Einzelbild herunterladen
 

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

gegengefahren. Nach dem Dine: auf denH Schlosse Dwasrieden folgte eine Fahrt auf dem DampferOdin" mit allen Festteilnehmer« unter malerischer Beleuchtung. Der Ort Saß- nitz hat Flaggenschmuck angelegt.

Saßnitz, 5. Juli. Aus Anlaß der feier« lichen Eröffnung der neuen Dampsährverbind^ yjlg mit Schwede^ hat der Eisenbgbnministek votf Breftenbach heute abend eine Einladung z^ einem Diner im Schlöffe Dwasrieden bei Satz^ nitz ergehen laffen. Hierbei hielt der Minister eine Rede, in der er auf die Wichtigkeit des neuen Verkehrsmittels hinwies, das anstelle be$ mittelbare r den unmittelbaren Verkehr ersetze. Der Minister dankte sodann für die großmütig«! Gastfreundschaft der Frau von Hansemann, der Besitzerin des Schlaffes Dwasrieden r.nb bef grüßte besonbers herzlich bie schwedischen Gaste« Am Schluß brachte er ein dreifaches Hoch aus di« Souveräne von Schweden und Deutschland aus. Hierauf erwiderte der schwedische Minister Graf Hamilton in deutscher Sprache und bracht» ein dreifaches Hoch auf Minister Breitenbach und die preußische Regierung aus, worauf ei dann die anwesenden Schweden zu einem! schwedischen vierfachen Hurra - aufforderte. Dii Musik spielte zuerst die schwedische und dann di« deutsche Nationalhymne. Anwesend waren u. a, Staatsminister von Breitenbach, Minister Eros Hamilton, die Oberpräsidenten Graf Douglas und Freiherr von Maltzahn, die Staatssekretäre Freiherr von Schoen und Krätke, Minister des Innern von Moltke, General der Infanterie von Heeringen, der Gesandte am schwedischen Hofe Graf von Pückler und Gesandter von Troll« als Vertreter des schwedischen Reichstages.

- ----- ........

Aus dem Reichstage.

Auf der Tagesordnung stand gestern zunächst die zweite Lesung eines Gesetzes wegen Aenderung de» Schankgefäßgesetzes. Das Gesetz sieht die Bestimmung vor, daß Schankgefäße nur Quanten enthalten dürfen, die vom Liter abwärts durch Stufen von Zehnteilen und vom halben Liter abwärts durch, Stufen von Zwanzigteilen des Liters gebildet werden. Die Vor­lage ging nach kurzer Beratung an eine Kommission von 14 Mitgliedern.

Hierauf wurde die zweite Lesung der Neichsfinanz- reform bei dem Gesetzentwurf über das Erbrecht be8, Staates fortgesetzt. Die Vorlage soll durch Aenderung der entsprechenden Vorschriften des Bürgerlichen Ge­setzbuches das Anrecht des Staates an solchen Erbschaf­ten erweitern, die ohne Testament an entfernte Ver­wandte fallen. Sie war von der Finanzkommission in der ersten Lesung mit einigen Abänderungen ange­nommen, in zweiter Lesung aber abgelehnt worden. Nationalliberale und freisinnige Redner die Abg. Dr. Junck, Dove und Titblsß befürworteten die Vorlage deren Gedanke, nicht entfernte, bis dahin gänzlich unbekannte, womöglich erst durch öffentliche Ausrufe festzustellende Verwandte erben zu laffen, sondern den Staat, sei sozial durchaus gesund. Ebenso sprachen die Sozialdemokraten Ullrich und Stadthagen für die Vorlage. Ersterer ging, als er von modernen Räubern und Raubzügen sprach, hart an einem Ord­nungsruf vorbei; zog sich aber einen solchen zu, da er den Staatssekretär Svdow alsKommis" der bürger­lichen Parteien bezeichnete. Für das Zentrum befür­wortete Abg. Gröber die Ablehnung. Seine Bedenken lägen nicht in der Vorlage selbst, sondern in den Kon­sequenzen. Es handele sich um einen Eingriff in da»

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und,Landwirtschaftliche Benage.

44. Jahrg.

.I» löt'»

Marburg

Mittwoch, 7. Juli 1909.

Die Insertionsgebühr beträgt für die 7 gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UnioersitätSbuchdruckerei Inhaber Dr. C. H itzero th, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

DieGberheMlchr Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis betragt viertel- jährlich durch di- Bost bezogen 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unftrn Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21,) 2 Mk.

Politische Umschau.

Bom Grafen Zeppelin.

Der Direktor der Luftschiffbaugesellschaft Zeppelin, Eolsmann, schreibt dem W. B.:

Daß bie Militärluftfchiffer bei Biberach unsere Hilfe ablehnten, erregt die öffentliche Meinung. Wieber vermutet man Differenzen zwischen bem Grafen Zeppelin unb ben uns so fympatischen Herren, bie draußen im Regen stehen und der Abfahrt harren unb bie Hilfe ab­lehnen, weil ste keiner bebürfen.

Reben ben Helden jeder Sage sieht der Glaube der Völker von je die finsteren Gestalten des Bösen, die Lichterscheinung des Sonnen­gottes bekämpft und besiegt das Ewigdunkle. Es ist an der Zeit, hier der Mythenbildung ent- geaenzutreten, dem Nationalhelden unserer Tage, unserem verehrten Grafen, dem regen, schaffenden, balle sich die kalte Teufelsfaust des Kriegsministeriums entgegen, eine Mythenbil­dung, wie sie wenigstens in der Phantasie des Volkes und der Presse in Wort und Bild besteht.

Wenn es auch Meinungsverschiedenheiten gegeben hat, die auf diesem Gebiete nicht zu ver­meiden sind, wenn ich auch selbst durch meine Auslaffungen in ber, Öffentlichkeit mitwirkte, daß in neuerer Zeit Gegensätze mit dem Luft­schiffbau Zeppelin in technischen Fragen bekannt wurden, so stelle ich doch gern fest, daß das Un-

Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 52.

Bestellungen für da» dritte Quartal 4Us vie

,JD 6 e r 6 e ff i i e Zeitung" nebst ihre« r.''i!agen werd-.r- noch von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch- * a t s , S « u ft a b t und Wetter, sowie von aller Postanstaiten und Landbriefträgern ent» pf?crci'.ummcr..

=--- --ü

Neue Bestimmungen über die Wertzuwachssteuer.

Von den zuständigen preußischen Ministern ist angcordner, daß bei der Einführung von Wertzuwachssteuern r Gemeinden und Kreisen künftig verschiedene Gesichtspunkte zu beachten find. So muß grundsätzlich verlangt werden, daß in den Ordnungen die persönlichen Steuer« Befreiungen nach § 5 des Stempelsteuergesetzes vom 31. Juli 1S95 vorgesehen werden, minde­stens aber die Befreiung des Fiskus des Deut­schen Reiches und des preußischen Staates. Ausnabmslos muß in den Ordnungen bestimmt werden, daß alle Erwerbungen von Todes­wegen ober aui Grand einer Schenkung unter Lebenden im Sinne des Reichs-Erbschaftssteuer­gesetzes sowie alle Besitzveränderungen, denen sich die Beteiligten aus Gründen des öffentlichen Wohls za unterwerfen gesetzlich verpflichtet sind (Enteignungen), von der Wertzuwachssteuer freizula'ftn sind, und zwar bie letztgenannten Besitzve^-ns-tungen ohne Unterschied, ob , sie selbst d.rrv) Tuteignungsbeschluß oder durch frei­willige Beräußerungsgeschäfte bewirkt werden. Die Wertzuwachssteuer soll im Höchstbetrage d-- Satz von 25 Prozent des steuerpflichtigen Wertzuwachses nicht übersteigen und zwar einschließlich etwa in den Ordnungen vorgesehe­ner Erhöhungen des regelmäßigen Steuersatzes. Für den Fall der Vertragschiießung zwischen einer befreiten und einer nicht befreiten Person ist dafür Sorge zu tragen, daß bie erstere in ihrem Vorrecht sichergestellt wird und es nicht durch, Abwälzung der sortfallenden Steuer auf den Gegner indirekt wieder einbiißt. Zu diesem Ende sind zwei Möglichkeiten gegeben. Wenn nach ben Vorschriften der Ordnung der Ver­äußerer allein Steuerschulden ist, io kann unter Abstandnahme von der Vorschrift int vorletzten Absätze des § 5 des Stempelsteuergesetzes be­stimmt werden, daß die Wertzuwachssteuer mit dem vollen Betrag zur Erhebung gelangt, so­fern der Veräußerer eine nichtvefreite Person ist, während überhaupt keine Steuer zu entrich­ten ist, sofern e- eine befreite Person ist. Wenn dagegen, in der Ordnung beide Kontrahenten (Veräußerer und Erwerber) pflichtig gemacht sind, so darf von der Aufnahme einer dem vor­letzten Absätze des § 5 des Stempelsteuergesetzes

entsprechenden Bestimmung, nämlich daß bei den Verträgen zwischen einer befreiten und einer nichtbefreiten Person die Steuer nur zur Hälfte zu erheben ist, nicht abgesehen werden. Was die Rückwirkung der Wertzuwachssteuerord­nungen betrifft, so empfiehlt es sich, eine Be­stimmung aufzunehmen, durch welche die Er­fassung eines vor Erlast der Stzueryrbnurraeiu- getretenen Wertzuwachses in üsigemeffensk Weise beschränkt wird, etwa derart, daß wenig­stens derjenige Teil einer Wertsteigerung, der länger als 10 Jahre vor dem Inkrafttreten der Ordnung entstanden ist, von bei D steuerung ausgenommen bleibt. Für den Fall besonderen örtlichen Bedürfniffes kann diese Frist entspre­chend verlängert werden. Endlich empfiehlt es sich, und zwar hier sowohl für Wertzuwachs- wie auch für Umsatzsteuerordnungen, die die Steuer vom Erwerbsakte erheben, eine Vor­schrift vorzusehen, durch welche ein« Umgebung der Steuer tunlichst vorgebeugt werden kann. Die Vorschrift würde etwa folgendermaßen zu fasten fein:Die Wertzuwachssteuer gelangt auch im Falle des Wechsels im Personenstände von Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Kommanditgesellschaften, Gewerkschaften, ein­getragenen Genoffensibaften und eingetragenen Vereinen, sowie offenen Handelsgesellschaften, von deren Grundeigentum insoweit zur Er­hebung, als es der Beteiligung des ausscheiden- ben ober hinzutretenden Gesellschafters ober Mitgliedes an der Gesellschaft entspricht." Die Regierungspräsidenten sind aufgefordert, darauf hinzuwirken, daß diese Gesichtspunkte berücksichtigt werden.

ternehmen des Grasen dem Kriegsministerium viel zu danken hat. Oft, fast stets, wenn die Rede auf dieses Verhältnis kommt, betont Graf Zeppelin, daß er dem Eingreifen des Herrn von Einem allein es danke, seine schwerste Zeit überwunden zu haben. Ich habe schon mehrfach betont, daß wir die Forderungen nach dem, was wir zur Sicherheit unserer Fahrzeuge ÄS "notwendig erächteü, siets kbiederholen wer­den, wiederholen müffen, daß wir aber dennoch volles Verständnis haben für das Abwarten des Kriegsministeriums gegenüber dem gewaltigen Andrang der neuen Aufgaben auf dem Gebiet der Luftschiffahrt, welche in neuester Zeit zur Lösung drängen.

Bom Abg. Lehmann-Jena.

DasBerl. Tageblatt" meldet au» einer vonallen Parteien" besuchtenliberalen" Ver- samlung in Jena, die nach einem Vortrage freisinniger Rennomier-Bauern und Abgeord­neten Fegter den Abg. Lehmann aufgefordert habe, sein Mandat wegen seiner Ablehnung der Erbschaftssteuer niederzulegen. Der Freisinn hält gern solche vonallen" Parteien besuchte Resolutionen" fastende Versammlungen ab, wenn er glaubt, damit Geschäfte machen zu können. Der Abg. Lehmann aber ist ein streit­barer Herr von eigener Ueberzeugung, er ant­wortet jetzt:

Wieweit die Versammlung vonallen Par­teien" besucht war, laste ich dahingestellt.

Bei der letzten Wahl hatte ich rund 11000 Stimmen, Sozialdemokrat 9000, dervereinigte Freisinnige" 5000. Wieviel von den 11000 Stimmen nationalliberal u. wieviel dem Bunde der Landwirte zuzurechnen sind, ist nicht festzu­stellen, ist auch gleichgültig. Liegt das H.uder« nis des Zusammengehens bei der nächsten Wahl in meiner Person, so ist es eben beseitigt.

Natürlich sind die Nattonalliberalen meines Wahlkreises über meinen Austritt aas der Reichstagsfraktion nicht erfreut, aber sie ach­te n meine Gründe.

Der Freisinn jedoch hat über die Rieder­legung oder Beibehaltung meines Mandates gar nicht zu befinden. Wenn auch von den neun im Wahlkreise erscheinenden bürger­lichen Zeitungen sieben dem vereinigten Frei­sinn bezw. den Nationalsozialen zuzurechnen sind, so ist das noch lange nicht die öffent- licheMeinung.

Im übrigen imponiert mir Druckerschwärze wenig, freisinnige gar nicht.

Paul Lehmann, M. d. R.

Feierliche Eröffnung der deutsch-schwedischen Dampferverbindung.

Saßnitz, 5. Juli. DieHohenzollern" mit dem Kaiser an Bord, sowie bie Begleit­schiffeHamburg" undSleipner" sind um 5 Uhr auf der Reede von Saßnitz angekommen. Der schwedische TrajektdampferKönigin Vik­toria" traf eine halbe Stunde früher ein.

Saßnitz, 5. Juli. Die schwedischen Gäste sind heute nachmittag an BorV des schwedischen FährschiffesDrettning Viktoria" eingetroffen. Die deutschen Festteilnehmer waren ihnen mit dem DampferFreya" bis Siubbenkammer ent»

39 (Nachdruck verboten.)

Ei« Hommertranm.

7- Roman von K. van Deeker.

t Fortsetzung.)

Schach der Königin! Du bist verloren, Rudolf!" sagte drüben im Ofenwinkel bie Ge- heimrätin, wie allabendlich ihrem Manne bie Partie abgewinnend.Nein, Du kannst nir­gends mehr heraus, gib Dich darein, daß Deine dumme Frau wieder einmal ihren klugen Mann überrumpelt hat! Lieber Doktor, schieben Sie mich in gemäßigtere Zonen hier bin ich bei­nahe zum Bratapfel geworden! Da ist auch schon Ulli als guter Hausgeist mit der ewigen Lampe für das Opfer des Rauchmolochs. Nun können wir^noch ein Stündchen gemütlich plaudern!"

So war es fast jeden Abend unb diese Stun­den schienen dem Doktor nachgerade bie liebsten des Tages. Er hatte trotz feiner gemütlichen Wohnung gar keine Neigung mehr, für sich allein beim Lampenjchein zu fitzen, und wenn er sich manchmal aus'chait für die augenblickliche ge­rinne Lust zum Bücherstudium, so konnte er sich dafür die Beruhigung geben, im praktifchen Studium nicht zurückzubleiben, sondern in sei­ner neuen Stellung eine viel größere Anregung unb reichere Tätigkeit zu finden wie bisher. Er fühlte sich zufrieden und glücklich, wie seit langen Jahren nicht, wie seit dem Begegnen mit Lori es nicht mehr der Fall gewesen war: und wenn auch das Glück der Gegenwart nicht an­nähernd dem der Vergangenheit gleichkam, so sagte et sich doch, daß jedes Alter seine Art und er mit den Jugendjahren auch die Jugendglut «nd LeidensHifr hinter sich gelasten habe.

Mit sich war der Doktor klar und zufrieden, »ber Max, bet ihm seit jenem ersten Abend und

jener einzigen vertraulichen Unterredung sicht­lich auswich und jede Frage über die Lage der Dinge mit einem Scherz oder nebensächlityen Be­scheid aus dem Wege zu gehen wußte, lag ihn» recht schwer auf seiner freundschaftlichen Seele, besonders da er sah, wie der Freund immer mehr an Frische und Humor verlor und der Aus­druck von Unruhe und Abspannung in unbe­wachten Momenten immer deutlicher auf feinem Gesichte erschien.

Heinrich Werner beschäftigte sich eben jetzt auf seinem täglichen Nachmittagsspaziergange wieder ganz ernstlich mit der Frage, wie Max zu helfen sei unb ob er nicht vielleicht a;.i Mitt­woch versuchen sollte, Rita auszuforschen und damit der Sache eine bessere Wendung zu geben, als er in einer der belebtesten Straßen der Stadt dicht neben sich ben Ausruf hörte:Das ist aber ein vorzügliches Bild von der Linden!" und zugleich vor einem großen Schaufenster sich die Menge drängen, hinzukommen und lebhaft sprechend wieder fortgehen sah. Es war das Schaufenster einer großen Buch- und Kunsthand­lung. unb Heinrich Werner sagte sich sogleich, baß hier wahrscheinlich ein neues Bild der viel­besprochenen Person ausgestellt sei. Das wollte er sich doch nicht entgehen laffen, noch bevor er diese Größe selber kennen lernte, und bireft in ben Platz eines eben von dem fraglichen Fenster abgehenden Herrn sich einschiebend, stand er dicht vor der Eisenstange, die das Fenster vor zu naher Berührung schützte, und hatte den freien Blick auf eine prachtvolle Photograph!bie, ben bedeutendsten Teil des Raumes ausfüllend, eine hoch aufgerichtete, weiß gefieibete Frauen­gestalt zeigte, deren eine Hand auf dem dick- mähnigen Kopfe eines mächtigen Bernhardiners ^Rur ein Blick und Hetnrich Werner «ntztt

die Eisenstange packen, um nicht zurückzutau­meln, mutzte die Lippen fest zusammenpreffen, um ihnen nicht den tollen, jubelnden, entsetzten SchreiLori" entfliehen zu laffen. Genau so, wie er sie gekannt hatte, stand sie auf dem Bilde. Den Blick groß, träumerisch und sehn­süchtig in bie Ferne gerichtet wie nach einem köstlichen, unerreichbaren Ziel, das süße, ernste Gesicht noch ebenso schön unb lieblich wie da­mals, dieselbe stolze, hoheitsvolle Gestalt, und neben ihr, untrennbar wie einst, Troll, den mächtigen Kopf an ihre Knie geschmiegt, gravi­tätisch und ruhig wie immer. War es ein Traum, der ihn neckte, waren seine Sinne ver­wirft? Groß und deutlich stand unter dem BildeNora Linden". Er konnte im Augenblick den Zusammenhang nicht fassen, nicht verstehen, daß seine Loft und diese gefeierte Sängerin eine Person seien. Alles um ihn drehte sich im Kreise, und nur der eine Name, der eine Ge­danke durchtoste fein Gehirn: Lori, Lori ich habe sie endlich gefunden! Alles, was er im Laufe der Jahre zu vergessen gemeint, was er begraben und niedergekämpft hatte, stand mit einemmale wieder vor feiner Seele, durchglühte sein Herz. Nichts war vergeffen, nichts tot. Riesengroß loderten die Flammen von neuem um ihn auf, und besinnungslos, taub und blind für alles, was um ihn vorging, stand er vor dem Bilde und trank in durstigen, gierigen Zügen den Anblick der geliebten, holden, nie vergessenen Gestalt.

Wie lange er so gestanden hatte, was für Ge­danken und Gefühle durch seine Seele gezogen waren, das wußte Heinrich Werner selbst nt<fit und erst, als ein niedlicher, kleiner Backfisch neben ihm einer Freundin zukichefte:Den Van» dcttr" und mtt impertinent deutlichem Lück W Gesicht musternd, «t ihm vorüber.

streifte, zuckte er, wie von einem Peitschenhieb getroffen, zusammen, kehrte hastig dem Fenster den Rücken und setzte überlegungslos seinen unterbrochenen Gang weiter fort. Me-banisch zog er dabei die Uhr, und ebenso mechanisch dachte er, die Zeit berechnend, daß er den Heim­weg antreten müsse, um zur bestimmten Stunde in der Klinik und bei seinen Patienten zu sein. Dabei waren all' seine Gedanken durcheinander gewirbelt wie ein toller Hexensabbat, aus dem sich immer nur eine Gestalt, ein Name, ein wundersames, undenkbares Glück klar hervor­hob.

Heinrich Werner war noch nicht eine Sekunde zur wirklichen Besinnung gekommen, als er sein Ziel, die Klinik, erreicht hatte, unb nun, dicht, vor dem praktischen Leben und dessen Anforder­ungen sichend, überkam ihn das Gefühl der Wirklichkeit und der Verantwortung, unb mit dem Aufgebot all seiner männlichen Kraft und feines festens Willens schob er ben Gedanken an das, was ihm die letzte Stunde gebracht und was feine Seele aus allen Fugen gehoben hatte, mit eiserner Hand weit hinter sich. Das konnte nachher kommen, jetzt tarn erst die Pflicht, die, übernommene Tagesarbeit, in die kein Traum nud kein persönliches Empfinden hinein gehörte. Und so stark war das Gefühl der Verantwort-, lichkeit, daß es ihm wirklich gelang eine Aft von Ruhe zu erzwingen und feine ffiAanfen auf das zu konzentrieren, was augenblicklich feinen Anteil verlangte. Mit vollkommen ungeteilter Aufmerksamkeit fand er sich in die vorliegende« Konsultationen, mtt gleichmäßig liebenswür, biger Teilnahme machte er den Rundgang M den in Klinik weilenden Pattenten.