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f mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend" (wöchentliche Unterhaltungsbeilage) und „Landwirtschaftliche Benage."
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Marburg
Sonntag, 31. Januar 1909.
Di« JnfertionSgebühr beträgt für die 7a^paltene Zelle oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklame« 30 Pfennig. — ii Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UnloersttätSbuchbruckerei Ä5**M*B* Inhaber Dr. T. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Der heutigen Auflage flir den Kreis Kirchhain liegt Kreisblatt Nr. 8a bei.
Erftes Blatt.
Die heutige Nummer umfaßt 3 Blätter.
Rückblick.
Der fünfzigste Geburtstag unteres Kaisers hat die Blicke des In- und Nuslandes auf die ausgeprägte Persönlichkeit des Herrschers gelenkt und überall Betrachtungen Uber ihn und seine Tätigkeit hervorgerufen. Mit Genugtuung darf man 'feststellen, daß abgesehen von einigen Stimmen derjenigen, denen das Verhetzen nun einmal zur zweiten Natur geworden ist, fast überall in würdiger und ernster Weise die Anerkennung laut geworden ist, die Kaiser Wilhelm seinem edlen Herzen und Willen nach und auch — trotz manchem, in dem wir ihm nicht zu folgen vermögen — seinen Erfolgen nach verdient. Unser Volk ist durch und durch monarchisch gesinnt, und wenn dieser Fonds von den verantwortlichen Ratgebern unseres Kaisers stets in richtiger Weise nutzbar gemacht wird, so brauchen wir nicht daran zu zweifeln, daß unsere Monarchie, in der Fürst und Volk verfassungsgemäß nach Fürst Bismarcks weiser Einrichtung in gleicher Weise zusammenwirken, alle inneren und äußeren Schwierigkeiten überwinden wird.
Reichstag und Landtag haben nun wieder ihre Pforten geöffnet für die Redeturniere der Reichs- und Landboten. Im Reichstage hat neben dem Vertrauensvotum des Blocks für den Minister v. Vethmann-Hollweg in der Handhabung des neuen Reichsvereins- gesetzes in dieser Session erst die gestrige Debatte über die Landarbeiterfrage erhöhtes politisches Interesse beansprucht. Die Linke ist mit einem Teil des Zentrums für Gewährung des Koalitionsrechtes an die Landarbeiter, die Rechte mit den Rationallibera- ken sucht den Schwerpunkt der Landarbeiterfrage im Osten in der Durchführung einer gesunden Sozialpolitik, einer Verminderung des Wohnungselends usw. Mit besonderer Betonung wurde geltend gemacht, daß von dem Koalitionsrecht in Hannover und Elsaß-Lothrin- gen die Landarbeiter verhältnismäßig wenig Gebrauch machen. Die Sozialdemokratie verfolgt naturgemäß auch hier agitatorische Zwecke. Zu welcher Gefahr aber eine so verhetzte Masse von Landarbeitern im Osten zur Zeit der Ernte werden kann, bedarf kaum einer Erwägung. Die sich wiederholenden Vorgänge dieser Art in Italien sprechen eine beredte Sprache. Die Frage hat hauptsächlich für den Osten, von da aus aber eine sehr große Bedeutung.
Ein besonderes Interesse beanspruchte in der letzten Zeit das preußische Abgeordnetenhaus, es schien, als ob die Frage der Blockpolitik zur Zeit hier verhandelt werden sollte. Der Appell des Fürsten Bülow an die Rechte in der Frage der Reichserbschasts- steuer, die Ankündigung einer Wahlrechtsreform in Preußen, die von vielen Seiten auch als Vlockfrage aufgefaßt wird, hat auf der rechten Seite nicht den freudigen Widerhall gefunden, den der Reichskanzler wohl erwartet hatte. Freisinnige Blätter, voran die „Frankfurter Zeitung", widmen seit der Zeit dem Verhältnis 'der Konservativen zum Fürsten Bülow täglich längere Auseinandersetzungen, seitdem von Rednern dieser Partei ausgedrückt wurde, daß ste den Standpunkt des Fürsten Bülow nicht teilen. Wieder raucht das Gerücht auf, daß man auf einen Sturz des Fürsten Bülow hindränge. Daher ist cs erfreulich, daß die „D. T." diesen Gerüchten energisch entgegentritt. Sie schreibt:
Die Behauptung, daß die Konservativen den Sturz Bülows wollen, ist grundlos und falsch. Soweit wir über die Stimmung in konservativen Kreisen unterrichtet sind — und wir glauben gut unterrichtet zu sein, — hegt man allgemein den Wunsch, daß der Kanzler und Ministerpräsident noch lange in seinem Amte bleibe. Zn der preußischen Wahlrechtsfrage einerseits und in der Frage der Nachlaßsteuer andererseits stehen sie auf einem anderen Boden als der Reichskanzler. Das war aber auch schon von der letzten Rede des Für- sie« bekannt. Es ist ein Unfug, aus der Tatsache, daß eine staatserhaltende Partei mit dem leitenden Staatsmanne in einigen Fragen nicht übsreinstimmt, den Schluß zu ziehen, daß sie auf seinen Sturz hinarbette.
Das Blatt wendet sich dann dem Block und fincm Verhältnis zum Reichskanzler zu und «eint weiter:
Wenn nun bei dieser Gelegenheit immer wieder gesagt wird, daß jedes Rütteln am Blocke die Stellung des Fürsten Bülow gefährde oder doch erschwere, so ist auch da» unrichtig. Wir haben oft genug hervorgehoben, daß der jetzige Reichskanzler durchaus nicht mit dem Block« auf Gedeihen und Verderben verbunden ist. Das war vielleicht unmittelbar nach der letzten Reichstagsauflösung der Fall. Jetzt liegt die Sache anders. Wir haben Grund zu der Annahme, daß das Vertrauen des Kaisers dem Fürsten Bülow auch dann bleiben wird, wenn der Block in die Brüche gehen sollte, und wir hegen den Wunsch daß er noch möglichst lange die Lust und die Kraft fühle, sein Amt weiterzuführen.
Jedenfalls ist man in den Kreisen der Rechten sehr ost der Meinung, als ob die Blockpolitik dahin verstanden werden sollte, daß mit ihrer Hilfe — wenn auch allmählich — die Forderung der Linken durchgedrückt roetben soll. Dieses Verkennen der parlamentarischen Lage von Seiten der Linken bringt naturgemäß neue Schwierigkeit. Der Block hat den Zweck, di« Durchführung einer nationalen Politik zu gewährleisten und nicht den, unsere gesamte Politik auf ein anderes Geleise zu schieben zugunsten einer kleinen Partei, die es zudem noch offen ausspricht, daß ihr an der Blockpolitik nicht das mindeste liege. So scheint auf der Rechten allmählich in dieser Frage eine kühl abwägende Haltung beobachtet zu werden. Das weitere Schicksal des Blocks hängt jedenfalls von der Gestaltung der Verhandlungen über die Reichsfinanzreform ab, mit der sich der Reichstag nun bald befassen wird. Und hier erscheint die Lag« bis jetzt noch durchaus verworren.
Viel schneller ist man in dem Abgeordnetenhause zu einer Einigung gekommen. Es darf mit Freude begrüßt werden, daß sowohl Regierung als alle bürgerlichen Parteien einen gemeinsamen Boden gefunden haben, auf dem sie die neue Besoldungsordnung errichten konnten. Bereits gestern und heute sind die Kommissions- befchlüsie vom Landtag angenommen worden. Die einzelnen Parteien haben hier zugunsten des ganzen Werkes der Besoldungsreform Wünsche zurückstellen müssen, und in den Reden der einzelnen Parteiführer kommt das Zustimmen „mit schwerem Herzen" auch deutlich zum Ausdruck. Aber wenn auch nicht alle Wünsche erfüllt find mit Rücksilht auf die aufzubringenden Steuern, so darf man stch des nunmehr Erreichte« vom allgemein politischen Standpunkte aus freuen, weil nun für einige Zeit Beruhigung in die Beamtenkreise kommen wird zum besten unseres Vaterlandes.
Politische Umschau.
Deutschland und England.
Bonbon, 29. Jan. Das Reutersche Bureau erhält van einer Seite, die über die in den höchsten Kreisen Deutschlands gehegten Anschauungen wohlunterrichtet ist, folgende Mitteilung: Der bevorstehende Besuch des Königs und der Königin von Großbritannien in bet Hauptstadt des Deutschen Reiches wird dort wie im ganzen Deutschen Reiche in allen Kreisen sympathisch begrüßt. Hoffentlich wird dieser Besuch den gegenseitigen Mißvc:'ändnifien und Mißdeutungen, die zweier gn >:n Nationen unwürdig find, ein Ende machen. In der Politik gibt es keine Sentimentalität. Ein Staat, der eigennützige Politik treibt, treibt eine patriotische Politik, und auf diese Weise ist England groß geworben. Die Deutschen haben bas gleiche Recht und die gleiche Pflicht, eine eigennützige Politik zu treiben und das englische Volk kann und darf deshalb nicht schlechter von ihnen denken, tzbenso wie Großbritannien eine Notwendigkeit ist, so ist ein starkes Deutschland ein Unterpfand des Friedens. Es muß betont werden, daß ein erneutes Mißtrauen zwischen den beiden großen Nationen beiden große Nachteile zufügen mutz, während ein beiderseitiges Einvernehmen nicht nur Deutschland und Großbritannien, sondern auch der ganzen Welt die Vorteile des Friedens sichert. Die Bemühungen des deutschen Kaisers sind unaufhörlich darauf gerichtet gewesen, zu Großbritannien freundliche Beziehungen herzustellen, und wi« die beiden Herrscher sich demnächst die Hand reichen werden, so werden hoffentlich die beiden Nationen ihrem Beispiele folgen, nicht in einem Gefühle augenblicklicher freudiger Erregung, sondern au» ernster Ueber- zeugung ehrlich und aufrichtig.
Der sozialdemokratische Bertrauensbruch.
Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion veröffentlicht im „Vorwärts" folgende Erklärung: Durch ein bedauerliches Versehen eines in der Budgetkommission anwesenden Fraktionskollegen sind Mitteilungen aus einer als vertraulich bezeichneten Verhandlung der Kommission veröffentlicht worden. Dieser Vorgang führte zu Erörterung«« in der Budgetkom»is-
ston, die ebenfalls al» vertraulich erklärt wurden. Von letzteren Erörterungen hat der „Vorwärts" Notiz genommen, da in dem ihm darüber zugegangenen Bericht der vertrauliche Charakter di«, fet Verhandlungen nicht erwähnt war. Wir stellen fest, daß di« Fraktion es von jeher für selbstverständlich gehalten hat, daß über vertrauliche Auskünfte keinerlei Mitteilungen gemacht werden, weshalb die Fraktion dies« 6etb«n Vorkommnisse lebhaft bedauert."
Um künfttg einem Fall „Roske" vorbeugen, soll, wie man schreibt, an die Tür des Beratungszimmers im Reichstage ein Plakat angebracht werden, welches auf den vertraulichen Charatter der Sitzung Hinweisen soll. — Diese Maßregel ist vielleicht nützlich. Nur erscheint e» uns zweifelhaft, ob sie gegen Fälle mangelhaften Unterscheidungsvermögens hilft; denn der Genosse Noske kannte doch auch jetzt schon den Charakter der vertraulichen Sitzung.
Statistisches vom Schiffsverkehr.
Ueber die Schiffsunfälle an der deutschen Küste während es Jahres 1907 werden im zweiten Teile des Bandes 187 der Statistik des Deutsche« Reiches zwei von Erläuterungen begleitete ausführlich« Uebersichten veröffentlicht, aus denen die wichtigsten Angaben bereits im 4. Hefte des Jahrganges 1908 der Vierteljahrshefte zur Statistik de» Deutschen Reichs mitgeteilt worden sind.
Im Jahr« 1907 find 532 Unfälle gezählt worden ,bte (bei 168 Zusammenstößen zwischen j« 2, 10 zwischen je 3, 9 zwischen je 4, 1 Zusammenstoß zwischen 6 Schiffen, 16 Zusammenstößen mit einem Schiff« oder Fahrzeuge bet Kaiserlichen Marine, 2 mit einem Fahrzeuge fremder Kriegsmarinen sowie 1 Zusammenstöße zwischen 3 Schiffen, von denen 1 ein Kriegsschiff war) 753 Schiffe betrafen. Die Erhebungen der vier vorhergehenden Jahre hatten er- geben für 1906 : 524 Unfälle und 733 betroffene Schiffe, für 1905 : 465 Unfälle und 647 Schiff«, für 1904: 442 Unfälle und 599 Schiffe und für 1903: 405 Unfälle und 571 Schiffe. Von den Schiffsunfällen ereigneten sich im Jahre 1907: 378 auf Flußläufen, in Föhrden, Haffen usw., 129 an der Festlandsküste selbst und bis zu einer Entfernung von 10 Seemeilen von ihr und 25 in einer Entfernung von 10 bis 20 Seemeilen von der FestlandskLste. Im Ostseegebiete traten ein 238 Unfälle (2,98 auf je 10 Seemeilen Küstenstrecke), im Nordseegebiete 294 (9,97 auf je 10 Seemeilen). Unter den von Unfällen betroffenen Schiffen waren 50 Fischerfahrzeuge und andere zu Fischereizwecken dienende Fahrzeuge, 279 Küstenfahrzeuge, Leichter-, Haff-, Fluß- und andere nicht registrierte Fahrzeuge und 424 eigentliche Seeschiffe. Gänzlich verloren gingen 47 Schiffe. 455 wurden beschädigt, 233 blieben unbeschädigt und bei 18 ist der Ausgang des Unfalles unbekannt. Gestrandet find 163, gekentert 8, gesunken 6, zusammenge- stoßen 428 und von Unfällen anderer Art betroffen 148 Schiffe. Der Verlust an Menschenleben betrug 66 (55 Mann von der Besatzung und 11 Reisende usw.) oder 0,49 v. H. aller an Bord gewesenen Personen, soweit deren Anzahl bekannt y>ar.
Zur Frage de, ausländisch«« Arbeiter.
Wie der Minister des Innern aus Anlaß einzelner Fälle wiederholt hervorgehoben hat, sollen ausländisch-polniskye Arbeiter, die in Betrieben in Arbeit stehen, in denen ihre Beschäftigung nach den bestehenden Bestimmungen nicht gestattet ist, dieserhalb nur dann ausge- wiese« werden, wen« ste nicht in anderen für ste freigegebenen Betrieben unterkommen können. Hierzu haben ihnen, schreibt die „Neue politische Correspondenz", die Polizei- und Ortsbehörden, soweit tunlich, Hilfe zu leisten und zu diesem Zweck« erforderlichen Fall«? die Vermittelung der Deutschen Feldarbeiter-Zentrale in Berlin, Hafenplatz 4, anzurufen. Gelingt di« Unterbringung diesen Behörden nicht, und mutz demzufolge die Ausweisung Platz greifen, so ist den Erenzbehörde«, denen die Ausgewiesenen zu- geführt werden, von dem Grunde dieser Maßregel unter Beifügung der den Ausgewiesenen abgenommenen Legitimationskarten unverzüglich Mitteilung zu machen. Die Erenzbehörden haben solche Arbeiter sofort nach Eingang der Transportbenachrichtigung und jedenfalls vor Abschiebung bet Atbeiter über die Grenze dem nächstgelegenen Amt« der deutschen Feldarbetter-Zentrale zwecks Unterbringung an einer anderen Arbeitsstelle schriftlich, telegraphisch, telephonisch) oder mündlich zur Verfügung zu stellen, und nut bann, wenn das Erenzamt eine Verwendung für die Leute nicht hat, die Abschiebung vorzunehmen. Im Falle der Ueberweisung bet Arbeitet an eine neue Atbeitsstelle durch bas Erenzamt ist die gemäß Nr. 8 des Erlasses vom 21. Dezember 1907 erforderliche Bescheinigung über die ordnungsmäßige Lösung des Arbeitsverhältnifies unter Beifügung de» Vermerk» „von der Poli
zeibehörde .... überwiesen" durch die Orts- Polizeibehörde des Grenzamts auszustellen. Di« Ueberweisung an das Erenzamt darf aber nur mit Zustimmung der Arbeiter geschehen. Die Ausweisungen der vorgenannten Art find nicht im Zentral-Polizeiblatt zu eeröffent» lichen.
Aus dem Reichstage.
DaS schwach besetzte Hau» beschäftigte sich in der 196. Sitzung mit der Zentrumsinterpellation über die Sicherung des Arbeitsvertrages und deS KoalitionS- rechte» (gegen „schwarze Listen„). Nachdem Staatssekretär v. Bethmaa«-Hollweg sich zu sofortiger Beantwortung bereit erklärt, begründet Abgeordneter GieSbertS (Ztr.) in anderlchalbstündiger breiten, aber einseitigen Ausführungen die Anfrage. Er bringt Zeitungsausschnitte in reicher Zahl vor und klagt über das System der schwarzen Listen als eine unmenschliche Maßregel, gegen die der Gesetzgeber vorgehen müsse. Staatssekretär v. Bethmaun-Hollweg bemerkt hierzu, der Ruf nach dem Gesetzgeber pflege immer z« erklingen, wenn der Aufeinanderprall mächtiger Organisationen besonders heftig sei. Wenn aber der Gesetzgeber einschreite, dann müsse er nach beiden Richtungen vorgehen und den Machtmißbrauch sowohl der Arbeiter als auch der Arbeitgeber zu treffen suchen. Boykott und Verruf seien ebenso bedenklich wie Aussperrung und schwarze Listen. Derartige Kampfmittel werden erst verschwinden, wenn an die Stelle der berufsmäßigen Klaffenkampforganisationen berufsmäßige Jnteressenorganisationen getreten seien. Aber gleichwohl sei zu wünschen, daß von beiden Seiten mit anständigen Waffen gekämpft werde und daß beispielsweise ein Arbeiter Gelegenheit erhalte, dagegen Widerspruch zu erheben, wenn man seinen Namen auf die schwarze Liste setze. Hierauf wird die Besprechung der Interpellation beschlossen, und Abgeordneter Dr. Stresemann (natlib.) ergreift das Wort, um sich im Sinne des Staatssekretärs zu äußern. Auch der folgende Redner, Abg. Dr. Wagner (kons.), stimmt Hrn. von Bethmann-Hollweg zu. Er bedauert die Anwendung so bedenklicher Maßregeln, wie Boykott, schwarte Listen usw., die vielfach Existenzen vernichten, die mtt Wirtschaftskämpfen gar nichts zu tun hätten. Der Redner macht auf den Unterschied in den Beziehungen der Arbeiter zu den Arbeitgebern in Deutschland und in England aufmerffam. Warum seien diese Beziehungen bei uns gespannter? Weil bei uns die Führung der Arbeitskämpfe in den Händen der Sozialdemokratie, der Klassenkampforganisationen feien. Der konservative Wortführer lehnt ein Eingreifen bei Gesetzgebers einseitig gegen die Maßnahmen der Arbeitgeberorganisationen ab. Abg. Sachse (Soz.) bringt hierauf die stereotypen Bergarbeiterklagen in bekannter Ueberireibung vor; aber nicht viel über drei Dutzend Abgeordneter haben den Mut, bei dieser Leistung im Saal auszuhalten. Dr. b. Dirksen (Rp.) greift sodann in die Debatte ein und tritt dem Vorredner entgegen. Er nimmt die Unternehmerverbände wegen Anwendung der schwarzen Liste in Schutz.
Es wird hierauf ein Vertagungsantrag angenommen. Nächste Sitzung: Sonnabend 11 Uhr. Tagesordnung: Rechnungssachen und Fortsetzung der heutigen Besprechung. Schluß 6 Uhr.
Im Abgeordnetenhause
wurde am Freitag, 29. Januar, die zweite Beratung der Besoldungsvorlagen fortgesetzt. Zunächst wurde über Klaffe 6 abgestimmt; die Sätze der Kommiffion wurden angenommen, desgleichen eine Resulution der Kommiffion, wonach die Regierung ersucht wird, möglichst bald eine Neuregelung der Besoldungsverhältnisse der Justizkanzleigehilfen vorzunehmen. Darauf wurde in die Besprechung der Besoldungsklassen 12 bis 22 eingetreten. Die Abg. Schmedding (Zentr.) Dr. Schröder-Cassel (natlib.) und Dr. Rewoldt (frk.) gaben ihrem Bedauern Ausdruck, daß auch bei den Gehaltsaufbesserungen der mittleren Beamten eine Anzahl Wünsche im Interesse der Allgemeinheit hätte« zurückgestellt werden müffen. Abg. Maltzahn (kons.) führte aus, die Kommiffion habe der Gruppe 2, bie rund 58 000 mittlere Beamten umfasse, großes Wohlwollen bewiesen. Er hoffe, daß nun in der Beamtenschaft Beruhigung Platz greifen werde. Es hätte Rücksicht auf die Steuerzahler und die Kommunen genommen werden müssen. Wenn der Abg. Hirsch (Soz.) gestern behauptet habe, daß der Kompromiß auf Kosten der Unterbeamten geschloffen worden fei, so entspreche das nicht den Tatsachen, da die mittlere« Beamten viel mehr unter dem Kompromiß zu leide« haben. Abg. Büchtemann (frf. Vp.) meinte, daß die Mittelschulreform richtiger auf dem Wege der Gesetzgebung als auf dem der Verordnung vorzunebmen sei. Abg. Peltasvhn (frf. Vg.) bedauerte, daß eine Gleichstellung der Gerichts- und Verwaltungssekretäre nicht möglich gewesen sei. Abg. Ströbel (Soz.) hält die scharf gezogene Grenze zwischen unteren und mittleren Beamten nicht für nötig. Nach Schluß der Debatte gelangten die Gebaltsklaffen 12—22 in der Kommiffionsfaffung zur Annahme. Der Kompromiß- antrag, nach welchem die Oberlehrerinnen sämtlicher Lehrerinnenseminare aus Klaffe 17 in die Klasse 19 versetzt werden sollen, und die Resolution betreffest Regelung des Mittelschulwesens wurden ebenfalls angenommen. Es folgte die Besprechung der Brsol- dungsklaffen 28—37. Abg. Lift (frf. Vg.) wünscht» Besserstellung der Assistenten an den wissenschaftliche« Instituten, auch die Gehaltssätze der Universitäts- Professoren blieben hinter den früheren Versprechungen der Regierung zurück. Abg. Friedberg (natltM wünschte eine Besserung der Amtsanwälte und Auf« besserung der Professoren. — Abg. v. Rewoldt (frU stimmte letzterem Wunsche zu. Abg. Hagen (lonfz befürwortete die Resolution betreffend die Assistenten an den wissenschaftlichen Instituten. Abg. Clairond» Houffonville (konf.) begrüßte die Aufbesserung b«e Polizeibeamten und wünschte eine befriedigende 24*.. fung der Frage« der Profefforengehälter. Regie»»