Einzelbild herunterladen
 

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen: »Flach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Berlage."

e

Jti 88

Man abonniert auf die täglich «scheinendeOberhessische Hei tun a" bei allen Postämtern und unfern Zeitungsstellen in Kirchhain und Wetter sowie bei unserer Expedition Markt 21. - Der Bezugspreis beträgt durch die Post 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern ZeitungSstellen und der Expedition 2 Mk.

Die Jnsertionsgebühr beträgt für die 7gefpaltene Zeile

oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 80 Pfennig. .. cy <

ctroiirtrt SKhrK 1QAQ Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Unioersttätsbuchdruckerei oUOHW

tyrCllug. io. Aplll lyuy. Inhaber Dr. T. Hltzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

86

fast nie und dann nur geschäftlich. Die Groß­eltern sind damit unzufrieden, sie hätten es gern gesehen, daß ich, daß er, nein, daß wir. Nein, nein, ich kann es nicht niederschreiben es ist zu unglaublich!

Ich bin mit Großvater die Nackt im Walde gewesen, er hat einen Auerhahn geschossen. Wir fuhren gestern abend zu Reine in die Busch­wächterei, dort blieben wir, bis der Tag an« brach. Die alte Madde, die Papas Amme ge­wesen, ist die Mutter des Buschwächters und war gerade bei ihrem Sohne. Sie saß bei mir, wäh­rend Großvater auf dem sauberen Strohlager in der Kammer schlief und erzählte mir leise von dem, was mich so sehr interefpert Ich

Die türkische Militär-Revolution.

Ueber Nacht ist die Macht des jungtürkischen Komitees fürEinheit und Fortschritt" in Kon­stantinopel über den Haufen geworfen, lleber- raschend wirkt dabei, daß gerade das Militär, vbne dessen tatkräftige Hilfe im vorigen Jahre dir Jungtürken kaum den Sieg gewonnen hät­ten, heute auch ihre Niederlage entschieden hat. Da-7 Komitee hat es also nicht verstanden, diese Wacht dauernd an sich zu fesseln. Ueber die Ur­heber der Revolution herrscht noch ebensoviel Unklarheit, wie über das, was kommen wird. Zwar wird in den Meldungen behauptet, daß das Militär wieder ruhig sei, doch glaubt man nirgends daran.

Ueber die Vorgeschichte

Nt Bewegung verlautet folgendes: Die erstc i Anzeichen eines un$ufriebenen Geistes bei der Garnison äußerten sich vor etwa 14 Tagen aus dem Anlaß der Demonstration der Hodjas gegen die Regierung. Ferner predigte die Geist- lichkeit in den Moscheen gegen die Offiziere, we !>e aus den Truppen ein willenloses Werk­zeug des jungtürkischen Komitees machten und einen Einfluß auf den Geist der Truppen aus- übten. Weitere Anzeichen waren die Meuterei der albanestschen und arabischen Bataillone und der Jildisbesatzung, sowie die Ermordung des Chefredakteurs desSerbesti". Die in den Truppen gährende Bewegung entging den Offi­zieren in den Stambuler Kasernen nicht. Die Offiziere unterrichteten vielmehr den Kriegs­minister davon und dieser verständigte den Eroßwesier, die Regierung war aber bereits machtlos. Die Bewegung war erst für Donners­tag festgesetzt gewesen, aber die Führer der Re­volution waren mit dem Gang der Untersuchung der Mordtat an dem Redakteur der Zeitung Serbesti" derart unzufrieden, daß sie schon ge» stcrn Rächt das Zeichen gaben. Die Bewegung ging von der Kaserne des Seraskerats aus. Biele Truppen kamen auf dem Ächmed-Platz mit klin- (lenbem Spiele unter den Klängen des Ber- assungsmarfches an.

Der authentische Vorgang

der Ereignisse vom 13. d. ist folgenbet: In bet Nacht zum Dienstag gegen 3 Uhr früh mar­schierte das vierte Bataillon der Saloniker Jäger zum PlatzeSultan Achmed" und erhielt bald Verstärkungen aus anderen Kasernen. Sämtliche Truppen kamen bewaffnet an, aber ohne Offiziere. Gegen 6 Uhr trafen einige Ba­taillone der Jildis-Besatzung ein. Die Soldaten feuerten Freudenschüsse ab und brachten Hoch­rufe auf die Armee aus. Den Mittelpunkt ihrer Stellung bildeten das Parlamentsgebäude und die Hagia Sofia. In der ganzen Umgebung sammelten sich ungeheure Volksmengen an, die sich mit dem Militär verbrüderten. Die Theo- logieftudierenden wurden von den Soldaten aus­gefordert, sich ihnen anzuschließen. Kurz nach Mittag erschien feierlich, unter Glockengeläute und von den Truppen beschützt, vor der Hagia Sofia ein Zug Ulemas, der laut Gebete hersagte. Um 2 Uhr traf die Marine-Infanterie mit klin­gendem Spiele ein. Gegen 3 Uhr nachmittags war die ganze Umgebung desAchmed-Platzes" unzugänglich und in den Händen der Aufstän­dischen. In der Pforte fand inzwischen ein Mi­nisterrat statt. Der Minister des Innern er­

klärte, der einzige Ausweg sei die Eesamtdemis- fion des Kabinetts. Der Ministerrat beschloß in diesem Sinne und der Eroßwesier begab sich nach dem Jildiz-Palast, um die Demission des Kabi­netts zu überreichen. Die dis gegen Mittag zu- rückbleibenden Minister hielten inzwischen einen neuen Ministerrat ad, dem der Kammerpräsi­dent Achmed Riza beiwohnte. Rach langer Be­ratung erkannte man es für notwendig, daß der Kammerpräsident demissioniere. Der erste Se­kretär des Sultans traf gegen 4 Uhr in der Kammer ein und verlas ein kaiserliches Jrade, in welchem die Demission des Kabineiks ange­nommen würde und die Befolgung des heiligen Scheriatgesetzes detont wird. Anwesend waren etwa 60 Abgeordnete. Um 6y2 Uhr wurde ein neues Jrade veröffentlicht, das den Botschafter in London Tewfik Pascha zum Eroßwesier und den Marschall Wchem Pascha zum Kriegsmini­ster ernennt. Die übrigen Ministerernennungen werden heute erfolgen. Die in der Kammer an­wesenden Abgeordneten hatten inzwischen den Abgeordneten für Berat, den Albane­sen Ismail Kemal (liberal) zum Präsidenten gewählt. In der Nacht wurden aus Stuten Truppen über den Bosporus gesetzt, was zu dem Gerücht Anlaß gab, die Garnison von Adria- nopel sei in einer Stärke von 15 000 Mann ein­getroffen und mit den Aufständischen in einen Kampf verwickelt. Langanhaltendes Freuden- schießen vermehrte die Zahl der sensattonellen Gerüchte. In Wirklichkeit hat keinerlei Kamp zwischen den Truppen stattgefunden, die mit dem Erreichten durchaus zufrieden zu sein scheinen. Die Macht der Jungtürken erscheint völlig gebrochen. Außer Achmed Riza find auch der Redakteur desTanin", Hufiein Djahid, sowie der Abgeordnete für Salonik, Djavid, geflüchtet. Es verlautet, daß die beiden in den Botschaften Schuh gesucht haben.

Weitere Meldungen.

Konstantinopel, 14. April. Die jung- türkischen BlätterTanin" undSchurai Um- met" find heute nicht erschienen. Man nimmt an, daß sie eingehen werden.

Pera, 14. April. Der Redakteur des Jkdam" hatte mit dem bisherigen Minister des Äeußeren Rifaat Pascha eine Unterredung über die letzten Ereignifie. Der Minister, völlig fafiungslos, gestand, daß bas Kabinett von der Bewegung durchaus überrascht wurde. Er hatte auf alle Fragen, was nun werden solle, nur die Antwort:Ich weiß es nicht." Das Kabinett habe eingesehen, daß es ihm an Vorsicht gefehlt habe, und darum habe es demissioniert. Man müsse alles tun, um eine Einmischung des Aus­landes zu verhindern.

Pera, 14. April. Die Insassen des Zentralgefängnisses machten geftern Abend einen Versuch auszubrechen und das Gefängnis in Brand zu stecken. Die Saloniker Jäger um­zingelten das Gefängnis und feuerten auf die Sträflinge. Die Ruhe ist wieder hergestellt.

Konstantinopel, 14. April. Heute Vormittag ist ein Panzerschiff ausgelaufen, an­geblich um die zu Schiffe von Salonik kommen­den Truppen zur Rückkehr aufzufordern, nötigen­falls sie dazu zu zwingen.

Konstantinopel, 14. April. Die Zahl der Opfer des gestrigen Tages scheint größer zu fein, als anfangs angenommen wurde. Man

(Nachdruck verboten.) I Besitzer erbaut, es liegt an einem großen See | und hat herrlichen Nadelwald im Hintergründe. Oriainaf.Wnmon I »Ich bin so gern hier, Fränzchen," sagte ich

Original-Roman von Freiftau Gabriele I einmal,schade nur, daß Hans Leopold so un-

v. Schlippenbach. I sympathisch ist.

(Kortfetzuug.)Du bist die erste Person, die bas findet,"

Einmal sagte ich zu Großpapa, daß ich es I versetzte sie erstaunt,er ist ein prächtiger nicht begreife wie man so beschränkt sein kann, I Mensch, Du kennst ihn zu wenig."

auf die Menschen herabzublicken, die bürgerlich I ..Ich habe auch gar keine Lust, ihn näher find. Da wurde er schrecklich böse, was er sonst I kennen zu lernen," entgegnete ich schnippisch.

nie gegen mich ist.Das sind demokratische An- | Fränzchen schien sehr erstaunt. Sie wäre es fichten," schalt er,in meinem Hause verbiete I nicht, wenn sie alles wüßte.

ich sie Dir, Felicitas, hörst Du? IWir find quitt," hatte er gesagt, als ich ihm

Ja, aber," wollte ich einwenden. I im Schlitten mit dem Muff einen Schlag ver-

tt srbt kein aber, dummes Kind, Du sollst I setzte. Ich habe mich nachträglich schrecklich ge-

elnl »Yen, daß es ein Glück ist, unter einer Frei- I schämt, denn gewiß wollte er mich nur necken,

herrnkrone geboren zu sein." I aber abbitten kann ich nicht und werde ich nicht,

.»ch schwieg, um ihn nicht zu ärgern, bleibe I jedenfalls war es ein häßlicher Scherz.

aber bet meiner Ansicht, daß ichhier manches I Hans Leopold ist selten in Troska, mehrere- ni>... begreife und mich davon seltsam berührt I mal sah ich ihn fortreiten, als ich in Ftänzchens fühle . . I hübschem Zimmer saß. Rach Hollen kommt er

Aber ich wollte von Groß-Troska erzählen, ' ' --------- ~ ~ "

wo ich mich bei Fränzchen Drachenstätt sehr glücklich fühle, ich schwärme nämlich für sie; sie ist nach Großing das liebste, beste Wesen, das ich kenne, und ich habe mich sehr an sie geschlossen, wie an eine ältere Schwester. Der Hauptgrund liegt darin, daß ich eine Entdeckung gemacht habe, sie muß meinen Vater geliebt haben, er ist ihr noch teuer. Schon in Mitau, als ich ihr sein Bild zeigte, durchkreuzte mich dieser Gedanke und jetzt ist er fast zur Gewißheit geworden. Ob er ste auch geliebt hat? Warum hat er sie denn Michl geheiratet? Ich muß Großing fragen.

Groß-Troska ist viel wenigerfeudal" als Hollen. Das schöne Haus ist erst unter diesem

Polittsche Umschau.

Frankreich gegen die wirtschaftlichen Interessen Deutschland« in Marokko.

DieKöln. Zig." schreibt aus Tanger: Die beifällige Aufnahme des deutsch-französischen Ab­kommens in weiten Kreisen Deutschlands hatte seinen Hauptgrund in dem Verttauen auf das französische Versprechen, die Entwickelung der deutschen wirtschaftlichen Interessen in Marokko nicht stören zu wollen. Wenn bis jetzt deutscher­seits unsere durch das Abkommen übernommenen Verpflichtungen erfüllt worden und Frankreichs polittsche Betättgung in Marokko weder durch die deutsche Regierung noch durch die Presse ober die Handelskreise gestört wurde, so setzten wtt habet nicht voraus, daß gleich bei der ersten Gelegenheit zur Erfüllung der französischen Pflichten gewisse Kreise der französischenMarokkostürmer* die alte Takttk erneuern und jeder wirtschaftlichen deut­schen Betätigung Steine in den Weg legen wür­den. Schon 1906 hatte Abdul Asis einer deutschen Firma eine Grnben-Konzession zugesprochen; diese Konzession hat dann Mulah Hasid im Herbst 1908 tmb unlängst von neuem bestätigt. Gegen diese

schätzt jetzt die Zahl der Toten und Verwunde­ten auf mehr als hundert. Die Disziplin der Armee wurde natürlich durch die gefttigen Er­eignisse sehr schwer erschüttert. Zahlreiche Offi­ziere wurden mißhandelt, verwundet öder er­mordet; viele find noch gefangen oder in Zelten versteckt. Einzelne Fälle von Mißhandlungen oder Racheatten gegen Offiziere sind auch heute zu konstatieren, lieber die Haltung des Adria- nopeler und des Saloniker Korps liegen vor­läufig keine Nachrichten vor, was hier Besorg­nis erregt

Das Ausland:

Sofia, 14. April. Die bulgarische Tele­graphenagentur erklärt, die Ereignisse in Kon­stantinopel erfüllen zwar die bulgarische Regier­ung mit großer Sorge, doch entbehren die Ge­rüche von einer Mobilisierung ober dem aggres­siven Vorgehen Bulgariens jeder Begründung.

Paris, 14. April. Die Blätter erörtern einaehend die Konstantinopeler Ereignisse. Der Siede" schreibt: Wir hatten in der letzten Zeit mit Bedauern gesehen, wie der österreichisch- deutsche Einfluß in Konstanttnopel von neuem mächtig wurde, aber wir beobachteten ber Re- formregicrung gegenüber eine große Zurückhalt­ung. Jetzt besteht dieser moralische Zwang nicht mehr. Ohne gegen die Türkei irgendwelchen Tadel zu erheben und ohne die türkischen Staatsmänner, welche sich der Tripelentente nähern möchten, irgendwie entmutigen zu wollen, können wir sagen, daß wir nunmehr die Hände frei haben. Für uns darf nur das In­teresse Frankreichs maßgebend sein.

DasJournal des Debats verlangt, daß man unter den gegenwärtigen Umständen nicht mehr länger zögere, Bulgarien die gewünschte Genugtuung zu geben und seine Unabhängig­keit anzuerkennen. Man dürfte sich nicht bei protokollarischen Formalitäten aufhalten, die Dettilschwierigkeiten könnten später geregelt werden.

nur auf einen kleinen Teil Marokkos sich e» streckende Konzession soll jetzt Sturm gelaufen werden.Times" undTemps* eröffnen den Tanz. Es ist zu hoffen, baß bie beiderseitigen Re­gierungen bas Treiben biefer vom Geiste des Ab- kommens noch nicht erfüllten Klique im Interesse ber angebahnten beutfchfranz ösischen Detente bei biefer ersten Probe auf bas Exempel, ob unsere wirtschaftlichen Interessen in Marokko künftig als gleichberechttgt behanbelt werden sollen, anss schärfste verurteilen werden.

Vom polnischen Bankwesen.

Nach den für das Jahr 1907 vorliegenden Geschäftsberichten ber polnischen Banken unb Ge­nossenschaften waren in dem genannten Jahre vor­handen 19 Parzellierungs Banken unb -Genossen­schaften. Davon arbeiteten 13 in ber Provinz Posen unb zwar 5 in Posen, je 1 in Crone a. Br Hohensalza, Kosten, Olobok (Kreis Ostrowo), Ostrowo, Priment, Schrimm unb Wreschen. Die westpreußischen Parzellierungsgenossenschaften unb landschaftlichen Genossenschaften, 4 an der Zahl, haben ihren Sitz in Berent, Löbau, Thorn und Tnchel. Dazu kommt für Brandenburg eine Jm- mobilienverkehrsbank in Steglitz Berlin und für Schlesien eine Parzellieningsgenossenschaft in Beu­chen. Es betrug ber Gesamtumsatz bei der Pose­ner Parzellierungsbank rund 19 Millionen J(, bei der Parzellierungsgenossenschaft der Landwitte in Posen 16,7 Millionen, bei dem Verband der Lanb- icirte in Posen 4,3 Millionen, bei ber Posener Landbank nahezu 27 Millionen M. Auch von de« kleineren, weniger leisttmgsfähigen Jnsttttiten ha­ben mehrere einen Umsatz von mehr als 1 Mill. Jk erreicht. Die zweite Gruppe in dem System bet polnischen Wirtschaftsorganisation bilden die Bmi- genossenschasten, von denen 3 in Posen und je eine in Bromberg, Gnesen, Krotoschin, Graudenz unb Kattowitz O.-S. bestehen. In ber letzten Gruppe sinb Finanzinstitnte verschiebener Att unb Bestim­mung bereinigt. Ihr gehören an brei Kassen für gegenseitige Unterstützung, bie Meliorations-Ge­sellschaften, bie Rnsttkalbank, bie Bank für Lanb- wittschaft unb Industrie, Kwilecki, Polocki u. Co., Komandit-Gesellschast auf Aktten, und die Jn- dustriebank, sämtlich in Posen. Die Rnsttkalbank hat eine Dividende von 8% pCt., bie Bank für Landwirtschaft unb Industrie bei einer Brutto­bilanz (pro 30. Juni 1908) von 77 Mill. Jl eine solche von 7 PCt. erteilt. Bei dem letztgenannten Institut haben die Umsätze gegenüber dem Ge­schäftsjahr 1906/07 eine Steigerung von beinahe 14 Mill. Jt erfahren. In nahezu allen Geschäfts­berichten findet sich die Angabe, daß sich bie Ban­ken unb Genossenschaften vorteilhaft entwickelt unb auch bie schwierige Periode des Jahres 1907 gut überstanden haben.

Deutsches Reich.

Kaiser Wilhelm in Benedig. Venedig, 14. April. Der Deutsche Kaiser, die Kaiserin und Prinz Oskar von Preußen sind heute Mittag hier clngetroffen unb am Bahnhofe vom Reichskanzler

sollte auch schlafen lag aber mit aufgestütztem Ellbogen in dem breiten, auf plumpen Pfosten ruhenden Bett des Ehepaares und lauschte ge­spannt auf die Worte der guten Alten, die genau von allem unterrichtet ist. Madde ist ziemlich gebildet und spricht etwas deutsch, so konnten wir uns verständigen. Ich dankte ihr, daß ste Papa dazwischen geschrieben und gab ihr einen Silberrubel.

Der junge Baron sollte ja das gnädige Fräulein, das in Groß-Troska lebt, heiraten, und viel fehlte denn nicht daran, so hätten sie sich verlobt, da reiste mein Jungherr fort und sein Herz blieb bei der Fremden. Ach? Fräu- leinchen, da gab es viel böses Blut, der alte Baron hat den Sohn verstoßen und ihm gesagt, er dürfe nie wiederkehren und von Hollen werde ihm kein Fuß breit Land vererbt werden. Ich habe damals noch als Stubenmagb in Hollen gedient, war Witwe und fand in Hollen guten Verdienst, da ist der Jungherr totenbleich zu mit gekommen unb hat meine arbeitsharte Hand mit seiner schönen, weißen gepackt, daß es mir weh tat.

Madde", hat er gesagt,ich muß fort, ver­sprich mir, daß Du mir jedes Jahr schreiben wirst, ich werde sonst von keinem Menschen Nachricht erhalten und muß doch wissen, wie Ihr hier lebt."

Die gnädige Frau wird doch schreiben," sagte ich.

Die darf nicht," sagte et,ber Herr hat es verboten und hinter seinem Rücken tut ste nichts."

Ich weinte und trocknete bie Augen mit der Schürz«.

Achi lieber Jungherr, warum gehen ste fort?" schluchzte ich.

Weil ich bie heirate, die ich liebe, sagte er, eine bie hier nie Herkommen darf und die ich zur Baronin Rothenfeld machen will."

Unb damit ist er fortgeritten im Zwielicht des unfreundlichen Herbstmorgens und meine alten Äugen sehen ihn nie wieder."

vielleicht doch, Madde," sagte ich,Du mußt alle Tage darum beten, ich tue es auch."

Die Alte kniete an dem Bett nieder und ft>r ch leise das letttsche Vaterunser, dann deckte sie mich zu und schlüpfte davon. Die niedere Stube war matt durch das niedergebrannte Torffeuer erhellt, das einfache Hausgerät, bet Tis) unb die buntgemalten Stühle aus Tan­nenholz standen vor dem großen Kachelofen. Ueber meiner Lagerstätte war die bet Äinber des Buschwächters, die man durch eine Leitet erklettern mußte, bas Schnarchen und laute Atmen tönte an mein Ohr und dazwischen das Bellen des Hofhundes. Ah habe viel gemeint, als Madde mich verließ; ste hielt sich scheu vor Großpapa versteckt. Gerade vorgestern habe ich einen so lieben Bries von meinem Hebet Vater erhalten, er ist jetzt in Odessa und scheint grosse Sehnsucht nach seiner Fee zu haben.

Hast Du mit nichts Gutes zu berichten?"

Diese bange Frage lese ich in jeder Zeile unb ich mutz schweigen, kann nichts daraus erwidern.

Nein, nein, ich darf in Kurland nicht feste Wurzel fassen, meine Heimat kann es nicht »er­ben, so lange mein Herzens-Papa Hollen fremd bleibt, so lange sich seine Tüt vor ihm »er­schließt.

(Fortsetzung folgt.)