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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

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Marburg

Sonntag, 22. November 1908.

Die JnsertionSgebiihr beträgt für bte 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UruoersitätSbuchdruckerei Inhaber Dr. T. H, tz e r o t h, Marburg, Markt 31. Telephon 55.

43. Jahrg.

Drittes Blatt.

Aus dem Netchstage.

Sitzung vom 20. November 1908.

Bor Eintritt in die Tagesordnung verliestt der Präsident eine Beileidskundgebung des ungarischen Abgeordnetenhauses aus Anlaß der Grubenkatastrophe in Hamm. Das Haus hört |te stehend an und err..sich­tig den Präsidenten, dem ungarischen Abgeordneten­hause und der ungarischen Nation den Dank des Reichstages zu übermitteln.

-uf der Tagesordnung stehen zunächst die Inter­pellationen wegen des BergWerkunglücks in Hamm.

Staatssekretär v. Bethmanu-Hollweg erklärt: Ich kann die Beantwortung zu meinem Bedauern nicht vor Dienstag in Aussicht stellen, da zunächst daS Ergebnis der Interpellation im preußischen Abgeordnetenhause abgewartet werden muß.

Nunmehr tritt das HauS . . die Weiterberatung der Reichsfinanzreform ein.

Frhr. v. Richthofen (kons.) führt aus: Wir er­kennen an, daß die Vorlage außerordentlich gründlich durchgearbeitet ist, doch befürchten wir, daß die Summe von 500 Millionen jährlicher Mehrbedarf eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist. Die Steuer- Verhältnisse der gestern als Beispiel angeführten Staaten lassen sich keineswegs auf das deutsche Reich übertragen, namentlich deshalb nicht, weil es sich dort um einheitliche Staaten mit einem einheitlichen Steuersystem handelt und nicht, wie bei uns, um einen Staatenbund mit verschiedenen Steuersystemen. Der Erbschaftssteuer wird ein großer Teil meiner poli­tischen Freunde nicht zustimmen. Mit der Brannt­weinsteuer erklären wir uns im Prinzip einverstan­den. Bei der Heranziehung des Tabaks haben wir keine Bedenken gegen die Belastung des Rauchers, sondern nur gegen eine eventuelle Schädigung des Tabakbaues und der Tabakindustrie. Der Reklame­steuer geben wir aus ästhetischen und praktischen Gründen unsere uneingeschränkte Zustimmung. Der gnseratensteuer stimmen wir mit einigen Vorbehalten ebenfalls bei. Mit der Besteuerung der elettrischen Kraft sind wir im wesentlichen gleichfalls einverstan­den. Alle Gesetze werden wir uns bemühen, so aus­zugestalten, daß der Besitz steuert. Mit der Nachlaß­steuer jedoch können wir uns nicht befreunden, (leb­haftes Hört! Hört! links.) Wenn es nicht möglich ist, die nötigen 500 Millionen mittels neuer Steuern euhubringen, so werden eben die Matrikularbeiträge in höherem Matze herbeigezogen werden müfien, was 1a nichts anderes bedeutet, als eine unangenehme Be- astung der Besitzenden in den Einzelstaaten. Wir wünschen, daß das große Werk gelingen möge zum Segen des Reiches. (Bravo l rechts, Zischen bei den Sozialdemokraten.)

Abg. Geyer (Sozd.): Es wäre wünschenswert ge­wesen, daß der Reichskanzler gestern auf seine Unter­redung mit dem Kaiser eingegangen wäre. (Sehr richtig! links.) Denn das persönliche Regiment bringt die Finanzen des Reiches in schwere Gefahr. Die Kundgebung des Kaisers imRcichsanzeiger" enthält nicht nur keine Garantien, sie war eine Absage an den Reichstag. (Lärm rechts; v. Oldenburg ruft: Jur Sache!) Die Frage der biretten Reichssteuern jat der Herr Reichskanzler gestern sorgfältig um» chifft. (Große Heiterkeit.) Indirekte Steuern bil- wn bett Hauptteil bet Reichseinnahmen. Gerade sie ober bieten am wenigsten Gewähr für eine stetige Finanzpolitik, weil zur Zeit einer Krisis der Ver­brauch geringer wirb, also bic Reichseinnahmen eben dann abnehmen müssen, wenn bas Reich ihrer am ncüwenbigsten bedarf. Vor allem sollte auch eine Lurussteuer geschaffen werden. Der Militarismus zu Wasser und zu Lande hat zur Zerrüttung unserer Finanzen beigetragen usw.

Abg. Fürst Hae'-lb (Reichspartei): Wir muffen genau prüfen, ob die Summe von 500 Millionen Mark wirklich notwendig ist, welchen Prozentsatz die Erhebungskosten ausmachen und wieviel neue Beamte angestellt werden müssen. Mt wollen unsere Be­amten anständig bezahlen, aber ihre Zahl nicht in» Ungemeffene steigern. Die Steuern auf Alkohol und Tabak werden stets die Grundpfeiler einer Ftnanz- teform bilden müssen. Es sollte nicht blotz bte elek­trische Kraft, fonbern gerechterweise jebe natürliche Kraftquelle besteuert werben. Der Lichtsteuer sttm- men wir zu. Line Nachlaßsteuer wirb nicht viel ab- t..fen. In biefer Form ist sie für uns unannehm­bar. Die Verquickung der Wehrsteuer mit der Nach­laßsteuer ist nicht glücklich. Die Wehrsteuer sollte lediglich für die Veteranen verwendet werden. (Sehr richtig! rechts.)

Abg. Raab (Wirtschaftl. Vgg.): Wir bedauern, daß die Regierung noch immer nur mit den alten Steuerobjekten Tabak, Bier und Branntwein otoeriert. Einige bet neuen Steuervorschläge haben geradezu einen mittelstandsfeindlichen Charakter. Von diesem Gesichtspunkte aus treten wir an die Vorlage heran und wir werden seiner Zeit auch zur Begründung von Ersahvorschlägen bereit sein. Höhere Börsensteuern, LuruSsteuern, Dividendensteuem, Wertzuwachssteuern das wären unsere Vorschläge. Unser Grundsatz bei der Beratung der neuen Vorlagen wird sein: Scho­nung des kleinen Brenners, Schonung der kleinen Landwirtschaft. Aus der Zigarrensteuer könnte in bei Tat eine soziale Krisis hervorgehen. Auch die letzie Biersteuer ist nicht an den Konsumenten heran- geljmmen. Sie ist eine das Gewerbe belastende Steuer geblieben zum S6 oben der kleinen Brau­ereien. Wir fürchieii, daß es mit den neuen Steuern ebenso geht. Die Angliederung der Wehrsteuer an die Nachlatzsteuer halten wir für einen glücklichen Ge­danken der Regierung. Unter keinen Umständen aber darf eine Nachlatzsteuer schon bei 20 000 Mark Nach­laß eintreten; der Mindestbetrag für die Besteuerung müßte 100 000 Mark fein. Durch die Anzeigensteuer tonn leicht eine bloße Inseratenpreise gezüchtet wer- Mt. die die anständige polittsche Presse verdrängt. Wir verlangen eine Vermehrung der Reichsbetriebe,

namentlich hinsichtlich der Bergwerke. Die Kali- inbuftne kam. nut gerettet werden durch ein Re chs- kalimonopol. Eine Reichslebensversicherung, die Uebernahme der Reichsbank durch da» Reich, ein Reichspetroleummonopol, das wären finanzielle Sa­nierungsvorschläge, die wir zu machen hätten. Auch wir empfinden die Finanzreform als eine nationale Frage ersten Ranges, deren Lösung wir uns zu aller­letzt entziehen werden.

Das Unglück auf der Zeche Radbod im Abgeordnetenhaufe.

Sitzung vom 20. November 1908.

Die Interpellation wurde durch den Abg. Frhrn. v. Zwickel (Ztr.) begründet, welcher Aufschluß über die Ursache des Grubenunglücks forderte und über die Maßnahmen, welche die Regierung zur Verhütung ähnlicher Unglücksfälle zu treffen gedenke. Minister Dr. Delbrück erwiderte, daß er vor Abschluß der ein­geleiteten Untersuchung die gewünschten Aufklärungen nicht geben könne. Die Explosion könne nur durch Entzündung gewaltiger Gasmassen, verursacht durch einen Schuß oder eine Lampe, ober durch Selbstent­zündung von Kohlenstaub, erfolgt sein. Sobald die Möglichkeit vorliege, werde eine eingehende Beschrei­bung des Unglücksfalles veröffenllicht und aucst dem Hohen Hause zugestellt werden. Sollten sich Schul­dige für da» Eintreten der Katastrophe finden, so würden sie mit fester Hand angepackt werden. Die Rettungsmannschaften hätten ihr möglichstes getan. Vor Abschluß der Untersuchung könne auch nicht von Anordnungen gesprochen werden, die zur Verhütung solcher Unglücksfälle getroffen werden sollen. Die Abg. Krause-Waldenburg (freikons.) und Eickhoff (freif. Vp.) forderten, genaue Erhebungen über die angebliche Unbrauchbarkeit der Beriselungsanlagen anzustellen. Der letztere belangte noch Gruben- kontrollenre ans den Reihen der Bergarbeiter. Abg. Seiner! (Soz.) schloß sich dem Verlangen nach Ar­beiterkontrolleuren an und behauptete, daß die Be­rieselungsanlagen der Grube unzureichend gewesen seien. Er förderte noch eine Menge Beschuldigungen gegen die Grubenverwaltung zutage, ohne jedoch die Namen seiner Gewährsmänner zu nennen, von denen er seine Mitteilungen haben wollte. Der Minister Dr. Delbrück bemerkte hierzu, daß den Abg. Leinert, nicht ihn (den Minister) die Schuld treffe, wenn mangels Bekanntgabe der Gewährsmänner für die Leinertschcn Anschuldigungen die Wahrheit nicht an den Tag komme. Abg. Schulze-Pelkum (kons.) rügte es in scharfer Weise, daß durch die unbewiesenen Be­schuldigungen in der Tagespreise und die aufreizenden Reden in sozialdemokratischen Versammlungen Be­unruhigung in die Bolksmaffen getragen werde. Redner verlas zwei Arttkel sehr aufreizenden In­halts aus derDortmunder Arbeiterzeitung". Das wären schlagende Beweise dafür, das die Sozialbemo- fratie das fürchterliche Unglück in Hamm in partei­politischem Interesse ausschlachte. Seine (des Red­ners) politischen Freunde hofften, daß die Unter­suchung mit aller Strenge geführt werden würde und daß es das letzte Mal fein möge, daß sich das Abge­ordnetenhaus mit einem so entsetzlichen Unglücksfall zu beschäftigen hat. Einem erhöhten Bergarbeiter­schuh könne er namens seiner Parteifreunde nur zu­stimmen. (Lebhafter Beifall.) Abg. Dr. Friedberg (nat.-lib.) wandte sich ebenfalls sehr energisch gegen die unbewiesenen Beschuldigungen des Abg. Leinert und forderte auch strenge Untersuchung der Ursachen der Ärubenkatastrophe.

Da« Haus vertagt sich um 4% Uhr auf Samstag 11 Uhr. Fortsetzung der heuttgen Beratung.

Rede des Abgeordneten Dr. Böhme im Reichstage.

DaS Wort hat der Abgeordnete Dr. Böhme.

Dr. Böhme: Meine Herren, der Vertreter der Freisinnigen Vereinigung, Herr Kollege Gothein, hat sich gestern darüber ausgesprochen, daß er die Inter­pellation für etwas verfrüht gehalten hat. Er ist der Ansicht gewesen, daß die Mißstände auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes ebenso gut beim Etat hätten zur Sprache gebracht werden können. Ich kann diesen Standpunkt nicht teilen. Ich bin vielmehr der Ansicht, daß der außerordentlich prakttsche Vorschlag, der von dem ersten Herrn Interpellanten gemacht worden ist, daß er einen Notetat forderte, der es ermöglichte, in gewisser Beziehung Arbeitsgelegenheit zu schaffen, daß dieser Vorschlag, dem ja auch der Herr Vertreter der Regierungen sich nicht ablehnend gegenüber ver­halten hat, unter allen Umständen nur dann verwirk­licht werden kann, wenn er eben, wie es gestern ge­schah, rechtzeittg gemacht wurde. (Sehr richttg! rechts.)

Meine Herren, gewiß ist die gegentoärtige Arbeits­losigkeit äußerlich nicht in dem Maße in die Erschei­nung getreten, wie das in früheren Zeiten der Fall gewesen ist, weil sich in der Gegenwart die Sache viel­fach so vollzieht, daß Minderschichten gemacht werden, daß die Arbeitszeit gekürzt wird, während Arbetter- entlaffungen seltener sind. Aber meine Herren, die Notlage ist insofern doch wieder eine erhebliche, als bet manchen Gewerben, namentlich auch beim Bau­gewerbe, schon während de» ganzen Sommers feit län­gerer Zeit eine erhebliche Arbeitslosigkeit oder Ver­minderung der Arbeitstätigkeit bestanden hat, sodaß diese Gewerbe jetzt im Winter, da es namentlich auch ein außerordentlich strenger Winter zu werden scheint, außerordentlich zu leiden haben.

Es ist nun von manchen Rednern und namenllich auch wieder von dem Herrn Kollegen Gothein die Be- haichtung ausgestellt worden, die Arbettslostgkett werde verschärft durch unsere Handespolttik. Meine Herren, schon während der Jnterpellatton im Jahre 1908 hatte hier der Herr Kollege Gothein darauf hinge­wiesen, daß damals die Unsicherheit unserer Handels­beziehungen, daß die Befürchtungen, die man infolge

neuen Tarifs hegte, dazu führen,d ie Arbeitslosig­

keit zu verschärfen. Meine Herren, Herr Kollege Got­hein wird sich überzeugen, daß in den Jahren, die dem Jahre 1902 folgten» zum mindesten dieselbe Unsicher­heit bestand auch nach Annahme des Zolltarifs. Es war ja die gesamte liberale und freihändlerische Presse, die immer wieder darauf hinwies, daß es un­möglich sei, mit diesem Zolltarif zu Handelsverträgen zu kommen. Trotz dieser Unsicherheit erlebten wir einen ganz gewaltigen Aufschwung unseres Wirt­schaftslebens in den folgenden Jahren, wie wir ihn noch nie zu verzeichnen hatten. Ich verstehe es auch nicht recht, wie es von dieser Seite bezweifelt werden kann, daß trotz der bedauerlichen Sage auf dem Ge­biete des ArbeitSmarttes, in der wir uns heute be­finden, unsere Verhältnisse sich doch in keiner Weise vergleichen lassen mit denen in England. (Sehr rich­ttg! bei der Wirtschaftlichen Bereinigung.) Ich will mich nicht für die Statistik ins Zeug legen, die seitens des Herrn Vertreters der verbünoeten Regierungen borgetragen worden ist; aber ich glaube, der Herr Kollege Gothein brauchte nur seine eigenen Partei­zeitungen zu lesen, um dort genug Beweise zu finden für eine direkt abschreckende Arbeitslosigkeit in Eng­land, wie sie bei uni in demselben Matze nicht vor­handen ist. Bon englischen Ministern ist im Parla­ment anerkannt worden, datz in Deutschland, in dem Schutzzollande, die Verhältnisse doch erheblich besser liegen als in England, und aus den Berichten über die Arbeitslosenkrawalle in den verschiedenen Städten Englands geht hervor, daß dott so traurige Verhält­nisse bestehen, wie wir sie nicht haben.

Nun sagt Herr Gothein: wenn es auch Tatsache sein sollte, daß unsere Ausfuhr nicht in dem Maße zurückgegangen ist wie die englische Ausfuhr in den letzten Jahren (Zuruf links: habe ich nicht gesagt!)» fo bedeute das nichts; denn die englische Ausfuhr in den vorhergehenden Jahren habe sich doch gewaltig ge­steigert, in einer Weise, die mit der Steigerung der deutschen Ausfuhr gar nicht zu vergleich» fei. Herr Gothem übersieht dabei eins, dah England zwar in den letzten Jahren eine gewaltige Steigerung der Ausfuhr gehabt hat, daß aber Jahrzehnte hindurch vorher eine völlige Stagnation der englischen Wirtschaftsleben» stattgefunden hat; und wenn dieser Umstand mit» berücksichtigt wird, kann gar nicht die Rede davon fein, daß es natürlich sei, daß der Rückgang unserer Aus­fuhr in letzter Zeit geringer war al» in England.

Es ist ja schon von einem Vertreter der Staats« tegierungen darauf hinge wiesen worden, daß die Zif­fern der Arbeitslosigkeit in Deutschland lange nicht so Hohe sind, wie e» in England der Fall ist. ES ist aber merkwürdig, daß wir diese gesteigerte Arbeitslosigkeit nicht blotz in England beobachten, sondern auch in anderen europäischen Freihandelsstaaten, daß sie be­sonders stark ist in Belgien, und daß in den Nieder­landen die Sache ähnlich liegt, wie es am deutlichsten daraus hervorgeht, daß der Vertreter der niederlän­dischen Sozialdemokratie eine Jnterpellatton wegen ArbeitSlosiAeit eingebracht hat. Wenn Sie das Or­gan, dem man gewiß ein Urteil über die Verhältnisse der Arbeitstätigkeit gutrauen kann, denArbeits­markt", lesen, so schreibt dieser über die Verhältnisse in Großbritannien:

Roch nie war feit 1888 die Arbeitslosigkeit im Monat Mai so hoch wie im laufenden Jahre, noch nie seit 1897 war in anderen Monaten des Jahres die ArbeitSlosenzifter überhaupt so hoch wie im Mai 1908.

Ein andere» Organ, dieBerliner Morgenpost"» herauskomrnend im Verlage des Herrn Ullstein, die gewiß nicht schutzzollnerische Tendenzen hat, äußert sich in folgender Weise ich bitte den Herrn Präsidenten um die Erlaubnis, da» kurze Zitat verlesen zu dürfen:

Die Not der Arbeitslosen in England drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Nahezu zehn Prozent der gelernten Arbeiter sind ohne Beschäf­tigung, und unter den ungelernten ist die Zahl der Arbeitslosen vielleicht doppelt so groß.--

Je größer die Zahl der Arbeitslosen, de sw stärker greift die Bewegung für den Schutzzoll um sich, desto mehr wird die Macht der Regierung unter­graben.

Also gerade in England, dem Freiheitslande, liegen die Verhältnisse nach dem Urteil freihändlerischer Blätter so, daß wir ruhig sagen können: der Einfluß, den der Herr Kollege Gochein der Schutzzollpolitik auf die Arbeitslosigkeit zumißt, entspricht durchaus nicht den Tatsachen.

Meine Herren, Sie haben sich auch früher, wenn Sie ein ungünstiges Urteil über die deutschen Verhält­nisse oder die anderer Länder abgaben, stets darauf berufen, daß keine Arbeitsgelegenheit vorhanden fei, dah die Bevölkerung gezwungen fei, in großem Matze das Vaterland zu verlassen, auszuwandern. Sie haben immer auf die hohen Auswanderungsgiffern hingewiefen. Nun, wie liegen die Verhältnisse jetzt in Deutschland? Etwa 30 000 Menschen verlassen jähr­lich das deutsche Vaterland; wir haben eine Mehr- einwanderung gegenüber den Zeiten des Freihandels gehabt. Und in England verlassen 325 000 Menschen, also die zehnfache Anzahl, ihr Vaterland, weil sie dort keine Arbeitsgelegenheit gefunden haben. Also die Verhältnisse liegen gerade umgekchrt, und wir haben allen Grund, uns gu freuen, daß in der Beziehung günstigere Berhättn'ffe eingetreten sind.

Ich möchte hier darauf Hinweisen, daß in England nach den Erhebungen die Arbeitslosigkeit zugenommen hat von Februar 1907 bis zum August 1908 von 3,9 auf 8,9 Prozent, in Belgien vom August 1907 mit 1,8 Prozent auf 5,9 Prozent im August 1908. Ich Weitz, daß dar natürlich keine absolut einwandfreien Zahlen sind, daß das Teilerhebungen sind; aber ein gewisse» Bild für die Erhebungen geben sie doch, und man kann daraus erkennen, daß Sie kein Recht haben, die Verhälttttffe der Freihandelsländer als günstiger hinzustellen.

Auch in Dänemark das ist Ihnen ja Wohl be­kannt war die Arbeitslosigkeit in diesem Frühjahr außerordenllich. In Kopenhagen sind 15 000 Ar­beiter in diesem Frühjahr arbettSlos gewesen. Auch dieses Land, das ebenfalls dem Freihandel huldigt, spricht in keiner Weise dafür, daß in Freihandels­landern die Verhältnisse besser find.

Nun hat der sozialdemokratische Redner barauf btngetotefen, daß in einem Zeitraum von zehn Jahre» die Lebensmittelpreise erheblich geftiegen sind. Da» will ich durchaus zugeben. Er hat angeführt datz i» dem von ihm zum Vergleich herangezogenen Zeitraum das Jahr 1891 enthalten fei mit seinen erheblich hohen Preisen. Er vergißt aber hinzuzufügen, daß i» diesem Zeitraum auch die Jahre 1894 bis 1896 liegen, Jahre direkt ruinöser Preise auf landwirtschaftlichem Gebiete. Wenn da eine Steigerung stattgefunden hat, so ist das kein Wunder. Gehen Sie aber weiter zurück, und vergleichen Sie die Verhältnisse der Jahre 1850 bi» 1870 der dann folgenden Periode bis zum Ende der fiebriger Jahre mit der Gegenwart, da werde» Sie finden, daß im Vergleich zu diesen Zeittäumeu auch die Preise der letzten Jahre unter den frühere» Preisen bleiben. Wir haben Weizendurchschnittspreise gehabt in den Jahren 1851 bi» 1870 von 201 SKatf pro Tonne, 1871 bi» 1875 von 232 Mark, 1876 bi» 1880 von 200 Mark, 1905 bi» 1907 von 187 Mark; für Roggen in den Jahren von 1851 bis 1870 hatte» wir einen Preis von 166 Mark, 1871 bis 1875 bon 189, 1876 bis 1880 von 175, 1905 bis 1907 von 168. Es ist zu beachten, daß in diesen letzten Durchschnitts­preisen das vorige Jahr mit feinen hoben Preisen ent­halten ist. Trotzdem können Sie beobachten, daß ge­genüber der früheren Periode die Preise erheblich Nie­driger sind, und Sie können da nicht von Ungerechtig- kett sprechen und unberechttgt hohen Preisen, wen» Sie gegenüberhalten, wie andererseits auch ganz ge­waltig die Produktionskosten gestiegen sind, vor allem deshalb, weil die Arbeitslöhne, namentlich auch in der Landwirtschaft, ganz erheblich gestiegen sind. Bei der letztjährigen Interpellation ist Ihnen nun nachgewie­sen worden, daß auch im vorigen Jahre die Steigerung des Getreidepreise» nicht eine derartige gewesen ift. wie das in andern Ländern der Fall war. Wenn Sie jetzt die gegenwärtigen Preise vergleichen, mit bene» des vorigen Jahres, werden Sie finden, daß die Preis­senkung gegenüber dem vorigen Jahre wieder bei un» ganz erheblich stärker gewesen ist als in anderen Län­dern. Sie haben in Deutschland einen Rückgang der Roggenpreise pro Tonne Roggen um 80 Mark, i» Wien um 3 Mark, in Budapest um 2 Mark, in Odessa um 9 Mark, in Pari» um 6 Mark; bei Weizen in Deutschland um 19 Mark, in Wien eine Zunahme um 2 Mark, in Budapest eine Zunahme um 6 Mark, i» Odessa um 4 Mark, in Paris eine Verminderung um 4 Mark, in London eine Verminderung um 2 Mark, in Chicago eine Erhöhung um 6 Mark. Also in Deutschland ist der erheblichste Rückgang gegenüber dem Vorjahre. Es ist verglichen September 1908 mit September 1907. Also wie recht haben wir bamal» gehabt, al» wir darauf hinwiesen, datz die Verhältnisse sich bald ändern würden, datz er nicht etwa der Zoll­tarif ist. sondern die Weltmarkwerhältnisse.

Nun möchte ich mich dahin aussprechen, datz wir mit aller Entschiedenheit verlangen, dah auf dem Ge­biete der Arbeitsvermittlung Maßnahmen des Reich» oder der Singet floaten vorgenommen werden, die die unhaltbaren Verhältnisse, wie sie jetzt immer offen­barer werden, ändern. Die Privatstellenvermittlung hat sich als vollständig unfähig erwiesen, sowohl um einen Ausgleich zu schaffen zwischen Angebot und Nachfrage, al» auch ist die Verteuerung, die durch diese Privatstellenvermittlung stattgefunden hat, eine gang erhebliche. Es ging vor einiger Zett die Nachricht durch die Zeitungen, daß eine Berliner Stellenvermitt­lerin ein Schreiben an eine Kollegin in Schlesien er­lassen hatte, in dem sie ihr 25 bi» 30 Mark zu zahlen versprach für die Vermittlung einer Magd, die bereit sei, bei einem Landwirt gu dienen. Die diese betref­fende Person selbstverständlich mindestens dasselbe verdienen wollte, fo bedeutete das eine Belastung, die allein dadurch erzielt wurde, von 50 bis 60 Mark. Das sind Zustände, die natürlich zu außerordentlich ungesunden Verhältnissen führen müssen, und es ist deshalb eine durchaus berechtigte und wünschenswerte Forderung, daß da» Reich und die Einzelstaaten für eine Verstaatlichung der Arbeitsvermittelung, de» Arbeitsnachweise» eintreten sollen. Es muß auch her­vorgehoben werden, datz, obwohl jetzt in den Jn-, buftriegegenben vielfach Arbeitslosigkeit vorhanden ist, obwohl Tausende dott sind, die nach Arbeit rufen, e» trotzdem noch immer Zechenverwaltungen gibt, die aus anderen Gegenden Arbeitskräfte heranzuziehe» suchen, wie das z. B. die Arbeitsvermittelungsstelle Theodor Riebenstahl in den Mitteilungen in diesem roten Plakat, daS auch im hohen Hause verteilt wor­den ist, an zwei Stellen zeigt. Da ist noch vom 14. August 1908 ein Dankschreiben vorhanden, in dem e» heißt vom Steinkohlenbergwett Rheinpreußen, Hom­berg am Rhein:

Wir bitten Sie daher, vorläufig weitere 50 junge und kräftige Arbeiter, welche wir als Schlepper in der Grube gebrauchen mochten, gefälligst zu­weisen zu wollen.

Also diese Zeche sucht bon hier und aus anderen Ge­genden Leute heranzuziehen, obwohl dott genügende Arbeitslose vorhanden sind. (Hott! hört! bei der Wirtschaftl. Vereinigung.) Das Steinkohlenbergwerk Neumühl schreibt:

Wir bitten Sie, uns bi» auf wettere» wieder Ar­beiter zukommen zu lassen, und zwar in der bis­herigen Weise.

Dieses Schreiben stammt vom 17. Juni 1908. Da» sind doch ungesunde Verhältnisse l Allgemein bekannt ist ja, wie noch in dieser Zett in Ostpreußen, in Ma­suren, Plakate verteilt wurden, durch die die bärtige Bevölkerung aufgefordert wurde, nach den Gruben­gegenden zu kommen. Das geschah in einer Gegend, die, wie keine andere unseres Vaterlandes unter Mangel an Arbeitern zu leiden hatte! (Sehr richttg! rechts.) Gegen solche Verhältnisse müssen wir un» auf das schärfste wenden I Es liegt deshalb im Inter­esse der Landwirtschaft wie der Industrie, daß durch eine staatliche Arbeitsvermittlung ein genügender Ausgleich erfolgt.

Nun hat der Herr Kollege Gothein gesagt, er habe von Landarbeitern klagen gehört, daß sie arbeitslos seien. Da mochte ich doch fragen: gibt es noch andere Herren in diesem hohen Hause, die solche Klagen ge­bärt haben? Ich glaube, die Vertreter der Landwirt- schäft in diesem Hause würden Herrn Gothein außer»