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Marburg

Mittwoch. 10. März 1909.

Die JnfertionSgebühr beträgt für ine 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, UmversttätSbuchdruckeret Inhaber Dr. T. H t tzero th, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

44. Jahrg.

Zweites Blatt.

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Rede des Abg. Dr. Böhme zum Antrag der Polen

vem 28. gebt. 1909.

28efc»e Herren, nur noch einige kurze Ausführun­gen. Ich glaube, ber Herr Abgeordnete Ledebour irrt sich, wenn er meint, daß die heutige Debatte irgend­wie dazu beitragen könnte, die Sympathien für die Bestrebungen des Polentums in weite Kreise zu tra­gen. (Sehr richtig! rechts.) Gerade die Tatsache, baß wir Herren tote die Herren Stadthagen und Ledebour auf der Seite des Polentums sehen, gerade diese Tatsache öffnet den weitesten Kreisen unsere- Volkes den Blick dafür, daß die Sache eine schlechte ist, für die da- Volentum eintritt. (Lachen bei den Polen.)

Meine Herren, der Herr v. DziembowSki-Pomian hat vorhin sich dahin geäußert, wir hätten in der De­batte der vorigen Woche deshalb nicht geantwortet, weil wir nicht in der Lage gewesen wären, auf da» umfassende Material, das er hier vorgebracht hat, etwas zu saaen. Aber nein. Sie täuschen sich über die Gründe vollständig. Wir haben von sämtlichen Par­teien rechts und auch von nationalliberaler Seite des­halb nicht gesprochen, weil eine Abmachung bestand, durch ein Sprechen von unserer Seite eine derartige Debatte nicht zu verlängern. (Heiterkeit bei den Polen.) Erst dann, als wider Erwarten Herr Got- hein Bon den freisinnigen Parteien auf der Tribüne erschien und den Polen beisprang, erst da haken wir es für richtig empfunden (Heiterkeit), unsererseits hier das Wort zu ergreifen.

Dann hat der Herr Redner des Polentum» den hohen »ulturzustand seiner Nation dadurch beweisen wollen, daß er von dem Parlamentarismus sprach, der am frühesten im Polenreich verwirklicht war. Ich glaube, er hätte die trübselige Erinnerung an den polnischen Parlamentarismus hier nicht wachrufen sollen; denn wenn eS je ein Zeichen der Unkultur gab. so ist da» daS polnische Parlament, das in seinem ganzen Verhalten, solange eS bestand, niemals den Wahren Jutereffen der polnischen Nation, sondern einer kleinen Clique bestechlicher Elemente gedient hat. Sie können die Historiker der damaligen Peri­oden durchlesen, tote z. B. den Geschichtsschreiber Friedrichs beS Großen, ben bekannten Professor Koser an der Berliner Universität, unb Sie werden finden, welche verhängnisvolle Rolle gerade da» polnische Parlament gespielt hat, und tote es gerade die trüb­sten Zeiten für die polnische Nation waren, wo die- jenigei» Elemente, die etwas von Nationalstolz in sich hätten fühlen sollen, und deren Pflicht es getoefen wäre, die Ehre ihrer Natton zu wahren, sich in der schlimmsten Weise haben bestechen [affen von den Ver­tretern der fremden Nationen Oesterreich, Preußen unb Rußland, die damals eine gemeinschaftliche Be­stechungskaffe eingerichtet hatten, aus der die stührer des polnischen Reichstags besoldet wurden, und die sich bann willenlos betn gefügt haben, was die frem­den Rationen von ihnen verlangten.

Wenn ich von dem Dank gesprochen habe, den da» polnische Volk dem deutschen, vor allem dem preu­ßischen schulde, so war das nur berechtigt. Es hat nicht nur Zeiten gegeben wie die jetzigen, wo wir, ge­zwungen durch den Kamps, ben Sie unS aufgedrun- gett haben, uns zu schaffen Maßregeln haben hin» rühren lassen müssen, sondern es hat auch Zeiten ge» geben, tote unter ben Königen Friebrich Wilhelm III. unb IV., wo eine so milbe Verwaltung gegenüber ben Polen herrschte, wie so niemals in einem nationalen Staate einer fremben Nationalität zugestanden wor­den ist. Blicken sie doch einmal hinüber nach Groß­britannien, ob die Iren sich jemals derarttger Privi­legien erfreut haben wie damals die Bolen! Und wa» ist bie Antwort gewesen? Das waren Verschwörungen, bas waren fortgesetzte Zettelungen. Man hat sich nicht würdig erwiesen dessen, was der preußische Staat für Sie getan hat. (Zwischenrufe bei ben Polen.) ES ist unS schwer geworben unb auch ber preußischen Re­gierung außerordentlich schwer geworben, zu berartt- gen Maßnahmen greifen zu müssen. Wir haben es nur getan, weil wir. in einem nationalen Kampfe leben, unb wir nicht mehr FriebenSzeiten haben. Alle die Verhältnisse, von denen Sie sprechen, paffen wohl für Friedenszeiten, aber nicht für die Zeiten, in denen wir leben. (Sehr richttg! rechts.)

Nun hak ber Herr Vertreter ber Sozialdemokratie gesagt, ich hätte die Stellen zifteren müssen, in denen sich Vertreter ber Sozialbemokratie für einen ent­schiedenen Kamps auf nationalem Gebiet ausgespro­chen hätten. (Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Ja, Herr Hue, Sie haben, obwohl Sie mein Steno» gratnnt in der Hand gehabt haben, gar nicht gelesen, toaS ich gesagt habe. (Abgeordneter Hue: Ich habe eS ja borgelefen!) Sie haben es bann nicht verstan­den. kLachen bei den Sozialbemokraten.) Ich habe gesagt:

Wenn der Herr Abgeordnete Stadthagen sich ein bißchen mit der sozialistischen Literatur beschäftigen würde, wenn er bie ihm allerdings fernstehenden Sozialistischen Monatshefte" genauer Nachlesen würbe, so würde er Aussätze von seinem Kollegen Hue, und wie sie sonst heißen mögen, finden, in denen nachgewiesen wird, daß auch stark sozialistisch angehauchte Arbeitervertreter da, wo es sich um ihr BolkÄum handelt, sehr wohl zu Ausnahmeregeln schretten, wenn sie fürchten, daß ihr Volkstum be­droht wird. (Widerspruch b. b. Sozialdemokraten.)

Ich habe demnach nicht gesagt, daß Sie, Herr College Hue, daß Herr Schippel ober andere Herren den nationalen Kampf gefordert haben. Ich habe ge­sagt und das geht aus dem, was ich soeben vorge­lesen habe, hervor, daß Sie und Ihre Parteige- noffen festgestellt haben, daß andere sozialistisch ange­bauchte Arbeitervertreter derartige Forderungen ge­stellt haben. Und dafür kann ich ben Beweis erbrin­gen, und zwar nicht nur aus einer einzigen Rümmer derbaztaliftischeu Monatshefte". Ich verweise all

Beispiel auf das, was Schippel im Jahre 1608 auf Seite 976 berSozialistischen Monatshefte" über bie australischen Verhältnisse sagt. Dort spricht et da­rüber, wie bie australische Arbeiterpartei, die, wie Sie nicht leugnen können, stark sozialisttsch angehaucht ist, auf das entschiedenste den weißen Charakter Australiens zu wahren sich bestrebt. Dies wird be­stätigt durch das bekannte Werk des freihändlerischen Professors v. Schultze-Gävernitz über Großbritannien, über den britischen Imperialismus. Sie finden dort, daß sich bie Bestrebungen ber australischen Arbeiter­partei nicht nur gegen minberroerHge gelbe Arbeiter richten, sondern in gleicher Weise gegen Deutsche, bie eintoanbern wollen, ja sogar gegen englische Gewerk­schafter. Welche Anschauungen bott herrschen, das dokumentiert am besten ein Ausspruch des Führers der Arbeiterpartei im australischen Bundesparlament, ber sagte:

Besser, wir lassen unsere Hilfsquellen untenwickelt, als wir entwickeln ske mit farbiger Arbeit, welche niebere Lebensbedingung annimmt unb bie sozialen Verhältnisse be8 ganzen Gemeinwesens her unter­drückt.

Meine Herren, so hat sich ein austtalischer Arbei­terführer ausgesprochen, unb Sie mögen hier reben, was Sie wollen, Sie mögen hier schone Theorien wie Herr Ledebour über Rassen entwickeln und außerhalb des Parlaments berartige Reden halten, ber beutsche Arbeiter spürt überall, wo er auf bie fremben Elemente trifft, bie Konkurrenz, bie ihm gemacht wird. Unb baß getabe bie Sozialdemokratie dies leugnet, daß sie sich auf ben Standpunkt des Inter­nationalismus stellt, baß sie ben Standpunkt vertritt: Proletarier aller Länder, verbrüdert Euch!, gerade daS wird bie Sozialdemokratie zu Grunde richten. (Lachen bei ben Sozialdemokraten.) Die Praxis des Lebens unb bie tägliche Erfahrung zeigt den Leuten, baß sie es tatsächlich mit Konkurrenten zu tun haben, die sie nicht als gleichberechttgt unb gleichwertig aner­kennen können. Deshalb wirb sich eine wahrhaft na« Honale Arbeiterbewegung stets auf den Standpunkt stellen müssen, daß sie Schutz verlangt gegenüber btefet fremden Konkurrenz. Schutz verlangt gegen­über derarttgen Elementen, die sie in ihren Arbeits­bedingungen fchädigen, unb, meine Herren, deshalb werden Sie mit Ihren schönen Reden scheitern- Sie werden gerade mit diesen Reden auf das Ziel hin­arbeiten, nämlich überall in die breiten Massen ber Bevölkerung die Ueberzeugung hineinzutragen, daß die internationalen Ziele ber Sozialdemokratie, die keinen Unterschieb anerkennen zwischen verschiedenen Völkern unb verschiebenen Lebensbedingungen, viel­leicht den Bestrebungen derjenigen dienen, die ja in Ihrer Partei eine so ausschlaggebende Rolle spielen wie die Herren Singer und Stadthagen (Heiterkeit), aber nicht ben Interessen des deutschen Vaterlandes und der deutsche^ Arbeiterschaft. (Lebhafter Beifall rechts.)

Politische Umschau.

Unfall-Versicherung.

Die Summe der im Jahre 1908 gezahlten Unfallentschädigungen beläuft sich auf 157,5 Millionen Mark, sie ist gegenüber 1907 um 7,2 Millionen Mark gestiegen. Es ist von Inter- esie, die Steigerung zu verfolgen, die sich seit dem Anfang« der Tätigkeit der Berufsgenosien- schaften bei den Unfallentschädigungen geltend gemacht bat. Im ersten Volljahre der berufs- genosienschastlichen Tätigkeit, im Jahre 1886, beliefen sich die Unfallentschädigungen auf 1,9 Millionen Mark, 1887 auf 5,9, 1888 auf 9,7, 1889 auf 14,5, 1890 auf 20,3, 1891 auf 26,4, 1892 auf 32,3, 1893 auf 38,2. 1894 auf 44,3, 1895 auf 50,1 1896 auf 57,2, 1897 auf 63,9, 1898 auf 71,1 1899 auf 78,7, 1900 auf 86,7, 1901 auf 98,6, 1902 auf 107,4, 1903 auf 117,2, 1904 auf 126,6, 1905 auf 135,4, 1906 auf 142,4, 1907 auf 150,3 und 1908, wie oben angegeben, auf 157,5 Millionen Mark. Es fällt auf, daß die Stei­gerungen der Kosten für Unfallentschädigungen sich fast stets einige Jahr« auf gleicher Höh« ge­halten haben. So machten sie von 18861889 rund 4 Millionen Mark, von da bis 1895 rund 6 Millionen Mark, von da bis 1899 rund 7 Mil­lionen Mark aus. Die Steigerung von 1899 bis 1900 belief sich auf 8 Millionen Mark. Dann setzte plötzlich eine solche von 12 Millionen Mark ein, ein Umstand, der auf den Erlaß des neuen Unfallversicherungsgesetzeg zurückzufuhren war. Von 1902 ab ist die jährliche Steigerung stetig gefallen, um zuletzt auf rund 7 Millionen Mark zu verharren. Ein gleiches Wachstum der llnfallentlchädigungen ist ja auch von 1907 auf 1908 zu beobachten gewesen.

Urbeiterkontrolleure überall.

Nicht nur im Bergbaubetriebe und im Bau­gewerbe verlangt die Sozialdemokratie die An­stellung von Arbeiterkontrolleuren, sondern all­mählich geht sie dazu über, ganz allgemein die Kontrolle durch Arbeiter zu fordern. In der Reichstagskommisfion zur Vorberatung der Ee- werbeordnungsnovelle ist von den sozialdemo­kiarischen Mitgliedern der Antrag gestellt wor­den, Arbeiterkontrolleure den Eewerbeaufsichts- beamten beizugeben. Das würde also eine Kon­trolle der Aufsichtsbeamten durch natürlich sozialdemokratisch organisierte Arbeiter sein. Die Kommission hat zwar dieses Ansinnen noch abgelehnt,- aber aus den Auslastungen verschie­dener Mitglieder geht hervor, daß der Antrag, sofern «r nur "genügend vorbereitet,, sein wurde, auf Annahme zu rechnen hätte. Den Arbeitern soll eben ein Privilegium nach dem

anderen geschaffen werden. Dabei sollte doch die Entwickelung des Krankenkastenwesens zur Warnung dienen! Was bezweckt denn die So­zialdemokratie mit der Schaffung von Arbeiter­kontrolleuren anders als eine Stärkung ihrer Parteiorganisation und ihres Einflustes? Wie die Krankenkasten nicht nur wesentlich zum Wachstum der Sozialdemokratie beigetragen, sondern auch zahlreiche und gutbesoldete Stellen fürverdiente",gemaßregelte" oder sonst zu­verlässige"Genossen" geschaffen haben, so will die Sozialdemokratie auch das Institut der Ar­beiterkontrolleure dazu benutzen, um ähnliche Vorteile auf Reichskosten herauszuschlagen. Es kann ohne daß man Widerspruch zu befürch­ten braucht festgestellt werden, daß in keiner politischen bürgerlichen Partei die Ueberzeug­ung allseitig vorhanden ist, daß die Einsetzung von Arbeiterkontrolleuren eine praktische Be­deutung gewinnen, daß sie eine Gewähr für größere Sicherung von Betriebsunfällen geben könne. Nur der Gedanke, daß dieses Kontroll­institut geeignet erscheine, die Arbeiter zu be­ruhigen zuversöhnen", also diemora­lische" Bedeutung wird von den bürgerlichen Anhängern der Arbeiterkontrolleure in Betracht gezogen. Wollte also der Reichstag aus diesen Gesichtspunkten Arbeiterkontrolleure schaffen, so würde er in denselben Fehler verfallen, der in vielen Punkten unserer sonst so mustergültigen Sozialreform gemacht und von der sozialdemo­kratischen Klassenkampfpartei gegen die bürger­liche Gesellschaft rücksichtslos ausgenutzt wor­den ist.

Marburg und Umgegend.

(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß 6 18 des Urheberrechts nur mit ber deutlichen Quellenangabe Oberhesi. Zig." gestattet.)

Marburg, 9. März.

* Abrufe-Apparate auf Bahnhöfen. Der auf dem Bahnhofe Halle a. d. Saale aufgestellte Abruf-Apparat hat sich bewährt. Der Fahr­dienstausschuß empfiehlt weitere Versuche. Die Königlichen Eisenbahndirektionen sollen daher, schreibt dieNeue politische Correspondenz", nach einer Verfügung des Verkehrsministers, nach 2 Monaten berichten, auf welchen Bahnhöfen bis­her schon solche Apparate aufgestellt worden sind, wie sie sich bewährt haben, sowie ob neben der Bedienung des Apparates auch noch abgeru­fen wird und weshalb. Ferner ist anzugeben, auf welchen Bahnhöfen Versuche mit der Ein­richtung in Aussicht genommen find.

* Unlauterer Wettbewerb? Man schreibt uns: In den letzten Wochen des verflostenen Se­mesters sind an zahlreiche Studierende unserer hiesigen Universität Broschüren gesandt worden, deren Inhalt in dem Sinne verstanden werden muß, daß die Göttinger Universität in Bezug auf die Vortrefflichkeit ihrer Profestoren und der Einrichtungen ihrer Institute der unsrigen weit überlegen sei. Die in der Broschüre ent­haltenen Mitteilungen gehen so weit ins Ein­zeln«, daß es schwer ist, anzunehmen, es hätten nicht bei ihrer Abfastung Angehörige der Göt­tinger Universität mitgewirkt. Dies« Anpreisung der eigenen Universität, stillschweigend mit Herabsetzung der anderen verbunden, entspricht wohl nicht den bisher in akademischen Kreisen vorhandenen Sitten. Vielmehr ließ man bisher die Frequenz der Universität den Erfolg der Lehrtätigkeit und nicht die Wirkung reklamchaf- ter Anpreisung bezeugen. Indessen hat Göttin­gen von jeher Beziehungen zur angelsächsischen Raste gepfolgen, früher in königl. hannover- scken Zeiten zu England. Neuerdings, wie obiges Vorkommnis beweist, scheint amerikanische Reklame den Herren Göttingern vorbildlich ge­wesen zu sein, was ja durchaus dem Sinne des deutsch-amerikanischen Professorenaustausches entspricht. Vor einigen Jahren hatte die Stadt Göttingen im Voraus für bett sehnlichst erhoff­ten 2000. Studenten eine goldene Uhr ausge­setzt. Die Folge war auch ein starker Zudrang nach Göttingen. Der 2000. Student wurde mit einem großen Feste gefeiert und ihm die gol­dene Uhr feierlich überreicht. Es war ja aller­dings peinlich, daß sich im nächsten Semester bei der in Ruhe nochmals vorgenommenen Zählung der Studierenden durch die hervor- ragendden Mathematiker Göttingens heraus­stellte, daß der 2000. Student noch gar nicht erreicht gewesen war. Aber die golden« Uhr hatte schon ihren Besitzer. Es wäre noch eine interestante juristische Dottorfrage, ob der ein Jahr später wirklich eingetroffene 2000. Student nicht die Stadt Göttingen auf Aushändigung der goldenen Uhr hätte gerichtlich verklagen können. Jndesten ist dieser wohl von keinem der Mitglieder der juristischen Fakultät zu Göt­tingen auf dieses sein gutes Recht aufmerksam gemacht worden. Ob nun wohl die neueste Reklame für die Göttinger Universität ihren Zweck erfüllen wird? Trauen wir dem gesun­den Sinne der Deutschen Studentenschaft zu, daß sie nach dem Worte:Stau merkt die Absicht,

und man wird verstimmt" auf diese Reklame nicht hereinfallen wird. Uebrigens sind wir Marburger soviel Altruisten, daß wir jedem gerne das Seine gönnen und nicht wünschen, daß Göttingens Studenten das Motto der Bro­schüre:Ein Vierteljahr möchte ich wohl in Göttingen zubringen" (Brief Goethes an Schil­ler) mißverstehen und nach so langer Zeit erst von bannen ziehen. Es fällt uns bei bieser Gelegenheit bie Aeußerung Ernst Kochs ein: In Eötttngen geht bas Laster mit Hand­schuhen auf der Straße spazieren und läßt sich Herr Baron nennen". Diese Aeußerung fin­den wir in der Göttinger Broschüre nicht er­wähnt.

+ Langenstein. 6. März. Der zweite Lehrer dahier, Herr Schleiter, ist vom 1. April ab an die einklassige Volksschule zu Ernsthausen bei Rauschenberg versetzt worden.

Hessen-Nassau und Nachbargebiete.

Fulda, 6. März. Die Entwickelung Fulda» zur Industriestadt läßt sich aus folgender Zu­sammenstellung der hiesigen Fabrikbetriebe er­kennen: Es bestehen in Fulda 1 Zellulose-Fabrik, 2 Zigarren-Fabriken, 2 Filz-Fabriken, 1 Gas- Fabrik, 1 Gummi-Fabrik, 1 Holzfahrzeug-Fabrik, 1 Knochenmehl-Fabrik, 1 Lack- und Farben- Fabrik, 1 Lampen-Fabrik, 5 Lichter-Fabriken, 3 Likör-Fabriken, Maichinen-Fabriken, 1 Metall- waren-Fabrik, Möbel-Fabriken, 1 Papier» waren-Fabrik, 1 Portefeuille-Fabrik, 4 Seifen« Fabriken. 1 Stanz- und Emaillier-Werk, 1 Ton« waren-Fabrik. 1 Düten-Fabrik, 3 Wachswaren« und Kerzenfabriken, 9 Webereien verschiedener Art unb 1 Wollgarn-Fabrik. (Fulb. Ztg.)

Wiesbaden, 7. März. Um dem die Aus­stellung des Weltbadeortes besuchenden Publi­kum eine in Europa noch nicht gesehene Völker- Truppe bieten zu können, hat die englische Ge­sellschaft, welche das Senegal-Negerdorf im Ver­gnügungspark errichtet, einen eigenen Vertreter nach Afrika entsandt, welcher dort die geeignet­sten charakteristischsten Vertreter der eingebore­nen Handwerkerstände, Tänzer, Musiker, Krie­ger usw. anwirbt. Ein Hauptaugenmerk wird dabet auch auf das Engagement afrikanischer Schönheiten" gerichtet werden und auch Kinder beiderlei Geschlechts in den verschiedenen Alters­stufen dürfen nicht fehlen. Im ganzen wird die Truppe ca. 70 Köpfe stark werden. Bereits gegen Mitte April wird dieselbe hier eintreffen, da um diese Zeit ein Dampfer der Wormann- Linie zu erwarten ist. Die Wohnstätten für di« Truppe sind bereits erbaut.

Unpolitische Tagesnachrichten.

Berlin, 8. März. Im Zirkus Schuhmann entstand während der gestrigen Nachmittagsvor­stellung ein Kurzschluß in einer Jlluminations- guirlande, die in Brand geriet. Die Feuerwehr beseitigte sofort die Gefahr.

Rom, 8. März. Der deutsche Archäologe Rau ist an Lungenentzündung gestorben.

Kapstadt, 8. März. Das norwegische Segel­schiffAukland" strandete auf der Fahrt nach Lüderitzbucht an den Klippen der Professions­inseln.

Sattle.

4- Das Alter bet preußischen Bolksschnl- lehrer. Heber das Lebensalter der preußischen Volksschullehrer findet sich unter den Druck­sachen des Abgeordnetenhauses eine interessante Zusammenstellung. Die amtliche Statistik von 1906 zählt 82 216 männlich^ Lehrkräfte (31 033 in den Städten und 51183 auf dem Lande). Davon waren 154 (12 in den Städten und 142 auf dem Land« unter 20, 12 799 (1222 bez. 11 577) 2024, 14 355 (5389 bez. 8966) 2529, 12 684 (6024 bez. 6660) 3034, 9535 (4447 bez. 5088) 3539, 11574 (5251 bez. 6323) 40 bez. 44, 8168 (3245 bez. 4923) 4549, 5738 (2433 bez. 3305) 5054, 3561 (1525 bez. 2036) 5559, 2585 (1066 bez. 1519) 6064, 899 (356 bez. 43) 65-69 und 164 (63 bez. 101) 70 und mehr Jahre alt.

Kunst und Wissenschaft.

* Eine Forschungsreise nach deu Inseln le Gulneabusen unb nach Kamerun hat Mitte Dezember v. I. bet Leutnant Boyd Alexander angetreten. Nach demGeogr. Journ." will et zunächst Sao Thomö, Principe und Annobon hauptsächlich in zoologischer Hinsicht studieren, und es begleitet ihn zu diesem Zweck der Samm­ler Jos6 Lopez. Die Tierwelt der größten der Euineainseln, die von Fernando Po, hatte Alexander bereits 1901 genau untersucht unb ge-eigt, daß sie reich unb mannigfaltig unb mit bet de» Festland«, nahe verwandt ist. mit dem die Insel früher zufammengehangen zu habe» scheint. Durch bi« zoologische Erforschung btt