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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
uud de« Beilage«: .Literarischer Faudwrrtschaftliche Beilage« ««d „ILustriertes Ksmttagablatt«.
Man abonniert auf die täglich erscheinende „Oberhessische ... Zeitung- bei allen Postämtern und »ns-^ Z-'tungSstellea m J&O 171 Kirchhain und Wetter forme ber unserer Expedition - Markt 21. *'"*• _ Der Bezugspreis beträgt durch die Post 2,25 Mk. (ohne
Bestellgeld), bei unfern Zeitungsstellen und der Expedition 2 Mr.
Marburg
Donnerstag. 23. Juli 1908.
Die Jnsertionsgebühr beträgt für die ?gespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitätsbuchdruckerei Inhaber Dr. T. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
43. Jahrg.
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für die Monate August und September auf die
^Oberhessische Zeitung- nebst ihren Kei lagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch» ßain, Neustadt und Wetter, sowie von fallen Poftanstatten und Landbriesträgern ent» tzegengenommen.
Die Vorbereitung zum Balkankriege.
Die englische Note, die die Bildung von fliegenden Kolonnen in Mazedonien zur Bekämpfung des Bandenunwesens verlangt, hat den allgemeinen Beifall der Mächte gefunden. Auch der Sultan stimmt dem englischen Vorschläge im Prinzip bei, wenn er sich auch die Prüfung der Einzelheiten noch vorbehält. Diesen Vorbehalt macht übrigens auch das mit England jetzt angeblich so eng befreundete Rußland.
So harmlos und annehmbar nun auch der englische Vorschlag erscheint, so birgt er doch die Erfahr eines schweren Konfliktes in sich. Gewiß sind fliegende Kolonnen in der Gesamtstärke von 12 000 Mann sehr brauchbar zur Unterdrückung des Bandenwesens, aber nur unter der Voraussetzung, daß sie an einer starken,, in Standquartieren liegenden Truppenmacht einen starken Hinterhalt haben. Eine solche Truppenmacht ist erstens nötig, um den Mannschaftsstand der fliegenden Kolonnen immer wieder zu ergänzen, und um sie, wenn Teile von ihnen einmal mit blutigen Köpfen heimgeschickt werden, vufzunehmen, zweitens und hauptsächlich aber ist eine starke Belegung der mazedonischen Gar« nison mit regelmäßigen Truppen erforderlich, um Bulgarien die Lust zu einem plötzlichen Einfall auf türkisches Gebiet zu nehmen.
Man geht aber gerade darauf aus, die sichere Kriegsbereitschaft der Türken, die allein in den letzten Jahren den Frieden verbürgt hat, zu zerstören. Deshalb ist in nächster Zeit ein wütete«. Vorschlag zu erwarten^ daß die türkischen Garnisonen in Mazedonien verringert werden und daß an die Stelle der zurückziehenden regulären Truppen die zu bewastnenden Flurwächter treten sollen. Der russische General Schostak hat schon vor einiger Zeit einen Plan die Organisation dieser Flurwächter, (gardes communales) entworfen. Es soll in jedem Ort eine bestimmte Anzahl von Bewohnern jeder dort vorhandenen Raffe oder Religion im Verhältnisse zu ihrem Vevölkerungsanteil zu dieser irregulären Truppe ausgehoben werden. Run muß man aber wissen, daß sowohl Griechen, wie die Bulgaren, wie die Serben eine höchst ein- fcitige Statistik über die Rassezugehörigkeit der mazedonischen Bevölkerung führen, um durch diese tendenziöse Statistik ihr künftiges Erbrecht nachzuweisen. Liest man zum Beispiel das Werk des serbischen Gelehrten Spiridion Gopcewic über Mazedonien, so muß man zu dem Glauben kommen, daß die überwiegende Mehrzahl der mazedonischen Bevölkerung serbischen Ursprungs
89 «Nachdruck verboten.),
Liselottes Heirat.
Bon H. Eourths-Mahler. "
(Fortsetzung.)
Er legte eine umfassende Beichte ab und schonte auch Sibylle nicht. Aus diese wollte er keine Rücksicht mehr nehmen. Mit der Versicherung seiner unwandelbaren Liebe und Treue und der Bitte sie möge das harte kränkende Wort zurücknehmen und ihm wieder die Alte fein, schloß er das Schreiben. Am nächsten Morgen, sobald sie erwachen würde, sollte ihr die Jungfer das Schreiben bringen.
Er schrieb sehr lange, ahnungslos, daß draußen vor der Tür zitternd und bangend, sein junges Weib lehnte und voll heißer Angst ihn und sein Tun beobachtete.
Als Wolf seinen Brief beenbet hatte, sah er nach der Zeit. Es war schon fünf Uhr. Es lohnte sich kaum noch, niederzulegen. Schlafen würde er doch nicht können, bevor sein Schicksal nicht entschieden war. Es war das beste, er ging jetzt hinaus in den Wald und wartete dort den Anbruch des Tages ab. Vielleicht kam er zu einem guten Schuß. Er stand auf und reckte seine schlanke, kraftvolle Gestalt. Die Glieder waren ihm steif geworden vom langen Sitzen.
Dann hörte ihn Liselotte langsam durchs Zimmer gehen. Run konnte sie ihn nicht mehr sehen, desto angestrengter lauschte sie auf sein Tun. Jetzt vernahm sie, wie er an den Eewehr- schrank trat und etwas vor sich hinmurmelte. Er hatte das Fehlen des Schlüssels bemertt.
Er eins rum Schreibtisch zurück und Me
ist; liest man bulgarische oder griechische Werke, so verschiebt sich das statistische Bild vollkommen.
Die Händel zwischen den ohnehin stets rauflustigen Bevölkerungselementen Mazedoniens würden also bereits beginnen, wenn man die von jeder Nationalität zu stellende Ziffer der Flurwächter festlegen wollte. Ist dies schwierige Werk aber selbst geglückt, so sieht man vor neuen Schwierigkeiten. Denn die serbischen, bulgarischen oder griechischen Flurwächter würden sich nicht als Hüter der Ordnung, sondern als Serben, Bulgaren oder Griechen fühlen, und wenn beispielsweise eine serbische Bande bulgarische Häuser in Brand stecken würde, so würden die serbischen Flurwächter mindestens beide Augen zumachen, wahrscheinlich aber noch bei der Missetat Hilfe leisten. Sie könnten auch gar nichts anderes tun, denn die revolutionären Komitees der verschiedenen Nationalitäten sind so vorzüglich organisiert, daß sie über das Tun und Lassen jedes Landsmannes Bescheid wissen. Wehe dem, der sich das Mißfallen seines landsmannschaftlichen Revolutionskomitees zuzieht. Dann ereignen sich jene schrecklichen Bluttaten gegen die eigenen Landsleute, von denen der jüngst von der „Vossischen Zeitung" veröffentlichte bulgarische Geheimbericht Dutzende von Beispielen an- führt.
Wenn also die militärischen „Adzoints" tn Mazedonien dem Plane des Generals Schostak beigestimmt haben, so beweisen sie damit nur eine höchst beklagenswerte Kurzsichtigkeit. Die Folge der Minderung der regulären türftschen Truppenmacht in Mazedonien und der Organisierung der Flurwächter würde, wie wir eben dargetän haben, eine Vermehruyg der Chaos in Mazedonien sein. Das aber wünscht offenbar Bulgarien, um nach demselben Rezept, nach dem jetzt die Franzosen in Marokko verfahren, seine Truppen in Mazedonien einrüden zu lassen.
Damit wäre aber auch der Balkankrieg fertig, denn noch ist die Türkei nicht zu der Ohnmacht Marokkos herabgesunken, und sie würde, ehe sie sich Mazedonien entreißen läßt, einen Verzweiflungskrieg führen. So erscheinen also die Reformvorschläge gewissermaße« als die Vorbereitung zum Balkankriege, und wenn es nicht so abscheuerregend wäre — wie es jede Heuchelei ist — so könnte man es fast komisch nennen, daß diese Ratschläge im Namen der „Humanität" gemacht werden.
k Deutsches Reich.
— Bon bet Nordlandsreise des Kaisers. Molde, 21. Juli. Die „Hohenzollern" ging heute früh um halb 8 Uhr nach llebernahme des vierten Kuriers in See und traf nach guter Fahrt abends um halb 11 llhr in Molde ein. Während der Fahrt hörte der Kaiser Vorträge und arbeitete allein. Das Wetter ist heute kalt und regnerisch.
— Dernburgs Reift. Keetmanshoop, 21. Juli. Staatssekretär Dernburg trifft heute, aus dem Süden kommend, zur Eröffnung der Bahnlinie Seeheim-Keetmanshoop hier ein.
— Beisetzung des Bischofs D. Thiel. Frauenburg, 21. Juli. Die Leiche des verstorbenen Bischofs D. Andreas Thiel wurde heute vorrntt-
lotte sah, daß er einen Schlüsselbund ergriff und dann wieder zum Eewehrschrank hinüberging. Die Angst schärfte ihre Sinne. Sie hörte, wie Wolf einige Schlüssel vergeblich probierte und wie dann noch einer ins Schloß paßte. Ganz deutlich vernahm sie den schnappenden Ton, den der Schlüssel beim Umdrehen verursachte, und da war es vorbei mit aller Vorsicht und Ueber- legung. Sie war überzeugt, jetzt sollte das Fürchterliche geschehen.
In angstvoller Hast öffnete sie die Tür und sprang auf den Eewehrschrank zu. Mit aller Kraft stieß sie Wolf zurück, schloß krachend die eben geöffnete Tür des Schrankes und lehnte sich mit ihrem Körper dagegen. Wolf war durch ihren unerwarteten Eintritt hefttg erschrocken und sah verständnislos in ihr angstvolles Gesicht.
„Du darfst das nicht tun, Wolf," sagte sie mit fast unverständlicher Stimme.
„Was soll ich nicht tun, Liselotte? Was ist Dir?" fragte er erstaunt.
Sie schauerte zusammen.
„Verstelle Dich nicht — ich weiß, was Du vorhast. Du willst mit dem Leben bezahlen, daß Du ein falsches Ehrenwort gabst. Aber ich leide es nicht, daß Du mir auch das noch antust — und kann ich's nicht hindern, so laß mich wenigstens mit Dir sterben — ich kann nicht leben ohne Dich. Sei barmherzig, Wolf — ich will ja nichts weiter als Dein Leben — oder einen Tod mit Dir."
Er sah sie erschüttert an. Ihre Worte enthüllten ihm den Wahn, der ihre arme Seele befangen und zugleich wurde ihm klar, wie groß und stark ihre Liebe zu ihm war. Trotzdem sie annahm, daß er ein falsches Ehrenwort gab, um au verbergen, daß er zu Sibylle in einem un
tag unter großer Anteilnahme in der Gruft der Szembeckschen Kapelle bestattet. Der Bischof von Kulm, Dr. Rosentreter, zelebrierte das Pontifikalamt, während Weihbischof Herrmann die Beisetzung vollzog. Als Vertreter des Kaisers legte Oberpräsident v. Windheim einen Kranz am Sarge des Entschlafenen nieder.
— Die deutsch-ftanzösischen Beziehungen. Der ftanzäösische Botschafter in Berlin, Herr Cam- bon, hat sich in einer Unterredung mit einem Landsmann über diesen Punkt folgendermaßen geäußert: „Mein Eindruck ist durchaus optimistisch. Keine Schwierigkeit trennt unsere Regierung von der kaiserlichen Regierung. Ich habe nie daran gezweifelt und zweifele auch jetzt nicht an dem guten Willen der deutschen Regierung und bleibe bei meiner Methode des offenen Spiels! — Immer die Wahrheit sagen, macht stark! — Unsere Beziehungen zu Deutschland sind also so gut, wie wir sie nur wünschen können. Ich gehe aber nicht so weit, zu sagen, daß sie gegen jede Schwierigkeit gesichert sind. Die öffentliche Meinung in Deutschland ist ebenso nervös und leicht zu.beeinflussen wie die Frankreichs; aber für den Augenblick sehe ich keinen Grund zur Unruhe. Wir treiben keine Angriffspolitik gegen Deutschland, werden sie niemals treiben und fortfahren wie bisher, so auch in Zukunft die Loyalität unserer Absichten und Handlungen darzutun. Meine innerste Ueberzeugung aber ist, hüten Sie sich vor Illusionen! Wenn Frankreich vom Weltfrieden spricht, stellt es sich gern vor, die ganze Welt sei friedlich gesinnt! Dasselbe gilt auch für die deutsche Regierung und für einen großen Teil des deutschen Volkes. Ein anderer Teil aber, und nicht der geringste^ erinnert sich gern daran, daß Deutschlands Wohl- Sand mit 1870 seinen Anfang nahm. Der eutsche Lehrer ist von Grund aus patriotisch. Er erzieht die künftigen Generationen im Kultus des Vaterlandes. Und diese tiefe patriotische Empfindung gibt dem deutschen Volke eine ge- waltige Kraft. Auch wir dürfen diesen Patriotismus nicht verlieren, wenn wir nicht Kraft und Größe aufgeben wollen. Kein Mensch in Frankreich denkt an einen Krieg, aber so abgebraucht ist unser Volk nicht, daß es ohne Empörung die ungerechteste Behandlung ertragen kann. Viele Gelegenheiten, etwaige Mißverständnisse zu zerstreuen, werden sich immer ergeben. Die intellektuelle Annäherung der Kongresse ist zum Beispiel eine solche Gelegenheit. Verlangen wir vorläufig nicht mehr und hüten witunsvorTtäumen und vor den T rä u m e r n, die nach Laune ihrer Einbildungskraft die Ereignisse zu lenken versuchen."
— Die Betriebseinnahmen der Preußisch- hessischen Staatseisenbahnen haben nach der „Rordd. Allg. Ztg." im Jahre 1908 im Personenverkehr rund 6,9 Millionen Mark (14,54 Proz.) mehr, im Güterverkehr 4,8 Millionen (4.84 Proz.) weniger, insgesamt einschließlich der sonstigen Einnahmen 2,5 Millionen (1,63 Proz.) mehr als im gleichen Monat des Vorjahres betragen. Sowohl die Steigerung der Einnahmen im Personenverkehr, wie ihr Zurückbleiben im Güterverkehr sind größtenteils die Folge der Lage des Pfingstfestes, das in diesem Jahre in
erlaubten Verhältnis stand. Sogar sterben wollte sie mit ihm — mit dem Mitgiftjäger —
Welche Angst und Sorge mußte sie gefoltert haben!
Er trat auf sie zu und umfaßte sie mit beiden Armen. Sie glaubte, er wolle sie von dem Schrank entfernen, und klammerte sich krampfhaft an ihn an.
„Tue es nicht, Wolf — tue es nicht, denk an Deinen Vater!" stöhnte sie verzweifelt.
Er hob sie auf wie ein Kind und preßte sie fest ar sich
„Liselotte, komm zu Dir, Du bist von Sinnen. Was hast Du Dir für krauses, wirres Zeug in den Kopf gesetzt! Sie mich an, sehe ich aus, wie einer, der sich feig aus dem Leben stehlen will? Was tue ich nur mit Dir, Du Kindskopf, daß Du mir alle die ©reueltaten zu- traust. Untreue, niedrige Spekulation auf eine reiche Frau, ein falsches Ehrenwort und nun gar Selbstmord. Liselotte — und solch einen Menschen liebst Du so, daß Du lieber mit ihm sterben willst, als ohne ihn zu leben?" Er trug sie auf seinen Divan und legte sie behutsam nieder. Sie sah fassungslos in sein lächelndes Gesicht und wollte ihn nicht loslaffen, weil sie noch immer glaubt«, er wollte sie nur entfernen. Er fühlte, wie sie zitterte, ihre Hände waren kalt wie Eis.
Diese kleinen Hände faßte er nun fest und löste sie unruhig von seinem Halse. Er bedeckte sie mit Küssen und zog dann die warm« Felldecke Über ihre bebende Gestalt.
„Wo warst Du bis jetzt, Liebling? Du bist so kalt. Bist Du nicht zu Bett gegangen?"
Sie schüttelte den Kopf und zeigte stumm nach der Tür.
den Juni, im vorigen Jahre in den Mai fiel Bei der Beurteilung der Mindereinnahmen im Güterverkehr wird ferner zu beachten fein, daß im Juni des Vorjahres diese Einnahme em nahezu 10 Proz. (9,72 Proz.) gestiegen war.
— Ein Strafverfahren aus Amtsentsetzung ist nach der „Franffurter Zeitung" gegen den Bürgermeister Dr. L. Schücking in Husum eröffnet worden. Anlaß dazu gaben mehrer« Zeitungsartikel und ein anonym erschienenes Buch, das in schärfster Weise die preußische Verwaltung kritisiert. Das Verfahren ist bis jetzt nicht öffentlich geführt worden. Bekannt wird es jetzt durch einen anonymen Artikel der „Frankfurter Zeitung", dessen Verfasser aber leicht zu erraten ist. Wenn der Artikelschreiber auch naturgemäß gut informiert zu sein scheint, wird man doch gut tun, abzuwarten, was Richtiges an der Sache ist. Im allgemeinen muß es als ein Fehler betrachtet werden, Märtyrer der politischen Ueberzeugung zu schaffen. Man legt dadurch dieser Art der Opposition einen Wert bei, den sie nicht hat, da sie nirgends Boden iindet.
— Harden über die Vertagung des Eule» burgprozesses. Berlin, 21. Juli. Herr Harden hat dem Berliner Korrespondenten des „Matin" seine Ansicht über die Vertagung des Eulenburg- Prozesses mitgeteilt. Er sagt, er habe diesen Ausgang erwartet und schon vor Monaten vor« ausgesagt, daß der Angeklagte sich der Verhandlung entziehen würde, wenn sie eine ungünstige Wendung nehme. Eulenburg sei allerdings krank, habe aber doch verstanden, mit bewunderungswürdiger Jnszenierungskunst sein Leiden zur Verteidigung zu benutzen. Auf die Frage, ob er selber nicht Eulenburg des Mitleids würdig finde, antwortete Harden, daß er mit jedem Angeklagten Mitleid habe, aber er halte es für wohlfeiles Komödiantentum, sich, wenn man einen Kampf begonnen habe, über den Verwundeten zu beugen und Trauergebärden zu mimen. Herr Harden erklärte weiter, Hoftat Kistler habe noch einen zweiten Vet- such gemacht, den Zeugen Ernst zum Meineide zu verleiten. Er habe im Februar 1908 dem Ernst einen eigenhändigen Brief des Fürsten überbracht, den er, nachdem Ernst ihn gelesen, wieder an sich genommen und an den Fürsten zurückgeschickt habe. Auch bet Zeuge Brand hätte bei seiner Vernehmung sensationelle Bekundungen machen müssen, er hätte über die Beziehungen aussagen können, die zwischen dem Prozeß des Reichskanzlers, Fürsten Bülow, gegen Brand und dem Prozeß Eulenburg bestehen. Die letzte Frage des Interviewers lautete: „Bebauern Sie nicht selbst biese Kampagne, die Sie soviel physische unb materielle Opfer gekostet und soviel Schmutz aufgerührt hat?" Die Antwort war: „Nein, sie war nötig. Der größte Deutsche unserer neuen Zeitge- schichte hat eine solche Reinigung für nötig gehalten, unb was Bismarck für Volk unb Dynastie erwünschte, kann burch ben Schmähruf gewerbsmäßig er Vaterlanbsretter nicht erniedrigt werden. Bismarck ist gerächt, nicht durch mich, den Schriftsteller ohne Macht, wohl aber durch
Er begriff. Mit beiden Armen faßte er sie und drückte sie an sich. Er ließ sich an ihrer Seite auf die Knie nieder, ohne sie aus seinen Armen zu lassen. Sie lag zitternd und fassungslos unb sah ihm nut immer voll heißer Angst ins Gesicht.
„Liselotte, beruhige Dich boch. Liebes, geliebtes Weib, mein Glück, mein alles, willst Du mit benn nicht glauben, baß ich Dich, nur Dich von ganzem Herzen Hebe? Ich gab kein falsches Ehrenwort, mein armes, törichtes Lieb, denn ich habe nichts mit Sibylle Römer gemein, als daß sie einst, als sie noch Sibylle Niederhoff hieß, meine Braut war. Ich hatte Dir dies, nut die» eine verschwiegen, um Dich nicht zu beunruhigen, als ich erfuhr, daß sie mit in diese Gegend folge. Wie alles zusammenhängt, das habe ich Dir heute Nacht ausgeschrieben. Du sollst es nachher lesen, wenn Du ruhiger geworben bist. Meine süße, tapfere Liselotte, so viel hast Du für mich getan, kannst Du nicht auch noch bas eine tun: mit glauben unb vertrauen? Ich gebe Dir jetzt mein Ehrenwort, ich liebte Sibylle schon nicht mehr, als ich nach Schönburg kam, und seit ich Dich nähet kennen lernte. Dich mit Deinem goldenen treuen Sinn, mit Deinem lauteren, ehrlichen Wesen, seit bet Zeit liebe ich Dich, nur Dich, meine Liselotte, unb all Dein Trotz, Dein« Herbheit, Dein Mißtrauen haben mir biefe Siebe nicht nehmen können. Wie ich mich in Sehnsucht nach Dir verzehrt habe, als Du so kalt unb herb neben mir hergingst, ahnst Du nicht. Hast Du benn keine Augen gehabt für mich, hast Du nicht gesehen, wie mein Blick voll sehnsüch- ttger Liebe an Dir gehangen hat all bie Zeit?-'
(Schluß folgt.)