit dem Fürsten Urusoff eine Weltreise unternehmen! Das ist freilich verlockender, als hier in engen, gebundenen Verhältnissen zu sitzen!" Sie wußte kaum, was sie sagte. Wenn doch der Vater käme und fie aus diesem Zusammensein erlöste! Nein, nein, wenn er nur nicht käme. Es war ja das letzte Mal, das sie ihn sah sein schönes, dunkles Ge­sicht. das heute so seltsam fahl unb müde ans«

sah; bas letzte Mal, wo sie seine Stimme hörte, die geliebte, weiche Stimme, bie heute so rauh und fremb klang. Wenn er ging, bann war alles vorbei, alles Licht aus ihrem armen, ein­samen Leben gelöscht.

Währenb so die Gedanken wechselnd durch Ullis Hirn tobten, saß Werner vor ihr unb nahm noch einmal den Eindruck stillen, ftied- lichen Behängens, der über dem bekannten, traulichen Eckchen, über der blafien, lieblichen Mädchengestalt lag, voll in sich auf. Wie ost hatte ihm dieses Bild als Zukunftsziel, als Ruhepunkt und Glückshafen vorgeschwebt, und nun ließ er es für immer hinter sich und zog hinaus in die weite Welt, ein friedloser, «in­struier, schuldbeladener Geselle! Schuldbeladen das drückte am schwersten, und sich in plötz­licher Aufwallung vorbiegend, sagte er hastig: Fräulein Ulli, können Sie mit vergeben?" Werden Sie meinet ohne Zorn und Haß ge­denken?"

Glühend schlug ihr die Röte ins Gesicht. Ihr ganzer Mädchenstolz erwachte und bäumte sich auf gegen die aus seinen Worten hervor- tönenbe unbebingt« Annahme ihrer Liebe, und stolz den Kopf aufrichterch, antwortete sie mit festem Ton:Herr Doktor, es ist mir nicht be­wußt, daß Sie mir gegenüber irgend eine Schuld auf sich geladen haben und ich habe Ihnen nichts zu vergeben! So frei, wie Sie in unser Haus tarnen, so frei ziehen Sie auch wie­der aus demselben hinaus, und wenn meine ©ebanten Ihnen folgen, so wird bas stets nur in Freunbschaft und Teilnahme sein!"

Nun brach die Stimme doch, und mit stocken­dem Herzschlag sah Ulli auf den vor ihr in die Knie Sinkenden, der sein Haupt in die Falten ihres Kleides barg.Ulli, Ulli, es ist ja alles Lüge! Um Sie geworben habe ich jeden Tag, jede Stunde unseres Zusammenseins, und Ihr Herz, Ihr reines junges Herz hat sich mir ver­trauend und zärtlich zugeneigt! Da kam fie da­zwischen, die verloren geglaubte Geliebte mei­

ner Jugend, und riß alles mit sich fort, was von Charakter, Ehre und Eewifien in mir lebte. Es war ein Rausch, eine Jagb nach dem Irr­licht, unb bei ihr ist mir der Stern unterge­gangen. mit besten mildem Lichte ich mein gan­zes Leben erhellen wollte. Ulli, können Sie mir vergeben?"

Sie faltete die Hände um feinen Kopf. Trauer unb unsägliches Glück durchzogen ihr Herz.Alles alles? Es gibt nichts, was ich nicht vergeben, nichts, was das tiefste treueste Gefühl meines Lebens ertöten könnte!"

Er sprang auf.Dank für diese Worte, Ulli sie find mehr, wie ich zu hoffte wagte, und ich kann sie in ihrer ganzen Erößx unb köstlichen Verheißung nicht annehmen. Ich habe Ihr Vertrauen mißbraucht und weiß wühl, daß ich zu büßen habe, um Ihrer wieder würdig zu werden. Keine Feste!, kein Versprechen ftll Ihre Zukunft an die meine knüpfen; ich bin heffen nicht wert, und ich brauche Zett, um meine <us dem Gleise geworfene Selbstachtung wieder zu gewinnen, Klarheit und Festigkeit in mein ver­wirrtes Gemüt zu bringen. Aber Ihre Ver­zeihung, Ihre großherzigen Worte werden mir dazu helfen und mit mit gehen als Leuchte mei­nes dunsten Weges. Leben Sie wohl, aller Segen des Himmels mit Ihnen und mit mir die Hoffnung, wiederkehren und einst wieder-' finden zu dürfen!"

Zu langem, ehrfurchtvollem Küste beugte sich Werner über Ullis Hand. Noch ein Blick in ihre verzeihenden, liebestrahlenden Augen bann roanbte er sich unb schritt ohne Rückblick bem Ausgange zu. Sie aber preßte die Häntx auf bas stürmisch klopfende Herz.Gott schütz« Dich, mein Geliebter, und führe Dich zu mit zurück!" murmelten ihre Lippen, unb über Nacht unb Dunkel langer, einsamer Tage leuch­tete ihren schwimmenden Augen die leise auf- glimmende Morgenröte eines feinen, unver­lierbaren Glückes. ,

Ende.