mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
««d de« Beilage«: Literarischer A«?eiger-. „Kaudwietschafttiche Beilage" und „Illustriertes KMmttrgsblatt«.
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JTC. 2Ö0 «irchhain und Wetter sowie bei unserer Expedition — Markt 21.
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Marburg
Mittwoch, 4 November 1908.
Die Jnsertionsgebüiir beträgt für die 7gefpaltene Zeile oder deren Rmnn 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Ioh. Äug. Koch, Un>oersitätsbuchdruckerei Jnbaber Dr. C. H!tzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55
43. Jahrg«
Der heuttgen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 87.
Erstes Blatt.
Noch immer das Kaiserinterview.
Daß die Erregung über die Veröffentlichung des „Daily Telegraph" durch die Erklärung der „Nordd. Allg. Ztg." nicht beseitigt, sondern vielmehr noch im Wachsen begriffen ist, sieht man daraus, wie die Angelegenheit von der gesamten deutschen und ausländischen Preffe behandelt wird. Wie das Manuskript von Hand zu Hand ging, weiß heute das „Verl. Tagebl." zu erzählen. Da- Blatt behauptet, für seine Auslegungen volle Verantwortung übernehmen zu können. Es schreibt:
„Als Fürst Bülow sich noch in Norderney befand — in der letzten Zeit seines Nord rneyer Aufenthaltes — überbrachte ihm der Kurier, welcher während der Reiseperioden den Verkehr zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler zu vermittel: pflegt, da^ Manuskript des „Kaiser- Interviews", das von einem Schreiben des Gesandten Freiherrn v. Jenisch begleitet war. Freiherr v. Jenisch, der bekanntlich den Kaiser auf seinen Reisen begleitet, ersuchte im kaiserlichen Auftrage den Reichskanzler, das Manuskript daraufhin zu prüfen, ob seiner Veröffentlichung in einem englischen Blatte Bedenken «ntgegenständen. Aus dem Wortlaut des Begleitschreibens ging nicht hervor, daß es sich um ein Interview handelte — es war dort vielmehr von einem „Artikel" die Rede, und Fürst Bülow glaubte, sehr bedauerlicherweise, dem Manu- flript eine allzu große Bedeutung nicht beimessen zu brauchen. Das Manuskript rott'; sehr umfangreich, es war in englischer Sprache nbge- faßt, bestand aus einem Paket kleiner Blätter des dünnen Durchschlagpapiers, die mit einer schwer leserlichen Schrift bedeckt roate» und Fürst Bülow übergab es — leider ohne es gelesen zu haben — dem deutschen Gesandten im Haag, Herrn v. Müller, der um jene Zeit vertretungsweise den Dienst bei i^m versah. Herr v. Müller sandte dann — wiederum ohne vorherige Prüfung — das Manuskript nach Berlin an das Auswärtige Amt und ersuchte im Auftrage des Reichskanzlers um eine eingehende Prüfung des Artikels und um eine Berichterstattung übe. diese Angelegenheit. Im Auswärtigen Amt war der Staatssekretär Herr v. Schoen gleichfalls nicht anwesend — er befand sich auf Urlaub in Berchtesgaden, und das Manuskript geriet an einen Beamten, der sich der Wichtigkeit dieser Sendung ersichtlich nicht bewilßt war.
zg vr.’nd>6ruif tierboten.)
Getrennte Welten.
5? Roman von Clarissa Lohde.
(Fortsetzung.)
Bruno war ein neu auftauchendes Talent, seine Person, besonders seit der Enthüllung seines wahren Namens und Standes, in den Vordergrund des Interesses getreten. Man hoffte auf ihn in allen Kreisen, die sich für Literatur interessieren, deshalb waren aber auch seine Gegner in erregtester Tätigkeit. Schon wurden in der Presie scharfe Pfeile gegen Müller-Rothenfels abgeschoßen. Man sondierte, wo eine empfindliche Stelle vorhanden war, und spöttelte über das Vertrauen des Bühnenleiters, der schon von dem noch nicht einmal auf dem Papier fertigen Drama sich Erfolge versprach, weil dem Verfasier einige Novellen pasiabel gelungen seien. Ob sein Talent echt, würde sich ja nun bald erweisen. Im übrigen wäre ja der Baron von Rothenfels in der glücklichen Lage, auch ohne Poet zu sein und die Welt mit seinen Schriften zu beglücken, ein angenehmes Leben führen zu können. Reich, Besitzer eines großen Gutes, eines schön eingerichteten Hauses in Berlin, dazu Bräutigam eines ebenso schönen und reichen Mädchens, zu alledem noch nach Dichterlorbeeren zu trachten, wäre fast zu viel des Guten für einen Menschen.
Bruno war die Zeitung, in ddr dieses Schriftstück enthalten, zugeschickt worden. Seine literarischen Freunde batten ihn gleich darauf in Schönwalde aufgesucht und ihn bestimmt, so rasch als möglich mit seinem Drama hervorzu- treten. Und wenn es noch , nicht so weit sei, ihnen zum mindesten zu gestatten in einem ihnen offen stehenden Journal auf den Inhalt
Dieser Herr las zwar das Manuskript (so erklärt er wenigstens), fand aber seinen Inhalt durchaus nicht welterschütternd. Er berichtete in diesem Sinne nach Norderney, schrieb, daß seiner Ansicht nach eine Veröffentlichung unbedenklich sein würde, und das Manuskript wanderte mit einem entsprechenden Begleitschreiben des Reichskanzlers zu Herrn v. Jenisch zurück. Als Fürst Bülow dann die geradezubeispiellose Erregung sah, mit welcher das im „Daily Telegraph" veröffentlichte Interview im Auslande und mehr noch in Deutschland ausgenommen wurde, erkannte er die Größe des begangenen Fehlers. Am Donnerstag abend sandte et dem von Wernigerode zurückgekehrten Kaiser einen Brief, in dem er den schlechten Eindruck schilderte, den das Interview in der deutschen Presie gemacht habe, und in dem er den Hergang der Angelegenheit darstellte. Er erklärte in dem Schreiben, daß er sein Resiort decke und die Verantwortung auf sich nehme, und ersuchte den Kaiser um seine Entlasiung. Sonnabend früh erhielt der Reichskanzler dann ein Antwott- schreiben des Kaisers, worin ungefähr gesagt war, von einer Entlasiung könne gar keine Rede sein, und um 6 Uhr abends kprach der Kaiser beim Fürsten Bülow vor und hatte mit ihm eine zweistündige Unterredung."
Die allgemeine Erörterung beschäftigt sich vor allen Dingen mit der Stellung des Fürsten Bülow. Soviel ist sicher, daß die Krisis noch nicht beendet ist. Einzelne Blätter fordern neben einer Reorganisation des Auswärtigen Amtes auch den Abgang des Für st en Bülow. Am bittersten wird die „Rheinisch-Westfälische Ztg." So nennt sie die Geheimräte des Auswärtigen Amtes „Geschöpfe", die keine Meinung und Ueberzeugung haben, sondern seit zwei Jahrzehnten dazu erzogen sind, alles zu vertreten und zu preisen, was als Wunsch der allerhöchsten Stelle an sie kommt. Sie würden auf des Kaisers Wunsch wohl auch eine Kriegserklärung an die Eskimos befürwortet haben. Die Tatsache, daß der Kaiser den Wunsch hatte, sie zu veröffentlichen, genügte offenbar für diese Herren zum Beweis, daß die Veröffentlichung auch gut und erfolgbringend sein würde. Das Blatt schlägt vor, sie sollten sich zur Gründung eines politischen „Klubs der Harmlosen und Unverständigen" zusammentun.
Die nat.-lib. „Magdeburger Ztg." meint: „Steht die Sache so, dann muß man mit Entsetzen fragen, wie es nur möglich ist, daß Fürst Bülow sein Gesuch unter dieser Bedingung glaubt zurückziehen zu können. Die volle Wucht der Verantwortung trifft ihn erst recht und lastet auf ihm weiter. Eine Entschuldigung für sein Verhalten gibt es nicht; auf das Vertrauen des deutschen Volkes kann et keinen Anspruch mehr machen."
hinzuweisen und damit.eine Entgegnung auf den schnöden Angriff zu verbinden. Er aber lehnte entschieden ab.
„Ist mein Werk gut," sagte er, „nun dann wird es auch gegen meine literarischen Gegner sich behaupten, andernfalls mag es unterliegen; es ist dann nichts besieres wert."
„Aber, lieber Baron," hielt man ihm ent- gegen, „Sie verkennen die Bedingungen unserer Zeit. Heute kommt niemand ohne Reklame zur Geltung."
Doch alle Einreden halfen nicht. Bruno hielt an seiner Ansicht fest. Er sah in den gegen ihn gerichteten Angriffen nur einen neuen Sporn, all seinen Fleiß, all sein Können anzuwenden. um Form und Inhalt seines Dramas möglichst vollendet auszugestalten. Schon lag das Ganze fertig vor ihm, aber immer ging er noch mit besiernder Hand darüber hin, immer suchte er noch hier und da eine Unebenheit zu glätten. Heute aber versagten ihm Hand und Kopf den Dienst. Er schob das vor ihm aufgeschlagene Manuskript fort und mit düsterer Stirn, das Auge von innerer Unruhe verschleiert an das Fenster seines Arbeitszimmers tretend, schaute et hinaus auf die wogenden Blätter des Parkes. Der Tag war trübe, wallende Nebel bedeckten die Ferne, den Wald mit dem schmucken Forsthaus davor, in das jetzt Hefe Trauer eingezogen war, wo die sterbliche Hülle einer verklärten Dulderin noch des letzten irdischen Liebesdienstes, der Bestattung, harrte. Sie hatte ausgekämpst, während andere, höher veranlagte, edlere Naturen noch mitten im schmerzlichsten Kampfe standen.
Edith« ? Unaufhörlich klang ihm dieser Name im Ohr. Er vermochte ihr Bild, das traurige, hoffnungsleere Antlitz, die schönen, im Leiden wie erstarrten Augen nicht aus den Ee-
Das Zentrumsblatt „Germania" meint: „Wir tragen keine Sehnsucht nach dem Sturze des Fürsten Bülow, aber wir möchten einen Reichskanzler, der fähig ist, der deutschen Politik nach innen wie nach außen mehr Stetigkeit zu verschaffen und ihr das Vertrauen der andern Mächte zu gewinnen."
Der „Hannoversche Courier" schreibt: „Nach unserm Gefühl gibt es keinen andern Ausweg als den, daß Fürst Bülow auf seine Entlassung besteht (so gern wir dem Bülow vom 13. Dezember 1906 einen anständigen Abgang von dem Platze Bismarcks gewünscht hätten), und daß mit ihm die unfähigen Beamten des Auswärtigen Amtes gehen, die den Text des Kaiser- Interviews gelesen hatten, aber nicht zu erkennen vermochten oder den pflichtmäßigen Mut nicht hatten, zu bekennen, daß das Interview nie und nimmer an das Licht der Oeffentlichkeit kommen durfte. Und nach dem Personenwechsel — Bürgschaften, daß eine solche Krisis sich nicht wiederholen kann! Davon wird in der nächsten Zeit des öfteren zu reden sein."
Die „Deutsche Tagesztg.", dir aus ihrem Unwillen über die Veröffentlichung der Unterredung kein Hehl gemacht hat, spricht sich doch gegen einen Rücktritt des Fürsten Bülow zur jetzigen Zeit aus. Sie meint: „Daß dieses Abschiedsgesuch nicht genehmigt wurde, ist erfreulich. Der Rücktritt des Fürsten Bülow in diesem Augenblick würde nicht nur bedenklich, sondern gefährlich gewesen sein. Er würde kaum einen Nachfolger gefunden haben, der vollen Ersatz geboten hätte. Und mag die Sache noch peinlich und noch so befremdlich sein, es wäre bedauerlicher gewesen und hätte nichts gebessert, wenn der Kanzler darüber gestürzt wäre."
Die „Kreuzztg." mißbilligt den Versuch, die Engländer von unserer Freundschaft zu überzeugen. Sie schreibt: „Kein urteilsfähiger englischer Politiker kann im Ernst darüber zweifelhaft sein, daß die deutschen Fürsten und Völker England durchaus sympathisch gegenüberstehen, und daß deutscherseits keine Störung des Friedens zu besorgen ist. Aber diejenigen überzeugen zu wollen, die nicht sehen wollen, würde nicht nur ein vergebliches Bemühen sein, sondern scheint uns mit der Würde Deutschlands nicht verträglich. Wir haben das Unsere reichlich getan. Ueberlasien wir es doch den Engländern, ob sie die auf Haß und Neid gestützten Instinkte gewisier Kreise gegenüber der besieren Einsicht ihres Volke- zum Siege kommen lasien und die Konsequenzen für die Politik daraus ziehen wollen. Deutschland kann in seiner festen Rüftilnq dem mit Ruhe entgegensehen."
Es soll aber nickt vergesien werden, daß zwei Blätter in diesen für uns so betrüblichen Umständen den Grund zu „angenehmer Heiterkeit" sehen, das ist einerseits der „Vorwätts" und andererseits das berühmte „V. T."
danken zu bringen. Er wollte nicht egoisiisch fein, wollte nickt daran denken, was diese svm- vathische, feingeistige Seele ihm hätte werden können, wenn ein verwandtschaftlicher Umgang möglich gewesen wäre. Aber schon die kurzen Begegnungen, wenn sie beide im Samariterdienst zusammentrafen, welch ein Sonnenstrahl waren sie in seinem einsamen Leben gewesen, und nun auch dieser in Nacht versunken, auch dieser! Wieder warf er sich in seinen Stuhl, noch finsterer blickte sein Auge, seine Hand legte sich unwillkürlich auf ein stark duftendes Va- pier mit langgestreckten, steilen, in gewisien Kreisen zur Mode gewordenen Buchstaben: ein heute angenommener Brief Ellens aus Baden- Baden.
Nie hatte Bruno ohne inneres Unbehagen Ellens Briefe gelesen. Schon die große Schrift gestattete der Schreiberin nicht, sich zu sehr in ihren Mitteilungen auszubreiten, sie bot vielmehr die vielleicht nicht unerwünschte Gelegenheit, die Seiten zu füllen, ohne viel darin zu sagen. Anfangs zwar hatte es an Liebesworten, Liebesversicherungen nicht gefehlt, aber auch diese verminderten sich von Brief zu Brief, und die letzten hatten beinahe nur noch Berichte über ihre Erlebnisie gegeben. Eins, das sagte sich Bruno mit bitterer Erkenntnis, fehlte den Briefen allen, der Ausdruck tiefen Gefühls, das vom Hetzen zum Hetzen spricht. Und wie hatte er geworben um ihr Vertrauen, wie hatte er selbst sich ihr geoffenbatt, seine ganze Seele ihr geöffnet, seine Hoffnungen, fein Leben, feine Lebensanschauungen! Aber für alles das, was ihn aufs tiefste bewegte, was ihm der Inhalt des Lebens dünkte, hatte sie keine Antwort gefunden, oder wenn, ihn mit banaler Phrase abgefertigt. Ihr war das Leben nur Vergnügen und Genuß, und selbst ihr Interesse für die
Im Ausland finden die Erklärungen der „Notdd. Allg. Ztg." meistens nur Hohn. Der „Figaro" meint, man würde sie nicht glauben, wenn sie nicht in dem offiziösen Blatte zn lefee wären. — Die „Times" findet, daß die ganze Angelegenheit dadurch noch schlimmer geworden sei, daß der Reichskanzler die Verantwortung für die Steuerungen des Kaisers übernommen habe, denn nun handle es sich um einen offiziellen Akt. Das wesentlichste aber sei, dag man nunmehr aus des Kaisers eigenem Munde wisie, daß eine starke England feindliche Strömung im deutschen Volke bestehe und man dürfe nicht unterlaßen, so bald als möglich daraufhin dem Parlamente eine Vorlage behufs Anschaffung neuer Kriegsschiffe zugehen zu laßen.
So ungefähr sprechen sich die englischen und französischen Blätter alle aus. Dte „Westminster Gazette" meint: „Wenn es die Absicht gewesen wäre, dem Kaiser eine möglichst große Zahl von Verlegenheiten zu schaffen, so hätte mar kein beßeres Mittel finden können, als diese Veröffentlichungen. Es mißfällt in Frankreich, es mißfällt in Rußland und in Deutschland erst recht, und ‘ Engländer, denen es hätte gefallen können, fühlen sich durch das offenbare Geständnis abgekühlt, daß der Kaiser nur im Namen einer Minderheit der Deutscher, spricht."
Es fei noch hinzu gefügt, daß in Japan der Passus des Interviews, der von der einzigen Verwendung der Flotte im Stillen Ozean, di« schärfsten Angriffe Hervorgerufe hat.
Der Feldzugsplan des Kaisers und das englische Unterhaus.
London, 2. Nov. In der heutiaen Sitzung des Unterhauses fragte William Redmond den Kriegsminister, ob der Feldzugsvlan zur Beendigung des Burenkrieges, den Lord Roberts tatsächlich beendet h'be, seitens des deutschen Kaisers eingegangen fei, und wenn dies der Fall sei, ob Kriegsminister Haldane dieses Schriftstück veröffentlichen wolle. Der Kriegsminister erwiderte, daß die Archive des Kriegs- ministetiums kein derartiges Schriftstück enthielten, auch sei es nicht in den Besitz irgend einet anderen mit dem Kriegsministerium zusammenhängenden Stelle gekommen. „Ick bin daher nicht in der Lage," so schloß der Minister, „den Wunsck nach Veröffentlichung des bezüglichen Schriftstückes zu erfüllen." (Gelächter.) Redmond fragte weiter, ob mit Rücksicht auf das große Interesse, das die Angelegenheit gewonnen habe, Kriegsministet Haldane nachforschen wolle, ob ein solches Schriftstück überhaupt im Lande in irgend einem anderen Amte vorhanden fei. Kriegsministet Haldane antwortete: „Ich habe genug mit der Verantwortlichkeit für das Kriegsministerium und es kann wohl nicht verlangt werden, daß ich über mein Fach hinausgehe."
Poesie, das ihn ihr näher gebracht hatte, jetzt sah er ein, daß es nur auf der Oberfläche lag, daß nur der Erfolg sie begeisterte, nicht was ihm in der Seele lebte, ihr Inneres erfüllte. Roch einmal entfaltete er das duftende Schreiben, noch einmal las er es Silbe nach Silbe durch. Der Eindruck blieb der gleiche. Kein einzige« warmes, wahrhaft herzliches Wort! Hatte er sich in ihren Gefühlen getäuscht, liebte ße ihn nicht, oder versagte nur ihre Natur, die nicht mehr zu geben vermochte? Noch wollte, mochte er nicht daran glauben, an ihrer Liebe wenigstens nicht zweifeln, und doch stiegen die Zweifel immer wieder wie graue Gespenster in seiner Brust empor und drohten, ihm alle Lebensfreude zu ersticken.
Wie so oft schon, wenn feine Seele bedrückt war. zog es ihn zu der Rätin, deren harmonische Natur stets einen friedebringenden Einfluß auf ihn ausübte. Eben wollte er hinuntergehen, als der Dienet anklopfte und ihm den Besuch des Pastors meldete. Bruno hatte ganz vergeßen, daß er den jungen Geistlichen herbestellt, um wegen der Beerdigung der verstorbenen Försterin Rücksprache zu nehmen. Pastor Lorenz wat ein schlanker, blonder Mann mit klugem, lebhaftem Gesicht, aus dem Begeisterung für seinen Stand und ein warmes Hetz sprachen: Bruno hatte ihn in der kurzen Zeit schon recht lieb gewonnen, da er bei ihm für alle Ideen, die er zur geistigen und moralischen Hebung der Dorfbewohner in sich trug, nicht allein Verständnis, sondern auch den aufrichtigen Wunsch ernannte, sie nach allen Kräften zu fördern. Der junge Pastor drückte Bruno sein Bedauern aus, während der letzten Augenblicke der Verstorbenen nicht gegenwärtig gewesen zu fein, sein Zuspruch hätte ihr vielleicht das Scheiden er» leichtert. (Forts, folgt.)