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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Keilaar«: .Fiterarischer A«»e»b-> ..LrmdWirtr'chaft!iche Keilaqe" »ud ..JUnSrierte» Sa««1agsblatt-.

Man abonniert auf die täglich erscheinendeOberhessisch« __ 4- zi Zeitung" bei allen Postämtern und nnsern ZeitungSitellen in

Jwq Ihn Kirchhain und Wetter sowie bei unserer Expedition Markt 21.

* Der Bezugspreis beträgt durch die'Post 2,25 Mk. (ohne

Bestellgeld), bei unfern Zeitungsstellen und der Expedition 2 Mk.

Marburg

Sonntaq, 5. Juli 1908.

Di« Jnsertionsgebübr beträgt für tue Tqefpaltene Zeile »der deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. Druck und Verlag: Ioh. Ang. Koch, Universttätsbnchdruckerei Inhaber Dr. 6.Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

43. Jahrg.

Zweites Blatt.

Bestellungen

für das dritte Quartal 1908 auf die

berhefsische Zeitung- nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch» Hain, Neustadt und Wetter, sowie von Mllen Postanstalten und Landbriesträgern ent» sgegengenommen.

Bedarf over Genuß?

In dieser Woche hat in Berlin eine Sitzung des Ausschusses des Bundesrates stattgefunden, die sich mit der Finanzreform befaßte. An dieser Sitzung haben, wie dieNorddeutsche Allge­meine Zeitung" mitteilt, die Chefs der Finanz­verwaltungen der Bundesstaaten, d. h. also die Finanzminister, teilgenommen. Der Reform­plan steht also fest. Wie :r aussehen wird, da­von kann man heute bei der strengen Geheim­haltung, die beobachtet wird, sich eine genaue Vorstellung noch nicht machen. Klar ist daß neben der Reichserbschaftsst uer in erster Linie Indirekte Steuerquellen herangezogen werden müssen. Aber welche? Soll der Bedarf oder der Genuß belastet werden? Von der Ant­wort, die die Reichsfinanzreform auf diese Frage gibt, wird die Aufnahme in der Oeffent- lichkeit abhängen. Daß eine Belastung des Notwendigen Bedarfs als Unklugheit und zu­gleich als Ungerechtigkeit empfunden werden müßte, ist klar. Dagegen wird man gegen eine Belastung von reinen Genußmitteln nicht von vornherein protestieren können. Wie es scheint, will man tatsächlich den Genuß heranziehen und den Bedarf verschonen. Tabak, Bier und Branntwein werden genannt. Man muß zuge- den, daß diese Steuern in Deutschland weniger ausgenutzt werden als in anderen Ländern. Vor allem aber steht Deutschland in der Inanspruch­nahme des Tabaks als Steuerquelle noch weit zurück hinter den übrigen großen Staaten. Während Frankreich 7,56 =44, Oesterreich 4 73 =44, Ungarn 3.21 =44, Italien 1.27 =44, Spanien 6.16 *41, die Vereinigten Staaten von Amerika 3.65 «K und Großbritannien und Irland 6.28 =44. auf den Kopf der Bevölkerung berechnet aus dem Tabak ziehen, beziffert sich der auf den Kopf der Bevölkerung berechnete Ertrag der deutschen Tabakabgaben einschließlich der vor zwei Jah­ren eingeführten Zigarettensteuer bei einer Ee- samteinnahme von rund 80 Millionen =44 auf nur 1.37 =44. Es ist vielleicht ganz interessant, in diesem Zusammenhang den Verbrauch Deutschlands an diesen Genußmitteln historisch zu betrachten. Der Bierverbrauch betrug pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland 187478:

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iNnchdriick verboten.)

Liselottes Heirat.

Von H. E o u r t h s - M a h l < r.

l Fortsetzung.)

Die beiden jungen Ehegatten lebten neben­einander wie zwei Fremde, die sich nichts zu sagen haben. Dabei hatten sie sich nie heißer, sehnsüchtiger geliebt als jetzt.

Wolf war artig und ritterlich gegen Liselotte und ließ sie fast nie aus den Augen. Sie ver­mied es aber, außer bei den Mahlzeiten mit ihm zusammenzutreffen. In Gegenwart von Wolfs Vater und Fräulein von Schlegel sprachen sie scheinbar unbefangen miteinander, so daß die ahnungslose alte Dame nichts von dem Zer­würfnis merkte. Die junge Frau verstand es sehr gut, Wolfs Blicken auszuweichen, und sie rat es mit großer Beharrlichkeit, las sie in den fernen einen ernsten, forschenden Vorwurf, der sie beruhigte. Um diese Ursache zu verbergen, zeigte sie sich danach stets doppelt so kühl und zurückhaltend. v

Einmal trafen ihre Hände zusammen, als sie Zeit nach einer herabgefallenen 9rXnen' .Ihre Hand zuckte zurück, als '|e hch verbrannt, und sie bekam einen nnh hn SV ^rte daß Wolf tief aufseufzte, das erregte sie so sehr, daß ihre Hände L""^n Sie suhlte daß ihr das Blut ins Geircht schoß, da stand sie brüsk auf und verließ das^Zrmmer. "

eo kam es, daß Wolf doch zuweilen wieder rrre wurde an ihrer Liebe. Er begriff und ver­band nicht, daß ein stolzes Frauenherz lieber zugrunde geht, als sich anmerken zu lassen, daß *s den Mann liebt, der es verschmäht. So ihm die Tage zwischen Hoffen und Verzweifeln, während Liselottt sich immer tiefet

91 Ltr., 188488 : 94 Ltr 189498: 117 Ltr., 1899 und 1900: 125 Ltr., 1903 und 1904: 117 Ltr., 1905: 119 Ltr. Innerhalb des Reiches ist der Verbrauch sehr verschieden z. B. 1905 in Bayern 235 Ltr., in Württemberg 173 Ltr., in Baden 157 Ltr., in Elsaß-Lothringen, das den Charatter als Weinland schärfer hervorkehtt, als die beiden vorgenannten Staaten, 94 Ltr. und in Rorddeutschland 101 Ltr. Der Ver­brauch von Trinkbranntwein betrug 189196: 4,4 Ltr., 18961901: 4,3 Ltr., 190304: 4,0 Ltr., 190405: 3,7 Ltr., 190506 : 3,8 Ltr. Ob es sich bei den Veränderungen in den Ziffern des deutschen Bier- und Branntweinverbrauchs für die letzten Jahre nur um vorübergehende Schwankungen oder tatsächlich um einen gerin­gen Verbrauchsrückgang infolge der Mäßig­keitsbewegung handelt, muß vorläufig noch da­hingestellt bleiben. Sehr unsicher find die Berechnungen des Weinverbrauchs, da Ernte- und Verbrauchsjahr hier weit auseinander fallen können. Es wird berechnet für 188993 mit 5,64 Ltr., 189498 mit 6,26 Ltr. und 18991903 mit 5,82 Ltr.

Die durchschnittliche Jahresausgabe an Wein, Bier und Trinkbranntwein auf den Kopf der Bevölkerung wird hiernach für 18991903 berechnet: ",

für Wein mit 5.82 =44

Vier 37.02

Branntwein 4.26_

zusammen mit 47.10 =44

oder auf den erwachsenen Mann 157 =44. Die Ausgabe für alkoholische Getränke beträgt bei den arbeitenden Klassen im Durchschnitt etwa 10 Prozent des Lohneinkommens ein sehr erheblicher Prozentsatz.

Der Tabaksverbrauch ist mäßig gestiegen, er betrug 186165: 1,3 Klg., 189195: 1,5 Klg., 18961900 und 190105: 1,6 Klg. jährlich pro Kopf. Aus diesen Ziffern heraus wird man gegen eine Mehrbelastung, die den Konsum ver­teuern und einschränken und damit moralisch und hygienisch wünschenswerte Folgen hättet nichts einwenden können.

Indessen kommt es auch hier darauf an, wie die Regierungsprojekte diese Steuern behandeln werden, d. h. ob die Regierung die ttchtige Un­terscheidung zwischen der Luxuszigarre des Rei­chen und der billigen des armen Hannes machen wird. Man wird ja bald sehen.

Deutsches Reich.

Fürst Bismarck und Rothschild. Ein Wie­ner Blatt hatte kürzlich die Mitteilung gebracht, daß die Mehrzahl der deutschen Staatsmänner intime Freunde der Rothschilds gewesen seien. So sei beispielsweise Fürst Bismarck nur dadurch der mächtige Staatsmann geworden, weil er als preußischer Bundestags-Gesandter in Frankfurt von der Dynastie Rothschild unterstützt" worden sei. Bismarck sei von Rothschild mit erheblichen Zuwendungen" bedacht, das heißt wohl: ge­schmiert worden. Dazu bemerkt treffend die Neue badische Landesztg.":Diese Bemerkung

in Gram und Trotz verstrickte und stch verzwei­felt gegen die Liebe wehrte, die trotzdem nicht aus ihrem Herzen wich.

Sie ging jetzt blaß und stumm im Hause herum. Das Dienstpersonal machte abends in der Küche seiner Verwunderung Lust, daß ihre Herrin seit ihrer Verheiratung gar so ernst und still geworden. Sonst hatte sie in Lust und Uebermut gelacht und gesungen von früh bis spät. Jetzt huschte kaum ein schattenhaftes Lächeln über ihr Gesicht.

Es fiel natürlich auch auf, daß das junge Ehepaar jetzt gar nicht mehr miteinander aus­ritt. Liselotte hatte zu nichts mehr rechte Lust, auch zum Reiten nicht.

Fräulein von Schlegel sogar dieser harm­losen Seele fiel es auf fragte sie einmal, warum sie jetzt so wenig ausreite. Da wurde Liselotte rot. sagte aber scheinbar gleichmütig:

Es ist jetzt so trübes, unfreundliches Wetter das lockt mich nicht."

Früher hatte sie sich durch kein Wetter von ihren Ritten zurückhalten lassen, aber Fräulein Frieda war zu unbefangen, um darüber nachzu­denken, und gab sich mit der Bemerkung zufrie­den. Der Winter hatte früh seinen Einzug ge­halten, derselbe Winter, den sich Liselotte in ihren Träumen so hold und traut ausgemalt hatte. Wie ganz anders sah es jetzt in Schöne­burg aus als in ihren Träumen!

Statt traulich zu zweien in Liselottes lau­schigem Boudoir am Kamin zu sitzen, saß jeder der jungen Gatten für sich allein. Statt mit­einander eng aneinandergeschmiegt im Schlitten über die glitzernde Schneefläche zu fahren, ging jeder für sich seine Wege. Wolf ging viel auf die Jagd oder saß Wer vie Wirtschaftsbücher ge­beugt in seinem Zimmer und rechnete rechnete gewissenhaft wieder und wieder dieselbe wette

ist eine niederträchtige Verdächtigung. Nicht Bismarck hatte nahe Beziehungen zum Hause Rothschild, sondern der österreichische Bundes­tags-Gesandte Graf Thun, der seine Eier in das WienerVaterland" und den Münchener Volksboten" gelegt hat. Rothschild stand da­mals noch ganz auf österreichischer Seite, unter­stützte sogar die Feinde Preußens und gewährte diesem weder 1866 noch 1870 ein Anlehen. Die­ses vermittelte der Bankier Bleichröder in Ber­lin, bei dem Bismarck sein Privatvecmögen an­gelegt hatte. Als diesem aber von Rudolf Meyer und Eehlsen in derReichsglocke" der Vorwurf gemacht wurde, daß er die Politik zu Privatspeknlationen ausgenützt habe, konnte vor Gericht nicht der geringste Beweis für diese Behauptung erbracht werden, wohl aber für das Gegenteil. Beide Schriftsteller erhielten mehr­jährige Gefängnisstrafen, denen sie sich durch die Flucht ins Ausland entzogen. Beide haben nachträglich bekannt, daß sie durch den Grafen Arnim und feine Freunde zu der unwahren Be­hauptung verleitet worden seien. Beide bereu­ten ihren Fehltritt und taten in Sack und Asche ihren Kanossagang. Wenn man dies alles weiß, dann muß man die neueVerleumdung,welche am toten Bismarck in dem Wiener Blatt verübt wird, als eine bodenlose Gemeinheit bezeichnen. Gerade Bismarck war es, der auch Verbindungen seiner Vertreter im Auslande mit exotischen Frauen mißbilligte."

Ueber die Unzulänglichkeit der Einnah­men des Reiches zur Bestreitung des jetzigen und des künftigen Ausgabebedarfs besteht nach­gerade wohl nirgends mehr ein Zweifel. Auch bricht sich die Ueberzeugunq immer mehr Bahn, daß es nicht genügt, die Reichsfinanzen mit klei­nen Mitteln einigermaßen über Wasser zu hal­ten, daß es vielmehr geboten ist, ganze Arbeit zu machen und durch eine großzügige Finanzre­form der Finanznot dauernd abzuhelfen. Die Dringlichkeit einer solchen gründlichen Sanier­ung der Reichsfinanzen wird von Tag zu Tag unverkennbarer und selbst dem minder Scharf­sichtigen einleuchtender. Denn, wenn bisher als Hauptnachteil die Verschlechterung des Verhält­nisses der Reichsfinanzen zu denen der Bundes­staaten und damit des Reiches zu seinen Glie­dern anzusehen war, so tritt jetzt besonders deut­lich die schädliche Rückwirkung der ungünstigen Lage der Reichsfinanzen auf die Stellung des Reiches nach außen zu Tage. Mehr denn je gilt für uns bei der jetzigen polittfchen Konstellation das Wort 81 vis pacem para bellum. So schwere Opfer persönlicher und finanzieller Art sie bedingt, so ist volle Aufrechterhaltung und Fortentwicklung unserer kriegerischen Kraft zu Wasser und zu Lande doch jetzt geradezu eine Exi^enzb"dingung. Wie immer stärk und scharf aber auch Deutschlands Schwert sein mag, so wird die friedenerhaltende Wirkung unserer kriegerischen Rüstung doch sehr empfindlich be­einträchtigt durch die Schwäche der Reichsfinan­zen. Das Ausland zieht, wie die Presse unserer Nachbarstaaten deutlich erkennen läßt, aus dieser den Schluß, daß Deutschland finanziell nicht stark genug für seine kriegerische Rüstung, daß es

herunter, weil er dazwischen zuweilen unauf­merksam wurde.

Das war, wenn seine Gedanken über Saat­preise und Lohntabellen zu Liselotte hinüber­schweiften. Manchmal klopfte ihm das Nerz bis zum Halse hinauf, wenn ein leichter Fuß drau­ßen an seiner Türe vorüberqlitt. Er kannte genau ihren gleitenden Schritt und konnte ihn nicht hören, ohne voll Erwartung, voll sehnen­den Verlangens nach der Tür zu blicken. Wie ost malte er sich aus, wie das fein müßte, wenn sie eines Tages wirklich bei ihm einträte und dort auf der Schwelle stände. Er hörte dann im Geiste, wie sie sagte:Verzeihe mir ich war töricht, daß ich an Deiner Liebe zweifelte. Jetzt habe ich endlich das Vertrauen zu Dir wieder­gefunden, vergib mir das böse, häßliche Wort!" Er würde sie gar nicht ausreden lassen, es würde ihm schon genügen, daß sie zu ihm kam, daß sie den Willen hatte, gut zu machen. Wenn sie ihn nur mit dem alten, innigen Ausdruck der Augen ansähe, dann wäre schon alles gut. Wie wollte er sie jubelnd in seine Arme schließen und den roten Mund mit der trotzigen Ober­lippe mit Küssen bedecken. Wie er ihn liebte, den kleinen zuckenden Mund, der ihm immer so verheißend entgegenleuchtete und ihn vergessen ließ daß ihre Augen so kalt ynd fremd über ihn

Und Liselotte? Ihr war manchmal zumute, als sei das eine ganze Fremde, die da so still und kalt durch ihr altes, liebes Schönburg wan­delte und an nichts, an gar nichts mehr Freude fand. Sie kannte stch selbst nicht mehr Es war etwas in ihr gestorben, was ihr das Leben schön und liebenswett gemacht hatte, und sie konnte sich nun in diesem beraubten Leben nicht mehr zurechtfinden.

Sie hatte zu Wolf aufgesehen, wie zu einem Sott. Er war ihx als das Ideal männlicher

vielmehr genötigt fei, schon zur Bestreitung seine» normalen Ausgabebedarfs alle «eine Re­serven heranzuziehen und daher im Kriegsfall durch feine unzulängliche finanzielle Rüstung an der vollen Entfaltung seiner kriegerischen Kraft gehindert werden würde. Daß bei dieser Auffassung vielfach der Wunsch der Vater de» Gedankens sein wird, tut nichts zur Cache,' die unser Ansehen nach außen empfindlich schä­digende Wirkung derselben wird dadurch nicht berührt. Soll Deutschlands Friedenspolitik in der Folge ebenso erfolgreich fortgeführt werden wie bisher, so ist es daher unbedingt erforder­lich. daß der in der ungünstigen Lage der Reichsfinanzen brühende schwache Punkt unserer Stellung nach außen baldmöglichst beseitigt werde. So vereinigen sich mit den gewichtigen Gründen innerdeutschen Politik geradezu zwin­gende Rücksichten auswärtiger Politik, um in den weitesten Kreisen die Ueberzeugung von der unbedingten Dringlichkeit einer durchgreifenden Reform der Reichsfinanzen hervorzurufen. Ist diese Ueberzeugung aber Gemeingut unserer pa­triotisch denkenden Bevölkerung, so sind auch die psychischen Voraussetzungen für die Jnangriff, nähme und erfolgreiche Durchführung der Reichs­finanzreform gegeben.

Die Sozialdemokratie im preußischen Ab­geordnetenhause. Mit großem Tamtam schildert die sozialdemokratische Presse das angeblich wirkungsvolle Auftreten der stchsGenossen" in absentia des verhinderten Siebenten int preußischen Abgeordnetenhause. Die An­hänger der Sozialdemokratie dürfen allerdings nicht zu hören bekommen, daß dieroten Hechte" zwar in dem Karpfenteiche kräftig zu plätschern und um sich zu spritzen suchten, aber doch eine nichts weniger als Schrecken verbreitende Rolle spielten. Die beiden Reden, die der Abgeordnete Stroebel gehalten hat, hatten nur die eine Wirk­ung. daß dadurch die Beratungen in die Länge gezogen wurden, was ja übrigens auch im Reichstage ein Hauptverdienst der Sozialdemo* kratie ist. Daß derGenosse" irgendwie mit seinenollen Kamellen" Eindruck gemacht hätte, wird er selbst nicht glauben. Und doch liegen Anzeichen vor, als könnte sich auch im Abge­ordnetenhause in gewisser Hinsicht ein Einfluß der Sozialdemokratie bemerkbar machen: Ein Einfluß auf die liberalen Fraktionen nämlich. Man kann ziemlich sicher annehmen, daß die Kirchenvorlage der Regierung ohne weiteres, wie im Herrenhause, ohne jeglichen Wider­spruch verabschiedet worden wäre, wenn die So» zialdemokratie im Abgeordnetenhause keine Ver­tretung gehabt hätte. Die Einwände waren freisinniger- wie sozialdemokratischerseils keines- falls stichhaltig. Offenbar hat erst die Be­fürchtung, von der Sozialdemokratie als un- demokratisch verschrieen zu werden, den Frei­sinn dazu bewogen, der Vorlage zu opponieren. Mag dem aber sein, wie ihm wolle, so scheint doch auf der bürgerlichen Linken Neigung zn bestehen, sich in der politischen Haltung auch im Abgeordnetenhause von der Sozialdemokratie beeinflussen zu lassen. Das würde allerdings dem Vorhandensein derGenossen" einiges Re-

Tugend erschienen, und sie hatte ihm alles Groß, und Schöne zugetraut. Nun hatte fie ihn alt Menschen von niedriger Gesinnung erkannt, uni diese Erkenntnis hatte sie elend gemacht. Manch­mal suchte sie angstvoll nach Entschuldigungs­gründen für ihn. Sie sagte stch dann, daß « doch auch nur ein Mensch war, bei durch bei Verlust Gernrodes dahin gebracht worden war verlangend die Hände nach Schönburg anszu- strecken. Und sie hatte es ihm so leicht gemacht, so schmachvoll leicht. War es ihm da so seht zu verargen, daß et zugegriffen hatte? Aber daß er sie mit Sibylle betrog, sie und Sibylle» Gatten, darüber kam sie nicht hinweg. Sie dacht, manchmal voll Mitleid an Römer. Er wußte nicht einmal, daß er betrogen wurde. Ihr hatte Sibylle wenigstens die Augen geöffnet, daß sft mcht in törichter Liebesseligkeit weitertaumelte. Daß diese es nicht getan hatte, um ihr eine Schmach zu ersparen, leuchtete ihr ein. Es war nicnts als Eifersucht gewesen, die sie getrieben hatte, ihr alles zu enthüllen. Soviel verstand st» doch in der Seele der Frau zu lesen, um zu be- greifen, daß es nicht Mitleid und Barmherzig­keit mit ihr war, die ihr den Mund öffnete. Wie sehr mußte sie Wolf lieben, daß sie sich mcht scheute, ihre Ehre in Liselottes Hand zu geben. Aber warum war sie ihm denn nicht treu geblieben? War es nicht tausendmal besser. Mit einem geliebten Mann in Armut und Dürf­tigkeit zu leben, als mit einem ungeliebten in ©lang und Reichtum? Liselotte fand stch nicht mehr zurecht mit den Menschen, fie hatte zu plötzlich einen Blick tun müssen in Leid und Schuld. Die rostge Brille hatte ihr die gehässige Frau von den Augen gerissen, nun war sie ge­blendet und sah nichts als graue, düstere Schatten. 1

(Fortsetzung folgte