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Marburg

Freitag. 22. Januar 1909.

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44. Jahrg«

Fürst Bülow.

Die gestrige Rede des Fürsten Bülow im Ab. geordnetenhause war ein Bekenntnis zur Block- Politik vor dem preußischen Abgeordnetenhaus, einer Politik, die ja den Fehler oder, wenn man »tll. Vorteil hat. Kompromißpolitik zu sein.

Diesem Amstande ist es auch wohl zuzuschrei­ten, daß ser Kanzler so verschiedenartige Ge­genstände im Rahmen dieser Etatsrede behan­delte, von denen man nicht einsieht, warum fie gerade jetzt behandelt wurden, wenn man nicht ««nehmen will, daß et wieder einmal nach allen Leiten Blumen und Frücht« gleich- mäßig verteilen wollte. Ob ihm das letztere freilich grunzen ist, dürfte nach den unten an- aeführten Preßstimmen füglich zu bezweifeln fein. Das Ausschneiden so verschiedenartiger Punkte fordert jedenfalls mancherlei Fragen heraus:

Was war der Anlaß, den Erlaß de» Fürsten Lismorck über die politische Betätigung der Be- »mten so stark zu unterstreichen? Richtet er sich gegen die konservative« und ihren Widerstand gegen die Nachlaßsteuer, da durch diesen die Blockpolitik gefährdet werden könnte, oder nimmt et Bezug auf den Fall Schücking, und soll er das Verhalten des schleswigschen Regierungs­präsidenten treffen? Uebrigeüs eine Unmöglich­keit. da doch der Fall Cchücking mit der Block­politik auch nicht das Mindeste zu tun hat! Diese Fragen aber muß man aufwerfen, dazu zwingt der Zusammenhang der Rede.

Auch bei der Ankündigung etwaiger neuer Gesetze gegen die Sozialdemokratie ersieht man nicht recht, welche spezielle Veranlasiunq vor- kag. Noch mehr aber vermißt man die Veran­lassung zu einer Rechtfertigung seines Verhal­tens gegenüber der Krone in denschweren Novembertagen", da das Haus kaum an seinem königstreuen Verhalten in dieser Zelt zweifeln dürfte. Daß gerade dieser ausführliche Teil der Erörterungen nicht an die Adresie der Abgeord­neten gerichtet war. sondern seine Wirkung außerhalb des Hauses suchte, ist daher eine nahe­liegende Kombination, der von den verschieden­sten Sette« Ausdruck gegeben wird.

Es ist nur natürlich, daß der Gedanke laut wird, daß diese Darlegungen in breitester Oefsentlichkeit den Zweck haben, geheimen Ma- chenso>"ften entgegenzutreten, die sich gegen die Stellung des Kanzlers wegen seines Verhaltens in den Novembertagen richten. Es ist allerdings nicht nötig, nun wieder von Kamarilla rc. zu reden, aber wir haben ja eben erst erlebt, wie z. B. österreichische Blätter gegen Fürst Bülows Stellung Stimmung zu machen suchten.

Fürst Bülow muß jedenfalls den Eindruck haben, daß seine Stellungnahme in der bekann­ten Angelegenheit noch immer zu nicht unge­fährlichen Angriffen gegen ihn benutzt wird.

Wie die Veranlassung zu einzelnen Teilen der Rede mancherlei Deutung fähig ist, so finden auch die positiven programmatischen und sonsti­gen Feststellungen die widersprechendsten Beur­teilungen.

Das linksnationalliberaleLeipziger Tage­blatt" schreibt:

87 "ichdruck verbot«».!

Unter Feinden.

Roman von Karl Matthias.

«Forttetzung.«

.Verzeihung, Madame," begann der Kranke endlich mühsam und die französische Sprache ge- braudjenb.Wollen Sie mir gütigst sagen, wo ich mich befinde?"

In bet Villa Bourlier," antwortete Frau von Taranbal zögernb,unweit Bazetlles. Sie wurde« verwundet"

Ja, ich entsinne mich'" sprach der Kranke, jedes Wort mühsam seiner Zunge und seinem Gedächtnisse entringend,in bet Fabrik war es. Ich wollte Olivier retten ober et stieß mit hinterrücks seinen Degen vurch ben Leib. Es war schänblich, unbankbar unb feige. Aber meine Pfleger haben mich entschäbigt. Sie bet­tete» mich hier in diesem Hause, wo ich glück­lich war."

Frau von Taranbal hielt sich krampfhaft am Be.lvfosten fest. Walbemar hatte-ihr mit weni­ge» Worten ben ganzen Inhalt bet Tragöbie erzählt, welche sich in bet Fabrik zugetragen. Der Vetwunbete war unschulbig an dem Tode Oliviers. /

Eie find sehr gütig, daß Sie nach mir zu sehen kommen," fuhr der Verwundete immer leiser redend fort,sehr gütig in der Tat

Die Augen schlossen sich wieder. Die Er­kenntnis schien allmählich über ihn zu kommen, denn plötzlich blickte er ihr prüfend in dar Ant­litz. welches sie, mit seiner Bandage beschäftigt, dicht über ihn gebeugt hatte.

Sie find es, Frau von Taranbal?" fragte t entzückt,Sie waren meine Pflegerin?"

Der allgemeine Eindruck auf liberaler Seite ist, daß biefe Januarerklärung des Fürsten Bülow befriedigender ist als die Januarerklär- ung des vorigen Jahre, zum Wahlrecht. Aller­dings ist kaum zu erwarten, daß Fürst Bülow nun noch in der nächsten Woche bei Beratung des freisinnigen Wahlrechtsantrage, eine längere Refotmerklätung abgeben wird."

Auch die .Vosfische Zeitung" ist zufrieden; ste meint:

Al, Zeichen der Zeit mag es betrachtet wer­den, daß Fürst Bülow stark betonte, so lange er auf seinem Platz bleibt, werde er nicht dul­den, daß ein Beamter, weil er freisinnig wählt ober sim zur freisinnigen Partei hält, al, ver- bächtig behandelt werde. Das war nicht immer des Landes hier bet Brauch. Auch wird man abwarten. wie weit den Worten die Taten ent­sprechen Wie skeptisch man auch den neuer­lichen Versicherungen und Verheißungen gegen­überstehe: man sieht doch Anfänge zum Seffern, Keime eines ersprießlichen Fortschrittes."

DerVorwärts" schimpft:

Hebet die Frage der Wahlrechtsreform äußerte sich Fürst Bülow nur sehr wortkarg. Dafür aber fand Bülow, bet Blockkanzler, bet Kanzlet von ©naben bes Liberalismus, den Mut, an Stelle der Wahlreform neue Aus­nahmegesetze gegen die Sozialdemokratie anzu- kündigen! Das wat feine Empfehlung als starker Mann". Das war fein Appell an die Bajonette! Und Schmach aller Schmach! Weder Freisinn noch Zentrum fanden diean- gemeffene Antwort auf diesen Aufruf zum Staatsstreich!"

DieGermania" schreibt:

Steht denn die gegenwärtige Blockpolitik der Regierung auf so schwachen Füßen, daß es bet Androhung derartiger Zwangsmittel, baß es eines solchen Drucks auf die politische Ueber- zengung der Beamten bedarf, um sie aufrecht zu erhalten? Man muß gespannt lein, in welcher Weise Fürst Bülow diese seine Drohung auszu­führen suchen wird, und ob die Freisinnigen noch ben Mannesmut besitzen werben, bagegen eben­so wie im Iahte 1882 ihren entschiedenen Widerspruch einzulegen."

Starken Widerspruch finden die Worte des Kanzlers in derKons. Kotr." Sie erklärt, daß die Erläuterung des Falles Schücking, obwohl die Angelegenheit noch in bet Disziplinar-Jn- stanz schwebe, einen befremdenden Eindruck ge­macht habe. Es heißt dann weiter: Es schien uns nach den Ausführungen des Ministerpräsidenten aber beinahe, als ob das, unseres Wissens gegen­über Schücking int wesentlichen doch wohl be­gründete Vorgehen des zuständigen Regierungs­präsidenten nicht diejenige Derfung erfahren hätte, die uns wohl gerechtfertigt erschienen wäre. Darauf s. Zt. hinzuweisen, dürfte übrigens als ein gutes Recht konservativer Politiker, nicht als eine unbefugte Einmischung in innere Dienst­interessen zu betrachten sein, zumal angesichts bet unerhörten Ausschlachtung des Falles durch die liberale Presse. Auch war uns der besondere Hinweis des Ministerpräfidenten auf die Pflicht politischer Beamter zur Unterstützung der Regie-

Jch bin es. aber erst seit kurzer Zeit. Der Zufall führte mich an Ihr Schmerzenslager."

O Dank, Dank, gnädige Frau? Also ist die Villa Bourlier jetzt ein Feldlazarett?"

Jawohl, es liegen wohl fünfzig Patienten in diesen Sälen."

Unb Herr Bourlier? Er ist nicht hier?" Nein, in Sedan."

Ich begreife, et wurde vertrieben. Aber wo ist Desiree, meine holde Desiree? Man sagte mir, fie befände sich mit Ihnen in Belgien. Nun sind Sie aber hier, folglich ist auch Desiree zutückgekehtt. O, gnädige Frau, werde ich meine Braut Wiedersehen?"

Unmöglich, Herr Tyrolt," sagte die Dame in höchster Verlegenheit.Desiree ist nicht hier. Sie befindet sich bei ihrem Vater. Und auch ich bleibe nicht. Ich bin im Begriffe abzureisen. Ich kam nur, Abschied von Ihnen zu nehmen."

O, Sie sind ein Engel an Güte, gnädige Frau," sprach Tyrolt mit wehmütigem Danke, ich verlangte auch Unmögliches. Herr Bourlier wird meiner Braut nicht gestatten, mich zu be­suchen. Aber Sie werden meine teure Desiree sehen, edle Frau. Sagen Sie ihr, daß ich ste noch immer liebe, daß ich trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben habe, fie einst mein zu nennen, daß ich ihr treu bleiben werde bis zum letzten Atem­zuge. Wenn mir bet Himmel günstig ist und ich genesen sollte, werde ich fie auffuchen und die Vorurteile bestegen, welche die unselige Polittk, dieser Krieg, mein schreckliche» Zu­sammentreffen mit Olivier, heraufbeschwor."

Beruhigen Sie sich, Herr Tyrolt," bat Frau Rataly, mit Schrecken bemerkend, wie sich die blaffen Wangen de» Leidenden In fieberischer Röte färbten und seine Augen in unheimlichem Glanze aufleuchteten. »Ich will Alle» befielen.

rungspolttik mindesten» insofern nicht verständ­lich, als doch wohl eine Neuauflage der bekann­ten Landratszurbispositionsstellung nicht beab­sichtigt, auch wohl nicht anzunehmen ist, daß le­diglich eine Rücksichtnahme auf die Politik der Regierung in Sachen Nachlaß-Steuern oder Wahlrechtsreform hiermit da» Wort geredet werden soll.

Nach einer neueren Meldung aus Danzig er­klärte im Ptovinzialverein der Konservativen Westpreußens der Reichstagsabgeordnete v. Ol- denburg-Januschau, die Dienstagsrede des Für­sten Bülow werde eine wesentliche Aenderung der Stellung der Konservativen zum Reichskanzler zur Folge haben. Die Nachlaßsteuet ret für die Konservativen unmöglich. Die Drohung de» Fürsten mit feinem Rücktritte ziehe nicht mehr.

Demnach dürfte die Rede bes Fürsten Bülow mancherlei neue Schwierigkeiten geschaffen haben, deren Ueberwindung im Sinne einer guten Fortentwickelung zu wünschen ist.

Aus dem Reickstaae.

Auf der Taacsordnung der 189. Sitzung steht bet sozialdemokratische Antrag auf reichsgesehliche Rege­lung des BcrtragsverhältnisseS zwischen dem Gesinde und den ländlichen Arbeitern und ihren Arbeitgebern. Die Beratung findet in Abwesenheit von Bundesrats­vertretern und vor fast leeren Bänken statt. Abg. Stadthagen lSoz.s begründet den Antrag und beweist durch seine Ausführungen seine volle Unkenntnis mit landwirtschaftlichen Verhältnissen. Die Vorstellung, die er von der Landarbeiterlage hat, veranlaßt die rechte Seite des Hause» hin und wieder zur Heiterkeit, aber auch zu entrüsteten Zwischenrufen. Der wtio- nalliberale Abg. Stiebe tritt dem Vorredner und sei­nem Anträge entgegen. Er stellt fest, daß unter der Arbeitecnot weit weniger die Großgrundbesitzer al« die kleinen und mittleren Bauern leiden und spricht sich für eine Reform der Gesindeordnung aus. Wäh­rend hierauf Abg. Graf MielzteSki eine kurze Erklä­rung zu Gunsten des Antrages abgibt, bekämpft sein Nachfolger auf der Rednertribüne. Abg. Stauffer ^wirisch. Bgg.s, ihn auf das schärfste. Er macht auf die Folgen eines Erntestreiks, besonders im deutschen Norden, aufmerksam und schließt sehr wirkungsvoll mit einer Aufforderung an die Sozialdemokraten, erst dafür zu sorgen, daß die wirtschaftlichen Bedürfniffe aller Arbeiter gleich seien. ES erscheint nun am Red­nerpult der leidenschaftliche Antiagrarier Gothri» (freis. Vgg.s, der den sozialdemokratischen Antrag mit großer Sympathie begrüßt. Im übrigen sind es die bekanntenoffen Kamellen", die der unermüdliche, sich mit blutigen Witzen abquälende Blockgenosse vor- bringt. Der konservative Abgeordnete Dr. Hahn aber fertigt diesen Redner mit ausgezeichneter Wirkung und unter großer Aufmerksamkeit des vielfach zu leb­hafter Heiterkeit fortgeriffenen Hauses ab. Im ersten Teil seiner Ausführungen bringt Dr. Hahn eine fesselnde historische Belehrung Gotheins über die Ver­schiedenheit der Landarveiterverhättnisse in ben deut­schen Landen, dann aber geht er zu einer vernichten­den Kritik der im sozialdemokratischen Anträge aufge­stellten Forderungen über. Da« Haus, da« mit un­verminderter Aufmerksamkeit dieser Rede lauscht und reichen Beifall spendet, wird, nachdem der Redner ge­endet. uiktuhig und leert sich. Der Redner der Reich«- pariei Dr. Hoeftel kann infolgedeffen mit seinen gegen den sozialdemokratischen Antrag gerichteten Ausfüh­rungen schwer durchbringen. Abg. Herold (Zentr.s wünscht die Beseitigung der veralteten Gesindeord- nungsbestimmungen, ist auch für Gleichstellung der landwirtschaftlichen mit den industriellen Arbeitern in

Desiree wird jebenfall» sehr erfreut fein, boch fürchte ich, baß Ihre Botschaft zu spät kommt."

Was sagen Sie da, gnädige Frau," fragte et zitternd.Hat fie stch von mir abgeroenbet? Liebt mich meine Desiree nicht mehr?"

Das will ich nicht behaupten," entgegnete die Dame zögernd.Indessen. Sie werden be­greifen. Das Kind ist eine Französin. Die Schmach, welche ihrer Ratton angetan, erfüllt auch sie mit Hatz. Unb bann kam der Kampf mit Olivier. Sie wurde in herbe Trauer ver­setzt. Nehmen Sie alles zusammen. Wie kön­nen Sie denken, jetzt noch Desirees Gatte zu werden?"

Sie haben Recht, gnädige Frau," sagte et tonlos.Desiree kann mich nicht mehr lieben."

Ich hebe Dich dennoch, mein Waldemar!" rief bas Mäbchen, welches leise bie Tür geöffnet unb in Begleitung bes Arztes etngeheten war,ich liebe Dich inniger und unwandelbarer als je. Du bist ohne Makel in meinen Augen und vor meinem Herzen. Ich habe Dich wieder gefunden unb preise Gott baffit.

Desiree meine heißgeliebte Desiree," ju­belte er auf in seligem Entzücken.Du bist bei mir? O nun ist alles, alles gut! Ich werbe gefunben und glücklich fein. Gott wird mir die Kraft schenken, das unermeßliche Glück zu tragen."

Mit dem Impuls bes Entzückens wollte et sich emporheben, bie Schmerzen zogen ihn aber auf bas Bett zurück. Unb so streckte et ihr sehn­süchtig bie Hände entgegen und umfaßte die zarte Gestalt der Jungfrau, die schluchzend an felntm Bette niedergesunken wat. In wonnigem Entzücken strich er mit den Fingern Über ihr dunkel gewelltes Haar, und al» fie ihr Antlitz echob. um in seine glühenden Augen zu schauen.

Koalition«- und Streikreskieu. Er beantragt Korn« Missionsberatung. Hierauf tritt Vertagung ein. Nächste Sitzung Donnerstag: Interpellation über bie Ausführung des BereinsgesetzeS. Schluß gegen 6 Uhr.

Aus dem Abaeordnetenhauje

In der heutigen Sitzung be» Abgeordnetenhauses wurde zuerst ohne Debatte die Genehmigung zur Ver­handlung über eine Wiederklage in einer Beleidig­ungssache des Abg. Kopsch (fr. Bp.) erteilt.

In der Generaldebatte zum Etat erhielt zunächst Abg. Heimann <Soz.) das Wort. Er versuchte eifrigst die Arbeiter und unteren Beamten gegen die Regie­rung, da« Abgeordnetenhaus und die wohlhabende« Kreise der Bevölkerung zu hetzen. Dann folgte bie Wahlrechtsfrage in sozialdemokratischer Beleuchtung; wenn die angefochtenen 4 Berliner sozialdemokrati­schen Mandate wegen Formfehler kassiert würde«, müßte dies auch betreffs der übrigen 8, also auch der freisinnigen Mandate geschehen. Dann erging der Redner sich in scharfer Kritik gegen die Verwaltung, wobei er sich vielfach an die Schückingsche Broschüre anlehnte. Wohnungsreform und Reform der Städte­ordnung seien aus Furcht vor der Sozialdemokratie zurückgcstellt. Nun kamen die ländlichen Grund­besitzer und Arbeiter, die Juristen und die Konser« vativrn nach dem Rezept des .Vorwärts" an die Reihe. Schließlich noch Bürgertum und liberale Parteien.

Ihm trat der Finanzminlster entgegen, indem et zwar von dem Eingehen auf das Sammelsurium der sozialdemokratischen Ausführungen absah, aber zur Verhütung von Brunnenvergiftungen einige tatsäch­liche Behauptungen des Vorredners sachgemäß berich­tigte. Die Behauptung, daß die Lasten des Staate« vornehmlich von den Arbeitern getragen würden, werde durch folgende Tatsache widerlegt: Bon den 38 Millionen Preußen sind 20 Millionen steuerfrei, d. L 52 pCt. 16 Millionen oder 42 pTt. versteuern Ein­kommen von 9003000 F; der Rest von 2 Millionen oder 6 pEt. bringt aber 66 pCt. der gesamten Steuer« auf. Die Behauptung, daß infolge der Zollgesetzgebung die Lebenshaltung der Arbeiter gesunken sei, stehe entgegen, daß wichtiger als die Brcishaltung durch die Schutzzölle die durch diese verbürgte volle Beschäf­tigung der Arbeiter zu guten Lohnen sei. Wie sehr diese gestiegen, zeigt die Tatsache, daß die Löhne der Eisenbahnarbeiter von 1895 bis 1007 von 138 auf 336 Millionen, im Durchschnitt um 33% pCt., die der unfallversicherten Arbeiter von 3 auf 7,7, im Durch­schnitt um 38 pCt. gestiegen sind. Auch der Sozial» bemotrat Cal wer erkenne an, daß h. dem letzten Jahr­zehnt die Löhne um 38, die Lebensmittelpreise aber nur um 22 pCt. gestiegen seien. Die Zahl der Wege« fteuerpflichttgen Einkommens besteuerten Arbeiter­bevölkerung ist in dieser Zeit von 815 Mill. *, da« Einkommen der Personen mit 9003000 * von 36Vi Mill. JH gewachsen: ein klarer Beweis, daß die wirtschaftliche Lage der Arbeiter in der letzten Zett sich erheblich gehoben hat. Die Regierung betrete sich nicht als GeschäftsauSschuß der besitzenoen, son­dern der staatserhaltenden Elemente und werde dem­zufolge nicht ablaffen, die Sozialdemokratie, dir sich ganz unrechtmäßig anmaße, die Arbeiterschaft zu der« treten, nachdrücklichst zu bekämpfen. (Lebhafter Bei­falls.

Aba. Dr. Miz«r»ki lPoles brachte die übliche« Polenbeschwerden vor, ohne wesentlich neue« z« bringen.

Abg. v. Arni» (kons.s polemisierte gegen einige der Vorredner, machte Vorschläge zur besten Ordnung der Finanzen unb sprach dem Ministerpräsidenten da« Vertrauen aus, daß seine Bezugnahme auf den Be- amtenerlaß vom 4. Januar 1882 nicht im Sinne eines Druckes auf die dem Landtage angehörenden politischen Beamten zu verstehen sei.

Abg. Dr. Reweldt (freikons.s legte dar, daß nicht blos in der Verwaltung, sondern auch in der Justiz

als sie stch an ihn heranbrängte, um sein« schrnachtenben Lippen mit innigem Kusse zu be- rüfiten, ba brang ein wonniger Schauer durch feinen ermatteten Körper^ mit einem Lächeln bes Glücks schloß et bie Augen.

Komm, mein Kind," mahnte bie Tante, Oie ratlos baftanb,komm, es ist genug? Du wirst ihn töten. Siebst Du's benn nicht?"

Desiree erhob stch behuffam.

Glück tötet nicht, unb Waldemar ist glück­lich." anwortete sie leise.Nicht ben Tob, son- betn bas Leben wirb ihm meine Liebe geben, benn fortan werbe ich ihn pflegen unb nicht mehr von seiner Seite weichen."

Es ist unmöglich, mein Kind. Entsetzlicher Zufall, bet Dich hierher führte, wo Du nie er­scheinen durstest! Nicht einen Augenblick län­ger darfst Du hier verweilen. Darum komm mit mir, ich beschwöre Dich!"

Ich soll mich wieder von ihm trennen, nach­dem mich Gott selbst mit ihm zusammengeführt? Tante Rataly, das kann Dein Ernst nicht sein!"

Der Oberarzt, welcher von Dr.. Zimmer her­beigerufen worben war, trat jetzt zu dem auf­geregten Mädchen, das, stch von bet Verwand­ten frei machend, wieder am Bette ntebertnteen wollte.

Folgen Sie Ihrer Tante, verehrtes Fräu­lein," sagte er gütig,lassen Sie den Kranken ein wenig allein. 9lod) müssen wir die Nerve« des Armen schonen: et ist zu schwach, um zu viel bes Glücke» zu ertragen. Ich werbe Sie rufen lassen, sobald er nach Ihnen verlangt. Richt wahr. Sie werben kommen?"

Desiree versprach es freudig und Frau Ra- taly wagte es nicht, sie Lügen zu strafen. Dtz Damen gingen zu ihren Gemächern hinauf.

(Fonsetzung folgt.)