Missionsmitglieder für das Festhalten an der landständischen Basis und erbittet von der Re« gierung eine entsprechende neue Vorlage. Ma« hofft, datz die Antwort der Regierung morge» eingehen wird. Die nächste Sitzung findet mor» gen Mittag iy2 Uhr statt.
— Deutsche Reichsbank und Bank von Frankreich. Die Tatsache, daß der Diskont der Bank von Frankreich durchgehends viel niedriger ist als der der Deutschen Reichsbank, kann nicht bestritten werden. In der Zeit, da die Deutsche Reichsbank ihren Diskont von 6y2 auf 7y2 erhöhte, erhob die Bank von Frankreich nur vorübergehend 4y2 Proz. und ging sehr bald aus 4 Prozent herab. Da standen wir aber noch aus 7y> Pro. Als die Bank von Frankreich dann auf 3 Proz. herunterging, standen wir auf 6 Prozent. Heute erhebt Frankreich 2 Prozent, Deutschland 5 Prozent. Es gibt nichts Impertinenteres als die Tatsachen, und diese angeführten Tatsachen beweisen, daß die Bank von Frankreich im letzten Herbst und Winter in der Lage war, mit einem um etwa 50 Prozent durch« schnittlich niedrigeren Diskontsatz auszukommen als die Deutsche Reichsbank. Run behaupten Märchenerzähler, dieses beruhe darauf, daß die Kreditansprüche an die Bank yon Frankreich ge» geringere wären als die an die Deutsche Reichsbank. Diese Fabel hat aber — wie die „Deutsche Volkswirtschaftliche Korrespondenz" hervorhebt, Graf Mirbach in der Sitzung des Herrenhauses vom 30. Mai bereits gründlich beseitigt. Er hat dort eine über 16 Wochen sich erstreckende vergleichende Zusammenstellung der Kreditansprüche an beide Banken verlesen, und aus dieser in dem betreffenden amtlichen stenographischen Bericht wiedergegebenen Tabelle geht hervor, daß von Anfang Dezember bis Mitte März die durchschnittlichen Kreditansprüche an die Bank von Frankreich wöchentlich 245 Millionen Francs größer waren als die an die Deutsche Reichsbank, Wer ähnliche vergleichende Zusammenstellungen wie Graf Mirbach für spätere oder frühere Monate und Jahre machen will, wird stets die Tatsache bestätigt finden, daß wohl in jedem Jahre ein paar Mal die Ziffer umschlägt, daß aber im Durchschnitt wöchentlich die Bank von Frankreich um sehr viele Millionen mehr Kredit geben muß als die Deutsche Reichsbank. An dieser Tatsache läßt sich also nicht rütteln.
— Zum Ehrengerichtsverfahren gegen den Grafen Hohenau schreibt die „D. Tgztg": Rach der Meldung eines auswärtigen Blattes soll das ehrengerichtliche Verfahren gegen den Grafen Hohenau „Mangels ausreichender Beweise" eingestellt worden sein. Die Meldung wird al« „sehr unwahrscheinlich" bezeichnet. So viel wir wissen, ist über das Verfahren noch nicht endgültig entschieden. Die Möglichkeit einer Einstellung ist allerdings dadurch gegeben, daß das Gericht in dem Strafverfahren gleichfalls zum Freispruch „mangels ausreichenden Beweises" gekommen ist. Das Material für das gerichtliche Strafverfahren bildet aber auch die Grund-
— Som Bundesrat. Berlin, 4. Juni. In der heutigen Sitzung des Bundesrates wurde die Vorlage betreffend die Gerichtsbarkeit der deutschen Konsuln in Egypten den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Der Beschluß des Reichstags vom 30. April cr. zu den Petitionen des Bundes deutscher Verkehrsvereine in Leipzig usw. um Aufhebung bezw. Aenderung der Stempelabgabe auf Erlaubniskarten für Kraftfahrzeuge wurde dem Reichskanzler überwiesen. Mit Bezug auf den Ausschußbericht über die Umdruckvorlage vom 13. Mai cr. betreffend Festsetzung des Gesamtkontingents der Brennereien für die Kontingentsperiode 1908/13 wurde dem Vorschlag der Ausschüsse entsprechend beschlossen.
— Die Landtagswahl. Berlin, 4. Juni. Bis abends 7 Uhr sind 382 Resultate bekannt geworden. Davon entfallen auf Konservative 121, Freikonservative 55, Nationalliberale 59, Freisinnige Volkspartei 20, Freisinnige Vereinigung 7, Zentrum 95, Polen 14, Sozialdemokraten 6, bei keiner Partei 5. Stichwahlen sind in 20 Wahlkreisen erforderlich. Es fehlen noch 25 Wahlkreise mit 42 Abgeordneten. In der gestern von uns mitgeteilten Liste benachbarter Wahlkreise hat die endgiltige Feststellung der Zahlen noch einige Aenderungen hervorgerufen.
In Hofgeismar-Wolfhagen ist die Wahl vonPappenheims (kons.) sicher.
In Eschwege-Schmalkalden ist Dr, Wendlandt (natlib.), nicht von Christen (fkons.) gewählt.
In Cassel-Land - Witzenhausen findet Stichwahl statt zwischen von Stockhausen (kons.) und Staffel (natlib.).
Gewählt sind ferner in: Fulda Amtsgerichtsrat Riehl (Zentrum), Melsungen Fabrikbes. Gleim (natlib.).
Sehr ungünstig hat übrigens die neue Ger» lachsche Demokratenpartei abgeschnitten: In Oberbarnim-Niederbarnim brachten sie es auf 316 Wahlmänner gegen 526 Sozialdemokraten und 1297 von dem vielgeschmähten konservativ-freisinnigen Kompromiß. In Tel- tow-Beekow, wo Dr. Vreitscheid kandidierte, brachten sie es nur auf 40 Wahlmänner gegen 600 Konservative, 120 freisinnige und 183 Sozialdemokraten.
— Die Mecklenburgische Verfassung. Schwerin, 4. Juni. Der außerordentliche mecklenburgische Landtag faßte den Beschluß der prinzipiellen Stellungnahme zur Regierungsvorlage und zwar durch Abgabe von Standeserklärungen. Die Landschaft erklärte, auf der allgemeinen Grundlage des Regierungsentwurfes weiter verhandeln zu wollen. Dieser Beschluß erfolgte mit 39 gegen 7 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen von Rostock und Wismar. Die Ritterschaft entschied sich mit 291 gegen 65 Stimmen zu Gunsten eines Vorschlages der sechzehn Kom-
t Deutsches Reich.
— Di« Kaiserbriefe Dr. Hinzpeters. Die Bielefelder Strafkammer sprach den früheren Diener Hinzpeters von der Anklage der gesetzwidrigen Aneignung der Kaiserbriefe frei. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Monate Gefängnis beantragt.
Marburg
Sonnabend. 6. Juni 1908.
Standesamt zufam enhängt — und nun merke ich, daß mich dieses Hundsvieh tyrannisiert. Also, komm, Puck, wir inspizieren mal die Turnhalle, die ich soeben unter Dach gebracht habe, und unterwegs überlegen wir uns die Psingst- reise. In Braunau sind Vicchers zur Genüge, da kommt es auf ein Geschöpf mehr oder weniger nicht an. Du wirst mitgenommen, Puck."
Max hatte das häßliche Hündchen vor kurzem ein paar Hundefängcrn, die gleich den Knechten aus Schillers Eisenhammer ihr maulkorbloses und herrenloses Opfer ergriffen, abgekaust. Pucks eminente Häßlichkeit fesielte Max' künstlerischen Blick. So wurde der Pudel der Liebling und Begleiter seines Herrn und das tägliche Aergernis von Maxens alter Dienstmagd, welche weder Hunde noch Kinder leiden konnte.
„Sie murkst Dich ab, wenn ich Dich hier laste, Puck," sagte Max, der Alten in der Küche gedenkend.
Am Pfingstsonnaoend reisten der Baumeister und sein Pudelhund nach Braunau ab. Anfangs im Schnellzug, dann auf einer Lokalbahn bis zu einem idyllisch gelegenen Städtchen, in desten Nähe Braunau lag. „Die paar Kilometer Landstraße laufe ich," hatte Max seiner Tante geschrieben und gebeten, kein Fuhrwerk an die Bahnstation zu senden. Er dachte es sich besonders schön, durch das im Pfingstschmuck prangende Land zu wandern. Doch unterwegs im Eisenbahncoup6 überfiel ihn plötzlich ein Zahnweh, wie es schlimmer nicht gedacht werden kann. Die Aussicht, alle Pfingstfeiertage hindurch mit einer geschwollenen Backe umher zu wimmern, von Tante Eustchens Hausmitteln (Max urteilte aus Erfahrung) geplagt, war einfach füchterlich. Da entsann er sich, daß im Städtchen, von dem aus er seine Fußwanderung beginnen wollte, der Kreisarzt lebte. Der Zahn mußte so schnell als möglich heraus — Max war immer für Radikalmittel. Im Doktorhause roch
(Nachdruck verboten.)
»Puck."
' Eine Pfingstepisode von Hedda von Schmid.
Zwei Wochen vor dem Pfingstfest erhielt Max Kiel einen Brief von seiner Tante, der Frau Rittergutsbesitzer Braunau.
„Lieber Max," schrieb die Dame, „Baumeister, wie Du einer bist, die immerzu Mietskasernen in Berlin bauen und vor lauter Steinwänden und Mauern nicht mehr wissen, wie es in Gottes freier, herrlicher Natur aussieht, müssen wenigstens das Pfingstfest auf dem Lande verbringen. Deine alte Tante ladet Dich ein, Dich wieder einmal in Braunau umzusehen, wo Du ja seit Deinen Knabenzeiten nicht gewesen bist. Anstatt daß Du in die Sächsische Schweiz oder sonst wohin fährst, wodurch Dein Geldbeutel unnötig erleichtert wird — komme zu uns — die Reise ist billig, und offene Arme und Herzen erwarten Dich."
Das war so echt di. Tante Euste: ein bißchen burschikos int Briefstu, noch derber im tnündlichen Verkehr — aber herzensgut.
„Ja," dachte Max, „wenn ich nun bloß wüßte, wo ich für die Dauer meiner Abwesenheit den Puck hintun könnte!"
Als ob er verstände, daß es sich um ihn han- )elte, kam Puck, ein kleiner häßlicher, pechschwarzer Pudel herangewedelt. Er war wirklich zu häßlich — aber gerade deshalb apart in seinem Aeußeren. Vor lauter schwarzen Zoten fah man seine Korintenäuglein gar nicht. Wie ein strupiger Garnknäul rollte er heran, legte beide Vorderpfoten auf die Knie seines Herrn und winselte leise.
Das bedeutet in der Pudelsprache „spazierengehen". „Herrgott," dachte Max, „aus Furcht, »nter den Pantoffel zu geraten, habe ich eilt hei- lißfri Entsetzen vor alledem, was mit dem
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und KirchMM
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Man abonniert auf die täglich erscheinende „Oberhessische
_ . _™ Zeitung" bei allen Postämtern und unsern Zeitungsstellen in M 132 »irchhalnund Wetter sowie bei unserer Expedition — Markt 21. * “ — Der Bezugspreis beträgt durch die Post 2,25 Mk. (ohne
Bestellgeld), bei unsern Zeitungsstellen und der Expedition 2 Mk.
lichen Gruß an Max' zusammengesunkener Jam« mergeftalt vorüber. Er preßte krampfhaft sei« Taschentuch gegen die schmerzende Wange unlj murmelte mit Anstrengung einen Segengrufy Die sehr hübsche Blondine warf ihm einen mit« leidigen Blick zu. Max schielte unwillkürlich über den Taschentuchzipfel zu -hr hinüber unö vergaß beinah für einen Moment sein Zahn« rott), weil die junge Dame einen so starken Eindruck auf ihn machte. An allen jungen Mädchen war er bisher achtlos vorübergegangen, hier in der dämmerigen Wartestube, trotz rasenden Zahnwehs, verliebte er sich auf den ersten Bl'
Hops — mit einem Satz faß Puck plötzlich auf des Doktors Schreibtisch und spazierte zwischen Tintenfaß und Rezeptformularen herum.
„Hierher," rief Max gebieterisch, aber Puck achtete nicht darauf, sondern schnappte nach einer Biene, die hereingesummt war. Nun begann eine Hetzjagd nach dem Insekt. Er war total obstinat, kroch unter das Sofa, ließ sich nicht fangen und bellte so laut, daß es durch das ganz« Haus schallte. Die junge Dame lachte. „Ach bitte, lasten Sie ihn doch, cr ist zu drollig" sagte sie, als Max, sein Zahnweh heroisch verbeißend, Miene machte, Puck mit Gewalt unter dem Sopha hervorzuholen.
Nun kroch er selber hervor, der kleine schwarze Racker, und schoß auf eine gläserne Schale zu, die mit einer Flüssigkeit gefüllt neben des Doktors Schreibtisch auf einer Etagere zwischen Arzneiflaschen stand.
Er fuhr mit der Schnauze in die Flüssigkeit — ihn dürstete, aber nach den ersten gierigen Schlücken krümmte er plötzlich seinen Rücken, der gräulichsten Karrikatur ähnlich sehend, schüttelte sich und prustete entsetzlich.
„Er wird sich doch nicht vergiftet haben, der arme, kleine Kerl," rief die Blondine tu. schrocken.
es nach frischgebackenen Pfingststollen — Puck schnupperte aufgeregt auf der Diele umher und raste dann mit ein paar tigerartigen Sprüngen in das Wartezimmer des Doktors, zu dem eine bäuerische Magd die Tür öffnete. Innerlich stöhnend folgte Max seinem Hunde und ließ sich voller Ungeduld auf dem nächsten Stuhl nieder.
Puck war von einer Aufgeregtheit, die seinen Herrn noch nervöser machte. Er war eben ein Stadthund, und das freie Land forderte ihn zu tollen Sprüngen und unaufhörlicher Unruhe heraus. Max hatte schon auf der Eisenbahn seine liebe Not mit ihm gehabt. Es hatte nicht viel gefehlt, so wäre er aus dem offenen Coupee- fenster gehopst. Einer alten mitreisenden Dame sprang er auf den Schoß und stieß ihr den Kneifer von der Nase. Max verwünschte seine Sentimentalität, welche ihn dazu bewogen hatte, den kleinen schwarzen Unhold mit auf Reisen zu nehmen.
Und nun noch dazu dieses bohrende, unerträgliche Zahnweh .... In der Wartestube des Doktors war es angenehm kühl. Durch das offene Fenster nickten ein paar volle Syringen- groeige herein, man blickte in ein kleines Gartenparadies, die Pfingströslein waren erblüht und leuchteten in der Nachmittagssonne.
Max wurde ganz wunderlich weich zu Sinn. Ja — Pfingsten auf dem Lande war doch tausendmal schöner wie in der Großstadt, und nur ein paar liebe Menschen mutzten es sein, mit denen man das Fest beging. Kein Gewühl von geputzten Leuten — nur schimmernder Sonnenschein und rauschende Waldbäume und süßer, schmeichelnder Syringenduft . . . Wenn der Zahn erst raus war, dann wollte Max die Pfingstwanderung so recht genießen. Wie ein Heiner Bube kam er sich vor, der in die Ferien kommt. . .
Die Tür wurde geöffnet und eine junge Dame trat ein. Sie ging mit leichtem, freund«
ausnahmsweise billiger Lebenshaltungspreise erfreuen mag. Aber trotzdem wird niemand behaupten können, daß ein Jahresgehalt von 500 Mark für eine Lehrerin ausreichend fei. Glaubt man aber, es würden sich keine Bewerberinnen um diese verlockende Stelle finden, so täuscht man sich. Das Angebot ist nur ein Symptom der traurigen Lage zahlreicher Lehrerinnen. Nur wenige Tage nach der „Niedrigerhät:gung" dieses Angebots in der „Possischen Zeitung" veröffentlichte dieses Blatt u. a. folgende ebenfalls „verlockende" und symptomatische Anzeige aus Berlin:
„Jüngere Lehrerin (Jüdin) nur gegen freie Station in einem Pensionat (Vorort von Berlin) zum 1. Oktober gesucht. Vormittag zur freien Verfügung. Zeugnisabschriften baldigst erbeten usw."
Solche Angebote können doch nur gemacht werden — und sie werden in überraschender Zahl gerade von dem „vornehmen" Berlin W. aus gemacht —, weil die seminaristisch ausgebildeten, aus besseren Ständen stammenden Töchter sich in einer offenkundigen Notlage befinden. Wir stehen nicht an, derartige Angebote für unsittlich zu erklären. Vor allem denjenigen Personen, denen man die Erziehung der Kinder anverträut, sollte man den ganzen Lehrstand und das gebildete weibliche Geschlecht so tief herabwürdigende Bedingungen nicht zu- muten.
Gerade jetzt ist eine Reform der Lehrer- und Lehrerinnenbesoldung und eine Reform des höheren Mädchenschulwesens im Gange. Für das Lehrpersonal in Volksschulen wird gesetzlich Gehalt, Wohnungsgeld und Pension geregelt, für das Lehrpersonal der höheren Lehranstalten ebenfalls. Dafür aber sieht es in dieser Beziehung in den Privatlehranstalten sehr übel aus. Lehrinnengehälter in Berlin von 7 bis 800 M jährlich ohne Wohnungsgeld und ohne Penstons- anspruch sind nicht selten. Dabei gibt es in Preußen zwei Drittel mehr private als öffentliche höhere Töchterschulen und die weit überwiegende Zahl „höherer Töchter" wird in Privatschulen unterrichtet. Während aber Staat und Kommunen den öffentlichen höheren Töchterschulen zum Teil reichliche Zuschüste gewähren, sind Privatanstalten auf sich selbst angewiesen. Sie können vielfach beim besten Willen ihr Lehrpersonal nicht angemessen besolden.
Hier auf dem Boden der ausgleichenden Gerechtigkeit Wandel zu schaffen, ist auch ein Gebot staatlicher Sozialpolitik. Die Vesoldungs- reform und die Reform des höheren Mädchenschulwesens bietet die beste Gelegenheit dazu.
Auch ein Gebot staatlicher Sozial- Politik.
Soeben wird wieder zu Frankfurt a. M. in Kiner Heimarbeits-Ausstellung der kümmerliche Erwerb vor Augen geführt, den Hausindustrie und Heimarbeit darbieten. Mag bei solchen Ausstellungen auch die Tendenz obwalten, die Lage der Heimarbeiter und Arbeiterinnen ßhlimmer erscheinen zu lasten, als sie in Wirklichkeit ist, so kann doch nicht bestritten werden, daß in weiten Kreisen solche Personen, die durch häusliche Beschäftigung für Konfektions-, Spielwaren- und andere Industrien ihren Lebensunterhalt zu erwerben angewiesen find, großes Elend herrscht, und daß dem untir allen Umständen abgeholfen werden mutz.
Trostvoll und verheitzend für die mit kümmerlichem Lohne abgespeisten Heimarbeiterinnen ist die Tatsache, daß unsere hochherzige Kaiserin, die allen Bedrückten und Bekümmerten ihre nimmer rastende Fürsorge zuteil werden läßt, 'auch dem Elend in der Hausindustrie ihre Blicke zugewandt hat. Der Wunsch der vielgeliebten Monarchin, die Mitzstände beseitigt zu sehen, hildet in der Tat einen starken Ansporn für bi« notwendige Reformtätigkeit, und es wird nicht daran gezweifelt werden können, daß Wege gesunden werden, auf denen eine Abhilfe zu erreichen ist.
Aber während man nur immer danach trachtet, den handarbeitenden Personen beizustehen und für deren Wohlfahrt zu sorgen, übersieht man, datz auch in den Kreisen anderer für ihren Lebensunterhalt tätigen, besonders weiblicher Personen Elend herrscht, und zwar ein Elend, das dem der Heimarbeiterinnen vielfach gleich- kommt. Wer den Anzeigenteil großer Zeitungen durchsieht, der hat reiche Gelegenheit, sich davon fu überzeugen, datz beispielsweise seminaristisch ausgebildete junge Damen zu erheblich geringeren Lohnsätzen „gesucht" werden, als Köchinnen, Hausmädchen usw. ihn beanspruchen. So hat die „Vosstsche Zeitung", in deren Jnsera- tenspalten oft genug die beschämendsten Angebote für Lehrerinnen veröffentlicht werden, folgende verlockende Ausschreihung einer Lehrerin- nenstelle in der „Pädagogischen Vakanzen-Zeit- ung" niedriger gehängt:
„Die Stelle der Turn- und Handarbeitslehrerin an den städtischen Schulen hierselbst ist möglichst zum 1. August cr. neu zu besetzen. Das jährliche Gehalt beträgt 500 Mark einschließlich Mietsentschädigung. Dafür ist die Stelleninhaberin verpflichtet, den Turn- und Handarbeitsunterricht an den genannten Schulen bis zu einer wöchentlichen Stundenzahl von 16 Unterrichtsstunden zu übernehmen. Bei zufriedenstellender Leistung ist eine Zulage nicht ausgeschlossen. Die bisherige Inhaberin hatte für Erteilung von Unterricht an anderen Lehranstalten jährlich 120 Mark Nebeneinnahme. Vewerbungsgesuche usw."
Das Angebot geht von der Verwaltung einer kleinen schlesischen Stadt aus, die sich vermutlich
Die Jnsertionsgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile
oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — in
Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitätsbuchdruckerei 401
Inhaber Dr. C. Hitzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55. i