f mit dem Kreisblatt für -ie Kreise Marburg uud Kirchhain
tmfc den Deilagen: „Literarischer Au^eiger", „z«md«irtschaftliche Beilage" «nd „ILnKriertrs Karmtaqabbttt-.
Man cbonn ert auf die täglich erscheinende „Oberbessische rg« „
c\or Btitung" bei allen Postämter» uni» unser» ZritunqSstrllen in ilridt VllTll
Jl2. 2Ö7 Kirchda«» und Wetter sowie bei unserer <ixp<chitioa — MaÄt 21. "
— Der vezagsprei» beträgt durch die'Post 2,25 Mt. (ob»« TlnttrtfrStrtfl 12 1QDR
Bestellgeld), b«, unfern ZeitungSstellen und der Expedition 2 Mk. -L)0nncrsl.ug, 14. VlUUCiHVCt IHUÖ.
Die Insertl »n-gebübr beträgt für d-e 7gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Job. Bug. Koch, Universität«kmchdruckerei Inhaber Dr. L.H itzeroth, Marburg, Markt21. — Telephon 55.
43. Jahrg.
Erstes Blatt.
Die Interpellation über das 'Kaiserinterview im Relckstaae. Die Tribünen sind überfüllt. Ter Reichskanzler Durst von Bülo:o erschien Punkt 114 Uhr in Begleitung der Siaatosckretäre Dr. v. Beihmann-Hollweg, >d. Tirpitz, Äraetle, v. Kidcrlen-Wächter, Dernburg, des Preußischen äandwirtfchaftsministers v. Arnim« ,Criewen und vieler Mitglieder der Verbündeten Re» merungen am Bundcsratrtische und sofort eröffnete der Präsident Fürst Udo zu Stollberg-Wernigerode vor voll besetztem Hause und überfüllten Tribünen die Sitzung und bald darauf die Besprechung der Interpellation über die auswärtige Lage.
Als erster Redner sprach Dr. Baflermann (nl.i. Er gab eine pointierte Darstellung von der Entwickelung der Tatsachen, der Veröffentlichung der Kaiser- «nterredungen im Daily Telegraph, schilderte ihre ungünstige Wirkung im gesamten Auslände und auch im Inlands und suchte deren Gründe zu ermitteln. Ausländische Privatleute, so meinte man, seien wenig geeignet, intime kaiserliche Mitteilungen entgegenzunehmen. Erst in jüngster Zeit hat man den Fall Twcedmouth und in dem des Botschafters Hill schlechte Folgen der persönlichen Politik erlebt Die Patrioten seien bewegt >n Sorge um das monarchistische Prinzip. Der Kaiser soll nicht im Mittelpunkte abfälliger Kritik stehen. Die Aeutzerungen, datz unsere Flotte für den Stillen Ozean bestimmt sei, werde die kommenden Flottenborlagen nicht erleichtern. Nachdrücklich protestierte er gegen die Behauptung, daß das deutsche Volk England unfreundlich gesinnt sei. Es sei keiner fremden Nation feindlich gestimmt, fürchte aber auch keine. Deshalb wolle es aver auch niemandem nach» llaufen. Der Schwerpunkt sei nicht die Veröffentlichung sondern die Tatsachen. Denn wie viel andere 'Gespräche möchten noch in den Archiven anderer Nationen liegen? (Bewegung.) Rechtlich sei der Reichskanzler ja nach Art. 17 der Rcichsverfassung für persönliche Meinungen des Monarchen nicht verantwortlich, wohl aber für Verfügungen und Anordnungen des Monarchen und hierher gehörten der FeldzugS- plan für den Burenkrieg und die Mitteilungen über die französisch-russische Intervention gegen England. Seine Partei wünsche sichere Garantien gegen das Eingreifen des persönlichen Regiments in die verantwortliche Politik. Gerade beim gegenwärtigen Trä- §er der Krone seien, wie der freikonservative Politiker Freiherr von Zedlitz unk Ncukirch eS am schärfsten gekennzeichnet habe, autokratische Triebe in der höfi- sthen Atmosphäre treibhausartig entwickelt. Zum anderen müsse das auswärtige Amt besser organisiert werden. Ministerverantwortlichkeit. Reichsministerien oder ein Vorscblagsrechc des Reichstages für die Ernennung deS Reichskanzlers zu fordern, sei bei dieser Gelegenheit nicht angezeigt. Auch eine Adresse werd« durch den Wiederhall dieser Verhandlungen überflüssig, wohl aber eine bessere Information d«S Kaisers als bisher. Der Redner schloß mit der Versiche- rung, datz seine Partei keine Kluft zwischen Regierung und Volk wünsche, aber hoffe, datz eine solche Erörterung nicht wieder nötig werde. Die Rede BassermannS wurde wiederholt von Beifall und lebhafter Zustimmung unterbrochen. Gegen Schluß wurde von der überwiegenden Mehrheit Beifall gespendet.
Wiemrr (Frs Bpt.) führt auS: Ernster Schaden an materiellen und nationalen Werten ist nicht an- gerichtet worden. Am ehesten führt die offene Aussprache Besserung herbei. Der Reichskanzler reichte sein Entlassungsgesuch ein. Das ist formell korrekt, aber ungenügend. Der Reichskanzler mußte sich mit dem Inhalte beschäftigen und sich nicht auf da« Plazet eines Geheimrats verlassen. Er mutzte sich überzeugen, daß seine Politik in den Kundegbungen deS Kaisers zum Ausdruck kommt. Die Erfahrung zeigte, datz der Reichskanzler zeitweilig die Dinge gehen läßt wie sie wollen. Im Auswärtigen Amte ist schleunigst
83 <Nachdruck verboten.)
Getrennte Welten.
Roman von Clarissa Lohd«.
< Fortsetzung.)
Die bedeutenden Verluste, die er heute mit seinem besten Renner erlitten, hatten in ihm den lang gehegten Entschluß gereift, das reiche Mädchen, dah ihm auf halbem Wege entgegenkam, unwiderruflich an sich zu fesseln. Für ihn hieß es: Entweder — oder? Mit Kühnheit hatte er das Wandeln zu zweien in dem menschenerfüllten Kurgarten ausgenutzt, und mit einer die Worte nicht viel wägenden, aber doch mit tönenden Floskeln umwobenen, schnell improvisierten Liebeserklärung ihr das Jawort abgelockt. Das Verhängnis hatte es gewollt, dah gerade in dem Augenblick, als er auf dem Heimwege das Dunkel des Kurparkes benutzend- die hingeöende, in seinen Armen sich schmiegende Gestalt an sich zog, und sein« Lippen auf ihren Mund prehte, ganz unversehens Fürst Loe. ben und Dietrich ihm entgegentraten, die, jeder eine Dame am Arm, gleiche Verborgenheit gesucht hatten.
Das Helle Auflachen der Randolf schreckte ihn zuerst aus dem süßen Selbstvergessen dem Tri- vmph, den er über seinen fast zu rasch gewonnenen Sieg empfand. Er kam erst völlig zu sich, »ls der Baron ihn mit höhnischen Worten anrief, ganz so, wie er damals auf dem Fernstein den Baron angerufen hatte.
,(5ott zum Gruß, Herr Graf!"
für Ordnung zu sorgen. Auch die diplomatische Vertretung im AuSlande ist nicht überall ihrer Aufgabe gewachsen. Die häufige Abwesenheit leitender Personen von Berlin erschwert die Geschäfte. Wir wollen nicht, dah die Angelegenheit zu eine? Machtfrage zwischen der Krone und dem Parlament werde, aber wir wollen nachdrücklich und laut unsere Stimme erheben. Die Bestrebungen deS Kaisers, unsere Beziehungen zu England freundschaftlich zu gestalten, billigen und unterstützen wir. Wir haben keine Veranlassung, irgendeiner Macht nachzulaufen und ihr Freundschaftsdienste zu erweisen, die sie nicht will und die sie nicht schätzt. Auf Industrie und Handel wirken diplomatische Hindernisse wie Hagelschlag. ©-Ute die Reichstagsdebatte die gewünschte Aenderung nicht herbeiführen, so wird die Frage auf Abänderung der ReichSversassung aufgerollt werden müssen.
Singer lSoz.) führt aus: Die Parteien des Hauses sind mitschuldig an den gettiaten Vorkommnissen, weil der Byzantinismus dem persönlichen Regiments Vorschub leistet. (Große Unruh:, lebhafter Widerspruch). Aufklärung ist nötig, wie der eine Mann, der da« Manuskript veröftentlichte. zur Kenntnis der übrigen Gesvräche gekommen ist. Der Reichstag mutz Wandel scbaften gegen Kanzler und Kaiser, damit aus der Politik Reden, Telegramme und Briefe beraus- kommen. Die Forderungen BastermannS sind bestellte Arbeit des Reichskanzlers. Das deutsche Volk muß gesetzlich vor einer Wiederbolung solcher Fälle geschübt werden durch Verfassungsänderung, die im Volke die Entscheidung über Krieg und Frieden gibt und durch ein Ministerverantwortlichkeitsgesetz.
Für die Konservativen vertrat die Anfrage um nähere Auskunft über die Umstände, die zur Ver- öfentlichung von Gesprächen Seiner Majestät deS Kaisers in der englischen Presse geführt haben, der Abq. Dr. v. Hevdebrand mit einer kurzen Erklärung. Er begann mit einer scharfen Zurückweisung der Absichten der Sozialdemokratte, in Deuftchland die Revublik einzuführen und fand dabei den lebhaften Beifall der großen Mehrheit. Gerade die geaenwärtige Stunde dränge zu einer Vereinigung und Verständigung aller Elemente, die Deuftchland« Größe und Blüte wünschten. Das etwa angriffslusiige Ausland werde uns gerüstet finden. Der Reichskanzler werd« selber das Versehen im Auswärtigen Amte bedauern. Einmal könne es vorkommen, wiederholen dürfe es sich nicht. Die Person deS Monarchen müsse außer Spiel bleiben, sie müsse durch die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers gedeckt bleiben. Große Verdienste ließen sich durch ein Votum deS Reichstages nicht auslöschen. Er hafte deshalb, daß der Reichskanzler eine beftiedigende Antwort geben werde.
Fürst Hatzfeld (ReichSpartei) erklärt, nach der ReichSversassung ist der Reichskanzler der allein verantwortliche Mann für derarftge Fragen. Deshalb werden wir von der Antwort des Reichskanzlers unsere Stellung abhängig machen.
Hierauf ergreift der Reichskanzler Fürst Bülow das Wort. Er hatte die Reden schweigend und ohne eine Veränderung seiner Mienen angebört. Er lehnte eS ab, durch weites Ausholen etwa neue Nachteile zu dem großen Schaden binzurufügen, der durch die Veröffentlichung im Daily Telegraph hervorgerufen sei. Er bezweifle, datz alle Einzelheiten aus den Gesprächen des Kaiser» mit Ausländern richtig wiedergegeben seien. So hab« eS sich nicht um einen ausgearbeiteten detaillierten FeldzugSplan gegen die Buren gehandelt, sondern um rein akademische Gedanken, di« ausdrücklich als Aphorismen bezeichnet gewesen seien und die Kriegführung im allgemeinen mit der verewigten .Königin Vittoria besprochen hätten. Der Generalstab habe niemals einen FeldzugSplan oder eine ähnliche Arbeit des Kaisers über Südafrika geprüft und nach England weiter gegeben. Ich muß aber auch unsere Boliftk gegen den Borwurf verteidigen, daß sie den Buren gegenüber zweideutig gewesen sei. Wir haben, wie aktenmäßig fesftteht, die Transvaalregierung rechtzeittg gewarnt und sie aufmerksam gemacht, daß sie im Falle -ine« Krieges mit England alleinstehen werde. Wir legten ihr d-rett und durch die befreundete holländische Regierung im Mai 1891 nahe, sich friedlich mit England zu verständigen, weil über den Ausgang eines kriegerischen Konfliktes
Wie sich weiter Wort auf Wort gefolgt, er wußte sich dessen kaum mehr zu erinnern, nur datz er beleidigt worden, schwer beleidigt, und daß er den Beleidiger vor seine Pistole fordern mutzte. Das war der Wermutstropfen in dem Becher feiner Freude.
„Obgleich die Rothenfels, wie es heißt, gewaltige Pistolenschützen sind," gab er auf die süßen Worte der kleinen Dame etwas bitter zurück, „werde ich doch keinen Augenblick zögern, wenn es sein mutz, einen Waffengang mit den beiden Brüdern Rothenfels zu machen."
Und sich zu Ellen hinunterbiegend, fügte er zärtlich hinzu:
„Für mein Mädchen und unsere Liebe!"
„Mir scheint," fiel Amtsgerichtsrat Arnold nun mit scharfer Stimme ihm ins Wort, „es wäre doch ein seltsames Verlangen, einen Mann, dem man die Braut nimmt, noch mit einem Waffengang zu bedrohen."
„Herr Rat," fuhr der Graf auf.
„Gemach, Herr Graf, gemach!" entgegnete Arnold nun mit der ganzen Würde eines preußischen Richters vor ihn tretend. „Ich bin weder jung genug, noch Aristokrat, um Ihrem Zorne mit einer Forderung zum Zweikampfe zu begegnen, aber ich darf die Ehre, die mir sehr wertvolle Ehre beanspruchen, mich einen Freund von Baron Bruno von Rothenfels zu nennen. Doch darüber weiter zu verhandeln, scheint mir die öffentliche Straße hier nicht geeignet."
Diese Erinnerung zu rechter Zeit blieb nicht ohne Wirkung. Der Kommerzienrat gab seiner Frau den Arm, di« andern folgten, und so schritt
kein Zweifel bestehen könne. In der Frage, der I«- terventton sind in dem Artikel ve» .Daily Telegraph" die Farben zu stark aNfgetragen. Dü Sach« selber war längst bekannt. Dir sicherste Politik ist vielleicht diejenige, die keine Indiskretion zu fürch» ten braucht. Im Bericht sei übertrieben, daß der Soifer gesagt haben soll, die Mehrheit de» deutschen Volkes sei England feindlich gesinnt. Zwischen Deuftchland und England fanden Mißverständnisse, ernstliche und bedauerliche statt. Aber ich weiß mich einig mit dem ganzen hohen Hause in der Auffassung, daß das deutsche Volk auf der Basis gegenseiftger Achtung redliche und freundliche Beziehungen zu England wünscht (lebhafter Bravo), und ich konstatiere, daß die Redner aller Parteien sich in gleichem Sinne ausgesprochen haben. Die Stelle über Ostasien ist in einem für Japan feindlichen Sinne ausgelegt worden. Wir dachten im fernen Osten nie anderes als für Deutschland einen Anteil am Handel Ost-AsienS zu erwerben und zu behaupten. Wir denken nicht daran» uns dort auf maritime Abenteuer einzulassen. Agres- sive Tendenzen liegen dem deutschen Flottenbau im Stillen Ozean ebenso wie in Europa fern. Die deutsch« Politik betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, dem japanischen Volke den Genuß en dem Ausbau des Erworbenen zu schmälern. Zwei Jahrzehnte sei der Kaiser um gute Bezrebungen zu England bemübt, ohne ent» muttgt zu werden. Aber das Mitzversteben seiner besten Absichten habe ihn gekränkt. Ueberhaupt geschieht dem Kaiser mit jedem Zweifel an der Reinheit seiner Absichten und seiner idealen Gesinnung und seiner tiefen Vaterlandsliebe ein schweres Unrecht. Wir wollen alle» unterlassen, was wie eine übertriebene Werbung nm fr-mde Gunst auss bt. Die tiefgehende Erregung und daS schmerzliche Bedauern über die Veröffentlichung sei dem Kaiser bekannt. Er babe die feste Ueberzeugung gewonnen, daß Seine Majestät der Kaiser künftig auch in seinen Privatgesvrächen sich diejenige Zurückhaltung auferlege, die für eine einheitliche Politik wie für die Autorität der Krone unerläßlich sei. (Lebhafter Beifall.) Wäre dem nicht so, so fuhr der Kanzler fort, könnte weder ich noch einer meiner Nachfolger dafür die Verantwortung tragen. (Bewegung.) Der Kanzler steht dafür ein, daß im auswärtigen Amt ein solcher Fehler nickt wieder vorkommt. Der Entschluß, seine Ent» laffung zu nehmen, fei ihm nicht schwer geworden, der schwerste Entschluß seines politischen Lebens sei aber das Verbleiben im Amte. Er hab« sich entschlossen, gerade in den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen dem Kaiser und dem Lande dienen zu wollen. (Lebhafter Beifall.) Wie lange ihm da» noch möglich sei, stehe dahin.. Gerade jetzt dürfe man vor dem Ausland ein Unglück nickt zu einet Katastrovbe stempeln. Der Schaden sei nicht so groß, daß er nicht mit Umsicht wieder gut gemacht werden könne. Freilich solle keiner die Warnung dieser Ereignisse vergessen. Die berufenen Vertreter des Volkes müßten diejenige Besonnenheit zeigen, welche dem Ernst der Lage entspreche. Das sage er nicht für sich, sondern im Interesse des Lande», welches das Hau» vertrete. (Lebhafter Beifall.)
Die Besprechung der Interpellation wurde beschlossen. Abg. Frhr. von Hertlin« (Zentr.) beantragte Vertagung.
Dieser Antrag wurde mit 170 gegen 167 Stimmen abgelehnt.
In der Erörterung erklärte der Aba. Frhr. »•* Sertlinz (Zentr.) die Antwott de» Reichskanzler» für unzulänglich. Der Ausbau der Flotte ist zum Schutze des Handels und zur Verteidigung der Küste, nicht für Expensionsbestrebungen. Ich habe aus der Antwott deS Reichskanzlers nicht» herausgehört, toa» er zu tun gesonnen sei. Redner verliest dann eine Erklärung de» Zentrums, in welcher zum Ausdruck kommt, daß bei aller Anerkennung der guten Absicht des Kaisers das Zentrum der Ansicht ist, daß der Reichskanzler mit dem ganzen Gewicht, feiner Stellung dahin zu wirken hat, daß die Kundgebungen und Schtttte solcher Art vermieden werden, und welche di« bestimmte Erwartung ausspricht, daß alle» verhütet werde, was geeignet fei, Zweifel an den konstitutionellen Grundlagen der ReichSversassung im Inland« wie im Auslande zu erwecken.
'■<
man schweigend der Villa Winter zu, die nur noch wenige Schritte entfernt war. Der Graf verabschiedete sich vor der Tür, und auch Ellen entschlüpfte eiligst in ihr Zimmer. Jetzt, als es geschehen war, als sie die gelobte Treue gegen den Mann, um dessen Liebe sie geworben, so schnöde gebrochen hatte, kam es doch wie Scham über sie. Er würde sie verachten, jener hochgespannte, in edlen Gefühlen schwelgende Idealist. Sei drum, sie begehrte nicht, eine Heilige zu werdei, wie er von ihr in törichter Verblendung forderte. Sie wollte leben, mit vollen Zügen Glück und Glanz der Jugend genießen: dazu aber brauchte sie einen andern Gefährten, als den ernsten, schwerfälligen Bruno. Ein eleganter Kavalier wie Graf Holm, war für sie der Rechte: und besser jetzt als später.
Während die Beteiligten sich so ihrer leichten Att entsprechend aus der Affäre zogen, beriet die im Salon beim dämmernden Licht einer rasch entzündeten Lampe versammelte Familie, was in dieser peinlichen Sache zu tun sein. Der Rat forderte vor allem, daß Bruno sofott von der Wandlung, die hier vor sich gegangen war, benachrichtigt werde.
„Und wenn Graf Holm im Duell fallen sollte?" warf die Kommerzienrätin beunruhigt ein.
„Run dann wird Ellen sich einen Ersatz für den Grafen Holm suchen müssen, was ihr wohl kaum schwer werden dürfte," meinte der Rat trocken. „Sie können doch nicht ernstlich daran denken, den armen betrogenen Bräutigam sich «och als Reserve zu halten, im Falle «s mtt dem
_ Liebermann v. Sonnenberg (wittsch. Vgg.) erklärt: Ta» Vertrauen im Bol : ist auf den Nullpunkt gesunken (Lebhafte Zustimmung.) E» ist ein furchtbarer Zustand augenblicklich im Reiche, daß überzeugteste Monarchisten genötigt sind, so deutlich sich übe« die Aeußerungen des Kaisers auszusprechen. Wir glauben nicht, daß der Reichskanzler bi- Verantwortung übernehmen kann und daß es in Zukunft besser wird. DaS HauS wird die Gelegenheit bekomme«, zu beschließen, ob e» sich zu einer feierlichen Kundgebung, zu einer Adresse an de • Monarchen verstehen kann. DaS würde erst bi« siche.- Gewähr gcB-n, datz der Verlauf der heutigen Sitzung a r der Stelle bekannt wird, an die sie gelangen soll. Wir werden un» dem Vertrauensvotum für den Reichskanzler nicht an» schließen. Es ist ziemlich gleickg-'ltig, wer an bet Spitz« bet Leitung ber Auswärtigen Angelegenheit«« steht. Wir wollen in stiller Friebensarbeit bk Fi» rranzen in Crbming bringen und das Pulver trocken halten. (Beifall.)
Hierauf tourbe bte Sitzung auf Mittwoch 1 Uhr vertagt: Weitere Besprechung ber Interpellationen.
Die Beilegung des Casablanca- Zwiftes.
Der stellvertretende Staatssekretär des Ausw. v. Kiderlen und der französische Boftchafter Cambon unterzeichneten heute im Auswärtige« Amt folgendes llebereinkommen: „Die deutsch« und die französische Regierung bedauern die Ereignisse, die sich am 25. September 1908 in Casablanca zutrugen und untergeordnete Organe zur Anwendung von Gewalt und zu ärgerlick«« Tätlichkeiten führten. Sie beschließen die Gesamtheit der hierbei entstandenen Fragen einem Schiedsgericht zu unterbreiten. In beiderseitigem Einvernehmen verpflichtet sich jede der beiden Regierungen, ihr Bedauern »ber die Handlungen dieser Organe in der Gemäßheit des Spruches auszusprechen, den die Schiedsrichter über den Tatbestand und die Rehlsfraqe abgeben werden. — Paris, 10. Rov. Der „Temps" schreibt über die Verständigung betresfs des Zwischenfalles von Casablanca: Die französisch« und die deutsche Regierung bieten, indem sie ihren Streit der Entscheidung eines dritten anheim stellen, der Welt ein Schauspiel, welche, nicht ohne Größe ist. Wenn man an all das denkt, was die beiden Länder in der früheren wie in der jüngsten Vergangenheit scheidet, wenn man sich ihrer schroffen Streitigkeiten erinnert. dann wird man anerkennen, datz ihre Friedensbemühunq aanz besonders verdienstlich ist. Es wäre kindisch, anzunehmen, datz Frankreich und Deutschland an den verschiedenen Punkten, wo sie miteinander in Berührung sind, in Zukunft keinerlei Schmierigkeiten mebr zu regeln haben werden. Die Hauptsache ist, datz sie die Ueberzeugung erlangen, datz dies« Schwierigkeiten nicht unlösbar sind, unter der Bedingung, daß man dieselben mit Billigkeit und auf dem Fuße gegenseitiger Gleichheit behandle.
Ueberhaupt kommt in der französischen Presse überall die Genugtuung über die Beilegung des Zwistes zum Vorschein. Bei uns ist man über den Äusgana wie wir schon gestern ousdrücklen, in mancher Hinsicht erstaunt. Man fordert mit Recht eine strenge Bestrafung, wenn sich Herausstellen sollte, datz die Darstellung des Falles durch die deutschen Beamten, auf Grund deren Fürst Bülow seine Forderungen stellte, falsch ist. Die „Tägl. Rundsch." schließt einen größeren
Grafen fehlschlaaen sollte? Ueberdies wird die ganze jammervolle Historie nicht verschwiegen bleiben, dessen seien Sie versichert."
„Stein, leider nein! Das ist', ja eben," klagte nun auch der Kommerzienrat. „Ellen kann garnicht nach Berlin zurückkehren."
„Das braucht sie auch nicht," mischte sich jetzt Madame Duplesfis ein.
„Ich habe gleich daran gedacht, nicht wahr, mon eher?" Sie wandte sich an den ziemlich gleichgiltig dabei stehenden Gatten.
„Wir nehmen die liebe Ellen nach Paris mit, Graf Holm will ja auch den nächsten Winter dort verleben, und wenn Ihr meinem Rat folgt, verheiratet Ihr sie rasch. Ist es erst ein fait accompli geworden und Ellen Gräfin Holm, dann wird niemand, selbst in dem prüde« Deutschland, mehr wagen, die Rase über sie zu rümpfen."
Die Kommerzienrätin blickte auf. Das war eine Rettung. Rur das Duell sollte abgewartet werden: dann wollte man die Einwilligung von Ellens Eltern einholen, die noch in Heiden weilten. Die Hochzeit könnte dann gleich in Paris im Hause Duplessis ausgerichtet werden. Arnold bot feinen Eastfreunden eine ziemlich barsche gute Nacht. Das wurde ihm hier doch zu bunt. Er nahm sich vor, morgen in aller Frühe mit dem ersten Zuge schon die Heimreis« anzutreten. Was nur seine Frau zu dieser ganzen Historie sagen würde? Unglaublich! Freund Eberhard behält schließlich doch reckt. Alle Moralbegrisfe scheinen heute völlig ve» wirrt au fein. Morts, folgt.) 1