mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
tat Beilage«: „jit-rorischrr Am'ioer". , z<mdwirtsch«stllch- Keil»,,« «,» „IU«stri-rt-s S-imtagsbl-tt".
Marburg
Man abonniert auf die täglich erscheinende „Oberbeisis^k '■ ' " ~ >rn und unfern Zeitungsstsllen in
bei unserer ukroedition — Markt 31.
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 71.
nung nahm. Der Kaiser machte dann in Begleitung der Prinzen August Wilhelm und Oskar, des Fürsten zu Fürstenberg, sowie der Herren vom Gefolge am Nachmittag im Automobil eine Ausfahrt in die Umgebung Straßburgs. Zur Abendtafel im Kaiserpalast find geladen Statthalter Graf Wedel und Unterstaatssekretär Zorn von Bulach.
— Keine neue Militärrorlage. Berlin, 3. Sept. Die „Nordeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt. Dor einigen Wochen brachten mehrere Zeitungen die Nachricht, daß die Einbringung der neuen Militärvorlage wvotstehe. Wir bezeichneten damals die Nachricht als eine blanke Erfindung, trotzdem wird sie jetzt in gewissen Blättern wiederholt. Auf Grund von Erkundigungen an zuständiger Stelle sind wir zu der Erklärung ermächtigt, daß auch diese neueren Mitteilungen jeder tatsächlichen Unterlage entbehren. Eine Verquickung der Reichsfinanzreform mit einer solchen Vorlage, von der in einigen Zeitungen dieser Tage die Rede timt, war niemals in Aussicht genommen.
— Der national« Baufonds für Zeppelin wurde kürzlich auf etwa 4'/2 Millionen Mark geschätzt. Man nimmt jetzt an, daß er diesen Ertrag noch erheblich überschreiten wird, denn beim Reichskomitee laufen fortgesetzt, jetzt auch von Auslanddeutschen, Gaben ein, die eine beträchtliche Höhe erreichen. Innerhalb zweier Tage hatte jüngst der Geschäftsführer des Komitees, Herr Emil Selberg, über 1200 Anweisungen zu quittieren, so daß auf seinen Wunsch jetzt, weil er sonst für nichts anderes mehr Zeit hätte, die Neichsbank das Einkassieren übernommen hat. Mitte September werden die Sammlungen die Summe von 5 Millionen Mark wohl überschritten haben. — In Friedrichshafen verlautet, daß die für die Zeppe- linsche Reuanlage in Betracht kommenden Grundstücke insgesamt über 340 000 M erfordern werden. Nur wenige Besitzer haben übermäßige Preise gefordert. Das Einebnen und Trockenlegey der Grundstücke und der Echienen- strang zum Anschluß an die Bahn dürfte weitere 150 000 M verlangen. Graf Zeppelin und sein« Berater find der Meinung, eine halbe Million für den bloßen Baugrund nicht aufwenden zu dürfen. In Friedrichshafen hofft man freilich, noch einen Weg zu finden, der den Verbleib des Unternehmens dort ermöglicht. Graf Zeppelin wird sich mit Direktor Colsman zu der auf Donnerstag früh cinberufenen Sitzung des Stadtrats einfinden, um den Herren seine Zukunftspläne zu entwickeln.
— Ein Bergleich der neuesten englischen und deutschen Panzerkreuzer. Englische Fachblätter stellen einen Vergleich der englischen Panzerkreuzer der „Jnvincible"-Klasse mit unseren Kreuzern der „E"= bezw. „E"-Klasse an und kommen zu dem Resultat, daß trotz der großen Offensivkraft der deutschen Kreuzer die englischen doch wegen der stärkeren Panzerung
Deliktes Re'ch. %
— Der Kaiser in Straßburg. Straßburg (Elsaß), 3. Sept. Der kaiserliche Sonderzug ist um 3 Uhr hier eingetroffen. In der Begleitung des Kaisers 6ef * d sich außer den Herren des Gefolges der Fürst zu Fürstenberg. Die Prinzen August Wilhelm und Oskar, die eine Stunde vorher eingetroffen waren, waren zum Empfang auf dem Bahnhof erschienen, ebenso der Statthalter Graf Wedel. Der Kaiser begab sich im Automobil nach dem Kaiserpalast, wo er Woh-
Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gefpoltene Zeil« oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — »n Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitätsbuchdruckerei • x) b ö Inhaber Dr. C.Httzeroth, Marburg, Markt21. — Telephon55.
und Geschwindigkeit überlegen seien. Die Armierung der deutschen Kreuzer wird mit 12 bi« 28 om-Geschütze angenommen. Falls sich diese Annahme bestätigt, so ist zweif llos die deutsch« Armierung schwächer wie die englische, denn 12 bis 28 crn-Geschütze können in der Minute nur 12X240 kg = 2880 kg verfeuern, während 8 bis 30,5 crn-Geschütze der „Jnvincible '-Klafie 8X385 kg = 3080 kg verfeuern. Es ist außerdem fraglich, ob die 12—28 crn-Eeichütze so aufgestellt werden können, daß sie sämtlich nach jeder Breitseite zugleich feuern können^ wie es bei den 8—30,5 om-Geschützen der englischen Panzerkreuzer der Fall ist. Die Mündungsenergie der 30,5 cm L/50 — 18 000 mt (Meter- tonnen), während die der 28 cm L/40 = 10 000 mt ist.
— Deutschland und Marokko. Der Geschäftsträger der deutschen Botschaft in Washington, Botschaftsrat Graf Hatzfeld, hat gestern dem Staatsdepartement einen Besuch abgestattet und die Aufmerksamkeit auf die deutsche Ansicht gelenkt, daß die Anerkennung Mulay Hasids durch die Signatarmächte der Algecirasakte im Jnter- efie des Friedens liege. Graf Hatzfeld legte keine formelle Note vor.
— Schon der Großvater. Die „Lib. Kort." entdeckt, daß ein Großvater Dr. Schückings auch schon Gegenstand erschrecklicher Verfolgungen gewesen ist, es liegt also in der Familie. Der betreffende Großvater war Major und ein Haupt der Fortschrittspartei. Er gehörte zu den Gegnern der Heeresvorlagen in der Konfliktszeit. Das Blatt schreibt wörtlich: „Diese feine politische Stellung brachte über den Großvater des Bürgermeisters von Husum eine Kette von Verfolgungen. Wiederholt wurde ein ehrengerichtliches Verfahren eröffnet. Es mutet heute seltsam an, daß eins davon deshalb eintrat, weil er einen Aufruf des in Preußen verpönten Nationalvereins zur Bildung einer deutschen Flotte unterschrieben hatte." usw. Das einzig Tröstliche bei der Sache ist, daß die heutige Blockpolitik die Unterschrift unter einen Flottenaufruf eher ertragen würde. — Diese „erbliche Belastung" genügt aber noch nicht, nm das Schreckliche des gegenwärtigen Regimes ins rechte Licht zu stellen. Es lassen sich auch noch „historische Parallelen" zum Fall Sch. ziehen. Der Abgeordnete Dr. Heinrich Dohrn zieht eine solche in der „Ostseezeitung": „Es war in Elbing. Man schrieb den 1. August 1853", so heißt es da. „Damals reiste König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen durch Elbing und hielt auf dem Bahnhof eine Rede gegen Elbings Oberbürgermeister, den trefflichen Philips, der, wie der König sagte, als früherer freisinniger Abgeordneter der deutschen Nationalversammlung „noch immer die schmutzigen und unheilsamen Errungenschaften einer schmachvollen Zeit
Zur inneren Kolonisation in Ostpreußen.
Neber den derzeitigen Stand der Bestrebungen «ur Frage der inneren Kolonisation in Ostpreußen gibt der Vorsitzende der dortigen Landwirt- ichaftskammer, Majoratsherr Landrat a. D. von Patocki-Vledau, in der „Georgine", dem Amtsblatt der Kammer, eine eingehende Darstellung, jbic um so größtes Inte teste beansprucht, als die Organisation der inneren Kolonisation in Ostpreußen im vergangenen Winter Gegenstand eingehender Auseinandersetzungen bei allen interessierten Stellen, insbesondere auch im Landes- Ockonomie-Kollegium und im Hause der Abgeordneten, gewesen ist. Zwar ist die Entscheidung über die Reorganisation der Ostpreußischen Landgesellschaft, um die es sich in erster Linie handelt, in dieser,: Augenblick noch nicht in allen Punkten gefallen; aber wesentliche Schritte zur Beste rung der Verhältniste find bereits getan worden.
Zunächst ist von Wichtigkeit, daß die Land- Hank in Berlin, welche bisher Gesellschafterin der Ostpreußischen Landgesellschaft war, aus dieser er dgültig ausgeschieden ist, so daß nur noch der Staat und die Provinzialgenossenschaftskasse der Landgesellschaft angehören. Damit ist der Auffassung weiter Kreise, daß ein Erwerbstnstitut, wie die Landbank, nicht Mitglied einer gemeinnützigen Gesellschaft sein dürfe, Rechnung getragen worden. Ferner hat der Oberpräsident der Provinz mit den provinziellen Organen der Selbstverwaltung, die für eine Mitwirkung bei der inneren Kolonisation in Frage kommen, und zwar dem Provinzialausschuß, der Land- >schäft, dem Vorstande der Landwirtschaftskam- mer„ den Vertretern der Landkreise und den maßgebenden Organisationen des ländlichen Genossenschaftswesens Verhandlungen eingeleitet, nn ihre Wünsche betreffs der künftigen Gestaltung der Landgesellschaft kennen zu lernen. Die Verhandlungen haben größtenteils zu befriedigenden Erfolgen geführt. Insbesondere haben der Provinzialausschuß und der Vorstand der Landwirtschaftskammer, nachdem ihnen die Erfüllung ihrer Wünsche hinsichtlich der Ausgestaltung der Gesellschaft in Aussicht gestellt mordest ist, beschlossen, unter dieser Voraussetzung dem im Auftrage des nächsten Jahres zusammentretenden Provinziallandtage bzw. dem Plenum der Landwirtschaftskammsr die Beteiligung an der Landgesellschaft mit namhaften Beiträgen vrrzuschlagen. Die genostenschaftlichen Organisationen und ein erheblicher Teil der Kreise haben gleichfalls ihre Bereitwilligkeit zum Eintritt in die Landgesellschast erklärt. Die übrigen Kreise haben ihre Entscheidung von dem Ergebnis weiterer Beratungen abhängig gemacht. Die Verhandlungen mit der Landschaft sind noch nicht
zum Abschluß gelangt, es ist aber zu hoffen, daß auch über die hier noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten ein« befriedige^)« Einigung sich wird erzielen lasten, damit bet Landgesellschaft die für sie besonders wertvolle Mitarbeit der Landschaft gesichert wird.
In ihrer neuen Gestalt wird di« Landgesell- schast nicht vor dem 1. April 1909 ins Leben treten können, da noch die endgültigen Entscheidungen der genannten Körperschaften, bte zum Teil erst im Laufe bes Winters zusammentreten werden, abgewartet werden wüsten. Die tfinf« tiae Tätigkeit der Landgesellschast soll sich bann, abgesehen von bet allgemeinen Wohlfahrtspflege und Förderung des ländlichen Wohnungswesens, auf folgende drei Hauptaufgaben erstrecken:
1. Die Entschuldung des kleineren Grundbesitzes unter Mitwirkung der Raiffeisenvereine. Die Entschuldung des größeren und mittleren, landwirtschaftlich beliebenen Besitzes wird da- Segen von der Landschaft auf Grund ihrer (Ente huldungsvorlage betrieben.
2. Die Schaffung spannfähiger Bauerngrund- stücke, die im allgemeinen durch Ankauf und Zerschlagung größerer Güter wird erfolgen wüsten.
3. Die Seßhaftmachung von Landarbeitern. Die direkte Durchführung der Arbeiteransiedlung im großen Maßstabe soll jedoch nicht etwa Aufgabe der Landgesellschaft sein, sondern diese soll durch die Kreise ober Kreisgenossenschaften ober auch burch einzelne größere Besitzet erfolgen. Denn da die einzelnen Grundstücke nur klein find und in feder Ortschaft sich nur eine beschränkte Zahl von Arbcitetstellen beschaffen laßt, auch die örtlichen Verhältniste, die Gewohnheiten der Atbeitetbevölketung usw.. große Verschiedenheiten bedingen, so würde die direkte Schaffung vieler solcher Arbeiterstellen durch eine provinzielle Zentrale außerordentlich kostspielig sein und doch oft nichts wirklich Praktisches ergeben. Die Aufgabe bei Landgesellschast als provinzielle Zentralstelle für die Arbeiteransiedelungen wird vielmehr in bet Hauptsache darin bestehen, die Erfahrungen zu sammeln, Ratschläge zur Vermeidung vvU Mißgriffen zu erteilen, und unter Umständen die nötigen technischen Hilfskräfte zur Verfüqugg zu stellen, sowie die Vermittlung des Kredits und der staatlichen Ansiedlungsbeihilfen in die Hand zu nehmen. Im übrigen muß den Kreisen und den sonstigen Unternehmern der Arbeiteransiedelung Bei deren Durchführung völlige Freiheit gelassen werden.
ja 209 'SS Sonnabend, 5. September 1908.
Bestellgeld), Bet unfern ZeitungSstellen und der Expedition 2 Mk. __________ r
lj ■Vnfiifcrtuf verboten.)'
Getrennte Welten.
Roman von Clarissa Lohd«.
< Fortsetzung.)
„Danke ganz ergebenst, Heu Baron," lehnte der Iustizrat ab, „aber meine Zeit ist leider seht gemessen. Ich habe heute noch in Berlin mehreres zu erledigen und möchte daher zu dem nächsten Zuge nach der Station. Wenn die Herrschaften mir aber eine Unterredung gestatten wollen —"
Dietrich zog die Stirn kraus. Diese Ablehnung einer besonderen Ehre, die er dem Anwalt mit der Einladung zu erweisen wähnte, verdroß ihn.
„Dann bitte in meinem Kabinett," sagte er kurz. „Wir werden gleich dort sein."
Der Justizrat verneigte sich. Um seine Lip- ben spielte ein etwas malitiöset Zug. „Dein Stolz wird doch eine klein« Abkühlung erhalten" dachte er. „Ochönwalde ist ein fetter Vis'Fn, und ihn zu verlieren, wird Dir einige Kopfschmerzen bereiten, besonders da das Barvermögen nach Aussage des freiheitlichen Bankiers in M tat etwa» zusammengeschmolzen
Das Kabinett da» Barons befand sich in dem vw ihm bewohnten westlichen Flügel des alten Sekändcs, der erst bei der Verheiratung neu eingerichtet war, während die Staatszimmer, wo die Aufbahrung stattgefunden, die Mitte des Schlosses einnahmen, und der östliche Flügel die Beamte,-Wohnungen und einen Teil der Diener- ichmftszimmer entstielt. Auch hier wie bei dem alten Baron trat die Neigung zum Luxus nur zu deutlich hervor. Es war ein rundes Turm- ziwmet, das Dietrich sich znm Arbeitszimmer •’möAff Eafte. mit hoben ickmalev Fenstern
die einen weiten Ausblick auf der einen Seite in den großen wohlgcpflegten Park, von der enteren nach den Wirtschaftsgebäuden gewährte,.. Eine Anzahl Gemächer trennte es von dem Wohnzimmer Edithas. Dicht daran stieß der Speisesaal, der zu größeren Festen und besonders zu den Jagddiners benutzt wurde, an welchen letzteren die Baronin nie teilnahm, da denn immer gar zu sehr dem Bacchus geopfert wurde. Daß auch dabei der Spieltisch nicht fehlte, war der Baronin auch nicht unbekannt, und sie haßte das Spiel so seht, daß sie nie eine Karte berührte, auch nicht zu dem einfachsten Skat ober Whist, an denk auch einig? Damen ihrer Kreise zuweilen sich beteiligten.
Der Plafond und die Wände des großen Raumes wareft von einem Berliner Künstler ■ mit bet Legende von Mars und Aphrodite geschmückt: Mars gefesselt zu den Füßen Aphro- dites. Ein zartes Symbol, wie der junge Gatte der Neuvermählten erklärt hatte, daß er die kriegerischen Waffen ihr zuliebe niedcrgelegt habe. Kostbare Waffen waren zwischen den Wandgemälden auf dunkelrotem Grunde rnale- risch geordnet. Ein kunstvoll geschnitzter Schreib- tis-b stand vor dem Mittclfenster mit reichen Utensilien von Bronze. Auch ein Bücherschrank zwischen zwei Fenstern fehlte nicht mit in dunkle- Leder gebundenen landwirtschaftlichen und militärischen Werken, unter diesen die neueste Rangliste, die stets zum Nachschlagen bereit auf einem danebenstehenden Tischchen lag. Um 'einen größeren Tisch von ebenso kunstvoller Arbeit in' der Mitte des Zimmers reihte sich eine Anzahl hochlehniger. Sessel. Hier empfing der Baron seine Verwalter und ließ sich von ihnen Rechnung legen. Daß sich hier auch schon zuweilen übel berüchtigte Wvcherergesichter aus Berlin gezeigt hatten, Pferdemaklet und -iteckleltttter. davon wußte weder die Baronin
ncch die Dienerschaft etwas, denn sie wurden immer geheim empfangen und galten als Beamte des freiherrlichen Rennstalls, der sich auf einem in der Nähe von Berlin dazu eigens erworbenen Grundstück befand.
Um diesen Tisch nahmen auch die Familien- mitgliidrr Platz, um des Justizrats Mitteilungen zu empfangen. Es war eine schwierige Aufgabe, die der Verstorbene seinem Anwalt gestellt hatte. Er aber entledigte sich ihrer mit der ihm eigenen Gewandtheit. Nach einem klaren Bericht über die letzte Unterredung, die er mit dem Heimgegangenen gehabt hatte, schloß e: mit dem ihm von dem Toten übermittelten Wunsche, daß die Geschwister den unbekannten Bruder nicht mit Unwillen, sondern mit geschwisterlicher Liebe in ihrem Kreise aufnehmen möchten. Dietrich hatte anfangs mit spöttisch verzögenem Munde, dann mit immer dunklet sich rötendem Antlitz zugehört. Graf Altens Gesicht wurde immer länger, Asta biß sich in verhaltenem Grimm auf die Lippen. Nut Editha hatte sich völlig ruhig verhalten, und als ein unheimliches Schweigen nach Beendigung der Rede des Justizrates eintrat, nahpr sie zuerst das Wort:
„Es scheint mir eine heilige Pflicht der Familie Rothenfels, daß sie den so lange vc"- leugneten Sohn des Hauses freundlichst roi- -- kommen heißt und sich bestrebt, ihn das Unrecht vergessen zu machen, das ibm angetan ist."
Jetzt fiel Dietrichs Hand wuchtig auf den Tisch: „Nie, nie wird der Sohn der Anna Müller mir ein Bruder sein. Sagen Sie mir auf Pflicht und Gewissen, Herr Justizrat Eberhard,' gibt es keine Möglichkeit, sich gegen diesen Ein- dringring in unsere alre Familie zu wehren?"
„Meines Wissens keinr," entgegnete der Justizrat gemessen. „Uebrigens ist Herr Baron Bruno von Rothenfels kein Mann, dessen fich
die Familie zu schämen hätte. Im Gegenteil, er hat schon dem Namen Rothenfels einige« Ruhm bereitet."
„Ruhm?" fragte nun auch Asta mit spöttisch verzogenem Munde.
„Ja, Ruhm, gnädigste Gräfin, wenn sie Gelehrsamkeit und Kunst als etwas Rühmenswertes betrachten wollen."
„Also Künstler! — Nun, mir wäre, offen gesagt, ein ehrlicher, tüchtiger Handwerker lieber, als ein sogenanntes Genie, das oft von zweifelhaftem Charakter zu sein pflegt."
„Baron Bruno von Rothenfels zählt keineswegs zu dieser Art der Genies, die Sie eben zu zeichnen beliebten, gnädigste Gräfin. Er ist Dr. der Philologie und Gymnasiallehrer, dazu ein hochbegabter Poet. Vielleicht haben Sie schon von den jüngst erschienenen Novellen von Müller-Rothenfels gehört, die einiges Aufsehen gemacht haben."
Ueber Edithas Antlitz ging es wie ein Heller Schein: „Nicht allein gehört habe ich von ihnen, sondern sie mit dem größten Interesse gelesen," rief sie. „Um so wärmer werde ich den Verfasser als Verwandten begrüßen, denn nur ein guter großdcnkender Mensch konnte ste schreiben, sie haben mir sehr genußreiche Stunden gewährt/'
Asta zuckte noch immer mit einem mokanten Lächelu die Achseln, der Graf drehte unruhig seinen Schnurrbart, Dietrich aber trommelte, die Stirn finster zusammengezogen, mit den1 Fingern auf dem Tisch.
„Ich bin kein poeffscher Schwärmer w« meine Frau," sagte er scharf, „und ein paar gut geschriebene Novellen können meine Ansicht nicht ändern, daß dieser neu aufgetaucht« Rothenfels, der sich als Sohn meines Vater» geriert, ein unangenehmer Aufdringling ist."
(Fortsetzung folgt.) ;