mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Berlage
Man abonniert auf die täglich erscheinende „Oberhessische _ - Zeitung" bei allen Postämtern und unfern Zeitungsstellen in
Bn Zti Kirchhain und Wetter sowie bei unserer Expedition — Markt 2t.
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Die InsertionSgebühr beträgt für bie 7gefpaltene 3eile ^<rarunrg ober deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — ii
Druck und Verlag: Joh. «ng. Koch, Universitätsbuchdruckerei '
Sonntag, 31. Januar 1909. InhÄer Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Zweites Blatt.
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für die Monate Februar und Rkr,
" aus die
Lbeehess ische Zeit»«-- nebst ihren Beilagen werden, noch von unserer Expedition yjiarlt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch- jatU, Neustadt und Wetter, sowie von filen Postanstalten und Landbriesträgern ent- sexengenommen.
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Die Diamanten von Südwestasnka.
Zu unserer gestrigen Mitteilung der Kaiser- sichen Be.ordnung über die Förderung der tenischrn T amanten und die Bildung einer Ge- jAIfchaft wird weiter milgeteilt:
Teilhaber der Gesellschaft stnd die folgenden: Bcil:>iet Handelsgesellschaft, Bank für Handel Ud I. juftrie, Berg- und Metallbank, Bankhaus F. ^lc'chrnder, Delbrück Leo u. Co., Deutsche Henk, Deutsche ^olonialgesellschaft für Südwest- ifiika, Diskonto-Gesellschaft, Dresdener Bank, Libeon Schürf- und Handels-Gesellschaft, die Bankhäuser von der Heidt u. Co., sowie Mendelssohn u. Co., Nationalbank für Deutschland, Bankhaus Salomon Oppenheim jun. u. Co., A. Bchaaff. Bankverein, die Bankhäuser Jacob S. ft. Stern, M. M. Warburg u.Co. und L. Speyer- stllissen. Diese Regiegesellschaft hat keine Er- kverbszwecke. Zur Deckung der Unkosten wurde her Betrag von 1.50 M pro Karat in Ausficht genommen. Erst bei einer Förderung von B00 000 Karat würde dies einer Dividende von fünf Prozent auf das Kapital der Gesellschaft entsprechen. Die gewählte Konstruktion stellt demnach eine Vereinigung der Bergbauinteressen auf der einen und der fiskalischen und Schutzge- hietsinteressen auf der anderen Seite dar. Die ^Norddeutsche Allgemeine Zeitung" setzt sodann Auseinander, daß die Regelung der Diamanten- Frage auf dem Verordnungswege notwendig gewesen sei, weil das Auftreten neuer Jnteressen- ten und die etwaige Auffindung neuer Fundstellen durch an Vereinigung nicht beteiligte Personen beständig zu neuen Verhandlungen und damit zu einer Unsicherheit der Entwicklung geführt haben würde.
Die „Nordd. Allg. Ztg." teilt sodann mit, daß der erwähnte Zusammenschluß schätzungsweise 90 Prozent der jetzt entdeckten Diamantfelder umfaßt und daß die Organisation der Diamantregie bereits weit vorgeschritten ist. Alsbald nach dem Inkrafttreten der kaiserlichen Verordnung und nach Aufnahme der Tätigkeit der Regiegesellschaft wird anstatt des bisherigen Fixzolles von zehn Mark pro Karat ein Wertzoll in Höhe von einem Drittel des Verkaufserlöses der Regiegesellschaft eingeführt werden. Hiervon fallen dem Fiskus bis zu zehn Mark pro Karat ohne weiteres zu. Ein etwaiger Ueber- schuß ist als Gegenleistung für die Kosten der Landespolizei anzusehen, welcher durch die
Felderbewachung neue Aufgaben erwachsen. Die Begründung eines Diamantmarktes in Berlin ist in Aussicht genommen. Verhandlungen mit deutschen Schleifern haben stattgefunden und die Leistungsfähigkeit der deutschen Schleifindustrie ergeben. Die Verordnung, so fährt die „Nordd. Allg. Ztg." fort, steht die Möglichkeit einer Kon- ttngentierung vor: Dadurch wird die Vergeudung der Diamanten verhindert und die Möglichkeit gegeben, die deutsche Produktion den Weltmarktverhältnissen anzupassen. Auch kann die Organisation als stark genug angesehen werden, um die Beschränkung der Verkaufsmöglichkeit der deutschen Steine seitens anderer Interessenten mit Erfolg die Spitze zu bieten. Nachdem das Blatt noch über die Maßnahmen berichtet hat, die der deutschen Jnittattve Gelegenheit geben sollen, den Bergbau auf bekannten Feldern möglichst für sich zu sichern, teilt es mit, daß, um den Fiskus auch bei diesem Unternehmen über das bisher mögliche Matz, abgesehen von den Zolleinnahmen, eine Beteiligung zu si-bern, besondere Abmachungen mit der Kolonialgesellschaft getroffen worden sind. Aus Grund eines mit der Deutschen Kolonialgesellschaft ne*t geschlossenen Vertrages wird bestimmt, datz die Bergwerksabgaben von neu zu begründendem Bergwerkseigentum allgemein auf 10 Prozent vom Verkaufserlös festgesetzt werden, von welchen dem Fiskus 6% Prozent zuflietzen. Für diese Felder wird demnach die Beteiligung des Fiskus 33i/3 Prozent an Zoll und 6% Prozent an Bergwerksabgaben, insgesamt 40 Prozent vom Vruttowert, ergeben und daher in der Annahme, datz die Förderungs- und Derwer- tungskosten etwa 20 Prozent dieses Bruttowertes erreichen, die Beteiligung des Fiskus an der Hälfte des Nettoerlöses gewährleistet. Was die fiskalischen Bergwerksfelder anbetrifft, so setzen sie sich zusammen aus etwa 30 int Gebiet der Kolonialgesellschaft belegenen Schürfieldern und einem großen Landblock int Diamantgebiet, welcher auch diamantführend ist. Für die Ausbeutung dieses gesamten Fiskalbesitzes wird eine besondere Bergwerkspachtgesellschaft errichtet werden, weleche bereit ist, 75 Prozent ihres Nettoverdienstes als Pachtzins abzuführen. Zum Schlusie weist die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" darauf hin, daß für die getroffene Regelung der Besuch des Staatssekretärs auf den südafrikanischen Produktionsstätten in Pretoria und Kimberley nicht unwichtig war, da er der Verwaltung einen Einblick in die Natur des Diamanthandels und die für seine Entwickelung notwendigen Vorbedingungen gegeben hat.
Politische Umschau.
Eine wohlverdiente scharfe Rüge richtete in der Montagsfitzung desAbgeordneten- hauses Präsident v. Kröcher an die sozialdemokratische Fraktion. Er hielt vor Eintritt in die Tagesordnung eine Ansprache, in der auf pöbelhafte Zwischenrufe Bezug nahm, die aus der roten Ecke heraus gegen den freisinnigen Abgeordneten Fischbeck in der vorigen Sitzung gerichtet worden waren. Der Vorgang am 20. Januar war nach dem stenographischen Berichte der folgende:
Fischbeck: „... Aber mein« Herren, wenn die Herren (Sozialdemokraten) selbst etwas finden, vor allem die sozialdemokratische Presse da draußen, wenn sie auf die bürgerlichen Elemente losgeht, dann schreckt ste vor keinem Mittel zurück. Da gibt es keine Rücksichtnahme, das ist schließlich die Taktik, die der Wegelagerer und der Strolch hat." (Stürmischer Beifall.) — Zurufe bei den.Sozialdemokraten: Alter Kognakbruder! Säufer! Das spricht der Kognak! Besoffen wie immer! — Große Bewegung. — Zurufe bei den Sozialdemokraten: Er hat sich erst dazu Courage angesoffen! Ein Fischbeck kann uns nickt beleidigen! Glocke des Präsidenten^
Präsident v. Kröcher hatte diesen Zwischen, rufen gegenüber bereits in gewohnter Milde sofort seine Mißbilligung ausgesprochen. Nach Einsichtnahme in den stenographischen Bericht aber kam et in der nächsten Sitzung nochmals auf diesen Vorfall zurück..und sagte zu den Sozialdemokraten: „Wir stnd hier anständige Leute, und wir können verlangen, daß jeder, der die Ehre hat, dem preußischen Abgeordnetenhause anzugehören, sich so benimmt, wie es die Sitte des Hauses erfordert. Als Präsident des Hauses verbiete ich deshalb int Namen des Hauses den Herren Urhebern der neulichen Zwischenrufe, künftig in solchen Ausdrücken wieder zu sprechen." (Wiederholter lebhafter Beifall.) Die „Genosten" werden sich diese scharfe Lektion ad notam nehmen und wohl beachten müsten, datz der „Sauherdenton" von Dresden und Nürnberg im preußischen Abgeordnetenhause nicht gelitten wird.
Das Kapitalvermögen der preußischen Landkreise.
Nach dem rechnungsfähigen Stande vom 31. März 1904 betrug, wie die „Statistische Korrespondenz" etwas verspätet mitteilt, das Kapital- verntögen der 489 preußischen Landkreise 78 Millionen Mark an Wertpapieren und 11 Millionen Mark in bar, während sich die ausstehenden Forderungen einschließlich der Geschäftsanteile an Unternehmungen, der verzinslich angelegten Summen und der Hypothekenforderungen auf ebenfalls 78 Millionen Mark beliefen. Insgesamt betrug also das Kapitalvermögen der Landkreise 167 776 373 Mark. Die bedeutendsten Kapitalbeträge besaßen die Landkreise der Regierungsbezirke Posen und Potsdam mit 17.34 bezw. 16,79 Millionen Mark. Hinter diesen Regierungsbezirken standen alle anderen Bezirke weit zurück: Stettin weist 8.2 Millionen, Schleswig, Bromberg, Marienwerder. Breslau, Gumbinnen, Oppeln und Königsberg wiesen Kapitalbeträge zwischen 7,9 und 6,4 Millionen Mark auf. Bei weiteren 15 Bezirken schwankte der Kapitalbesttz zwischen 5,6 (Frankfurt) und 3,1 Millionen Mark (Köln) und von den übrigen 11 übrigen Bezirken erreichte er bei vier, nämlich bei Osnabrück, Lüneburg, Stade und Sigmaringen noch nicht eine Million Mark.
Die Reichstagsersatzwahlen seit 1907 und die Sozialdemokratie.
Wie bei den Reichstagswahlen im Jahre 1907, so hat die Sozialdemokratie auch bei den Ersatzwahlen, die seitdem stattgefunden haben, fast überall ziemlich schlecht abgeschnitten. Die
Zahl der Stimmen, die die roten Kandidaten auf sich vereinigen konnten, hat sich fast bei allen Ersatzwahlen gegenüber der Stimmenzahl, di« sie bei den Wahlen im Jahre 1907 erreichten, vermindert. Insgesamt hat die Sozialdemokrat tte seit 1907, wie wir einer in der „Staats- bürgerzeitung" veröffentlichten Statistik ent. nehmen, 9222 Stimmen verloren und nur 1898 Stimmen gewonnen. Die Genossen verloren bei der Reichstagsersatzwahl im Kreise Langensalza-Mühlhausen 406, bei der Ersatzwahl im Kreise Schleiden-Malmedy 235, bei der Ersatzwahl im Kreise Vechta-Kloppenburg 3215, bei der Ersatzwahl im Kreise Dinkelsbühl 625, bei der Ersatzwahl im Kreise Pleß-Rybnik 2, bei der Ersatzwahl im Kreise Emden-Norden 795, bei der Ersatzwahl im Kreise Czaruikau-Filehne 321 bei der Ersatzwahl im Kreise Helrnstedt- Wo'lfenbüttel 808, bei der Ersatzwahl im Kreis« Memel-Heidekrug 1491, bei der Ersatzwahl im Kreise Prenzlau-Angermünde 1204 und bei der Ersatzwahl im Kreise Meseritz-Bomst 102 Stirn« men. Einen Stimmenzuwachs hatten die Sozialdemokraten nut bei den Ersatzwahlen in den Kreisen Glauchau - Merane, Speyer-Ludwigs. Hafen und Siegen-Wittgenstein zu verzeichnen. Gleich blieb ihre Stimmenzahl bei den Ersatz- wählen in den Kreisen Wreschen - Pleschen, Daun-Prüm und Krotoschin. Die Herren Ee- nosten erhielten nämlich in diesen drei Kreisen, wie im Jahre 1907, keine Stimme. Es sei schließlich bemerkt, daß die sozialdemokratisch« Stimmenzahl bei den Ersatzwahlen in den Krei. sen Prenzlau-Angermünde und Memel-Heyde- krug um 3414 bezw. 4073 Stimmen geringer war, als bei den Wahlen im Jahre 1903. Ja im Kreise Vechta-Kloppenburg erlitten die Ea nosten gegenüber den Wahlen im Jahre 1903 sogar eine Einbuße von etwa 5500 Stimmen. — Hoffentlich halten die nächsten Reichstagwahle» das. was die Ersatzwahlen versprochen haben.
Tschechische Unverschämtheit.
Aus Baden-Baden wird der „Deutschen Tageszeitung" geschrieben: Ein hiestger Fabrikant sandte kürzlich ein Preisverzeichnis an einen deutschen Kunden in Prag. Er erhielt di« Vriefsache mit dem tschechischen Vermerk zurück: „Wir brauchen keine deutschen, wir haben genug tschechische Sachen?« Es stellte sich dann heraus, daß der Adrestat in Prag das Preisverzeichnis überhaupt nicht erhalten hatte. Ein tschechischer Postbeamter hatte einfach den Brief mit dem Vermerk versehen und ohne weiteres zurückge« schickt. Der Fall wurde dem deutschen Lands- mannminifter Dr. Schreiner zur Kenntnis gebracht. — Diese den internationalen Postverträgen ins Gesicht schlagende tschechische Dreistig« leit geht aber auch die reichsdeutsche Regierung nicht nut etwas, sondern sogar sehr viel an!
Ein Freischärlerkorp» für kommende Fälle.
„La France militaire", für Frankreich von derselben Bedeutung wie für Deutschland das „Militärwochenblatt", brachte kürzlich einen Aufsatz, in dem die Verwendung alter Gewehre besprochen und zugleich mitgeteilt wurde, daß man sich in Frankreich lebhaft mit bet Organisation von Freischälerkorps beschäftige. Näheres wird aus begreiflichen Gründen natürlich
45 iSfad’ötttrf verboten.).
Unter Feinden.
Roman von Karl Matthias.
(ftortfefcunfl.)
Mit dem kühnen Gedanken, der Rächer seines Sohnes zu werden, hatte er die Epauletten — genommen, jetzt mußte er weichen, ohne das Bewußtsein, auch nut einen Mann getötet zu Haven. Auch seine Leute hatten nicht viel dazu getan. Sie knallten nur so ins Blau hinein, nicht ins Blaue der bayerischen Röcke, sondern ziellos, ungewiß, ohne Ueberlegung, nut, um durch das Schießen ihre Angst zu betäuben.
Trepillons Regiment hatte bei Astas gestanden und wurde über Creucy und Chevilly zurückgedrängt, Als die bayerischen Kürassiere in bie fliehenden Reihen einhieben, gelang es der 2. Kompagnie der 204er unter Kapitän Bour- lier int Walde von Orleans Deckung zu finden, allerdings mit einem Verlust von dreißig Mann, dem fünften Teile seiner Leute.
..Das ist der Krieg," ließ sich Oberst Trepil- lon hören, als sie irn Waldesschatten endlich Platz zum Verschnaufen fanden. „Machen Sie sich nichts a ts dieser Schlappe, lieber Bourlier, sie ist nur der Anfang zu einem großen Siege. Wir werden dennoch bei Orleans die Prussiens in bie Pfanne hauen. Sie sollen nut kommen, die Blauen unb bie Schwarzen, wir vernichten sie, angenommen, daß bet General meinen Direktiven folgt."
Allein d'Aurelles be Paladine hatte es ander» beschlossen als Oberst Trepillon. Die stanzöfi- fdien Streitkräfte wurden langsam auf Orleans zurückgezogen. Die 204er rückten in die Stadt •in, wo sie in BÜrgerquarttere gelegt wurden.
da die Kasernen und öffentlichen Gebäude von Soldaten überfüllt waren.
Bourlier gelangte halbtot in sein Quartier, . welches ihm bei einer alten Witwe in der Nähe ' ber Place be la Vierge angewiesen wurde. Als er eintrat, wußte er kaum, wo er sich befand. Nach bet Ueberanstrengung wat eine entnervende Reaktion über ihn gekommen. Von der Wirttn in ein kleines, reinliches Zimmer geführt, streckte er sich in Stiefeln und Uniform auf das Bett hin unb verfiel in Schlaf. Er träumte von einer glücklichen Zeit, sah sich wieder an der Seite seiner schönen Gattin, die ihn leider so früh verlasten hatte, und die Kinder Olivier und Desiree zu seinen Füßen. Und mit dieser Erinnerung erwachte er.
Das ganze Elend seiner Lage kam über ihn. Verzweifelnd rang er bie Hände und wußte sich keinen Trost. Da fühlte er seine Brieftasche. Sie barg, außer bem Gelbe, bas Bild seiner Gattin — es war bas einzige Andenken, welches er aus der Villa bei Vazailles mit sich genommen hatte.
Schwermüttg befreite er das Bild von seiner Umhüllung. Es war eine Photographie, in Farben ausgemalt. Lange saß er da, bie Augen innig auf die friedlich holden Züge gerichtet, und gedachte — seiner Tochter Desiree, die er aufgegeben und verstoßen.
„Nein," sagte et, „ich will nicht weich werden. Ich habe recht getan. Die Zett des Glückes liegt uneinbringlich hinter mir, vor mir die Rache.«
Er stellt« das Bildchen auf eine Kommode unweit des Tisches und begann feine Waffen nachzusehen. Dann zählte er seine Barschaft. Sie war sehr zusammengeschmolzen. Wa» er vorder
hand brauchte, hatte er allerdings — unb dann den Sold--bisher hatte er zwar nichts da
von gesehen — nur Geld ausgegeben, denn bie Verpflegung war gleich Null — ber gemeine Mann litt fast Hunger.
Dieser Eebankc brachte ihn zum Bewußtsein, daß er selbst seit 24 Stunden nüchtern war. Er rief seine Wirtin und diese, eine gutmütige gefällige Person, war sogleich bereit, von ihrem Mittagmahle herzugeben.
Während Bourlier speiste, ging bie Frau im Zimmer hin unb her. Das Bild fiel ihr ins Auge.
„Gewiß ihre Frau Gemahlin, Herr Kapitän?" fragte sie.
„Meine einstige Gattin. Sie ist seit Jahren tot. Ich wollte, ich ruhte an ihrer Seite.“
„O, so dürfen Sie nicht sprechen, Herr Kapitän," tröstete die Wirttn. „Ich habe auch meinen guten Mann verloren und wünschte mir bei seinem Begräbnis den Tod. Jetzt lebe ich doch gern trotz Rot und Alter und freue mich meines Daseins, so gut es eben geht.«
Bourlier antwortete nicht. Sollte et dieser Frau sein Leid erzählen? Sie vermochte ihm doch nicht nachzufühlen. In trüben Gedanken saß er da, bis die Dämmerung hereinbrach. Die Wirtin brachte ihrem Gaste einen gut bereiteten Kaffee. Dabei nahm ste wieder das Bild zur Hand, und als sie es fortstellte, fiel es um und kam hinter einen kleinen Spiegel zu liegen.
Abends wurde die Besatzung alarmiert. Die 204er strömten zum Appellplatze; ausgerüstet, gereinigt, gesättigt, zeigten sie wieder eine stolze Haltung. Bourlier war sofort bei seiner Kompagnie, die nach kurzer Musterung in die Vor- stadt abmarschierte.
Die Bayern waren nach einem tagsüber dauernden Gefecht im Walde von Orleans auf bie Stabt zugerückt, während bet preußische General von Wittich mit seiner Division von Norbwesten herankam. General von bet Tonn hatte beschlossen, Orleans noch an bemfelben Tage, am 11. Oktober, zu nehmen. Nachdem die Preußen sieben Batterien bei Bois Girard auf» gefahren hatten, gelang es ihnen, die französischen Kanonen, welche hinter starken Verschanzungen standen, binnen Kurzem zum Schweigen zu bringen. Nun stürmte bas 32. Infanterie- Regiment, bie 83et unb 95er zusammen bas Dorf Ormes, wo die Erfolge ber Bayern abgewartet wurden.
Diese hatten das Gehölz bei Saran klar ge- macht, die 13er das Dorf selbst, unterstützt vo» der Artillerie, ausgeräumt und die Franzose» hinausgetrieben. Die 204er waren bestimmt, die Fliehende.r aufzunehmen und sich den an« dringende-: Bayern als ausgeruhte Truppen in den Weg zu stellen.
Bei Martin sttetzen beide Heeresabteilungen zusammen. Bourlier hielt das Gehöft, welche» etwas abseits der großen Vorstadt liegt, mit seinen Leuten besetzt und verteidigte es mit großer Umsicht und Kaltblütigkeit. Um seiner Kompagnie ein Beispiel ber Tapferkeit zu geben, entriß er einem Gefallenen das Chassepotgewehr und feuerte selbst Schuß auf Schuß gegen den Feind ab. So lange nur Kleinfeuer seine Stellung bedrohte, hielt et es aus; als fein« Position aber in ein Kreuzfeuer von Kartätschen kam, folgte er dem allgemeinen Rückzug, tun nicht abgeschnitten zu werden.
(Fortsetzung folgt.) s