WHM IMg mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und ,Landwirtschaftliche Berlage."
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Marburg
Dienstag 27. April 1909.
Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeil« ober deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, UnwersttätSbuchdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
44. Jahrg.
Der deutiche Kronprinz in Men.
Wien, 25. April. Der deutsche Kronprinz fft heute Nachmittag um 2 Uhr 8 Minuten au» Bukarest hier eingetroffen. Auf dem Staatsbahnhofe war eine Ehrenkompagnie des 4. Infanterieregiments mit Fahnen und Mustk und den reglementsmäßigen Vorgesetzten aufgestellt. Kurz nach %2 Uhr erschien der Kaiser in preußischer Marschallsuniform mit dem Bande der Schwarzen Adlerordens. Der Kaiser schritt die front der Ehrenkompagnie ab. Um 2 Uhr
Minuten fuhr der Zug unter den Klängen des „Heil Dir im Siegerkranz" in den Perron. Der Kaiser trat dicht an den Bahnkörper heran. Der Kronprinz in der Oberstenuniform seine» Husarenregiments mit umgehängter Pelzattila entstieg dem Waggon, schritt auf den Kaiser zu und wollte ihm die Hand küssen. Der Kaiser wehrte jedoch ab, schüttelte dem Kronprinzen die Hand und küßte ihn dreimal. Nachdem der Kronprinz die' Erzherzöge durch Händedruck begrüßt hatte, fuhr der Kaiser mit seinem Gaste zur Rechten in seinem Hofwagen nach der Hofburg. Das vor dem Bahnhof in überaus großer Zahl angesammelte Publikum brach in brauende Hochrufe aus. Gleich nach der Ankunft tattete der Kronprinz den in Wien weilenden Erzherzogen Besuche ab. — Um 7 Uhr abends and im neuen Saale der Hofburg eine Tafel tatt. Der Kaiser holte den Kronzrinzen ab und geleitete ihn in den Gobelinsaal, wo der Kronprinz die Mitglieder des Kaiserhauses begrüßte. Sodann reichte der Kronprinz der Erzherzogin Maria Anunziata' den Arm, während der Kaiser die Erzherzogin Isabella zur Tafel führte Nach der Tafel hielt der Kaiser Eercle, während der Kronprinz sich in da<° Hofoperntheater begab, um der Vorstellung des „Bajazzo" beizuwohnen.
Mehrere Blätter begrüßen mit warmen Willkommensartikeln den deutschen Kronprinzen Das „Fremdenblatt" schreibt: „Wir dürfen den deutschen Kronprinzen heute in Wien als Vertreter des deutschen Kaisers und des deutschen Volkes begrüßen. In dem Willkomm, das ihm geboten wird, spricht die Erinnerung mit an die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, bei denen der Kaiser und das Volk in Deutschland sich einig erwiesen haben in der Bundestreue, die den vollen Wert des mitteleuropäischen Bündnisses als der stärksten Friedens- bürgschaft in Europa dargetan hat. Die Kraft dieses Bündnisses hat in den vergangenen schweren Zeiten alle Zweifler im Auslande und Inlands besiegt und bekehrt. Die „Neue Freie Preffe" schreibt: Der Besuch des Kronprinzen erfolgt diesmal unter dem Eindruck der großen Manifestation deutscher Bundestreue aus Anlaß der Annexionskrise. Die Zusammengehörigkeit beider mitteleuropäischer Reiche ist vielleicht noch nie so mächtig hervorgetreten.
Die Kämpfe in Konstantinopel.
Konstantinopel, 24. April. Der Einmarsch der Anmarscharmee, die in der Nacht die die Stadt beherrschenden Höhen von Daud Pascha und Kithane besetzt hatte, erfolgte über Tschischli. Seit dem frühen Morgen wird um die dicht bei der deutschen Botschaft liegende Taschklisiakaserne gekämpft, in der sich die Salo-
86 (Nachdruck verboten.)
Enterbt.
Original-Roman von Freifrau Gabriele v. Schlippenbach.
(Sortierung.)
Das Gewitter bricht los, der Regen fällt in einzelnen großen Tropfen nieder uni) Blitz auf Blitz zuckt am bleigrauen Himmel.
„Wohin wollen Sie?" fragt Hans Leopold, als Fee sich wortlos, ohne Lebewohl, abwendet und einige Schritte macht.
„Nach Hause," entgegnet sie kurz.
„Das geht nicht, bis Sie in Hollen find, müssen Sie durchnäßt sein!" ruft Schöningk, „kommen Sie, ich weiß ein Obdach in der Nähe." Sein Ton ist herrisch und er zieht sie mit sich fort.
Fee muß gehorchen, sie fürchtet sich vor dem Gewitter und vor dem weiten Weg bis nach Hollen.
Vor ihnen liegt eine Wiese; eine niedere Strauchhütte, die die Hüterjungen zum Schutz bei ihrem Wachdienst erbaut haben, ist bald erreicht und kaum sietzt das junge Mädchen in dem engen, aber ziemlich dichten Raum, so öffnen sich des Himmels Schleusen und ein wahrer Platzregen prasselt hernieder.
„Bitte, kommen Sie hinein," sagt Fee zu Hans Leopold, der draußen stehen geblieben ist, „Sie werden ja ganz naß, hier ist noch Platz."
Sie rückt in die entfernteste Ecke, damit sie sich nicht berühren, er werft es und lächelt ein wenig.
niker Jäger befinden: die Angreifer werden von Enver Bey kommandiert. Es wird ununterbrochen auch mtt Geschützen und Maschinengewehren geschossen. Der Widerstand scheint hartnäckig zu sein. Die größere ArtMeriekaserne in Pera hat sich ergeben. Der Oberstkommandie- rende der mazedonischen Armee Mahmud Schef- ket ließ im Lauf« der Nacht den deutschen Botschafter, Freiherrn Marschall von Bieberstein, bitten, die Botschaft nicht zu verlassen. Zu ihrer Verteidigung sind 40 Soldaten unter einem Offizier von der Operationsarmee zur Verfügung gestellt worden.
Konstantinopel, 24. April. Seit dem Vormittag ist auf dem Jildiskiosk die weiße Fahne gehißt. Es bestätigt sich, daß die Widerstand leistenden Truppen nachts hierzu aufgehetzt wurden. Die Verfolgung geflüchteter Soldaten dauert fort. Es werben fortwährend Verhaftungen bewaffneter und unbewaffneter Soldaten vorgenommen. Es sind ausschließlich Mohammedaner verhaftet worben. Die Stam- buler Brücke würbe gesperrt, um bie Verbindung zu verhindern. Von den diplomatischen Missionen scheint keine gelitten zu haben. Das Blatt „Tachydromos" meldet: Die Nattonalver- sammlung habe beschlossen, daß, wenn die Garnison von Konstantinopel Widerstand leiste, der Sultan als Schuldiger entthront werben solle. Dieses Gerücht zirkuliert schon morgen in bet Stadt.
Konstantinopel, 25. April. Das Sombarttement des Jildtz-Palastes sowohl vom Meere aus wie von der Landseite wird mit Tagesanbruch erwartet. Die noch auf dem Jildiz befindliche Besatzung wird auf über 4000 geschätzt. Wie verlautet, hat sich der Sultan zur Abdankung bereit erklärt, wenn die Thronfolge auf seinen Sohn Burhan-Eddin übergeh«, andernfalls sei er entschlossen, sich bis zum äußersten zu verteidigen. Wie ferner verlautet, hat der Sultan gestern Nachmittag eine große Zahl von Ministern und anderen hohen Beamten in den Jildiz rufen lassen. Die Mehrzahl leistete dieser Aufforderung keine Folge: nut einige Minister begaben sich in das Palais und sollen sich noch jetzt dort befinden; unter ihnen bet Eroßwesier und ber Kriegsminister. Die Nachricht, baß der Kommandant der Belagerungsarmee Mahmud Schefiet Pascha sich in den Jil- diz begeben habe, ist falsch. Die Verhandlungen zwischen der Armeeleitung und dem Jildiz werden schriftlich geführt. In der Kriegsschule wurde gestern Nachmittag ein Kriegsgericht abgehalten. In der Nacht sind wahrscheinlich bereits mehrere Füsilierungen, darunter die einiger Hodschas und Derwische, sowie zwei Sofias vorgenommen. Der Geistlichkeit soll es gelungen sein, im vierten Armeekorps eine reattionäre Bewegung hervorzurufen. Bis 1 Uhr nachts war in Pera alles ruhig.
Konstantinopel, 24. April. Der Schlüssel für die Schlußaktion, die gegen den Sultan in Vorbereitung zu sein scheint, Hegt in der gestrigen Depesche Mahmud Scheskets an Eroßwesier, die gestern ungenau angegeben war. In dieser Depesche hieß es tatsächlich, daß die Gerüchte, die mazedonische Armee sei gekommen, um den Sultan zu entthronen, falsch und von Agitatoren tangiert seien. Sollten aber, während bie Soldaten ihre Pflicht tun, irgendwelche Zwischenfälle hervorgerufen werden, so werde die Verantwortung auf den Schuldigen fallen.
Ungefähr fünfzig Schritte von der Strauch- Hütte stehen einige Weidenbäume, sie find kaum sichtbar durch bie grauen, feuchten Schleier des heftig fallenden Regens. Es scheint, als seien alle höllischen Mächte losgelassen, kracheill) rollt es in den Lüften, der SBinb heult und die Blitze zerreißen den fast schwarzen Himmel.
Unwillkürlich nähert Fee sich Hans Leopold; sie ist sehr bleich und ihre Hand zuckt nervös, da ergreift er diese kleine, stützesuchende Mädchenhand, fest und warm hält er sie umschlossen.
„Ich bin ja bei Ihnen," sagt er beruhigend, „fürchten Sie nichts."
In diesem Augenblick ertönt ein so heftiger Schlag, daß alles erzittert, zugleich fährt ein zackiger Blitz nieder und eine bet Weiden ganz nahe an der Strauchhütte steht in Flammen.
Fee schreit auf, sie hat in ihrem Schreck beide Arme um den neben ihr Sitzenden geworfen und das Gesicht an seiner Brust verborgen; hilfesuchend schmiegt sie sich an Hans Leopold mit geschlossenen Augen, halb bewußtlos.
Er wünscht, daß dieser Moment lange baute, denn seit heute erst weiß er, daß er Felicie Rothenfeld liebt, die Tochter des „Enterbten", des Zirkusdirettors und der Balettänzerin, deren Familie nicht zum Uradel Kurlands gehört, auf die er verächtlich, achselzuckend herabgeschaut. Im Rollen des Donners, im Flammen ber Blitze ist der Schleier von seiner Seele gefallen, et weiß es jetzt, daß sie für ihn das einzige, begehrenswerte Weib ist, daß et an dieses zarte, kleine Geschöpf mtt seinem ganzen starken Manneshetzen hängt und ww ihr Glück
Da man die Inszenierung de» heuttgen Widerstandes dem Sultan zuschreibt, so kann btee als Vorwand benutzt werden, ihn als Schuldigen zu betrachten und zur Verantwortung m ziehen. Diese Betrachtung und Beurteilung bilden wenigstens die Basis für die gemeldeten Stimmungen gegen den Sultan.
Konstantinopel, 25. April. Aus der Menge der sich häufig widersprechenden Nachrichten läßt stch über den Verlauf de» gestrigen Tages olgendes Bild gewinnen: Um 4% Uhr früh gt ffen bie mazedonischen Truppen die auf der Ost eite des goldenen Horns gelegenen Pulvermagazine in Kasfim Pascha, Okmeidan und Kiathane an, drangen bann ostwärts in ber Richtung auf den Jildiz vor und besetzten die Kriegsschule in Pancaldi. Die Artilleriekaserne im xajimgarten eröffnete darauf gegen die Kriegsschule ein heftiges Feuer und zugleich enffpann stch ein Kampf um die Taschkischta- und Matschkakaserne. Um 11 Uhr ergaben sich die Taxim- und Matschkakaserne, während ein heftiger Kampf um die Tatschkischtakaserne mit äußerster Heftigkeit fortgeführt wurde, da dort K Bataillone Infanterie lagerten, unter n das vierte Saloniker Jägerbataillon, von dem der letzte Aufstand ausging und deren Auslieferung die Belagerungsarmee gefordert hat. Mehr als die Hälfte der Kasernenbesatzung soll gefallen sein. Auch die Verluste der mazedonischen Armee waren hier sehr bedeutend. In Stambul wurden die Pforte und das Kriegsministerium nach leichtem Kampf besetzt. Das Marinearsenal in Terschana, dessen Besatzung für stark sultanfreundlich galt, ergab sich kampflos, ebenso zwei in nächster Nähe de» Jildiz gelegene Kaserne, bie 17 Geschütze Übergaben. Am Abend befanden stch sämtliche Kasernen, ausgenommen die Jildizbesatzung, in den Händen der Belagerungsarmee. Die Zahl der Toten und Verwundeten wird auf 2000 geschätzt. Die mazedonischen Truppen erlitten besonders dadurch große Verluste, daß die Gegner mehrmals die weiße Flagge hißten, die Truppen so heranlockten, dann aber feuerten. Alle Aerzte, Apotheker und Hospitäler in Pera stellten sich der Armee zur Verfügung.
Konstantinopel, 25. April, 12.80 R. Vor zwei Stunden war ein Diplomat zu Pferde bei dem Jildiz und sah dort beim geschlossenen Haupttor keinen Wachtposten. Auch die übrigen Toren waren geschlossen. Alle Jildizkasernen scheinen vollkommen leer zu sein und sind geschlossen. Möglich ist es, daß sich die Truppen in das Innere des Jildiz zurückgezogen haben. Nach offiziellen Angaben der Pforte ergaben sich bisher jwei Bataillone der Jildi'befatzung. Die Situation ist noch nicht vollkommen geklärt. Die große Selimikaserne in Skutari ist, trotzdem sie die weiße Fahne gehißt hatte, noch nicht übergeben und leistet mit den dort stehende. Feldgeschützen Widerstand. Es werden soeben Truppen zu Schiff hiNgeschickt. Eventuell treten die von San Stefano zurückgekehrten Schiffe in Aftion. Daher dürfte es zu keinem ernsten Widerstand kommen und die Uebergabe durch Einschüchterung zu erwarten sein.
Paris, 25. April. „Agence Havas" meldet aus Konstantinopel um 1 Uhr 40 nachm.: Die gesamte Besatzung des Jildiz ergab sich und lieferte die Waffen aus. Torpedoboote kreuzen im Hafen, um eine Flucht des Sultans zu verhindern.
ober Unglück verschenkt werben kann, namenloses Glück burch ihre Gegenliebe, tiefes Leid, wenn ste ihm kalt ben Rücken wendet. Aber er ist Manns genug, um nicht bie augenblickliche Lage zu seinen Gunsten auszubeuten, er will erst seiner Sache sicher fein, hat es ihm heute doch geschienen, baß auch er ihr etwas wert ist. Ein schwindelndes Gefühl überwältigender Seligkeit durchschauert ihn bei dem Gedanken, in strenger Zucht hält er sein wildpochendes Herz und seine Stimme klingt unnatürlich ruhig, als er spricht:
„Run ist das schlimmste überstanden, aber es hat nicht viel gefehlt, so hätte uns der Blitz erschlagen, sehen Sie, wie die Weide brennt?“
Fee schämt sich ihrer Angst, sie hat die Arme niedergleiten lassen und fitzt nun gerade und ruhig da.
„Habe ich mich nicht recht albern benommen?“ fragt sie verwirrt, „bitte, lachen Sie mich nicht aus, Herr von Schöningk.“
Er versichert ernsthaft, daß er gar nicht daran denke und da der Regen nachläßt, tritt er aus der Strauchhütte ins Freie und mustert den Himmel, der schon hin und wieder blaue Stellen zeigt. Fee rollt ihr Haar schnell zu einem mächtigen Knoten zusammen und befestigt ihn am Hinterkopf.
Nach weiteren zehn Minuten kann ste den Heimweg antreten. Schweigend begleitet Hans Leopold ste bis zu dem schmalen Privatwege, ber nach Hollen führt, bas Herz ist ihm zu voll für eine gleichgültige Unterhaltung. Fee dentt
Konstantinopel, 25. April. Unter den Verletzten befindet sich der Vertreter der „New York Sun", der verwundet wurde, als er eine photographische Ausnahme machen wollte. Einige Hondschas werden von den Truppen al» (Befangene durch Pera geführt.
Der Dreibund und die Türkei.
Wien, 25. April. Das „Fremdenblatt" schreibt zur Behauptung des „Eclair", daß Wischen dem Dreibund Abmachungen über die Teilung ber Türkei getroffen seien, von einem solchen Plane sei in maßgebenden Kreisen des Dreibundes niemals die Rede gewesen, und gerade di« Annexionspolitik des Wiener Kabinetts widerspreche ihm aufs gründlichste. Hätten wir, fährt das Blatt fort, die Dinge auf dem Punkte gelassen, auf dem sie sich zur Zeit des Ausbruchs der türkischen Julirevolution befanden, so waren wir aller Wahrscheinlichkeit nach in die Konvulsionen hineingezogen worden, die das otto- manische Reich jetzt durchmacht. Heber die Linie hinauszugehen, Sie durch die Entschlossenheit zur Konservierung unseres Besitzes gezogen war, haben wir niemals beabsichtigt. Auch Italien und Deutschland sind über den Verdacht erhaben, Teilhaber aus eine die Zerreißung der Türkei ausgehenden Balkanpolitik zu fein. Es wird gut fein, wenn man sich in Europa an die den Tatsachen entsprechende Ausfassung gewöhnt, daß der Dreibung sich stark erwiesen hat, um den Frieden zu schirmen, gewiß aber nicht, um ihn durch abenteuerliche Pläne zu erschüttern.
Die Straßenkämpse.
Wien, 24. April. Die Abendblätter bringen folgende Nachrichten über die Einnahme von Konstantinopel durch die Komiteearmee: Um fünf Uhr morgens fielen die ersten Schüsse und seither rollt ununterbrochen das Eewehr- feuer, vermischt mit dumpfen Schlägen des Ee- schükdonners. Die Komiteetruppen haben Schischli und Pankoldi besetzt, von wo aus der Jildizkiosk beherrscht wird. Die Meuterer in ber Taschkischlakaserne leisteten heftigen Widerstand und wurden von ber Artillerie beschossen. Pera, das Europäerviertel, wurde von den Komiteetruppen durch eine Postenkette gexen einen lleberfall seitens der Meuterertruppen geschützt. Alle Hotels und Gesandtschaften wie auch die europäischen Spitäler werden durch Soldatenabteilungen der mazedonischen Armee bewacht. Auf den Terrassen der Dächer sah man überall Neugierige, die trotz der herum« pfeifenden Kugeln die Kämpfe zwischen der Komiteearmee und den Meuierern beobachteten. Auf dem Exerzierplätze vor der Taximkaserne fuhr eine Batterie ber Komiteearmee auf, bie Sie Kaserne aus einer (Entfernung von 300 Schritten mit Sprenaoesckossen bombardierte. Die Wirkung war furchtbar. Bald zeigte bas starke Mauerwerk zahlreiche Risse und Löcher, Feuersäulen und Staubwolken stiegen auf und hüllten den Kampfplatz ein. Hinter den Geschützen drängten sich trotz der Lebensgefahr, denn die Meuterer unterhielten ein lebhaftes Eewehrfeuer aus der Kaserne, zahlreiche Zuschauer. Ein Kruppsches Schnellfeuer geschütz bombardierte das Wachthaus neben dem französischen Hospitale, in dem sich an hundert Mann Meuterer verschanzt hielten. Alle umliegenden Gebäude zeigen Kugelspuren, die meisten Fensterscheiben sind zersprungen, und auch in das Palais der österreichisch-ungarischen
im Stillen, daß er sich über sie lustig macht. So trennen sie sich nach einem flüchtigen Lebewohl.
9. Kapitel.
„Also Sie wünschen für meine Enkelin einen mehrwöchentlichen Aufenthalt in stärkender Wald- und Seeluft, Herr Doktor?"
»Ja, Frau Baronin, ich glaube, bas wär« sehr angebracht," ist die entschiedene Erwiderung Dr. (Borners, der heute, wie jeden Dienstag, mit seinen beiden wohlbekannten Schecken nach Hollen gekommen war, die Bauern aus der Apotheke des Hauses mit Arzneien versorgt und nun oben im Zimmer bei Frau von Rothenfeld fitzt.
„Aber was fehlt denn dem Kinde?" fragt di« Baronin ängstlich, „mich beunruhigt ihr bleiches Au-ssehen, sie war sonst, wenn auch nicht strotzend vor Gesundheit, so doch frisch und rosig, halten Sie es für Bleichsucht?"
„Teilweise gewiß, da wird Eisen seine Schuldigkeit tun, aber —", Doktor (Börner stockte.
„Sagen Sie mir, was Sie verschweigen," bat die besorgte Großmutter, „Sie wissen, bag Sie nicht allein Hausarzt, sondern vielmehr Hausfreund sind, ich traue ihrem Scharfblick auch in seelischen fieiben."
„Ich glaube, daß bas Mädchen einen geheimen Kummer hat, wissen Sie nicht, welcher Art er ist?"
„Ach, ja," entgegnete die alte Dame und schwieg bann, die Hände ineinander verschränkend in bitterer Qual,
. (Fortsetzung folgt.)