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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg and Kirchhain -
u«d de« Beilage«: .Literarischer Avieiaer**» „Landwirtschaftliche Beilage" «ad Illustriertes Zo«ntagsblatt^.
9)1 an abonniert auf die täglich erscheinende „Oberbessische Zeitung" bei allen Postämtern und nnsern Zeirungsstellen in Kirchhain und Wetter sowie bei unserer Expedition — Markt 21. — Der Bezugspreis beträgt durch di« Post 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern Zeitungsftellen und der Expedition 2 Mk.
Marburg
Sonnabend, 29. August 1908.
Die Insertivnsgebübr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum ‘15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UniversitatSbuchdrvckerei Inhaber Dr. C. Hitz «rot h, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
43. Jahrg.
Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 69.
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Die Vorrechte der Ausländer in der Türkei.
Die europäische Presse kommentiert seit eini- |eu Tagen sehr lebhaft das Programm, welches Has neue türkische Ministerium ausgegeben hat. Mail kann in diesem Programm auch das praktische Programm der Führer der jung-türkischen Bewegung sehen. Der Punkt dieser Regierungs- tundgebung, der Europa am meisten interessiert und wahrscheinlich in den nächsten Jahren eingehend beschäftigen wird, sind die sogenannten Kapitulationen. Die Europäer genießen in der Türkei gewisse Vorrechte. Sie sind der türkischen Gerichtsbarkeit nicht unterworfen, zahlen keine Steuern, haben ihre eigenen Postanstalten pnd so fort. Nun hat die neue türkische Regierung -die Abschaffung dieser Vorrechte von Untertanen europäischer Mächte in ihr Programm ausgenommen. Natürlich wird die Abschaffung dieser Kapitulationen lange und' eingehende Verhandlungen zwischen den Eroß- Mächten und der Türkei fordern. Es wird den Türken dann möglich sein, an der Haltung, welche die einzelnen Mächte bei diesen Verhandlungen einnehmen werden, den Grad der Ehrlichkeit ihrer jetzigen türkenfreundlichen Kundgebung zu messen. EiWland, Frankreich lind Rußland haben ja kurz nach der türkischen Revolution in Vertrauenskundgebungen förmlich gewetteifert, nachdem sie bis dahin seit der Erhebung Griechenlands bis zur 3prozentigen Zcllerhöhung stets eine anti-türkische Politik getrieben haben. Nun können sie zeigen, ob sie den freundlichen Worten auch Taten . folgen lassen wollen. Von deutscher Seite wird die Türkei in dieser Frage am wenigsten. Widerstand zu erwarten haben. Es ist wirklich durch nichts gerechtfertigt, wenn die Untertanen der europäischen Großmächte in der Türkei keine Steuer zu zahlen brauchen. Mit Gründen der Billigkeit kann diese Ausnahmestellung nicht verteidigt werden, und wenn die Türken ihre
5 <Nachdruck verboten.)
Getrennte Welten.
Roman von Clo rissa Lohde.
(Fortsetzung.)
„Bei Müller-Rothenfels könntest Du aber eine Ausnahme machen," stimmte der Rat seiner Gattin zu. „Er ist wirklich ein bedeutendes Talent."
„Glücklicher Mensch," scherzte der Justizrat, „Du findest also Zeit Romane zu lesen?"
„Aus Liebe zu meiner Frau! Was sie interessiert. muß ich doch auch kennen lernen. Und da mir überdies dieser Doktor Müller ausnehmend gefüllt und bei mir verkehrt, fordert es schon die Höflichkeit, daß ich mich mit seinen Werken bekannt mache."
„Ja, ja, die Amtsgerichtsräte, die führen ein Herrenleven und haben zu allem Zeit. Uns armen Anwälten geht es nicht so gut, wir müssen von derlei poetischen Genüssen absehen."
„Besonders Du," lachte der Rat, „der alle Abende fast dreimal ausgebeten ist. Weißt Du, daß Du zu unseren seltensten Gästen am Teetisch gehörst? Wärest Du in letzter Zeit öfter hier gewesen, hättest Du den Dir so interessanten Doktor Müller bereits kennen gelernt. Doch beim Himmel," unterbrach er sich. „Du hast Glück. Da sehe ich ihn wirklich in den Garten treten, und mit ihm die beiden Schwestern, die Kommerzienrätin Winter und Fräulein Ellen Hiller, die ich indessen, aufrichtig gesagt, lieber wegwünschte.
Sind mir beide nicht angenehm, aber seit sie mit ihrem Doktor Müller oder Müller-Rothenfels, wie sie ihn lieber nennen, prahlen können, denn sie spielen sich als Entdecker seines Talentes auf, gehören sic zu den eifrigsten Besuchern unserer stillen Klause, die durch sie aufhört, still g'.i dtttben."
Abschaffung verlangen, werden Gründe der Billigkeit dagegen von Europa nicht geltend gemacht werden können. Ebenso ist es, wenn die Türken, wie in Konstantinopel verkündet wurde, auch mit den hohen Gehältern aufräumen wollen, welche einzelne Reformorgane der Großmächte für eine recht geringfügige Arbeit beziehen. Solche Gehälter wurden seinerzeit von den anti-türkischen Reformmächten, namentlich auf Englands Betreiben, möglichst hoch bemessen, um das mazedonische Budget etwas mehr zu belasten. Wenn diese Gehälter auf ein Maß reduziert werden sollen, welches mit der geleisteten Arbeit einigermaßen im Einklang steht, so wird Europa auch dagegen billiger- weise nicht gut protestieren können. Am besten wäre es, man würde überhaupt auf diese Reformorgane verzichten. Die europäischen Posten sind für die Türkei finanziell recht empfindlich. Wenn die Zustände dort sich konsolidieren, die Reformen durchgreifen und die Türkei beweisen wird, daß sie einen Postbetrieb zu organisieren imstande ist, der europäischen Anforderungen genügt, fo wird Europa mit der Zeit sich avohl darein finden müssen, daß auch seine Sonder- postanstalten aus der Türkei verschwinden. Die schwierigste Frage in den Kapitulationen ist wohl die der Konsular-Eerichtsbarkeit. Wenn die Großmächte sich dagegen sträuben, ihre Untertanen türkischen Gerichten zu unterwerfen, so wird dies auch in der Türkei so lange verständlich sein, als das türkische Gerichtswesen noch nicht gründlich reformiert und den Grundsätzen eines modernen Rechtsstaates gemäß umgestaltet wird. Jedenfalls birgt dieser Programmpunkt der neuen türkischen Regierung ein Bündel sehr schwieriger Fragen, an deren Lösung Deutschland gewiß in einem der Türkei freundlichen Sinne mitwirken wird.
Die Kaiserparade Bei Metz.
Metz, 27. Aug. Um 10 Uhr begann auf dem großen Exerzierplatz bei Frescati die Parade über das 16. Armeekorps und die in Metz stehenden bayerischen Truppenteile. Die Truppen standen in einem Treffen in einem Viereck, dessen nicht ganz ausgefüllte Nordwestseite durch die Tribünen für das Publikum, die berittenen und unberittenen Zuschauer, Reserve- und Landwehroffiziere, die Kriegsschule und Kriegervereine ausgefüllt war. Letztere zogen sich bis zum Schloß Frescati hin, wo der Kaiser zu Pferde stieg. Der Kaiser, der in der Uniform des Königs-Jnfanterie-Regiments Nr. 145 mit den Abzeichen eines Generalfeldmarschalls, fetzte sich am Ausgange des Schloßhofes von Frescati an die Spitze der Fahnenkompagnie des Infanterie-Regiments Graf Barfus Nr. 17 und führte diese auf den Paradeplatz. Mit dem Kaiser ritten der Kronprinz in der Uniform seines bayerischen Ulanen-Regiments, die Kronprinzessin im
Die Rätin winkte ihrem Gatten sanft beruhigend zu. dann erhob sie sich etwas mühsam und ging den Ankommenden einige Schritte entgegen. Die Damen, zwei elegante, aufs modernste gekleidete Erscheinungen, eilten mit etwas gemachter Freude auf die Rätin zu. Die Kommerzienrätin, hager, groß, dunkel, mit einem etwas spitzen, scharf gezeichneten Gesicht, umarmte sie zärtlich. Die um vieles jüngere Schwester Elle», ein auffallend hübsches, zierlich gebautes Mädchen, mit großen, schräggeschnittenen Augen von strahlendem Glanze, neigte sich ehrerbietig über ihre Hand. Ihr Begleiter. ein hochgewachsener, stattlicher Mann, den der Rat und seine Gattin wie einen alten Freund mit besonderer Herzlichkeit empfingen, wurde dem Juftizrat als Doktor Müller vorge- stellt.
Mit einem Gemisch von Neugier und heimlicher Befriedigung glitten die Augen des Anwalts der freiherrlichen Familie Rotbenfels über des Vorgestellten stolz getragene Gestalt. Bruno Müller mochte wohl im Anfang der Dreißiger stehen; er hatte ein ernstes, edel geformtes Gesicht, auf dem die Spuren geistiger Kämpfe sich deutlich eingezeichnet hatten. Die für gewöhnlich ruhig blickenden, dunklen Augen belebten sich, sobald er sprach, und breiteten dann über seine festgeschnittenen Züge einen verklärenden Glanz. Er war sorgfältig, doch ohne hervorstechende Eleganz gekleidet. Um den Arm, ebenso wie um den Hut, den et in der Hand hielt, trug er einen Trauerflor, da seine Mutter seit einigen Monaten tot war.
„In der Tat kein gewöhnlicher Mensch," dachte der Justizrat und nickte still lächelnd vor sich hin. „Der dort darf sich mit dem glänzenden Kavalier, dem Freiherrn Dietrich von Rothenburg, ohne Scheu in die Schranken stellen, und wer weiß, bei den Weibern schießt dieser am Ende den Vogel ab, braucht vielleicht
schwarze» Reitkleid mit schwarzem Dreispitz und die drei Brüder des Kronprinzen. In der Mitte des Platzes übergab der Kaiser die neuen Fahnen des Korps mit einer Ansprache den Kommandeuren der betreffenden Truppenteile. Die Fahnen rückten unter Präsentiermarsch ein. Der Kaiser, die genannten Fürstlichkeiten und die Kaiserin, welche mit der Prinzessin Eitel Friedrich in einem sechsspännigen Wagen Platz genommen hatte, passierten darauf die Fronten der Kriegervereine. Der Kaiser zeichnete viele von den alten Kriegern durch Ansprachen aus. Es folgte das Abreiten der Fronten des Korps. Der König von Sachsen, der Eroßherzog von Badeiv und Prinz Leopold von Bayern ritten die Fronten der Truppenteile der betreffenden Bundesstaaten mit ab. Die Parade stand unter dem Kommando des Generals der Infanterie v. Prittwitz und Gaffron. Bei dem ersten Vorbeimarsch defilierte die Infanterie in Kompagniefronten. die Kavallerie in Schwadronsfronten, die Artillerie in Batteriefronten, die berittenen Truppen im Schritt. Beim zweiten Vorbeimarsch ging die Infanterie in Regimentskolonnen, die Kavallerie in Eskadronsfronten im Galopp und die Artillerie in Abteilungsfronten im Galopp vor. Der Kaiser führte beide Male sein Regiment Nr. 145 der Kaiserin vor, ebenso der Eroßherzog von Baden sein 8. bayerisches Regiment. Prinz Leopold von Bayern defilierte jedesmal mit den bayerischen Truppenteilen. Die Parade endete um 1 Uhr. Während des Abreitens der Fronten durch den Kaiser hatten die Forts Salut geschossen. Nach der Parade kehrte die Kaiserin im Wagen mit Eeleitschwadron nach Metz zurück. Der Kaiser, gefolgt vom Kronprinzen und den drei Brüdern des Kronprinzen, führte die Fahnenkompagnie vom 4. Magdeburgischen Infanterie-Regiment Rr. 67 und die Standarten-Eskadron des Hu- saren-Regiments König Humbert Nr. 13 nach dem Generalkommando, auf dem Wege von anhaltenden Zurufen begrüßt.
Der Kaiser nahm nach seiner Rückkehr in das Generalkommando eine große Reihe militärischer Meldungen entgegen. Um 4 Uhr nachmittags fand bei Ihrer Majestät der Kaiserin ein Damen-Empfang statt. Später besuchte der Kaiser und die Kaiserin die Kathedrale. Heute Abend 7 Uhr fand bei Ihren Majestäten in den Räumen des Allgemeinen Militärkasinos in Metz Paradetafel statt. Im Hauptsaale war die Haupttafel aufgestellt. Außerdem waren im Bühnenraume, im Braunschweigischen Zimmer und in den Wartesälen Tafeln gedeckt. An der Haupttafel saßen der Kaiser rechts neben der Kaiserin; rechts vom Kaiser folgten zunächst: die Kronprinzessin, der Eroßherzog von Baden, Prinz Leopold von Bayern, Prinz August Wilhelm, Statthalter Graf Wedel, Oberhofmar-
gar nicht das Geld des Barons, hat nur die Hand auszustrecken und bas hübsche Eoldfisch- chen an seiner Seite ist in seinem Netz."
Die Rätin hatte ihre Gäste auf die Veranda genötigt, und bald kam die Unterhaltung in lebhafte» Fluß. Natürlich drehte sie sich um Literarisches. Es war ein neues Drama von einem bekannten Schriftsteller aufgeführt worden. Die Kommerzienrätin fand es höchst interessant und Ellen stimmte dem zu, obwohl Fragen darin behandelt waren, die vor junge Mädchcnohren eigentlich nicht gehörten, immer das alte Thema ehelicher Untreue, unverstandener Frauencharaktere.
„Die Signatur unserer Zeit," meinte der Rat. ..bet vielgenannte Geist des fin de siäcle.“
„Wie interessant aber, in dieser Zeit zu leben." sagte Ellen mit einem Blick auf Bruno, der sich ziemlich schweigend verhielt, lachend. „Früher muß es recht langweilig in der Welt zugegangen sein, gar zu korrekt. Wie denke» Sie darüber, Herr Doktor?"
„Nur nicht allzu übermütig, Ellen." mahnte die Schwester. „Deine Laune geht wieder mit Dir durch."
„Nun," wandte die Rätin sich jetzt auch an Bruno, „wollen Sie, als Sachverständiger von uns allen, nicht Ihr Urteil über das vielbesprochene Werk Ihres Kollegen sagen?"
„Meines Kollegen?" erwiderte Bruno mit einem tiefen, sehr wohllautendem Organ. „Der berühmte Romancier und Dichter würde sich wohl bedenken, mich, den Anfänger, mit diesem Titel zu beehren. Daß ich jedoch diese Art, über ernste, moralische Fragen, die ins tiefste Leben eingreifen, mit einer gewissen harmlosen Vonhommie Hinwegzugehen, nicht billige, das, verehrte Frau, haben Sie vielleicht aus meinen Schriften herausgelesen, in denen ich die entgegengesetzte Tendenz verfolge. Ein Mann, der eine Frau, die er nicht rein hält, heiratet, ist
schall Graf zu Eulenburg; links von bet Kaiserin: bet König von Sachse», Prinzessin ^Eitel Friedrich, der Kronprinz, Prinz Eitel Friedrich, Prinz Oskar und der Fürst zu Fürstenberg. Gegenüber den Majestäten saß der kommandierende General des 16. Armeekorps v. Prittwitz und Eaffron.
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— Keine Englandreise des Kaisers. Zu einem Artikel der „Dortmunder Zeitung" vom 20. August unter der Ueberschrift „Eine Englandreise Kaiser Wilhelms", schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": „Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß bei der Zusammenkunft des Kaisers mit dem König von England von einer für den kommenden Herbst geplanten Reise des Kaisers nach England mit keiner Silbe die Rede gewesen ist. Die in dem Artikel aufgestellte Behauptung kennzeichnet sich also als eine ebenso dreiste Erfindung, wie die von demselben Blatte für den Mai dieses Jahres verbreitete Nachricht, Hof- beamte seien nach England gereist, um dort Vorbereitungen für de» Kaiserbesuch zu treffen.
— Der Kaiser und de» Fall Curtius. Straßburg, 26. Aug. Aus Anlaß des bevorstehenden Kaiserbesuches im Elsaß ist auch die Frage des Präsidenten des evangelischen Konsistoriums. Prof. Curtius, des in kaiserliche Ungnade gefallenen Herausgebers der Hohenlohe- Memoiren, wieder erörtert worden. Die „Straßburger Bürgerzeitung" teilt mit, daß auch diesmal Prof. Curtius keine Einladung zur kaiserlichen Tafel erhalten hat. Kaiser Wilhelm hat sich im letzten Jahre hinsichtlich des Falles Curtius bekanntlich auf den Standpunkt des Privatmannes gestellt, dem es frei- stche, an seinen Tisch nur solche Männer zu laden, die ihm angenehm seien. Die elsaß- lothringische Regierung hat nun, um keine Verstimmung hervorzurufen, bei der Aufstellung der Einlabungslisten einen anderen Vertreter der evangelischen Kirche vorgeschla- gen, der auch vom Kaiser akzeptiert wurde. Damit hat diese Frag; jede politische Bedeutung verloren und ist lediglich als Privatangelegenheit des Kaisers zu betrachten.
— Ordensverleihungen. Nach dem „Reichsanzeiger" wurde dem Geh. Oberjustizrat Viktor Rintelen-Berlin der Stern zum Roten Adler- erben zweiter Klasse mit Eichenlaub verliehen. — Der „Karlsruher Ztg." zufolge verlieh der Eroßherzog dem Statthalter von Elsaß- Lothringen, Grafen v. Webel, den Hausorden der Treue und dem Kommandanten von Straßburg, Generalmajor v. Thiesenhausen, das Kommandeurkreuz 1. Klasse des Ordens vom Zäh- ringer Löwen.
— Von einer umfangreichen Militarvorlage, die im Herbst den Reichstag beschäftigen soll und deren Vorarbeiten schon abgeschlossen sein sollen.
meines Erachtens kein Ehrenmann, an dessen anderweitige Tugenden man nicht recht zu glauben vermag. Und an den Edelsinn einer Frau, die einen Mann, der sich ihr in all seiner Brutalität unverhüllt offenbart, dennoch liebt, kann ich ebenfalls nicht glauben. Nach meiner Ansicht hängen Liebe und Achtung untrennbar zusammen." 1
„Bravo, bravo." rief der Rat. „Ganz fe denke ich auch, und ich würde eine Frau nicht lieben können, die gar zu nachsichtig über meine Untugenden hinwegsähe."
.Als ob dieser ausgezeichnete Mann uni» Gatte überhaupt Untugenden hätte!" warf der Justizrat mit einem Blick auf die Rätin ein.
„Er besitzt eine der größten und seltenste» Tugenden," entgegnete diese, mit innigem Blick ihrem Gatten über den Tisch die Hand hinreichend. „Geduld mit einer kranken Frau, und das will viel sagen."
„Wenn die Krankheit sich in so liebenswürdiger Weise wie bei Ihnen äußert," ergriff der Justizrat wieder das Wort, „würde mancher seine gesunde Frau gern mit einer kranken ver, tauschen."
Die beiden Schwestern sahen sich mit einem raschen, etwas spöttischen Blicke an. Ihnen paßte diese Richtung der Unterhaltung nicht: Zwar konnten sie nicht umhin, die Art, wie die, Rätin ihr langes Leiden ertrug, zu bewundern;, aber welche Seelengröße dazu gehörte, das faßten ihre oberflächlichen Naturen nicht.
.Haben Sie auch schon gehört, Herr Justizrat," wandte sich die Kommerzienrätin. um das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen, an diesen, „daß der Baron von Rothenfels, et ist unser nächster Nachbar in der Rauchstraße, im Sterben liegt? Heute soll noch die Tochter aus München erwartet werden. Der Sohn »nd dessen Gemahlin sind schon anwesend." jj!
lFortletzuna fnlatl. "