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mit dem Meisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

uni» den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) undLandwirtschaftliche Benage."

Jti 44

Man abonniert auf die täglich erscheinend«Oberhessische Zeitung" bei allen Postämtern und unser« Zeitungsstellen in Kirchhain und Wetter sowie bet unserer Expedition Markt 21. Der Bezugspreis beträgt durch die'Post 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), be- unfern ZeitungSstellen und der Expedition 2 Mk.

Marburg

Somttaq, 21. Februar 1909.

Die InsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder oeten Rau« 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. Druck und Berlaa: Joh. Ang. Koch, UmversltätSbuchdruckerei Inhaber Dr. E. Hißeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55

44. Jahrg.

Erstes Blatt.

Rückblick.

Sie sogenannte landwirtschaftliche Woche wirft ihre kräftigen Schatten voraus. Der deutsche Landwirtschaftsrat hat bereits getagt und hatte die Ehre im vornehmen, aber anheimelnden Sitzungssaale des Herrenhauses Seine Majestät den Kaiser und König begrüßen zu dürfen. Die Wasserversorgung von Südwest« afrika war das Hauptthema der Verhandlungen, denen Wilhelm LI. anwohnte. Bei dem Fest­essen hielt dann Fürst Bülow, wie es ihm zur lieben Gewohnheit geworden ist. eine wie im­mer sehr beachtete Rede. Nach einem erneuten Bekenntnis zu seinemwohlerwogenen land­wirtschaftlichen Programm: Verstärkter Schutz, Erhöhung und Bindung der Getreide- und Vieh- zölle" und zu seiner Zuversicht, vielleicht noch länger im Amte zu bleiben, als seine Gegner hoffen, vergaß er in der prägnanten Skizzierung der inneren und äußeren Lage nicht den Appell an die deutsche Landwirtschaft, daß sie bei der Lösung der R ei ch s f i n a n z r e fo rm, dieser Ehren- und Existenzfrage des deutschen Reiches im eigenen Interesse und im Interesse der Allgemeinheit, im Interesse un­seres deutschen Vaterlandes nicht versagen dürfe. Von dieser Lösung hänge die Ehre, die Wohlfahrt, die Macht und die Sicherheit des Landes, aber auch die Möglichkeit ab, die der deutschen Landwirtschaft noch gestellten Auf­gaben (Entschuldung, innere Kolonisation, Ar- beite:ansiedlung, Diskontsatz usw.) zu erfüllen

Der Landwirtschaftsrat bat gleichwohl Reso­lutionen gegen die Nachlaßsteuer gut geheißen. In der Neichstagskommission zur Beratung der Reichssinanzreform stocken gegenwärtig die Be­ratungen. Man dürste indes irren, wenn man daraus auf einScheitern der Reichsfinanzreform schließen wollte. Man dürfte kaum fehlgehen, wen» man diese Stockung im Zusammenhang mit der Eröffnung eines neuen und gangbaren Weges ansieht, ohne Verletzung der liberalen Forderungen auch den Wünschen der Rechten bei Lösung dieser schwierigen Aufgabe gerecht zu werden. Die übrigen Kommissionen arbeiten fleißig und mit Erfolg.

Dieser Erfolg kann sich freilich bisher nicht mit dem des Dreiklassenparlaments, des Preußi- ieckn Abgeordnetenhauses, meßen. Die Vorlagen über die Besoldungsverbesierungen der Beam­ten, Geistlichen und Lehrer haben die dritte Lesung passiert. Ueber die Wohnungsgeldzu­schüsse und Servisklassen ist eine Einigung so gut wie erzielt. Und die Vorlagen zur Auf- bringuna der Mittel für diese Diensteinkom- mensverbesse'ungen dürften ih"erVerabschtedung nahe sein. Ganz gewaltige Arbeit ist damit geleistet. Die Etatberatung schreitet daneben in der üblichen Weise vorwärts. Mit Abend­sitzungen hat der Präsident schon gedroht. Zwi­schendurch finden die kleineren Vorlagen ihre Erledigung. Kurz, der unbefangene Kritiker wird das Zeugnis der beweglicheren und grö­ßeren Arbeitsfähigkeit auch bei diesen Lasten bringenden Vorlagen unbedingt demEeldsack- parlamente" zuerkennen.

Aus der Blütezeit des Handwel ksburscbeniebens und des Hunttwesms.

Von L. Müller.

(Fortsetzung.)

Bei den Zünften war es ebenfalls Sitte, mit zuoelnöpftem Rock, Stock, Hut und Felleisen oder Bündel cinzuwandern: auch das Zusprechen oder llmschauen bei dem Meister nach Arbeit hatte seine bestimmten Vorschriften. Bekam der Ümschaucnde keine Arbeit, so gab ihm der Mei­ster ein Geschenk. Jede Zunft» hatte dabei ihren bestinunten Gruß. Die Hufschmiede legten Stock und Felleisen vor dem Eintritt in die Werk- ftülte ad, behielten den Hut in der linken Hand und schlugen mit dem Beschlaghammer, den sie bei sich führten, unter Gemurmel auf den Am­boß, .welchem die Worte folgten:Grüß Gott, .Herr Meister und Gesellen, von wegen des Handwerks." Der Schlosser trat, ebenfalls^ mit zugeknöpftem Rock in der Hand Hut und tototf, vor den Meister. Auf seine Anrede:Ein frem­der Schlößer" fragte dieser:Sind Sie ein Schlosser?", dann sagte der Fremde:Ein Stück davon!", worauf der Meister sagte:Dann seien Sie willkommen, von wegen des Hand­werks: wo kommen Sie her?" usw. Kam der Handwerksbursche auf die Herberge, setzte er sich än den Tisch, worüber die Emblemen seine» Ee- fchöftcs an der Decke hingen.

Waren in einer Herberge verschiedene Zünfte vereinigt, so hingen die Erkennungszei­chen über den verschiedenen Tische«, unter da»

Politische Umschau.

Die Beschwerde de, Südweftafrikaner.

Berlin, 19. Febr. DieRordd. Allgem. Ztg." schreibt: Zu dem an die Presse und zahl­reiche Abgeordnete, sowie die kolonialen Ver­einigungen gerichtete« telegraphischen Einspruch durch den Bezirftrerein Windhuk erfahren wir, daß es sich dabei um die bereit» seit längerer Zeit ergangenen Verordnungen und Abmach­ungen betreffend die Diamantfelder und den Schutz der fiskalischen Znteresien handelt. Die bemängelte Sperre umfaßt lediglich de« Namib- Eürtel. Der Fiskus hat in die Sperre gewil­ligt, um eine sachgemäße Untersuchung zu er­zielen und um einen Anteil an dem Ertrag von 6% Prozent zu Gunsten des Schutzgebietes zu erreichen. Eine Abänderung kann nicht erfolgen. Die Oeffnung des Streifens würde auch nicht zu einer besseren Ausbeutung, sondern im wesent­liche« zur erneuten Anfachung und Ausbreitung de» Gründungsfiebers führen. Zugleich würde die Gefahr, daß die Felder nicht in deutschem Besitz bleiben, außerordentlich gesteigert. Einer Verlängerung der Schürf-Scheine zweck» end­gültiger Ausschließung bedarf es nicht, da zur Beantragung des Bergwerkseigentums lediglich Fündiakeit erforderlich ist. Die Ausführungen juristischer Natur sind nicht zutreffend.

Dänische verteidigungsvorlagen.

Kopenhagen, 18. Febr. Im Folkething begann heute vor vollbesetztem Hause und über­füllten Tribünen die erste Beratung der Der- teidigungsvorlagen. Der ehemalige Minister­präsident Christensen (linke Reformpartei) er­innerte daran, daß der Plan einer Neutrali­tätsverteidigung nach dem Kriege 1870/71 ent­standen sei und alle Allianzpläne ersetze. Die Hoffnung auf Wiedervereinigung mit den nord- schleswigschen Brüdern sei nicht aufgegeben, sie sei jetzt aber nicht auf Kanonen, sondern auf das Vertrauen zum Rechtssinn des deutschen Volke» gegründet. Wenn jemand käme, um Dänemark selbst die vorteilhafteste Allianz an­zubieten, sagte Christensen, wurden wir sie ab­schlagen mjissen. Wir wünschen gute, freund- nachbarliche Beziehungen zu Deutschland. Der Redner betonte die Notwendigkeit, die Neutra­lität zu verteidigen, und gab seine Zustimmung zu einer Erweiterung der Seebefestigung: da­gegen könne er sich nicht mit der vorgeschlage­nen Landesbefestigung einverstanden erklären, da sie die Kräfte des Landes übersteige. Dem Vorschlag, die bisherigen Landesbefestigungs­anlagen niederzulegen, wenn die neue Heeres- ordnnng i« Kraft getreten [ei, stimmte Christen­sen zu. Klausen (Sog.) bekämpfte die Regier­ungsvorlagen und empfahl die Annahme des sozialistischen Abrüstungsantrages. Parkow (rechts) sagte der Regierung die Unterstützung seiner Partei bei der Durchführung der Landes- verteidigungsoorlagen zu: sie hätten aber eine größere Verstärkung der Marine gewünscht. Slengerik (radikal) führte aus, daß die Vorla­gen nur Seelands, ja in Wirklichkeit nur Ko­penhagens Neutralität sichern könnten. Darauf wurde die Weiterberatung auf morgen vertagt.

sich der Zugereiste niedersetzte und steif sitzen blieb bis der Altgeselle erschienen war und zu ihm sagte:Mach Dirs bequem Fremder, seien Sie willkommen." Erst dann legte er seinen Hut und Stock bei Seite, und steckte das Taschen­tuch. das er bisher in der Hand hatte wieder ein. Der Fremde bekam von dem Altgesellen nun eine Marke im Werte von 34 Groschen, für welche er auf der Herberge eine Zehrung erhielt. War Arbeit vorhanden, so bekam er, wie erwähnt, nichts.

Die Aufnahme in die Bruder- oder Schwa- gerschast erfolgte nach bestimmten Gebräuchen und erleichterte den Säckel des Aufzunehmen­den. Wenn ein junger Geselle den Altgesellen um seine Aufnahme gebeten hatte, brachte es dieser bei dem nächste« Gebot vor. Waren die Gesellen alle erschienen und hatten an einer Tafel ihre Plätze eingenommen, so wurde die Zunftlade auf den Tisch gesetzt und geöffnet, wonach der Altgeselle dreimal auf den Tisch schlug. Der jüngst Aufgenommene mußte nun an die Ture treten, damit niemand hinaus ging noch herein kam. Hierauf wurde bestimmt wie viel der neu Aufzunehmende bezahlen sollte. War dieses geschehen, so wurde et von dem Junggesellen in das Zimmer geführt und ihm der Beschluß mitgeteilt, nebst einer Ermahnung, wie er sich in Zukunft zu verhalten habe. Die Ansprache, die der Bltgefelle an ihn hielt, lau­tete z. B. bei den Schlossern:Also mit Gunst Alle, welche dem ehrsamen Schlosser-, Schmiede-, Uhr-, Spor-, Büchsen- und Windenmacherhand- werk angehören, haben sich an diesen Tisch be­geben. auf daß man weU was Gesellen und Jünger heißt! Also mit Gunst und Erlaubnis,

Aus dem Reichstage.

Es istGchwerinstag. Man hat ihm auf der ge­druckten Tagesordnung eine besondere Anziehungs­kraft gegeben durch die Ankündigung einer nament­lichen Abstimmung über einen der Anträge, die heute weiter beraten werden. Sie sind, wie die meisten dazu vorliegenden Petitionen, von sozialdemokratischer oder polnischer.(Seite ausgegangen und bezwecken Einführung des Koalitionsrechts für ländliche Ar­beiter und Dienstboten, Abschaffung der Gesindeord­nung, Ausdehnung der Versicherungsgesehe (inzwi­schen von der Regierung in Aussicht gestellt), Sonn­tagsruhe usw. Abg. Arendt Labiau (kons.) weist in seiner Jungfernrede die Angriffe der Sozialdemo- kratte, die von den ländlichen Verhältnissen teine Ah­nung habe, auf die ländlichen Arbeitgeber entrüstet zurück. Die Lage der ländlichen Arbeiter sei vielfach bester als die der städtischen. Die Gründe und Aus­führungen müssen die wunden Punkte der Antrag­steller getroffen haben, denn der sozialdemokratische Abg. Zubeil, der ihm folgte, holte sich mehrere Zu­rechtweisungen des Grafen Stolberg, weil er, statt sachlich zu widerlegen, persönlich, ja allzu persönlich wurde. Der Abg. Bindewalb (Ref.-P.) sprach gleich­falls der Sozialdemokratie die Kenntnis der länd­lichen Verhältnisse ab, wenigstens der hessischen. Er zog sich ebenso wie der Abg. Werner (Ref.-P.), der in ähnlichem Sinne sprach, lärmende Unterbreckinnaen der Sozialdemokraten zu. Nach ihm sagten die Abg. Znbeil (Soz.) und Stadtbagen (Soz.) nochmals ihre Sprüchlein her, Heiterkeitserfolge erzielend. Eine kritische Beschwerde, daß das Präsidium ihn nicht ge­gen einen persönlichen Angriff des Abg. Zubeil ge­nügend geschützt habe, zog dem Abg Werner einen Ordnungsruf des Vizepräsidenten Kämpf zu. In der namentlichen Abstimmung werden mit 209 gegen 106 Stimmen die Anträge und Petitionen an eine 21gliedrige Kommission verwiesen. Den polnischen Antrag auf Vorlegung eines Gesetzentwurfes, welcher alle aus politischen, religiösen oder nationalen Grün- den bestehenden Beschränkungen in der Verfügung über das Grundeigentum beseitigen soll, begründete der Abg. Dr. von Dziembow^ki-Vomian (Pole! aus­führlich. Ihn unterstützten die Abg. Gras Praschma (Ztr.), Stadthagen (Soz.), Gotbeln (fr. Vag.) dieser namens der freisinnigen Fraktionsaemeinschast.

Die weitere Beratung wurde vertagt. Mittwoch 2 Uhr: Etat des Rechnungshofes, Rechnungssachen.

Die Novelle zum Reichsgesetze wegen Beseitigung der Doppelbesteuerung ist der 36. Kommission über­wiesen worden; diese hat sich konstituiert und zum Vorsitzenden den Abg. Dr. Brunswrmann von der Reichspartei gewählt.

Die Neichstagskommission zur Beratung des Ar- beitskammergesedentwurfs beriet über den § 8 der Vorlage, der Bestimmungen über die Errichtung der Arbeitskammern enthält. Nach der Regierungsvor­lage sollen die Arbeitskammern durch Verfügung der Landeszentralbehörde errichtet werden. Von den dazu vorliegenden Anträgen wurde nur der Antrag genehmigt, die Arbeitskammern durch Beschluß deS Bundesrats zu errichten.

Die Budgetkommission des Reichstages genehmigte unter anderen Titeln den geforderten Betrag von 2 298 000 M für den Betrieb der Linie Swakop- mund-Windhuk, strich dagegen an den angeforderten 250 000 cK als Zuschuß für den Betrieb der Linie Lüderitzbncht-Keetmanshop 150 000 <M..

Aus dem Abqeordnetenkmnse.

Die dritte Lesung des Besoldungsgesetzes für die katholischen Geistlichen brachw die übliche Polenrede des Abg. Sthchel (Pole) mit entsprechender Antwort des Regierungskommissars. Dann wurde das Gesetz im einzelnen wie im ganzen, letzteres gegen die Stim­men der Freisinnigen, der Polen und Sozialdemokra­ten angenommen. In der Generaldebatte Über die

dieweil Du vor Jahren bei einem ganz ehr­same« Handwerke und in unsere öffentliche Ehrenlade bist aufgenommen und nun kürzlich bist frei und losgesprochen worden, und jetzo willens bist, Dich zu einem ehrsame« Burschen machen zu lassen, woran Du auch recht wohl- thust, also will ich Dir im Name« des ganzen ehrsame« Handwerks und der Herren Beisitzer, sowie auch einer löblichen Brüderschaft gesagt haben, daß Du nun alle Jugendpossen bei Seite setzest, nicht aus de« Straße« pfeifst, singst und springst ober tanzest, sowie derartige Dinge treibst, sondern Dich zu rechtschaffenen Bursche« hältst, und wirst von keinem gewanderte« Ge­sellen die Schuldigkeit nehmen, nie ohne Vor­tuch und Halstuch, nie ohne Rock, Weste, Hut und Stock über die Straße gehe« und einem jeden cingewanderten Ge'ellen die Schuldigkeit anthun. Also mit Gunst! Ich frage Dich im Name« eines ganzen ehrsamen Handwerks, der Herren Beisitzer und einer löblichen Bruder­schaft, ob Du dasjenige ausstehen willst, was ich und andere Burschen ausgestanden haben? Antwort: Ja."Also mit Gunst! So werde ich Dich hiermit im Namen eines ganzen ehr­samen Handwerks und einer ganzen löblichen -Bruderschaft auf Du und Du zugebracht haben und will Dir dies alles mit einer Ohrfeige versichern, die leidest Du von mir und von keinem Andern, und hat er einen Bart bis auf die Schuh fo ist er doch nicht mehr als Du." Allein nicht immer blieb es bei dieser Ohrfeige, man war in diesem Punkte höchst fteigiebig, denn die Unsitte de» Eesellenschlags fand bei den Schmieden und Schlossern in des Wortes verwegenster Bedeutung statt. Der Neuauf-

Steuer- und Deckungsvorlagen stellte sich Abg Hennig» (kons.) auf den Standpunkt des Kommis« sionskompromisseS. Abg. Dr. Keil (natlib.) lehnte die Rachsteuer für 1908 ab, wollte die Gesellschaften mit beschränkter Haftung von den erhöhten Zuschlägen befreit wissen und stellte sich im übrigen auf den Bo­den des Kompromisses. Der Finanzminister begrüßte das Kompromiß, durch das die dauernde Bewilligung gesichert werde, mit Genugtuung. Eine organische Reform der Einkommensteuer sei in absehbarer unerläßlich; innerhalb der beschlossenen Frist von 8 Jahren werde die Vorlage eingehen. Abg. Frhr. van Zedlitz (fieikons.) tritt mit Bezug auf die Gesellschaf­ten mit beschränkter Haftung dem Finanzminister bei, lehnt aber die Nachsteuer für 1908 ab. Abg. Gpsiling (fr. Bp.) polemisiert gegen Nachsteuer und Abschätzung der Vermögenssteuer landwiftschaftlichen Besitzes nach dem Ertragswert, stellt sich im übrigen aber auf den Boden deS Kompromisses. Abg. Switala (Pole) lebnt die Vorlage wegen der Politik der Regierung ab. Umgekehrt stellt sich der Abg. Pachnicke (fr. Vgg.) auf den Boden des Kompromisses, lehnt die Nachsteuer ab und will die Einkommen bis 3000 JK. freilassen. Abg. Hirsch (Soz.) wird mit seinen Parteigenossen die Vor­lage e-m-finen. Dann vertagte sich das Haus bi» Sonnabend 12 Uhr. Tagesordnung: Steuer- und Mantelyesetz. Etat der Landwirtschaft.

Deutsches Reich.

De» Kaiser wird der Schlußbesichtigung der im Winterhalbjahr 1908/09 zur Militärturv« anstatt kommandierten Offiziere des Heeres und der Flotte, die Ende dieses Monats zu ihren Truppenteile« zurückkehren, am 25. und 26. Februar beiwohnen.

Die kaiserliche Hofhaltung ist gestern vom Berliner Schloß nach dem Neuen Palais bei Potsdam verlegt worden. I« de« nächsten Ta- gen wird auch das Kronpr-nzenvair nach dem Potsdamer Stadtschloß übersiedel«.

Prinz Friedrich Leopold von Preußen ist in der vergangenen Nacht von Bahnhof Fried- richstraße «ach Petersburg abaereist, um an der Beisetzung des Großfürsten Wladimir teilzn- «ehmen.

Deutscher Landwirtschaftsrat. In der gestrigen Schlußsitzung der 37. Plenarversamm­lung des Deutschen Landwirtschaftsrates refe» rierten zunächst Regiernngsbaurneister Nie­meyer-Hannover und Baurat Kühn-Dresden über das Thema:Die Tätigkeit der landwirt- wirtschaftliche« Körperschaften in Deutschland auf dem Gebiete des landwirtschaftlichen Bau» wesens." Beide Referenten- legten folgende Re­solutionen vor:Der deutsch» Landwirtschafts­rat beschließt, die Staatsregierung zu ersuchen, rücksichtlich der großen Bedeutung, die unser landwirtschaftliches Bauwesen in der letzten Zeit gewonnen hat und in Zukunft verstärkt be­kommen wird, auf eine weitere Ausgestaltung der Diszivlinen an unsere« Hochschulen hinzu­wirken. Es erscheint unaufichiebbar, daß auf diesem großen wichtigen Gebiete wissenschaftlich gebildete Spezialisten herangebildet werden." Ein Zusatzantrag des Vorsitzenden, Graf von Schwerin-Löwitz, verlangt eine Äeviston der baupolizeilichen Verordnungen unter Berück, tiqung der Wünsche der landwirtschaftlichen Vertretungen. In der Diskussion wünscht Gras Rantzau, daß man nicht nur praktisch und billig, sonder« auch schön bauen möge. Ein Ver- tretet des Ministers der öffentlichen Arbeiten wendet sich gegen die sich außerordentlich häufig

genommene mußte sich nun zu unterft der Tafel setzen. Nach dem Esse« und Trinken, das er zu bezahle« hatte, brachte ihm die Herbergsschwe- ster eine irdene Pfeife mit rote« Bändern und Tabak. wofür sie ein Trinkgeld erhielt.

Reiste ein Geselle ab, so erhielt er seinen Entlassungsschein (Fremdzettel). Um sein Wan, derbuch zu erhalten, mußte der Fremde eine Bescheinigung von dem Gesellenvorsteher haben, daß et seine Auflage und sein Krankengeld be­zahlt habe und auf der Herberge nichts schul­dete, erst dann stellte ihm der Gesellenvorsteher genannten Schein aus, worauf ihm sein Wan­derbuch, von der Polizei mit dem nötigen Visa versehen, ausgehändigt wurde. Da das Visieren oft in den Händen der Polizeibearnten lag. die selber nicht weiter gekommen, als vor die Tore der Stadt, so war es fein Wunder, daß sie jeden Handwerksburschen für einen Lumpen an sahen, und so wurde er von diesem Unterbeam. ten oft wie ein Hund behandelt. In vielen Städten mußten die Handwerksburschen am Tore oder auf der Polizei das nötige Reisegeld vorzeigen: dann half seht oft einer dem an- deren aus der Not, und dasselbe Geld wurde mehrmals vorgezeiyt. In Bayer« und Oester­reich waren es 5 Gulden, in Preuße« und Sach­se« 3 Taler: in Preußen wurde die Passe nur auf 3 Monate ausgestellt. Ohne Visa durst, niemand reisen. Das Betteln wat streng ver­boten, aber es gab genug Fechtbrüder und Kunden, die ein Gewerbe daraus machte« die Landstraße« auf und ab reifte«,

(Fortsetzung folgt.) , J:: ?