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Marburg

Mittwoch 24 März 1909.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

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Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 23.

Nervosität in England.

' Das englisch« Unterhaus hat schon wieder ietne Debatte über die deutsche Flotte gehabt. Einesteils beunruhigt es die Herren, baß Deutschland sich durch den Abrüstungsköder nicht ?6ot fangen lassen, sondern ruhig zu seiner Sicher. |eit zur See so weiter arbeitet, wie man es für nötig hält. Andererseits hat eine Meldung, Deutschland beschleunige jetzt seine Rüstungen, Grund zur nationalen Aufregung gegeben.

Ueber die Verhandlungen de» Unterhauses wird berichtet:

George Faber richtete an Premierminister Asquith die Frage, ob er im Hinblick auf die jüngst vo« deutschen Staatssekretär der Marine, v. Tirpitz abgegebene Erklärung, daß der deut­schen Regierung von der englischen Regierung kein Vorschlag bezüglich der Flottenabrüstung gemacht worden sei, eine Erklärung darüber geben könne, was zwischen den beiden Regierun­gen bezüglich der beiderseitigen Herabsetzung der Marineausgaben vorgegangen sei. Auch andere Mitglieder des Hauses, konservative wie libe­rale, richteten Fragen gleichen Inhalts an den Premierminister, der alle Fragen wie folgt be­antwortete: Ich muß aus die Erklärung ver­weisen, die ich am letzten Dienstag in diesem Hause abgab und die die genauen Tatsachen darlegt, a« denen ich in jeder Hinsicht festhalte. (Beifall.) Die Angelegenheit war im vergan­genen Jahre mehr denn einmal Gegenstand eines nicht formellen Gedankenaustausches zwi­schen den beiden Regierungen und zwar unserer­seits in der Absicht, um uns zu vergewisiern, ob irgendwelche Vorschläge der Art, wie sie in den en mich gerichteten Fragen bezeichnet werden, in Erwägung gezogen werden würden. Wir haben keinerlei Vorschläge gemacht, weil man uns zu verstehen gab, da» deutsche Flottenpto- gramm fei gesetzlich festgelegt und in keiner Weise von demjenigen Großbritanniens ab­hängig. Soviel ich weiß, liegt ein authentischer Bericht über die Bemerkungen, die Staatssekre­tär von Tirpitz in der Budgetkommission des Reichstage« gemacht haben soll, nicht vor, doch wird, wie ich aus den deutschen Zeitungen ent­nehme, der deutsche Staatssekretär des Auswär. tigert alsbald die Gelegenheit wahrnehmen, über die Sachlage Mitteilungen zu machen. Ich zweifele nicht, daß über seine Erklärungen ein vollständiger Bericht erstattet werden wird und ich behalte mir jeden wetteren Kommentar vor, bis wir diesen Bericht vor uns haben.

Hierauf richtete Mackarneß an Asquith die Anfrage, ob zu irgend einer Zeit seit der briti­schen Regierung im Herbste vorigen Jahres die Mitteilung zugangen sei, daß im deutschen Flottenprogramm der Bau von vier Schiffen beschleunigt werden solle, eine freundschaftliche Nachfrage irgend welcher Art an die deutsche Re­gierung gerichtet worden sei, um sich über die

g (Nachdruck verboten.)

Guter!» 1.

Original-Roman von Freifrau Gabriel» v. Schlippenbach.

p7 I Fortsetzung.»

Es ist lange sehr still in dem Zimmer, nach­dem Frau Wilhelmine von Rothenfeld den Brief ihre« Kindes beendet hat. Wie gelähmt fitzt fie da, die dichtbeschriebenen Blätter im Schoß und Träne um Trän« tropft auf die wohlbekannte Handschrift nieder. Der Raum, in dem die Herrin auf Hollen sitzt, ist ihr Tu», kulum, ihr Allerheiligstes,' hier hat sie manchen schwere» Kampf gekämpft, al» junge» Weib, wen» des Gatten rauhes Wesen sie, die Fein­fühlige. verletzte, hier hat fie auf den Knien gelegen und zu dem schönen Stahlsiich emporge­schaut, Petrus und der Heiland auf dem Meere.

Herr hilf mir, ich verderbe!"

So hatte ihre Seele geschrien, wenn de» Lebens Stürme ihr genaht und die Wogen der Trübsal fie zu vernichten drohten. Und jedes­mal hatte sie ihr stilles Zimmer mit hellen Augen und gettösteten Sinnes verlasien, schöpfte doch ihr tief gläubiges Gemüt immer neuen Segen in dem Gesundbrunnen de, Ge­betes.

Ein Engel kam und tröstete ihn," heißt es von dem göttlichen Dulder in Gethsemane und wahrlich, wer sein Kreuz dem Heiland nach­trägt, der erfährt solch himmlisch Trösten an der eigenen gemarterten Seele.

Das Zimmer der Baronin ist hellgrau ge­tüncht und hat, wie alle übrigen Gemächer in Hollen seine Attribute. Hier sieht man einen Bienenkorb als Sinn des Fleißes, die Spindel bedeutet die Häuslichkeit, die Kirche stellt die Frömmigkeit vor und die spielenden Kinder de»

Ausdehnung und den Zweck dieser Beschleunig­ung zu vergewisiern. Premierminister Asquith erwiderte, daß der Staatssekretär des Auswär­tigen, Sir Nrward Grey, alsbald die Gelegen­heit ergreifen werde, eine Erklärung abzugeben, die diese und andere Gegenstände umfasien werde, welche so befriedigender als durch Frage und Antwort klar gestellt werden könnten. Das Tadelsvotum, das von der Opposition einge­bracht werden solle, werde dem Staatssekretär Gelegenheit geben, seine Erklärungen zu machen.

Lord Lonsdale fragte bei der Kammer an, ob die Regierung im letzten Juli gewußt habe, daß die Firma Krupp eine große Anleihe aus­genommen habe zum Zwecke der Erweiterung ihrer Werke infolge der Aufträge, welche ihr die deutsche Regierung gegeben habe, um ihrSchiffs- bauprogramm zu beschleunigen. Mac Kenna erwiderte: Die Vergrößerung in den Kruppschen Werken und die zur ihrer Durchführung aufge­nommenen Mittel seien bei der Admiralität schon vor dem genannten Datum sehr wohl be­kannt gewesen; sie sei teilweise infolgedesien geschehen, daß für die Erbauung eines Linien­schiffes in Deutschland die nötige Zeit um neun Monate sich verringert habe. Die in Frage stehende Erweiterung habe zweifellos vorher an« gezeigt, daß der Schiffsbau beschleunigt und die individuellen Schiffstypen ausgestaltet werden würden und daß die zahlreichen Verzögerungen, die früher stattgefunden hätten, verschwinden würden. Zu gleicher Zeit brauchte dies ja doch keineswegs anzuzeigen, daß von Seiten der deut­schen Regierung die Absicht bestände, auch die Fristen für den Beginn der nach dem Flotten­gesetz genehmigten Schifte früher zu legen.

Gemäß der parlamentarischen Geschäftsord­nung wurde der Zeitpunkt über die Erörterung des Tadelsvotums noch nicht festgestellt. So­dann wurde die Debatte über die Festsetzung der Effektivstärke der Flotte auf 128 000 Mann an­genommen.

Inzwischen hat auch die Agitation im Lande und in der Presie neue Kraft erhalten. Die Flottenliga hat im ganzen Lande eine riesige Agitationskampagne in­szeniert, um die Regierung zu zwingen, sofort mindestens 8 Dreadnoughts in Bauauf­trag zu geben. Ein Blatt sagt sogar, die Ueber- macht Englands zur See werde dauernd gefähr­det bleiben, wenn man sich nicht dazu entschlie­ßen könne, alle sechs Wochen einen neuen Dread­nought zu beginnen! Zu wahnsinnigen Expek­torationen versteigt sich aber ein Artikel des Observer. Hier wird Deutschland vorgeworfen, daß e» einen abscheulichen Verrat gegen England begangen habe, indem es hinter­hältigerweise seinen Flottenbau beschleu­nigte. Die von seiner Seite abgegebenen Versicherungen seien nur auf Täuschung berech­net gewesen. Unter solchen Umständen sei Groß­britannien vollständig berechtigt, zu den Waf­fen zu greifen! Jeder Engländer aber müsse sich darüber klar sein, daß man entweder sofort 8 Dreadnought bauen oder aber den Krieg mit Deutsch!and noch vor 1910 beginnen müsse, denn nachher würde

Hauses Glück und Segen. Auf dem erhöhten Tritt befindet sich das Nähtischchen und von die­sem Platz blickt man zum Schlummerhügel der Rothenfeld hinüber. Baron Adam hat die Bäume des Parkes abhauen taffen, ein schmaler Gang ist entstanden, durch den die Mutter das Grab ihres verlorenen Lieblings und das weiße Marmorkreuz sehen kann, das zu Häupten des Hügels leuchtet, der ihren toten Engel deckt. Ja, hienteden tot, droben lebend.

Endlich erhebt sich die Baronin, fie faltet die Briefblätter sorgsam und verschließt sie in ihrer alten Kommode mit blanken Messinggrif­fen. Sie hat das Licht auf das altmodische Möbelstück gestellt und öffnet eine der Schub­laden. Es liegt bunter Kram darin, eine ver­blichene grün-blau-weiße Studentenmütze, ein ebensolches Farbenband, die ersten Schühchen, die ihr Sohn gettagen, es sind gelbe, leichte Pa- ' stelchen, die die alte Madde, damals ein fri­sches. junge« Knechtsweib, die Amme des Kna­ben, aus weichem Kalbsleder verfertigt hat, Schulzeugnisie vom mitaufchen Gymnasium, einige trockene Blumen, die ihr Junge ihr ge­bracht, die sie zum Andenken an ihn aufbe- wahtte und noch mancherlei Erinnerungen an die Zeit, wo erdaheim" war. Zuletzt holt Frau Wilhelmine ein Bildnis aus einem Fut­teral hervor; der rote Samttahmen ist ver­blichen und die Züge sind durch die vielen Jahre undeutlich geworden, aber das Mutterauge ruht trotzdem liebevoll auf der mangelhaften Abbild­ung dessen der ihr Stolz war. Damals zählte Friedrich Johann erst sieben Jahre, er war in der Sekunda und überraschte seine Mutter zu Weihnachten mit dem Bildnis, einem sogen. Daguerotyp, denn es gab damals noch keine Photographien.

Wie ost hat fie dieses Konterfei angesehen, wie oft zu ihm gesprochen, ihm gesagt, daß fie

Großbritannien fein Uebergewicht zur See ein« gebüßt haben!

Eigentlich liegt in diesen Worten eine grobe Unverschämtheit. Als ob Deutschland sich sein Flottenprogramm von England genehmigen lasien müßte!!

Diese ganze Agitation geht von den unionistischen Parteikreisen aus, die auf diese Weise der liberalen Regierung, welche nicht alle Pläne nationaler Heißsporne erfüllen will, den Garaus machen wollen. Wenn sie alfo auch zum Teil unter dem Gesichtspunkte von inneren Parteistreitigkeiten zu betrachten find, so werden wir doch gut tun, nicht achtlos an ihnen vorüber zu gehen. Sie zeigen, daß weite Kreise des eng­lischen Volkes sich in einer feindseligen Stimm­ung gegen uns befinden, so daß sie nicht imstande sind, uns unsere Rüstungen, die im Vergleich zu England gewiß ärmlich genannt werden müssen, einrichten zu lassen wie wir wollen. M a n h a t sich offenbar von den Besuchen und Frie­densdemonstrationen einen realen Gewinn in Gestalt einer Einwirkung auf die Ausgestaltung unseres Flottenpro- gramms versprochen. Da dies ausge­blieben test, kommt die Wutdes enttäusch­ten Schmeichlers zum Ausbruch. Uns kanns recht sein. Es ist anzunehmen, daß untere Regierung fest nur auf die Notwendig­keiten unseres Reichs blickt und sich weder durch Freundlichkeit noch durch Haß von dem einge- schlagenen listigen Wege drängen läßt.

Der jeibijch - öfterretditidie Konflikt.

Serbien rüstet weiter.

Serajewo, 22. März. Die serbische Kriegsverwaltung hat, wie neuerdings verlau­tet. die Reservisten des ersten Aufgebots ent­lassen und die des zweiten zu einer Waffen­übung einberufen. 'Man erblickt hierin ein Anzeichen dafür, daß die Zeit bis zu einem eventuellen Ausbruch der Feindschaft benutzt werden soll, um weitere Mannschaften militä­risch auszubilden und die Rüstungen zu vervoll­kommnen.

Konstantinopel, 22. März. DemTa­nin" zufolge sind außer dem bereits avisierten serbischen Kriegsmaterial laut Meldung des in­terimistischen Generalinspektors von Saloniki weiter noch angekommen: 263 Kisten unchar­gierte Patronen, 23 Kisten Eeschützmunition und 19 Kisten leere Geschosse. Der Schiffskapitän erklärte, das Kriegsmaterial sei erst kurz vor Abgang des Schiffes an Bord gekommen; er habe die serbische Gesandtschaft daher nicht avisieren können. Der Ministerrat beschloß, diesmal noch die Erlaubnis zur Durchfuhr zu erteilen, für weiteres nicht avisiertes Kriegsmaterial jedoch nicht mehr.

Oesterreichs Friedensliebe.

Wien, 22. März. (Abgeordnetenhaus.) Vor dem Uebergang zur Tagesordnung gab Mi­nisterpräsident Freiherr v. Vienerth folgende Erklärung ab: Wir haben es unterlassen, auf die serbische Note sofort zu antworten, weil eine

ihm vergeben, daß das treue Herz noch ebenso warm für den Verlorenen schlägt.

Und dann hebt sie den Blick zu dem von Döring gemalten Oelbilde ihrer Tochter, bas über der Kommode hängt, es stellt Felicitas, ober Fee, in ihrem achten Jahre vor; als es gemalt worden, war der kurische Landtag in Mitau, Rothenfeld war hingereist, da Baron Adam Deputierter des goldingschen Kreises war, in dem Hollen lag. Döring porträtierte da­mals halb Kurland und das reizend« Kinder­gesichtchen der kleinen Baronesse war ihm be­sonders gelungen. Schelmisch und unschuldig schauten die Augen, die der Tod so ftüh gebro­chen, aus dem kostbaren, geschnitzten Rahmen, der rosige Mund lächelte und eine goldene Glo­riole umgab das lockige Haar das süße Antlitz, das zwei Jahre später in der hehre» Majestät des Todes erstarrt, wie ein zartes Wachsgebilde im weißen, wappengeschmückten Sarge gelegen.

Fee," rang es sich über die Lippen der Ba­roninich soll wieder eine Fee haben, sie Wen und hegen, wie einst Dich, mein geliebtes Töch­terchen. O, bete Du da droben, daß ich den starren Sinn Deines Vaters erweiche und die holde Menschenblüte uns im Alter erfreue."

Nachdem alles wieder sorgsam verschlossen war, ergriff Frau von Rothenfeld den silbernen Leuchter und ging in das Nebenzimmer, das von jeher als das der Sprossen des alte» Ge­schlechtes benutzt worden war. Es war hell- rosa von Farbe und Spielzeug war als Ver­zierung an den oberen Seiten der Wände ge­malt, Steckenpferde. Puppen, Trommeln und Flinten, Wickelkinder, die der Storch im Schna­bel trug, und noch allerlei Embleme wieder­holten sich. Hier hatte die Wiege des Baron Adam, die feines Vaters und feinet Geschwister gestanden, hier hatten die beiden Kinder der Vereinsamten ihr» ersten Träum« geträumt

umgehende Erwiderung auf dieselbe eine wei­tere Verschärfung der Situation im Gefolge ge­habt hätte, welche wir, soweit es von uns ab- hängt, vermeiden wollen. Das Ziel unserer Po­litik ist die Sicherung und Konsolidierung oe*. durch die Annexionserklärung geschaffenen Zu­standes. Wir hegen keine aggressiven Absichten, und verfolgen leine Prestige-Politik. Serbien hat demnach nochmals Zeit, sich Über feine Lage klar zu werden und uns gegenüber einzulenken. Wir ziehen es aber auch aus diesem Grunde vor, uns mit bet Beantwortung bet jüngste« serbischen Rote nicht allzusehr zu beeilen, weil wir erfahren haben, baß andere Mächte Serbien neuerdings Ratschläge erteilen wollen, welchen diesmal hoffentlich vollkommen Rechnung ge­tragen werden wird. Wenn wir aber auch, wie aus dem Gesagten hervorgeht, fortfahren, die größte Geduld an den Tag zu legen, so erfülle« wir doch andererseits nut eine Pflicht gegen uns selbst, wenn mit auf baldige Beendigung des unhaltbaren Zustandes an unserer Grenze (lebhafte Zustimmung) mit allem Nachdruck hinwirken. Wit bleiben jedoch auch heute un­serer hisherigen Methode treu, indem wir Ser­bien die Hand reichen, damit, wenn dieses zur Erkenntnis feinet Situation gelangt ist, es fte ergreifen kann. (Beifall.)

Politische Umschau.

Bom AuSftand der sranzöfischen Postbeamte«.

Paris, 22. März. Von 5000 ausständige« Postbeamten ist etklätt worden, daß es unntöglich fei, die Arbeit unter den von der Regierung ge­stellten Bedingungen wieder aufzunehmen. Im Haupt-Telegraphenamt und in verschiedenen Tele- graphenämtern hat heute vormittag die Zahl bet arbeitenden Beamten zugenommen. Dem Ver­nehmen nach sind 250 Linien in Unordnung, weil für deren Instandhaltung nicht gesorgt ist.

Paris, 22. März. Ministerpräsident Giemen» ceau empfing heute früh in Anwesenheit des Mi­nisters der öffentlichen Arbeiten eine Abordnung der ausständigen Postbeamten. Die Beamten et- Härten, es handle sich für sie nut um Durchsetzung von Standesforderungen. Sie bestanden darauf, von Ministerpräsident Clemenceau das Ver­sprechen zu erlangen, daß Unterftaatssekretät Simyan verabschiedet werden solle. Glemencean und Barthou erklärten aufs bestimmteste, daß sie sich über diesen Punkt keine Bedingungen stelle« lassen könnten; ebenso ertlärte Ministerpräsident Clemenceau, sich den Ausständigen gegenüber überhaupt nicht auf Bedingungen einlassen z« können. Die Reaierung beweise ihr Wohlwollen betetts bamtt, daß sie alle Ausständigen aus­nahmslos zur Wiederaufnahme der Arbeit aufge- forbert habe. Minister Barthou lehnte es ab, die Abgesandten des Syndikats der Postbeamten offi- ziell im Ministerium zu empfangen. Das Syndi­kat werde nur in Erwartung des Postbeamten­reglements geduldet, doch werde der Minister alle 21' _ = .....~2

Noch stand bas schmale, weiße Himmelbett ba, in bemFee" gestorben, war und in bet gegen- tibetliegenben Ecke war etwas mit einem Tuch sorgsam bedeckt. Frau von Rothenfeld zog die­ses Tuch fort, es waren die Spielsachen ihrer Kinder. Die Puppe des kleinen Mädchens, die Küche, die fie zum letzten Weihnachten mit hal­bem Jubel begrüßt, des Knaben Pfeile und Bogen, Flint« und Jagdtasche, das plumpe Schaukelpferd, das ihn oft getragen und das bet Stellmacher in Hollen mehr dauerhaft als schön angefertigt. Jetzt glitt die Hand der Mut­ter fast zärtlich übet das braun und weiße Kalbfell, mit bem bas Untier bezogen war, fie mußte etwas liebkosen, bas ihrem Jungen einst gehört etwas, bas et berührt hatte. Jetzt ist fie aus diesem Heiligtum wieder in ihr Zimmer zuröckgegangen, fte steht am Fenster und blickt in die sternklare, mondhelle Oktober- nacht hinaus und ihre Hände haben sich zum heißen Flehen ineinander gefügt, leise bewegen sich ihre Lippen. Und wie fie eine Weile so bageftanben, bi« nassen Augen zum Nachthim­mel erhoben, ba fällt eine prächtige Stern­schnuppe hernieber, langsam, wie eine feurige Rakete durchfurcht fie von Osten nach Westen da» Firmament. Da lächelt die Baronin Rothenfeld glückselig, mit Hellen Augen tritt fie aus ihrem Tuskulum und sucht ihr Schlafztm- met auf, um sich zur Ruhe zu legen. Sie schläft mit ineinandergefalteten Händen ein und et« Traum zeigt ihr, was fie wiederzusinben hoffte.

Ja. fie ist entschlossen, mutig zu kämpfen, fte wirb morgen nach Wien an ihren Sohn schrei­ben, baß et nicht umsonst an ihr Mutterherz appelliert hat, baß fie bereit ist, für seine« Wunsch alles zu opfern, sogar bat schöne Heim, bas sie so innig liebt, wenn bem Kinde bes Ent­erbten bet Platz rauh verweigert wird, ben e» von Geburt einzunehmen berechtigt ist. (F. f.)