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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und Landwirtschaftliche Berlage.

Zweites Blatt

Marburg

Mittwoch, 3. Februar 1909.

vorhanden ist, noch hat man irgendwelche Mißstände und Klagen der Arbeiter in denjenigen Gegenden ge­hört, in denen es nicht vorhanden war.

Etwas anders aber liegen doch die Verhältnisse im Osten, deshalb anders, weil dort vor allem auch nicht die gleiche Nationalität überall vorhanden ist, weil vielfach bereits ein nationaler Gegensatz zwischen Ar­beitgebern und Arbeitnehmern besteht, weil dort überhaupt anders als tm Westen auf der einen Seite die Besitzlosen und auf der anderen Seite einige Be­sitzer stehen. Deshalb, meine Herren, würde eine Freiheit, die im Westen unschädlich ist, die dort zwar nichts nützt, aber auch nicht schadet, vielfach zu den schlimmsten und gefährlichsten Kämpfen führen, wenn sie tatsächlich im Osten verwertet werden würde

Unser Bestreben, meine Herren und das geht auch aus der erwähnten Broschüre hervor ist das, im Osten eine bessere Besihverteilung zu schaffen. DaS habe ich in der Broschüre bervorgehoben, und gerade deshalb ist mir in einem freisinnigen Organ der Vorwurf gemacht worden, daß ich sozialistische Ex­perimente damit versuchte. Der Freisinn hat der An- siedlungsgesctzgebung, die auch praktisch den Zweck verfolgt, die Besihverteilung im Osten etwas zu än­dern, widerstrebt, ich Weitz Wohl, aus anderen Gründen, wie hier wiederholt gesaat worden ist. Aber praktisch besteht doch ein gewisser Parallelismus zwi­schen dieser Gesetzgebung und unseren Verteilungs­bestrebungen.

Meine Herren, ich mutz noch auf den Exkurs ein­gehen, den der Hrr Kollege Gothein hier in der vori­gen Sitzung über die Fehler der Agrargesetzgebung zu Anfang des 19. Jahrhunderts vorgenommen hat. Von meinen Freunden und, ich glaube, auf der gan­zen Rechten sind diese Fehler bedauert worden. Herr Kollege Dr. Hahn hat neulich schon ausgesprochen, datz in der früheren Agrargesetzgebung zu Anfang des 19. Jahrhunderts Fehler gemacht worden sind, nament­lich auch durch die Deklaration von 1816. Aber eines mutz dabei doch hcrvorgehoben werden. Wenn dabei Fehler gemacht worden sind, dann sind diese Fehler gemacht ivorden, nicht, wie immer von Ihnen ange­geben wird, durch den Egoismus des Junkertums und des damaligen Grotzgrundbesihes, sondern diese Fehler sind gemacht worden, weil damals falsche wirtschaftliche liberale Ansckaungen aus England herübergekommen waren, die in hervorragendem Matze unser gesamtes deutsches Bamtcntum und da­mals auch unsere führenden Kreise becinflutzt haben. (Sehr richtig! rechts.)

Meine Herren, diese falschen Anschauungen, die aus dem englischen Liberalismus herübergekommen waren, bestanden vor allen Dingen darin, datz man damals der Ansicht war, datz der kleine landwirt­schaftliche Grundbesitz überhaupt keine Zukunft mehr habe, daß er sich nicht halten könne, und man war berechtigt auf Grund der Erfahrungen, die man da­mals in England gemacht hatte, das anzunehmcn; aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß es falsche Anschauungen gewesen sind, wie wir das in der Ge­genwart erkannt haben, und diese Anschauungen haben damals unsere maßgebenden Staatsmänner erfüllt. Lesen Sie das, was der bekannte Staats­mann! Schoen in Ostpreußen über diese Frage ge­schrieben hat. Er ist ganz durchdrungen von dem Ge­danken, daß sich der landwirtschaftliche Kleinbetrieb, der bäuerliche Besitz, nicht halten könne. Man sah cs damals als einen wirtschaftlichen Fortschritt an. wenn der Großgrundbesitz zunehme. Man dachte ja nicht an die soziale Gefahr, die dadurch entstehen würde. Meine Herren, wie sich heute der Liberalis­mus für die Warenhäuser und die schrankenlose Ent­faltung des Großkapitals im gewerblichen Betrieb be­geistert, so war damals der Liberalismus davon über­zeugt, daß auch der wirtschaftliche Fortschritt nur im Großgrundbesitz vorhanden sei. Und, meine Herren, dieser Gedankengang hat damals vielfach dazu geführt, die Fehler der Gesetzgebung hcrbeizuführen. Meine Herren, aus diesem Grunde kann ich dem, was Herr Gothein hier ausgeführt hat, nicht zustimmen.

Noch eines möchte ich hervorheben. Es waren ge­rade Vorkämpfer des Liberalismus, liberale Groß­grundbesitzer getvcsen, die damals, wie mir gesagt worden ist, erheblich an der Auftaugung der Bauern­güter beteiligt gewesen sind. Die Herren, die die politische Geschichte der damaligen Zeit kennen, wissen es: gerade in Ostpreußen war damals der Großgrund­besitz lange Jahre hindurch liberal. Also diese Auf­saugung auf Grund der Konservativen zu setzen, ist durchaus unrecht und stimmt nicht mit den historischen Tatsachen überein.

Wir werden daher nach wie vor der Ansicht fein, daß diese Fragen der Landesgesetzgebung zu über­lassen sind, und wir wünschen, daß die Landesgesetz­gebung da eifrig weiter bemüht sein wird, ähnlich wie es in Dänemark, Schweden usw. geschieht, landwirt­schaftliche Arbeiter anzusicdeln, sie mit Grund und Boden auszustatten, damit eine bessere Befitzvertei- lung auch dort eintritt, wie wir sie im Westen haben. Dann werden, wie wir glauben, die ungesunden so­zialen Zustände, soweit sie vorhanden sind, verschwin­den. Vor allem werden wir dadurch und darauf lege ich das größte Gewicht dahin kommen, datz wir den Offen der deutschen Nationalität, die ihn er- ickert und durch eine schwere Kulturarbeit von Jahr­hunderten gewonnen hat, erfüllen. (Lebhafter Beifall rechts.)

Politische Umschau.

Die Tarifverträge im Jahre 1907.

Am 1. Januar 1907 bestanden nach dem Reichs-Arbeiterblatt" insgesamt 3564 Tarif­verträge, die sich auf 97 410 Betriebe erstreckten und 817 445 Arbeiter umfaßten. Davon er­ledigten sich durch Ablauf 1152 (für 28178 Be­triebe und 241 486 Arbeiter). Im Laufe des Jahres 1907 wurden neue Tarifverträge abge- fchlossen, oder «-laufende Verträge erneuert: 2782 für 52369 Betriebe und 441 365 Personen. 6» ergab sich also eine Zunahme um 1630 Ver»

Man abonniert auf die täglich erscheinendeOberhessische Zeitung" bei allen Postämtern und unfern Zeitungsstellen in Kirchhain und Wetter sowie bei unserer Expedition Markt 21. Der Bezugspreis beträgt durch die Post 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern Zeitungsstellen und der Expedition 2 Mk.

träge, um 24191 beteiligte Betriebe und uN 193 879 darin beschäftigte Arbeiter, so datz End, 1908 insgesamt 5194 Tarifverträge bestanden, die sich auf 121601 Betriebe erstreckten und 1017 324 Arbeitern zugute kamen. Die Ver­tragsdauer schwankt zwischen y2 Jahre und 5 Jahren; die Mehrzahl der Verträge ist aus 1 Jahre bis 2% Jahren abgeschlossen. Als Kündigungsfrist find meistens 2 bis 3 Monate vorgesehen. Einigungs- und Schlichtungsorgane find in den 1907 abgeschlossenen Tarifverträgen insgesamt 1332 festgesetzt. Diese beziehen sich auf 350 Firmen, 652 Orte und 338 Bezirke. Nur innerhalb einer Eewerbegruppe, nämlich im polygraphischen Gewerbe, erstrecken fich 3 Tarifverträge für 6740 Betriebe und 57 670 Personen auf den Umfang des Deutschen Rei­ches. Die übrigen Verträge gelten überwiegend nur für einen Ort, etwa ein Viertel davon auf einen Bezirk. Die größte Zahl der Tarifver­träge betrifft das Baugewerbe, verhältnismäßig wenig find an den Tarifverträgen die Gewerbe- gruppen der Metallbearbeitung und der Ma< schinenindustrie beteiligt.

Echt deutsch.

Die Nationale Korrespondenz schreibt: Jeder, der sich ein wenig um die Entwickelung deutscher Jnteresien in Siidbrafilien gekümmert hat, weih, wie bedeutungsvoll das Zustandekommen des Bahnbaues von Vlumenau nach dem Hochlande für die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Siedelungen ist, und kennt die Freude der Deut­schen Sa. Catharinas über die endliche Inan­griffnahme dieser deutschen Bahnkonzession. Di( wackeren Deutschen Blumenaus hatten sich, abge­sehen von diesen wirtschaftlichen Interessen, auch für ihr nationales Leben reiche Anregung da­von versprochen, wenn nun der Bahnbau deutsch« Ingenieure und Techniker in ihr Munizipium bringen würde. Aber im hohen Rate der Bau­firma Bachstcin u. Koppel war es anders be­schlossen. Sie entsandte als ihren Oberingenieur einen Tschechen, Herrn Muzika, und zwar einen so ziel- und gestnnungsbewutzten Tschechen, datz er bei der Vergebung von Arbeiten Italiener und andere Nationalitäten offenkundig vor den Deutschen bevorzugt. Die Unterinaenieure rich­ten sich natürlich nach dem Herrn Chef und ver meiden es, mit den stramm deutschen Kreiser. Blumenaus Fühlung zu nehmen. Man begreif) die Bitterkeit, mit der ein bewährter und ange. sebener deutscher Bürger Blumenaus schreibt: Man hat geglaubt, in den Angestellten einer deutschen Bahngesellschaft wenigstens gesellschaft. lich eine Stütze des Deutschtums zu finden, war in unseren kleinen Verhältnissen sehr wertvoll gewesen wäre, statt dessen wird uns ein Tscheche auf den Hals geschickt, der uns ein stiller, aber hartnäckiger Widersacher ist." In der Tat. ein ähnlicher Geniestreich, wie ihn die Verwaltung des Völkerkundenmuseums mit der Entsendung des tschechischenForschers" Fri6 (Fritsch) leistete. Unseres Erachtens wäre es einfach di« selbstverständliche Pflicht der Firma Bachstein u, Koppel bei der Durchführung eines Unterneh­mens, datz sie nicht zum wenigsten der unermüd­lichen Agitation deutschbewutzter Kreise von hüben und drüben zu danken hat, auf deren Empfindungen und auch auf die deutschen In­teressen auch bei der Auswahl ihrer maßgeben­den Vertreter die nötige Rücksicht zu nehmen. Die deutsche Firma Bachstein u. Kovpel würde bei ein wenig Nachdenken und Nachforschen unter ihren Angestellten wohl auch noch einen brauchbaren deutschen Oberingenieur entbedt haben. Aber nein, so gut wie in Riga ein Stockpole der Vertreter der Firma Eebr. Körting sein mutzte, so mutz in Blumenau ein Tscheche die nationaleVorurteilslosigkeit" deutscher In- dustrie dokumentieren. Allmählich sollten die Herren doch einfehen lernen, datz die deutschen nationalen Kreise und die deutsche Presse solche Sünden nationaler Gedankenlosigkeit rücksichts­los niedriger hängen, und datz ihnen das nicht gerade zum Vorteil gereichen kann.

die Parlamente beschäftigt hat, so in Zukunft die Frage der Arbeiterverhältniffe auf dem Lande und das Bestreben, zu besseren Verhältnissen auf dem Lande zu kommen, den Reichstag und die anderen Parlamente beschäftigen wird. In den letzten Jahr­zehnten konnten wir cs als einen günstigen und glück­lichen Zustand in unserem Vaterlande begrüßen, daß M Ersatz für die das Menschenmaterial in außer­ordentlich starker Weise mitnehmende Tätigkeit in der Industrie und in der Großstadt immer das Land als eine gesunde Quelle vorhanden war, aus dec die In­dustrie ihre Arbeitskräfte ergänzte. Jetzt müssen wir mit Bedauern feststellen, daß leider infolge der außer­ordentlich starken Abwanderung, die wir gehabt ha­ben, in unseren östlichen Provinzen diese Quelle zu versiegen beginnt. In unseren industriellen Bezirken und in unseren Grotzstädten wie Hamburg und Ber­lin vollzieht fich der Rückgang der Geburtenziffer in rapider und beängstigender Weise, und jetzt fängt diese Entwicklung auch auf dem Lande an, in direkt beängstigendem Tempo.um sich zu greifen. In den Jahren 1890 bis 1905 ist in Ostpreußen die Gebur­tenziffer um 6,2 zurückgegangen, in Westpreußen um 3,8, in Pommern um 4,5, in Posen um 3,3, in Schlesien um 4,2. Ein Rückgang in diesem Matze ist in der Tat bedenklich, und schon diese Erscheinung, ine wir vom nationalen wie vom sozialen Standpunkte aus außerordentlich bedauern müssen, führt uns ganz naturgemäß dazu, dieser Frage außerordentliche Be­achtung zu schenken und die Bestrebungen zu unter­stützen, die hier Abhilfe schaffen können.

Wenn ich es nun auch begrüße, daß derartige Er­örterungen möglich find, fo muß ich doch meine Ver­wunderung ausfprechen, daß sich der Herr Vertreter der Sozialdemokratie als ein Förderer der ländlichen und landwirtschaftlichen Interessen hinstellt. Gerade die Sozialdemokratie, die mit ihrem Wirtschafts- programm, wie cs Calwer in den sozialistischen Mo­natsschriften zugegeben hat (Zuruf bei den Sozial­demokraten) ja, Herr Ledebour, es ist Tatsache, und da Sie ihn bis jetzt noch nicht hinausgeworfen haben, können Sie ibn auch nicht von Ihren Rockschö- ßen abschütteln also Calwer stellt fest, daß die Ver­wirklichung des Programms der Sozialdemokratie da­hin führen müßte, daß die Arbeitslöhne für ländliche Arbeiter zurückgehen würden. Er sagt: wenn wir unser Programm verwirklichten und offen gegenüber den Arbeitern fprechen würden, fo müßten wir ihnen sagen, daß sie mit einer Zeit des Rückganges der Ren­tabilität der Landwirtschaft und der landwirffchaft- lichen Löhne zu rechnen haben, und wenn wir dies offen und ohne jede Verhüllung aussprechen würden, so würden wir keine guten Geschäfte bei ihnen machen. (Zuruf bei den Sozialdemokraten.) Er faßt das in Heft 20 derSozialistischen Monatshefte" vom 8. Oktober 1908. Ich will den Passus, um Sie nicht aufzubalten, nicht im einzelnen zitieren. Wenn das ein Mann sagt, der doch eine gewisse Bedeutung tn Ihrer Partei hat, bann berührt cs uns sonderbar, wie Sie, die Sie dem ländlichen Arbeiter geringere Löhne durch die Verwirklichung Ihres Programms geben wollen, fich hier als feine Freunde geberden. Meine Freunde stehen auf dem Standpunkt, daß manche der jetzigen Bestimmungen, namentlich de? veralteten Gesinderechts und die Bestimmungen, die noch eine gewisse Züchtigung gestatten, nicht inehr zeit­gemäß sind, und wir hätten gewünscht, daß die dahin zielenden Vcrbesserungsbestrcbungen nicht von links, sondern von der rechten Seite ausgegangcn wären. Ich glaube, man hätte dadurch mancher Hetze seitens der Sozialdemokratie entgegentreten können.

Ferner möchte ich darauf hinweifen, daß auch Ver­treter der Sozialdemokratie der Ansicht sind, daß da? Hauptbestreben des landwirtschaftlichen Arbeiters nicht ist, eine Verkürzung der Arbeitszeit herbeizu­führen oder eine erhebliche Steigerung der Löhne, sondern daß fein Bestreben nach Landbesitz geht. Auch das können Sie in dem neuesten Hefte derSozialisti- fchen Monatshefte" in den Ausführungen von Schulz nachlesen. Schulz hebt hervor: der Hauptpreis der gewerkschaftlichen Kämvfe der landwirffchaftlichen Ar­beiter geht nicht auf höhere Löhne und noch weniger auf kürzere Arbeitszeit ich möchte das betonen, da das vorher mit großem Pathos hervorgeboben wurde , sondern auf Landcsanteile. Also dieser Mann kommt zu einem ganz anderen Urteil, als der Herr Fraktionsredner der Sozialdemokratie.

Wir haben in Hessen-Nassau, Hannover, Bayern das Koalitionsrecht der Landarbeiter. Wenn dasselbe tatsächlich den Segen bringen würde, den man er­wartete, dann würden nicht gerade in Bauern, und namentlich in Altbauern vielfach außerordentlich be­dauerliche Verhältnisse an den Tag getreten sein, die dahin führten, datz der um die Landwirtschaft außer­ordentlich verdiente Zentrumsabgeordnete Dr. Heim sich fortgesetzt bemühte, eine Besserstellung der Arbei­ter in der Weife herbcizuführen, daß er dafür sorgt, daß Landanteile den Arbeitern in Bayern gegeben werden. Dort ist das Koalitionsrecht vorhanden. Aber man sieht, es erfüllt nicht den Zweck, der er­wartet wird; man strebt vielmehr danach, den länd­lichen Arbeitern Landbesitz zu geben.

Ich möchte dann noch auf einen Umstand Hinwei­sen. Wenn gesagt worden ist, man solle einen Nor­malarbeitstag auch in der Landwirtschaft einführen, so möchte ich darauf Hinweisen, wie verschieden die Verhältnisse in den einzelnen Gegenden unseres Va­terlandes sind. Wenn Sie die Untersuchungen be­trachten, die in Ostpreußen über die Vererbung des ländlichen Grundbesitzes veranstaltet worden sind, so werden Sie finden, daß dort die ganze Beftellzett, die Erntezeit, überhaupt die ganze landwirffchastliche Tätigkeit auf eine viel kürzere Zeit im Jahre zusam- mengedrängt ist, als das im Westen der Fall ist. Dort fehlen direkt Monate, die die Landwirffchast im Westen für ihre Tätigkeit zur Verfügung hat. Meine .Herren, es kann daher von einer gleichmäßigen Rege­lung in keiner Weife die Rede fein, und', wie ich Ihnen vorhin auSeinandersetzte, selbst ein Anhänger der Sozialdemokratie legt keinen großen Wert darauf.

Nun könnte eS an und für sich gleichgültig fein, ob im Westen des Vaterlandes daS Koalitionsrecht vor­handen ist oder nicht. Meine Herren, Gebrauch ge­macht worden ist weder in den Gegenden, in denen H

Rede des Abg. Dr. Böhme zur Landarbeiterfrage.

Dr. Böhme, Abgeordneter: Meine Herren, ich be­kenne mich sehr gerne zu dem Buche, das mir zitiert worden ist, und zu den Aeußerungen, die der Herr Vorredner daraus vorgelesen hat. Sie widersprechen aber durchaus nicht dem, waS von meinen Fraktions­freunden hier gesprochen worben ist, sondern halten sich durchaus in dem Rahmen, in dem sich auch der Vertreter meiner Fraktton bewegte. Die Tendenz meines Buches ging dahin, zu beweisen, datz das Ent­eignungsgesetz für den Osten notwendig ist, nicht nur für die Ansiedlungsgebiete, die es jetzt trifft, sondern » es aus gewissen wirffchastlichen und sozialen > Gründen auf den ganzen Osten ausgedehnt werden müßte. Ich habe in diesem Buche hcrvorgehoben, daß Weben dem, was mein Kollege Stauffer hier im Reichstage bereits ausgesprochen hat, daß wir daS Wesen der ländlichen Arbeiterfrage darin erblicken, den Landarbeiter mit Land zu versorgen, ihn an« fäffig zu machen, alles andere fefüfibärer Art ist, daß Weder ein Bedürfnis vorhanden ist, in denjenigen ' Gegenden, in denen das .Koalifionsrecht besteht, es zu ändern, noch ein Bedürfnis vorhanden ist, in den­jenigen Gegenden, in denen ein Koalifionsrecht nicht vorhanden ist, es neu zu schaffen. Ich fage, daß daS nicht die Fragen find, die den landwirtfchaftlichen Ar­beiter inferefficren, sondern datz der ländliche Arbei­ter vor allem das Bestreben hat, vorwärts zu kom­men, dadurch vorwärts zu kommen, daß er in die Klasse der Landbesitzer eintritt.

Sie werden stets finden, meine Herren, daß wir einen scharfen Unterschied machen zwischen den Ver­hältnissen des gewerblichen Arbeiters und den Ver- hätniffen des Landarbeiters. (Zuruf bei den Sozial­demokraten: Warum?) Warum? Meine Herren, nicht etiva deshalb, weil wir dem einen ein Recht vor­enthalten wollen, was wir dem anderen geben, fon­dern weil die Ideale der beiden Klaffen verschieden sind. Der gewerbliche Arbeiter hat ein anderes Ideal als der Landarbeiter. Der gewerbliche Arbeiter, der als einzelner dem Unternehmer machtlos gegenüber­steht, kann nur vorwärts kommen, kann nur Zu- kunftsboffnungen haben, toenn er sich organisiert, wenn er sich zusammenschlietzt; eine andere Möglich­keit existiert für ihn nicht. Der Landarbeiter hat ganz andere Bestrebungen. Namentlich da, wo wir eine Glückliche Besitzverteilung haben, wo wir eine glück- iche Mischung insofern haben, als neben größeren bäuerlichen Besitzungen kleinbäuerliche Besitzungen vorhanden sind, sieht dr Landarbeiter die Möglichkit vorhanden, aufzusteigen, und der sehnlichste Wunsch, der den Landarbeiter erfüllt, ist, auch ein kleines Stück Land zu erwerben und allmählich heraufzukom­men auf der sozialen Stufenleiter. (Sehr richttgk rechts.)

Meine Herren, aus dem Grunde glauben wir, daß diese beiden Schichten verschieden behandelt werden müffen, und wenn ich mit Landarbeitern zu tun ge­habt habe, habe ich noch stets die Erfahrung gemacht, daß sie selbst durchaus keinen Anspruch darauf er­heben, da, wo ein solches Recht, das Koalifionsrecht, ihnen nicht gegeben ist, ein solches zu erhalten. In den meisten Fällen interessiert es die Landarbeiter außer­ordentlich wenig, ja in den meisten Fällen wissen sie garnicht, wie die Rechtsbestimmungen in dem betref­fenden Staate sind. Es ist kein Bestreben unter der Landarbeiterschaft in diesem Sinne vorhanden.

Meine Herren, ich möchte nun noch einige Vor­bemerkungen machen zu dem, was vorhin gesagt wor­den ist. Ich will es dem Herr« Kollegen Gothein nicht verübeln, daß er sich gegen die fachlichen Ausfüh­rungen des Herrn Dr. Hahn gewandt hat, daß er Kritik geübt hat an dem, was dieser fachlich vorge­tragen hat. Aber ich muß doch mit Entschiedenheit Widerspruch erheben, wenn Herr Gothein es für an­gebracht hielt, die Tättgkeit des Herrn Abgeordneten Dr. Hahn infofern zu kritisieren, daß er behauptete, Herr Dr. Hahn habe aus persönlicher Freundschaft fick beim Minister für Leute verwandt, die feinem Wahlkreise angehören, als ob er das nicht getan habe aus sachlichen Erwägungen und aus der Ueberzeugung heraus, daß da tatsächlich Mißstände vorliegcn. Herr Dr. Hahn ist nicht da und kann diesen Fall nicht klar­stellen. Aber ich hätte wohl gewünscht, daß berartige persönliche Angriffe vermieden worden wären. Ich bin überzeugt, daß Herr Bergrat Gothein, ebenso aber auch Herr Dr. Hahn, wenn sie bei der Regierung oder bei einem einzelnen Ministerium etwas durchzusehen versuchen, das nicht aus persönlichen Gründen und aus Freunschaftsbeziehungen tun, sondern stets nur deswegen tun, weil sie davon überzeugt find, daß sach­liche Momente hier den Ausschlag geben. (Sehr rich- tig! rechts.)

Nun ist hier von seifen der Sozialdemokrafie eine Arbeit von einem Dr. Heise aus denLandwirt­schaftlichen Jahrbüchern" zittert worden. Es ist mir leibet nicht möglich gewesen, bas Werk nachzulosen, weil es verliehen war. Wenn aber ein Kollege von der Sozialbemokratie behauptet hat, es sei in diesem Buche festgestellt worden, datz die Sage der landwirt­fchaftlichen Arbeiter in dem Bezirke, mit dem sick der Verfaffer beschäftigt, eine traurige sei, so weiß ick au8 der Erinnerung ganz bestimmt, daß dieser selbe Ver- fasset als Gesamtresultat seiner Forschungen fest­stellte, daß diejcnign Landarbeiter, die diese Gegend verlassen haben und in. die Großstädte und in die Industrie gewandert sind, ihre Lage nicht verbessert, tonbern verschlechtert haben. (Hört! hört! rechts.) Das ist bas Gesamtergebnis biefer Heiseschen Arbeit gewesen, wie ich auf das bestimmteste ioeitz, beim ich habe vor Jahre« diese Schrift besonders durchge- «tbeitet.

Meine Herren, meine Freunde freuen sich, daß {liefe Frage hier zur Debatte gekommen ist, weil sie überzeugt sind, daß, wie in den letzten Jahrzehnten die Frage der gewerblichen Arbeiter den Reichstag und

Die JnsertivnKgebÜhr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. ii Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, Universitätsbuchdruckerei Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55,

Die Lage auf dem Orient.

Bo« Boykott.

Konstantinopel, 31. Jan. Beim hiefi- gen Boykottsyndikat ist eine Einlenkung bemerk­bar. Das Syndiktt schickte an die Provinzsyndi­kate eine Depesche des Inhaltes, datz der befrie- digende Abschluss einer österreichisch-ungarisch- türkischen Entente demnächst zu erwarten sei. Man möge daher Boykottverschärfungen unter­lassen.

«ulgarie» «e> die Türkei.

Konstantinopel, L Febr. Der Zeitung Jldam" zufolge beriet der gestrige Ministerrat sehr lange über die Differenzen mit Bulgari« und die gegenwärtige Lage. WiePeni Da- zetta" meldet, beauftragte der Erotzwefir da« Kommissariat in Sofia, der bulgarischen Regie­rung mitzuteilen, ste möge »icht mit Demonfü»