■" mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg uud Kirchhain x /
und den Beilagen: »Flach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Berlage."
J?. 122
Die „Gberhesstsche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme btt Sonn« und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 3,35 Mk. (ohne Bestellgeld), bet unfern Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 31,) 2 Mk.
Marburg
Donnerstag, 27. Mai 1909.
Die Jnsertionsgebüyr beträgt für di« 7gespaltene Zelle oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, Unioersttätsbuchdruckerei Inhaber Dr. T. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
44. Jahrg<
Zweites Blatt.
Bestellungen für den Monat Juni auf die
»Oberhessische Zeitung" nebst ihren Beilagen werden noch von unserer Expedition '(Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch« Hain. Neustadt und Wetter, sowie von allen Postanstalten und Landbriesträgern entgegen genommen.
Eine Begleichung der Flotten der sieben Großmächte.
Die englische Admiralität veröstentltcht soeben eine vergleichende Tabelle der verschiedenen Schisssklaffen der Flotten der führenden Seemächte. In diese Tabellen wurden nur Schiffe dis zu der» Alter von zwanzig Jahren ausgenommen. Die in Vergleich dargestellten Nationen find: England, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Rußland und die Vereinigten Staaten. Die Tabelle zählt alle Linienschiffe und gepanzerten Kreuzer auf, die seit dem 31. März 1889 vom Stapel liefen. Die Hauptgnchpen sind die nachstehenden:
Linienschiffe:
Im Baur
Geballt:
England
53
6
Deuffchland
32
10 v-
Amerika
26
6
Frankreich
18
6
Japan
14
4 -V-i
Italien
10
0 -
Rußland
7
8
Gepanzerte Kreuzer:
Gebaut:
Im Bau:
England
38
1
Frankreich
20
2
Vereinigte Staaten
15
0
Japan
11
2
Deutschland
8
4
JtaNen
7
3
Rußland
4
2
An gedeckten Kreuzern aller Klaffen besitzt England 72 fertige und 5 im Bau begriffene. Die deuffchen Zahlen sind 33 und 7. Ungedeckte Kreuzer besitzt England nicht, baut jedoch 2, während Deutschland 11 und die Vereinigten Staaten 10 besitzen. Von den letzteren sind 5 frühere Kauffahrteischiffe. Küstenpanzer werden nicht mehr gebaut. Von den alten Küstenpanzern besitzen Deutschland und Amerika je 11 und Frankreich 10. Die englische Flotte kennt diese Schiffsklasse nicht.
An Zerstörern modernerer Art verfügt England über 146 gegen 73 deutsche. ES baut 25, während Deuffchland 24 auf den Siel gelegt hat. Von Küstenzerstörern besitzt England 80 und baut 6. Andere Flotten verfügen nicht Wer derarttgr Schiffe. Keine von den Mächten baut Torpedoboote. An fertigen Torpedobooten besitzt Frankreich 262, Deutschland 83 und England 80. In Unterseebooten hat Frankreich die Führung. SS verfügt beretts über 49 dieser Boote und hat 49 im Bau. Englands Zahlen find 45 und 23, Deutschland 4 und 4.
Der „Daily Expreß" weist bet Wiedergabe dieser Tabelle darauf hin, daß England mir über 49 Linienschiffe der Vor-„Dreadnought"klaffe verfüge, während Deuffchland und die Vereinigten Staaten zusammen deren 58 ausweisen können. Aber haben die Engländer nicht selbst wiÄ»erhott darauf hingewiesen, daß gegenüber dem neuen „Dreadnouyht"typus die Mehrzahl der in frühere« Jahren gebauten Schiffe gar nicht mehr ins Gewicht falle? Mit Zahlen läßt sich viel beweisen, manchesmal auch nichts. Jedenfalls ist diese Tabelle gleichfalls mit Vorsicht zu genieße«, da sie das Wichtigste nicht enthält: die Angabe deS gegenwärtigen Kampfwettes jedes einzelnen Schiffes! Und unter der stolzen Zahl der oben angeführten Kttegsschiffe scheinen uns denn doch manche zu figurieren, die im Ernstfall in der Epoche des „Dreadnought" kaum mehr in Bettacht kommen.
Hessen-Nassau und Nachbargebiete.
Cassel, 25. Mai. In der Miramschen Zündholzfabrik t« der Sandershäuser Straße «eignete sich am Sonnabend Nachmittag ein gräßlicher Unglücksfall, welcher dem 24jährigen Arbeiter Steinmetz von hier da« Leben kostet«. Steinmetz kam einem Behälter der Zündmaffe, die sich von selbst entzündet hatte, mit seiner Arbeitsschürze zu nahe. Seine Kleider fingen Feuer und der Unglückliche «litt am ganzen Leibe schwere Brandwunden. Er wurde in das Landkrankenhaus ttanspottiert, wo er schon am Sonntag stütz durch den Tod von seinen Qualen erlöst wurde.
Fulda, 25. Mai. Bon «in« Kreuzotter wurde gestern morgen ein hiefiger Buchhalter, der sich mit zwei sein« Kinder in der nahen „Eaishecke" auf einer Frühtour befand, in einen Fing« der inken Hand gebiffen. Der Gebissene n«chm so- ort ärztliche Hilfe in Anspruch. Die Verletzung cheint nicht lebensgefährlich zu sein.
Franffurt <u M., 25. Mai. Behufs weiterer Wasserbeschaffung für Frankfurt hat der Ma- gisttat Verträge mit der Provinz Oberheffen und dem Fürsten Jsenburg-Birstein wegen Lieferung von Quellwaffer aus dem Quellgebiet bei Inheiden und dem oberen Vogelsberg ab- geschloffen und beantragt jetzt deren Genehmigung durch die StadtverWnetenversammlung. Die Vorlage wurde darauf mit den dazu gestell
ten Anträgen zur näheren Prüfung en einen Ausschuß verwiesen.
Tambach, 25. Mai. Ein hiesig« Schneidermeister fand vor einigen Monaten unter altem Eisen ein Gewehr, dar et unbeachtet ließ und mit dem sein« Kinder zuweilen spielten. Gestern wollte d« Mann versuchen, ob mit dem alten Gewehr noch etwas anzufangen sei und hielt er gegen die Brust, um den Hahn zu probieren. Plötzlich «tönt« ein Knall und der Bedauernswette war unterhalb des H«zens mit «in« vollen Schrotladung in die Lunge getroffen. An seinem Auflommen wird gezweffelt.
Münde«, 25. Mai. In die Werra gesprungen tft am Himmelfahrtstage ein junges Mädchen, das sich auf dem Heimwege von einem Ausfluge mit seinem Bräuttgam gezantt hatte. Der Bräutigam sprang nach und rettete seine Braut aus den Fluten. D« hinzukommende Bat« bearbeitete seine naffe, triefende Tochter mit dem Stocke. Das kalte Bad und die väterlichen Worte fühtten eine Versöhnung des Brautpaares schnell herbei.
Darmstadt, 25. Mai. Verschwunden ist seit Samstag Mittag di« 25 Jahre alte Tochter des hiesigen Gewerbeschulrates Meyer. Da Gründe irgend welcher Att für einen Selbstmord nicht vorliegen, tft anzunehmen, daß der Vermißten — die Trauerkleider ttug — ein Unfall zuge- stoßen ist. Es wird um gefällig« Nachricht an den Vater, Jrenenstratze 4, Darmstadt, gebeten.
Worms, 25. Mai. Gestern vormittag wurde, dem Polizeibericht zufolge, aus dem Rheine hi« eine Leiche gelandet, die inzwischen als dst des 20 Jahre alten Kaufmannes Josef Maas aus Ludwigshafen erkannt rootben ist, d« seit dem 18. Mai vermißt wurde.
Vermischtes.
Der medizinische Rachwuchs. Bom Ottober 1907 bis Ende September 1908 wurden im ganzen deuffchen Reiche 827 Aerzte, 259 Zahnärzte und 472 Apotheker approbiert, während 69 Be- fähigungszeugniffe für Nahrungsmittelchemiker ausgestellt wurden. Von den neu approbierte« Aerzten entfallen auf Preußen 359, Bayern 199, Hessen 30, das Großherzogtum Sachsen und die sächsischen Herzogttlm« 25. Neue Zahnärzte gab es in Preußen 126, Bayern 33, Hessen 8.
Deutsch. Ein Leser teilt der „Frkf. Ztg." folgendes kleine Reise«lebnis mit. Ort b*t Handlung: Speisewagen Wiesbaden-Basel. Handelnde Personen: Ein Reisender, der Oberkellner. Reisender: „Ich wünsche eine Taffe Kaffee mtt Butt« und Brot." — Oberkellner: „Also ein Cafö cömplet" (Ton sehr stark auf der ersten Silbe: cömplet). — Reisend«: „Rein, Kaffee mit Butter und Brot." — Oberkellner: „Wir haben nur Oafö cömplet.“ — Reisender: „Heißt denn „Butter und Brot" auch Französisch cömplet?“ — Oberkellner: ? ? — Reisender: „Also Kaffee mit Butter und Brot." — Obettelln«: „Jawohl, ein Cafö cömplet.“ — Und die Rechnung, die der Reisende erhielt, lautete: „1 Cat6 cömplet.“ — Wende man sich doch allgemein energisch gegen solchen Un
fugs Oafö cömplet, Siner, souper, wenn, potage Ufa). — fort damit?
Sw»» kleinere Uebel. Wir lesen in d« Prager Bohemia vom 22. ds.: Der 55 Jahre alte Fabrikarbeiter Wenzel Cejcha wurde von seiner Gatttn unausgesetzt mit Vorwürfen überhäuft, daß er zu wenig verdiene. Als ihm nun seine Ehehälfte neuerdings «ine Szene machte, faßte er den Entschluß, der Misere ein Ende zu machen. Er eilte zu dem nächsten Wachmanns, stieß eine Majestätsbeleidigung aus und ließ sich dann befriedigt abführen. Seinen Zweck, im Zuchthaus« Schutz vor den Quälereien seiner Frau zu finden, hat Cejcha damit erreicht. Er wurde dem Strafgrichte eingeliefert.
Literarisches.
•* Sie Propyläen-Ausgabe von Goe - theSsämtlichenWerkeninvierzigBän- ben, die der durch vortreffliche Ausstattung seiner Bücher geschätzte Verlag Georg Müller in München ankündigt, wird bei allen Goetheverebrern und Freunden deS gutgemachten Buches den gebührenden Beifall finden. Die Propyläen-Ausgabe bricht mit der Schablone jener gewiffen .Klassikerausgaben", deren buchtechnische Ausstattung um so beschämender ist, als wir ost an sehr ephemere literarische Erscheinungen eine sorgfältige Ausstattung verschwendet sehen. Die Propyläen-Ausgabe wird unserem höchsten geistigen Gute einen würdigen Schrein geben. Die Ausgabe, die auch einen großen Teil der Briefe und Tagebücher enthalten wird, fußt auf den Texten der Weimarer Ausgabe und folgt in der Anordnung dem Plane von HirzelS „Jungem Goethe", d. h. sie bringt Goethe« Werke in der Reihenfolge ihres Entstehens, ohne natürlich dabei in pedantische Zerstückelung des innerlich Zusammengehörigen zu verfallen. Von allen Bemerkungen und sonstigem kritischem Apparat ist in bet Propyläen-Ausgabe, die dem lebendigen Genüsse bestimmt ist, abgesehen. Die Redaktion liegt in de« Händen guter Goethekenner in Weiinar und andernorts. Der Preis des Bandes von ungefähr 500 Seiten Umfang — es werden sieben Bände im Jahre erscheinen — beträgt für den in amerikanisches Buckram- leinen gebundenen Band 6 Mark, in Halbleber 7 Mk. Von einer in 200 Exemplaren auf echtem Hand- papier gedruckten Vorzugsausgabe kostet der in dunkelblaues Maroguinledcr gebundene Band 24 Mark. Zu Weihnachten 1909 werden vier Bände vorliegen. Im Anschluß an die Propyläen-Ausgabe werden in gleicher Ausstattung und gleichem Format drei Supplementbände veröffentlicht werden, die eine Ikonographie Goethes und seiner Werke, seiner Verwandten, Freunde und Wohnstätten in Lichtdruck und Kupfergrabüre enthalten, ferner Goethes Handzeich- nungen, Einblattdrucke, Schriftproben, Dokumente ufto. Der erste Band: .Goethe und Goethes Werke nach Bildern und Sfichen aus der Zeit' wird zu Weihnachten fertiggestellt sein.
Verkaufsstellen durch
Fabrikant ust Jacobi
dieses Plakat kenntlich Darmstadt.
5
Verantwortlich für die Redaktion: Dr. phil. Carl Hitzeroth in Marburg.
6
(Nachdruck verboten.)
Gin Sommerlraum.
Roman von K. van Beek«.
(Fortsetzung.)
Die Schleppe des rosigen Gewandes graziös zusammenraffend und den ihr gebotenen Arm lächelnd zurückweisend, schritt die schlanke Gestalt schweigend neben Heinz dem Ausgange des Waldes zu. Auch er fand keine Worte. Die ganze wunderliche Begebenheit der letzten Stunde lag ihm verwirrend im Sinn, und seine Blicke flogen immer wieder zu dem {(frönen Gesicht seiner Begleiterin hinüber, das unter dem rotseidenen Sonnenschirm noch lebensvoller und bezaubernder aussah als im grünen Schatten der Baume. Vielleicht war sie nicht ganz so formvollendet schön, wie sie ihm gestern und heute berm ersten Anblick erschienen war, dafür lag aber e:n Zauber des Ausdrucks, eine Beweglichkeit des Mienenspiels in dem schmalen, -arten Gesicht, und zeitweise ein so finnbetörender, rätselhafter Blick in den Augen de« seltsamen Geschöpfes, daß Heinz sich gestehen mußte, er habe noch nie etwas Ähnliches gesehen.
Jetzt standen sie an der Gittertür, di« zum Garten führte. Troll, mit der Hängematte auf dem Rücken und dem Fesldstuhl im Maul, schlug Mit der wohlgeübten Pfote an die Schelle, und Lori sagte, ihrem Begleiter die Hand reichend: fAlso auf Wiedersehen, kleiner Freund, um vier Uhr erwarte ich Sie bestimmt!" Dann war die lühte Gestalt hinter der sich öffneichen Tür verschwunden, und Heinz, wie aus einem Traume Drwachend, fühlte plötzlich, wie grell und heiß die Sonne auf dem schimmernden, kahlen Land- Meg« lag, und wie trotz all' der eben Erlebten f» ganz prosaischer, gewöhnlicher Hunger fich M chm zu ttgw begann.
Seinen Gang beschleunigend und sich möglichst in den Schatten drückend, langte Heinrich Werner in wenigen Minuten beim Schiff» an und fand zu seiner angenehmen Ueberraschunq sein einsames Kuvert draußen unter den rauschenden Linden gedeckt. Der Blick, den et von hier aus frei und groß nach der Billa am Berge genoß, half ihm, vereinigt mit dem gefunden Jugendappetit, den er sich bei dem weiten Morgenspaziergang geholt hatte, glücklich über das nach jener Seite hin zweifelhafte Diner des Schifflihotels fort, und eingedenk der Pritsche, die in seinem Zimm« die Stelle des Sofas vertrat, warf, er fich nach dem Effen ohne Bedenken in das tiefe, grüne Gras der klein -n Wiese, die sich unter den Linden vor dem Hause erstreckte. In der reglosen, bienendurchsummten Mittagsstille, die über diesem, den Wirffchafts- gebäuden fernen Teil des Grundstückes ungestört ausgegoffen lag, zogen noch einmal halb traumhaft die Erlebnisse des verflossenen Morgens an seiner Seele vorbei. Er hörte mit dufftigem Ohr wieder jeden Ton der weichen, melodischen Stimme, fühlte jeden Blick der klare« und doch so unendlich tiefen Augen und dachte mit ungestüm klopfendem Herzen, daß er ein Elückpilz fei und das Leben ihm mit dieser Be- kannffchaft -'ine wunderholde, seltsame Märchen- blume in den Schoß geworfen habe. Er war von Hanse aus ein phantastis^s, träumerisches und doch feuriges Menschenkind, das während einer ganzen einsamen Kindheit, die es unter fremden, seiner zarten, poetischen (Eigenart fernstehenden Menschen verlebt hatte, nie von der Sehnsucht und Hoffnung nach einem großen, unmöglichen und ungewöhnlichen Glück losgekommen war. Durch reichen Geist und feuriges Studium tn vieler Hinficht wett über feine Jahre hinaus und männlich gereift, war er tn hundert anderen Dingen, und besonders in feinen Beziehungen
zu den Frauen, noch ganz voll ttäumerischer, phantastisch« Naivetät, und was vielen anderen vielleicht wie ein galantes Abenteuer, höchstens wie eine interessante, eigenartiae Reise-Episode erschienen wär«, das gestaltete fich ihm zum Schicksal, zu einer bewegenden, in fein Leben eingreifenden Begebenheit.
Pünktlich um oi« Uhr zog Heinrich Werner die Glocke feines Dornröschenschloffes und wurde von einer alten, spitznasigen und argwöhnisch blickenden Person, die den Mittelweg Wischen Dame und DienstmArchen hielt, wortlos emv- fangen. Ehe er aber noch, beinahe etwas eingeschüchtert durch die karyatidenhafte Unbeweglichkeit dieses weiblichen Cerberus, zu der Frage nach der Dame des Hauses gekommen war, stürmte auch schon Troll mit weiten Sätzen auf tfrn zu, und die ihn empfangende Alte sagte mtt harter, knarrender Stimme: „Bitte, mir zu folgen, das gnädige Fräulein «wartet Ste schon!“
Kühl und dunkel empfing den von Licht und Hitze llebersättigten der weite Vorflur des Hauses, und als di« Dienerin jetzt eine in denselben mündende breite Holztür öffnete, tief eine weiche, fein Herz schneller schlagen machende Stimme: „Willkommen, mein Prinz!", und aus der lichtgrünen Dämmerung eines reich mit Blattpflanzen und Blumen dekorierten Gartensaales löste fich, ihm die Hastd entgegenstreckend, die in ein weißes, lustiges Gewand gehüllte Gestalt Loris. „Ist es zu dunkel tn meinem Raum, oder können Sie fich so, wie ist es, zurechtfinden? fragte die schöne Dame anmutig und Heinz antwortete lächelnd: „Ich kann Sie sehen, und das genügt mir. Außerdem, wenn man, wie ich, eben einen schattenlosen, -leidlich steilen Weg emporgeklettert tft, dann kann es kaum etwas Wohltuenderes und Erftffchenderes geben
als die kühle, fünfte Dämmerung dieses Zimmers“
„Ach!“ machte Lori unmutig und lehnte fich weit in den rotgefütterten Korbstuhl zurück. „Sie sind auch solch eine Esktmonatur, die bet zwanzig Grad Wärme schon ein schiefes Gesicht zieht! Da paffen wir nicht zusammen, mein Freund, ich liebe die Sonne, die Hitze, ach» wie ich sie liebe! Vielleicht war ich einstmals in einem früheren Leben eine große, gelbe Sonnenblume und habe davon die Leidenschaft für die Himmelskönigin und die von ihr ausströmende Glut betbehalten.“
„Jawohl, int kühlen, wohltemperierten Zimmer, lustig gekleidet und von allen Sonnenstrahlen abgefperrt, läßt fich das wunderhübsch sagen," neckte Heinz, „aber meine holde Gebieterin, hält das auch vor, wenn man Sie jetzt in meinem Anzug auf die Wanderschaft schickt?"
Lori nitfte ernsthaft. „Ja, ich glaube doch. All' das, was Sie anführen, ist nur überlieferte, gewohnheitsmäßige Konzesston, die ich drm Sommer mache, deshalb habe ich Salamander- natur und lebe erst im Feuer auf. Fühlen Sic, wie kühl meine Hand ist, fie wird bei der tottften Hitze nie wärm«." Damit streckte ste i >m dje Hand hin, die fich kühl und leicht wie eine Schneeflocke in feine heißen Finger schmiegte.
„Kalte Hände, warmes Herz — sagt der VoÜsmund! Stimmt das?"
„Vielleicht ebenso genau, wie auf Sie angeführt „warme Hände, kaltes Herz!" lächelte die Gefragte schelmisch und entzog die kühlen Finger dem heißen Druck. „Ich weip nicht, vielleicht gibt es hn Lande der Märchen und Wund« auch Eiszapfen, die einen Feuerfunken in fich tragen! Ab« wir wollen uns darüber nicht Len Kopf zerbrechen, sondern jetzt lieber att* dfa heigen und kalten Herzen ttn Kaffee «hänfen! I_______ (Fortsetzung folgt.) ,