mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und de« Beilage»: .Literarischer Anzeiger", „Kaudmirtschaftliche S-ilage" «ud „Illustriert-- Ssuutag-blatt-.
Man abonniert auf die täglich erscheinende „Obcrhessische -- .„ Zeitung" bei allen Postämtern und nnsern Zcitungsstellen in 1X() Kirchhain und Wetter sowie bei unserer Expedition — Markt 21. — Der Bezugspreis beträgt durch die Post 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern Zeitungssrellen und der Expedition 2Mk.
Marburg
Lonniag, 2. August 1908.
Die Jnsertionsgebühr beträgt für die 7gehaltene Zeile oder deren Raum "15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, Univcrsttätsbuchdruckerei Inhaber Dr. L. Hrtzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon SS.
43. Jahrg.
Erstes Blatt.
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Der Prozeß Eulenburg und deutsches Ansehen im Auslande.
Bon einem Ausländsdeutschen wird ung geschrieben:
Paris, 22. Juli.
Ich zweifle nicht darin, dass auch innerhalb der deutschen Grenzen diese nicht endenwollende Serie von Skandalprozessen, der Schmutz, der dabei zutage gefördert wird und der größere, der noch hinzugedacht wird, der stete Appell an gemeine Sensation und die niedersten Interessen der Menschen tief bedauert wird. Um aber die ganze Tragweite des sinnlosen Unheils, das da angrichtet wird, ermessen zu können, dazu mutz man im Auslande leben. Wir Ausländsdeutschen spüren am tiefsten, weil am eigenen Leibe, wie kostbar das Kapital von Ansehen, Schätzung und Haltung ist, das wir im Auslande besitzen, und schütteln verständnislos den Kopf, wenn wir sehen müssen, wie verschwenderisch und unsinnig dieses kostbare Kapital verwirtschaftet wird. Einzelne Zeitungen erklären freilich, daß es falsch wäre, die Dinge, die im Eulenburgprozeß zutage kamen, zu verallgemeinern, Rückschlüsse auf Deutschland überhaupt zu ziehen. Aber selbst die Art wie diese Einschränkung vome- bracht wird, spricht Bände, da heisst es: Wir wollen nicht annehmen, diese tiefe Depravation habe bereits das ganze deutsche Volk ergriffen usm. Der Trieb zur Gerechtigkeit ist natürlich schwächer als die Lust, sich auf Kosten der anderen zu amüsieren. So kommt es natürlich den Leuten nicht darauf an, zu wissen, ob und welche Bedeutung diesen Dingen in Deutschland nun wirklich zukommt, sondern nur auf Kosten jemandes, den man so wie so nicht leiden kann, die Lust an Sensation und frivolen Witzen zu betätigen. Im Inland vermag man sich schwerlich vorzustellen, was der Ausländsdeutsche empfinden mutz, wenn er das Wort deutsch nur mehr mit einem gewissen haut göut ausgesprochen hat, wenn er in jeder Nummer der Witzblätter eine eigene Rubrik mit der Ueberschrift
cochonneries allemands entdecken mutz, wenn er auf den Boulevards die Pariser Gassenjungen Strahenkuplets pingen hört, in denen die deutschen Bauern bedauert werden. Es ist unglaublich, mit welcher Intensität die Pariser dieses Thema zu Deutschlands Schande ausbeuten. So ist le vice allemand ein festes Wort geworden. Die Maurice Bar, wo die bekanntesten Homosexuellen — die es in Frankreich genau gibt, wie in Deutschland, nur spricht man nicht davon — verkehren, heisst jetzt Bar d’Eulenbourg und das Leben am deutschen Kaiserhofe ist ein Gesprächsthema von Koketten geworden. Ich will nichts davon reden, wie dem einzelnen Deutschen, der alles das mit anhören, Fragen und Anspielungen über sich ergehen lassen muss, dieses Skandalgeschrei geschadet hat. Wichtiger al- diese privaten Unannehmlichkeiten ist der Schaden, den die nationale Sache erleidet. Wir brauchen die Liebe des Auslandes nicht) aber die Achtung brauchen wir, die moralische Achtung unseres Charakters, unserer Lebensart, unserer Arbeit. Ohne die können wir hier im Auslande nicht leben. Und dies zuzusehen, wie dies kostbare Kapital sinnlos verschwendet wird, ist hart) das ist vielleicht die schwerste Probe, die das Deutschtum im Auslande seit 1870 hat bestehen müssen!
Ich kann nicht beurteilen, ob dies alles in anderen Ländern weniger fühlbar ist als gerade in Frankreich. Gerechtigkeit, objektive sachliche Beurteilung ist eine Eigenschaft, die überhaupt mehr abgeht als z. B. den Engländern — von der sie aber in der Beurteilung deutscher Dinge schon gar nicht den geringsten Gebrauch machen. Aus erklärlichen Dingen: es ist dies eine Art imaginärer Revanche, wie Frauen sie oft zu üben pflegen, indem sie den Wert dessen, der ihre Eitelkeit gekränkt hat, nach Möglichkeit herabmindern.
. Direkte Reichssteuern?
Gegenüber der liberalen und neuerdings auch nationalliberalen Forderung auf Einführung einer Reichseinkommen- und Vermögenssteuer macht die „Kons. Korresp." darauf aufmerksam. dah gegenwärtig die Einnahmen aus den direkten Steuern in allen Bundesstaaten 534 Millionen Mark betragen, die Einnahmen aus den Zöllen, Verbrauchs- und Verkehrssteuern aber 1536 Millionen Mk., dass also bei Abschaffung der indirekten Steuern die direkten mindestens verdreifacht werden müssten bloss für den Bedarf des Reiches. Bei einem steuerbaren mittleren Einkommen von 3000 bis 3300 Mk. ist nun in Preussen jetzt schon eine jährliche Steuer von 60 Mk. zu zahlen. Dazu kommen bei 200 Proz. — es gibt Gemeinden, die jetzt schon 400 Proz. und mehr Prozent haben — und 20 Proz. Kirchensteuer weitere 132 Mk., zusammen 192 Mk. Würden wir noch eine dreifache
Reichseinkommensteuer erheben müssen, so kämen noch 180 Mk. hinzu, so dass man bei einem jährlichen Einkommen von 3000 Mk. pro Jahr 372 Mark Steuern zu zahlen hätte, also mehr als 12 Proz. seines Einkommens.
Bei einem Einkommen von 1500 Mk. würden 16 Mk. Staatssteuer, 32 Mk. Gemeindesteuer, 3,20 Mk. Kirchensteuer, 48 Mk. Reichssteuer. Summa 99,20 Mk. Steuern zu zahlen sein.
Bei einem Einkommen von 10 000 Mk. stellte sich die Rechnung wie folgt: 300 Mk. Staatssteuer, 600 Mk. Gemeindesteuer, 60 Mk. Kirchensteuer, 900 Mk. Reichssteuer, Summa 1860 Mk. Steuern — 18,6 Proz.
Dass eine solche Umlage bei allen die höchste Unzufriedenheit und Erbitterung Hervorrufen müsste, zumal hinter jeder direken Steuer der Gerichtsvollzieher steht, dass sie viele Familienväter in schwere Verlegenheit bringen kann, liegt auf der Hand. Um die Mitbürger einer solchen Unzufriedenheit mit der Regierung nicht auszuliefern, hat bisher sich auch die Republik Frankreich schwer gehütet, eine wirkliche Einkommensteuer nach preußischem Muster einzuführen.
v Lettisches Reich.
— Der Kaiser in Swinemünde. Swinemünde, 31. Juli. Der Kaiser kehrte heute vormittag 10 Uhr von einer Fahrt im Automobil bis vor Ahlbeck zurück. Um 4y2 Uhr nachmittags wurde wieder eine Automobilfahrt nach Heringsdorf unternommen, an der acht Herren des Gefolges teilnahmen.
— Eine Reichsweinsteuer? Die „Deutsche Weinztg." will aus wohlinformierter Quelle erfahren haben, dass man sich im Reichsschatzamt mit dem Gedanken einer Reichsweinsteuer vertraut mache.
— Deutscher Flottenbund. Aus Mülheim a. d. R. wird gemeldet: In einer grossen Flottenvereinsversammlung wurde ein neuer deutscher Flottenbund gegründet, der neben dem jetzigen Flottenverein bestehen soll. Man glaubte allgemein, dass die Entwickelung nach der ersten Erregung jetzt in ruhigere Bahnen gelangt sei. Die unbedingten Anhänger Keims scheinen aber zum Abwarten dessen, was Grossadmiral Köster bringen wird, keine Lust zu haben.
— Gas- und Elektrizitälssteucr. Auf Antrag mehrerer Stadtverwaltungen Westdeutschlands dürfte der Städtetag für Preussen Stellung zu der geplanten Elektrizitätssteuer nehmen. Man plant eine gemeinsame Abwehrmatzregel der Städte gegen die Steuer. In einer der letzten Sitzungen der badischen Kammer wurde der Antrag der Sozialdemokraten, die Regierung zu
Die verunglückte Fahrt aus den Staufenberg
oder
Das überraschende Gewitter.
Von L. Müller.
Romantische Luftfahrt dreier Parteien und Abenteuer im Jahre der Kontrerevolution 1849. Gedichtet von einem Wahrheitsfreunde Verlag bei Heller und Pfennig.
Personen:
Stengel Schönhardt, ein schlanker Schreiner.
>Eand I. Klein, ein Schmied.
Schieber E. Eucker, ein Bäcker.
Cajun H. Matthäi, ein Bäcker.
Reumann Wilhelm, der Bub von Cassel, bei Sander in der Mühle.
Wurstler Jakob Briel, genannt Schnunkes, ein Metzger.
Jftinzchen H. M., ein Bäcker, lelson Heuser, ein Sattler.
, Die Fahrt nach dem Staufenberg.
- Es war im Monat, im August, Bekamen zwei junge Herren Lust, Zu fahren aus den Staufenberg, Der ohnweit Giessen lieget, perch.
Um die Partie, wo mögelich. Zu halten still und heimelich, Bereiten sich sechs junge Leut' Zu fahren Sonntags mit den Bräut'.
Da ward bestellt ein Omnibus, Den Kutscher Wigand fahren mutz, Mit seinen Pferden, die ja sind, So mager, wie der Ostenwind.
Des Sonntags frühe sah man schon. Was heut' das Horn gibt für ein' Ton. Denn auf der Strasse wogten hin ! Die sechs Herren mit vergnügtem Sinn. 1
Das Wetter war besonders schön, Kein Wölkchen in der Luft zu sehn. Die Sonne strahlte glühend heiß, Und auf der Stirne perlt der Schweiß.
Um ein Uhr mittags, welch' ein Glück, Wandelten Mädchen froh im Blick Den Grün entlang und vor dem Tor Empfing sie hier der Männer Chor.
Wo man bestieg den Omnibus Und wechselte hier manchen Kutz.
Denn liebevoll und zart und warm Nahm jeder Herr sein Kind in Arm.
Doch leider war's ein böses Spiel, Denn zwei der Damen warn's zu viel.
Und diese lieben Kindelein Saßen int Eck vor Liebespein.
Der Kutscher Sßiganb1) führte nun Sein' Wagen wie ein gackernd Huhn, Schlägt auf die Pferde lang und querch. Bis daß man tarn zum Staufenberg.
Als man noch saß im Omnibus, Da kam zu unserem Verdruss Noch eine Chaise angefahr'n Mit einem zweiten Damenschwarm.
Und weiter kommt noch eine Chais!
Mit jungen Herrn, die waren bös, Weil ihnen, 's ist auch nicht erlaubt. Die Mägdelein von Herrn geraubt.
Der Wurstlers kratzt sich hinterm Ohr, Holt eine Flasche Wein hervor
Und stößt mit Prinz dem Nachbarsmann, Aufs Wohl der Schonen tapfer an.
*) s. g. Criminal.
•) Briel, genannt Schnunkes.
Auch Stengel trank sein Gläschen leer Und sagt: „Wir haben heut Malheur, Daß uns das Dorfschulmeisterlein, Die Mädel schnappt mit Kopf und Sein.“
Potz Himmeldonner-Saperment, Man ärgert sich, so daß man brennt, So jagt Cajun, und trinket Wein Und streckte feine krummen Sein.
Auch Schieber und der liebe Sand Noch waren auf den Sitz gebannt, Sie holten Wurst und Weck hervor, Und atzen solche mit dem Chor.
Dem Wurstler wurde es nun warm, Drum macht er blos feine Arm, Er zog den lleberrock sich aus
Und schrie: „Zieht all die Röcke aus!"
Und hurttg, eh' man’s sich versah Und saßen all' entblößt nun da.
Man stimmte an manch Burschenlied, Auch das vom langen Eisenschmied').
Es eilten dann ohne Unfall, Drei Wagen über Berg und Tal.
Sie kamen endlich alle hin. Zum Staufenberg! nur stand ihr Sinn.
Hier angekommen stieg man ab
Beim Wirt, der uns mit Siet nun labt. Auch Wein und Wurst und Schinkenbrot Denn Nahrungsmittel taten not.
Es figurierten ferner fein,
Die Eierpfannenküchelein,
Zwar schmeckten sie zu viel nach Salz Und hatten auch zu wenig Schmalz.
•) Ein berüchtigt« Polizeidiener.
ersuchen, im Sundesrate gegen eine Gas- und Elektrizitätssteuer zu stimmen, mit 24 gegen 19 Stimmen bei 18 Stimmenthaltungen angenommen. Die Nationalliberalen und ein Teil des Zentrums stimmten gegen den Antrag, während die Konservativen sich der Abstimmung enthielten.
— Zum Fall Schücking melden demokratische Blätter, dass der hiesige Professor Schücking die „gesammelten Werke" seines Bruders zum Preise von 25 Pfg. herausgeben wird. Dr. Schücking telegraphiert der .Franks. Ztg." die übrigens täglich der Affäre mehrere Artikel widmet, dass die Publikation der Anklage ohne feinen Willen und ohne fein Wissen erfolgte, was das Blatt bestätigt. Es ist ja unschwer zu erraten, von wem die Propaganda für den „Fall" ausgeht. Der Meldung der „Täglichen Rundschau", dass die militärische Behörde an den Bürgermeister Schücking als Reserve- oder Landwehr-Offizier in ehrengerichtlicher Angelegenheit ein geheimes Schreiben nicht gerichtet habe gegenüber erklärt Professor Schücking hier in der heutigen Nummer der „Franks. Ztg.", daß er dieses Schreiben mit feinen eigenen Augen gesehen hat.
— Eine neue „Maßregelung" meldet klagend das bekannte sozialliberale „Berl. Tgbl." In Kolberg ist Rektor Juds, ein aktiver Schulmann, der Vorsitzende des über 4000 Mitglieder zählenden pommerschen Provinzial-Lehrervereins, als Mitglied der Schuldeputation zu Kolberg von der königlichen Regierung zu Köslin nicht bestätigt worden. Da nach Angabe des Blatte» irgendwelche sachliche Gründe nicht in Betracht kommen, was das Blatt natürlich ganz genau weiss, soll zu seiner Nichtbestätigung lediglich die Tatsache Anlaß gewesen sein, daß Juds 1907 in Bütow-Rummelsburg-Schsawe für die Freisinnige Vereinigung zum Reichstag und 1908 in Kolberg-Köslin für die vereinigten Freisinnigen und Nationalliberalen auch für den Landtag kandidiert hat. Man wird von vornherein annehmen können, daß es sich hier um eine Sensation des Blattes handelt. In diesem Punkts leistet es bekanntlich das Menschenmöglichste.
** Die Streikdemostrationen in Bigneux. Villeneuve, 31. Juli. Eine Eerichtskommission nahm die Untersuchung in der Angelegenheit des gestern erfolgten Zusammenstosses zwischen den Ausständigen und dem Militär auf. Die - Stadt ist militärisch besetzt. Einer der Verletzten starb in der Nacht im städtischen Hospital.
** Die Lage in der Türkei. Konstantinopel, 31. Juli. Einer amtlichen Bekanntmachung zufolge wurde ein Jrade erlassen, wonach der Be-
Auch Schokolade, Kaffee, Tee, Wie's schicklich ist für Assemblee, Die wurden auf den Tisch gestellt. Jedoch die Herrn dafür gevrellt.
Jetzt gab es einen Hammel-steil, Den man zerhieb mit einm Beil. Dann gab's zum Nawrftch fein Konfett, Was der Gesellschaft gut geschmeckt.
Freund Keßler stieß nun auch mal an, Mit Wursteler, dem Metzgersmann, Doch dieser hatte nicht viel Glück, Jetzt höret an das Missgeschick:
Um seinen Nachbar zu erreichen. Mußt er sich Lber'n Tisch hin neigen, Und goss denn so sein Gläschen Bock, Der Heuserrunkel auf den Rock.
Kathrinchen sagt da unverhohlen.
„Denkst Du, ich halt' mein Kleid geltohlmf Du ungeschickter Wurstpatron, Du Einfalt!" voller Spott und Hohn.
Von Worten kam's beinah' zur lat. Schon die Parteien hielten Rat, Wie man, wenn ein Streit cntftänb’, Man diesen gut abwenden könnt'.
Denn der Cajun war außer sich, Er schrie und blöckte fürchterlich: „Wie viele solcher Männelein, „Stopft man zum Hosensack hinein."
, Komm lieber Jakob mir zur Seif, Es soll geschehen Dir kein Leid, So lang Cajun noch existiert, Weh dem, der ernstlich Dich berührt.
Auch Prinzchen, Schieber, Sand und Stengck Sagt’n: „Lasst uns gehn von diesenBeugel, Denn diese Leut' mit ihrem Wein Sind gern beim Frauenvolk allein,“