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Marburg
Mittwoch, 3. Juni 1908.
Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gehaltene Zeil« oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, Universitätsbuchdruckerei Inhaber Dr. C. H itzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
43. Jahrg.
Zweites Blatt
1,1-
sich
selbst wiederzugeben.
Wir sind mit diesen Andeutungen den tat- säcklichen Ereigniffen vorausgeeilt, die voraus- gehenden Jahre Kochs sind aber wichtig genug, um einige Augenblicke bei ihnen zu verweilen. Koch lernte im Jahre 1831 Henriette von Boße im Hause von deren Tante in Cassel kennen. Nach kurzer Bekanntschaft folgte eine Erklärung, die durch die Vermittlung einer gemeinsamen Freundin ermöglicht wurde — in einem kleinen Gartenhause, das nur zwei durch eine dünne Bretterwand getrennte Zimmer hatte. Henrietten kam Kochs Frage unerwartet; sie erklärte, sie könne keine Zusage ohne die Einwilligung ihrerEltern geben. Mit Mühe entlockt er ihr dann ein halbes Geständnis. Auf einen Brief Henriettens eilte deren Vater aus Braunschweig herbei, um das Verlöbnis hintanzuhallen, da beide Eltern des jungen Mädchens mit dieser Liebe nicht einverstanden waren. Koch schrieb in jener Zeit u. a. folgende Worte an Henriette:
„Was man vom Verscherzen besserer Par- „tieen sagt, kommt mir vor, als wenn jemand „warnen wollte: Liebe den jungen Mann vor „der Hand noch, denn es könnte nachher ein an- , derer kommen, den Du mehr liebst. Entweder, „Henriette. Sie lieben mich, oder Sie lieben „micht nicht." ,
Da der junge Jurist auf Henriettens Vater «inen vorteilhaften Eindruck machte, so wurde dieser günstiger gestimmt und statt eines Zurücktretens von der Verlobung verlangte er nur, Koch und Henriette sollten sich einer Prüfungszeit von einem Jahre unterwerfen, während der sie sich nicht sehen sollten; Koch sollte bis zum Ablaufe des Jahres fein Asiesiorexamen machen. — a , ,
Nach der Abreise Henriettens fuhrt« Koch ein zurückgezogenes Leben. Wahrscheinlich auf Hasienpflugs Einfluß hin unterblieb die politisch- Schriftstellerei; hiermit fing für Koch — nach Ernestines von L.s Worten — ein Kampf an, dem er nicht gewachsen war und in dem er später unterlag. m , ,,
Die Eltern hatten dem Verlobten einen Briefwechsel gestattet, der ihnen über die Zeit
dienst ein.
Unter dem Pseudonym Leonhard Emil Hubert ließ er in der Beilage einer Casseler Wochenschrift, des „Verfassungsfreundes", feine ersten Gedichte und humoristischen Prosaskizzen, die „Vigilien", erscheinen. Weshalb sich der junge Referendar hinter einem Pseudonym verbarg, erfahren wir aus „Palast und Bürgerhaus" von Ernestine von L. (Jena 1872) einem Buche, das uns in Briefen und verbindendem Texte scheinbar völlig authentisches Material über Kochs Liebesverhältnis zu Henriette von Bosse, der Tochter des braunschweigischen Obersten, überliefert. Ernestine von L. erzählt in ihrem Buche, Koch habe unter einem falschen Namen geschrieben, weil sein Vater nicht wißen sollte, daß er in liberalem Sinne schrieb. Ist diese Angabe richtig, so haben wir in ihr bereits den Schlüssel zu allem folgendem Unglück Kochs in Händen: die spätere Verscherzung der öffentlichen Beliebtheit Kochs, die Auflösung seines Verlöbnisses durch die Eltern der Braut, seine Flucht aus Cassel, alles das können wir nur als Folge jenes Charakterzuges anzusehen, auf den Ernestine von L. hinweist: es fehlte dem jungen Menschen an Mut und Selbstbewußtsein für seine Ueberzeugung stets unbewußt einzutreten, er lies; sich durch wirkliche und vermeintliche Autoritäten zu falschen Rücksichten verleiten, ja er war im Begriff seine politische Ueberzeugung einer bürgerlichen Versorgung zum Opfer zu bringen, als die Eltern der Braut die Verlobung auflösten, um ihn, wie sie sagten, aus der weichlich politischen Stimmung, in die ihn dieft Liebe versetzte, herauszureißen und sich
Ernst Koch.
Zum Gedächtnis des 100. Geburtstages, 7 A Von Dr. «. Siebert.
Ernst Koch wurde am 3. Juni 1808 zu Singlis bei Wabern geboren im Hause seines Großvaters Murhard, der dort Obervdgt war. Im Vaterhause verlehte er seine Kindheit, und War in Oberaula, Neukirchen und Witzenhausen, 1821 wurde sein Vater als Kreisrat nach Cassel berufen; Ernst wurde hier in da» Lyceüm Fridericianum ausgenommen. Nach Abschluß der Schulzeit begab er sich nach Marburg, UM JtzriK» prudenz zu studieren, et setzte sein Studium in Göttingen fort und kehrte dann wiedex ngch Marburg zurück, wo er 1829 zum Di. jur. pro« moviert wurde.
Nachdem sich Koch in Berlin aufgehalten hatte, um sich für den akademischen Lehrberuf vorzubereiten, kehrte er 1831 nach Cassel zurück und trat als Referendar in den hesfischen Stäats-
provisori-
wurde schließlich (1853) zum Professor der deut- schen Sprache und Literatur am königlich-groß- herzoglichen Athenäum ernannt. Cr heiratet« eine Luxemburgerin, ein Fräulein von Mühlen, dorff, mit der er noch einige Jahre in glücklichem Familienleben verbrachte. —
1856 besuchte et, von Heimweh geplagt, seine Vaterstadt; bei diesem Besuche wurde, ihm zu Ehren ein Festkommers veranstaltet, zu dem u. a die alten Studienfreunde aus Marburg und Göttingen herbeieilten. Ein chronischer Brustkatarrh, wohl eine Folge bet Entbehrungen während des Feldzuges, zwang ihn, in Ems Erholung zu suchen. Im November 1858 erlag er seiner Krankheit.
Neben seinem Hauptwerk, dem „Prinzen Rosa-Stramin", besten eingehende Würdigung wir hier unterlaßen könne::, da et allgemein und bequem zugänglich ist (Reclams Umversalbibl. Nr. 2664), ist die Erzählung „Aus dem Leben eines bösen Jungen" das bedeutendste und in- terestanteste seiner Werke, da er in ihm in sat- I benptqchtigen Bildern seine Erlebnisse iu Afrika und Spanien anschaulich schildert; die Emklew- ungssabel ist ungeschickt; ein solches Spiel des Zufalls wie et es dreimal verwendet, einmal
Mhen^ums 7er Anstalt, an der Koch di-letztts Jahre feines Lebens gewirkt hatte, die verdienstvolle Biographie unseres Dichters von I P. Henrion, die als grundlegend zu bezeichne« ist. Brümmer, der Herausgeber der Reclam scheu Ausgabe des „Prinzen Rosa-Stramin§ hat sie für seine Einleitung In etwas zu um fangreicher Weise ausgeschrieben, d h. er W sich Wort für Wort an Henrion gehalten, «et, richtet auf jede eigene Wendung, halt es avtt nicht für nötig, von dieser „Entlehnung feinet Lesern Mitteilung zu machen. —, -
Der Casseler Schriftstellerverein „Freie F- ber" beabsichtigt, Ernst Koch in den ofsentlichek Anlagen auf dem Weinberge zu Cassel, nahe bei Stelle die Koch im zweiten Kapitel des „Ptm zen Rosa-Stramin" beschreibt, und die vor eint gen Jahren leider in Privatbesitz ubergegange: ist, einen Denkstein mit schlichter Zuschrift ZI setzen und wendet sich an die hesfischen ßonod leute mit bet Bitte, bei Aufbringung der nich unerheblichen Mittel behilflich zu fern. DS "erausgeber des „Heßenlandes". Herr Redakteu
der Trennung hinweghalf. Mit einem bet Briefe schickte Henriette ihrem Verlobten ein Notizbuch, auf besten Umschlag sie einen persischen Prinzen in rosa Stramin gestickt hatte, und in bas Koch auf feinen Spaziergängen seine politischen Gedanken schreiben sollte. Diesem Geschenk der Braut haben wir, wenn nicht mehr, so jedenfalls den Titel von Kochs Hauptwerk, dem „Prinzen Rosa-Stramin" zu verdanken.
Ch^zy eingehen, es genügt, hier zu sagen, daß der angebliche Dieb sich als der Verfaster von Prinz Rosa-Stramin" bei ihr eingeführt hat; von dem Werke selbst sagt st«, es sei anonym erschienen, während wir wisten, daß es unter dem Namen Eduard Helmer herauskam. Entweder sind also Frau von Chözys Angaben über- Haupt unzuverlässig, ober bet Dieb hat sich nur unter bet Maske des Verfassers von „Prinz Rosa-Stramin" bei ihr eingeführt. Besonders Im Juli 1832 schreibt et bet Braut: I unwahrscheinlich muß es uns erscheinen, daß
„Das wunderschöne Nottzbuch ist jetzt mein Koch, um einen raffinierten Diebstahl zu bege- „treuer Begleiter, es steht schon bet Anfang I fjen, sich gerade mit seinem Buche die Wege ge- „eines größeren Gedichts darin, das Deinen I ebnet hätte. — . . „
schönen Namen tragen soll. Ach, ich fühle mich Der Eintritt in die Fremdenlegion rouÄe „so glücklich wie bet Prinz, ben Du darauf ge- durch die größte Not herbeigefuhtt. . In der l,r- „ftfttt hast, umgeben von den Rosen zu I zählung „Aus dem Leben eines bösen Jungen Sckiras. . ." schildert Koch seine Erlebniße in der Fremden-
"Nach Ablauf der verabredeten Frist durfte I legion. In Toulon wurde Koch mit anderen Koch die Familie seiner Braut in Braunschweig I Legionären eingeschifft, in Dran betrat er den besuchen; die Verlobung wurde jedoch noch ge- I afrikanischen Boden »et einem UeberM wuwe heim gehalten; von dieser Reise kehrt« et als I er verwundet und kehrt« in sein Bataillon ein ganz anderer Mensch nach Castel zurück wie erst zurück, kurz ehe es nach Spanien emge chifft einet seiner Freunde in sein Tagebuch notiert. I wurde, um in dem Kriege der KomM Christina Al» er nach 10 Tagen von Braunschweig wieder 1 gegen den Konpratendenten Don Karlos v .-
Ich kann nichts tuen bächtigungen hervorgerufen, denen Koch schließ- $u erwähnen „Der Königin Gemahl" und „Ma-
Mein Liebchen ist krank'. I ^net ^öffentlichen Erklärung entgegen- I tt0 bitt für mich"; beide erschienen zuerst iu
Mein Herz ist so schwer K (KathSonntagsblätter. Mainz 1846 Rr. Dingelstedt- „Salon« und danack> 1847 in ein d
Wie tausend Pfuno, , 28) Kurz nach der Entlastung Kochs aus dem I gjanbe als „Erzählungen von Ernst Koch W
Ach wär' doch, ach war L»osvital wurde der im Dienste Spaniens befind- I sanimen mit „Aus dem Leben eines bösen Juv
Mein Liebchen gesund. I bet Fremdenlegion aufgelöst. Koch I gen“. — .
Mein Liebchen ist krank! wandte sich nun wieder bet Heimat zu. | Zwanzig Jahre nach seinem Tobe erM
Und morgen wie heute J 3«t 6q>tembex 1837 näherte sich Koch, aus Prsgrammabhandlung .^«Aemburg«
Ist keine Freude, 1 der Landßtaße von Gießen her kommend unse- ' — «"ck die letzte»
Mein Liebchen ist krank! tem Marburg. Nicht weit von bet Stadt be-
Jhr Sterne bet Nacht segnete ihm ein Freund aus bet Universität--
O macht doch, macht I -eit bet in bem verwitterten Veteran den »et»
Mein Liebchen gesund. toten geglaubten Ernst Koch erkannte. Freudt-
Mein Liebchen ist krank'. ger Handschlag begrüßte den Wiedetgefundenen^
Was ftlmmetn mich Feste ' und nach einet Stunde saßen die Freunde im Ä WW (Säfte, - traulichen Zimmer, unb Ä4 We aus dem
Mein Liebchen ist krank! I Munde seines Freundes die Worte, dir ihm
Ihr Sterne sagt an Dingelstädt in der Zeitschrift Europa gewidmet
Und tut mit’s kund: I hatte:
Wann wird, o wann, „Einen Dichtet hatte Heßen, wie aus Ver-
Mein Liebchen gesund? I sehen geboren, einen Jüngling, der die früh-
I lingsklaren Blicke auch vor neun Uhr aufschlagen
Im Frühjahr 1834 schickte Koch seiner Braut fonntc _ et hieß E. Koch und war eigentlich
ben gedruckten ersten Teil von „Prinz Rosa- I c-n ^urtft. Aber eben weil ihm die Sterne lie-
Stramin". In den zweiten Teil, der niemals I 6ei roaien aIs hie blanken Knöpfe an seiner
gedruckt worden ist, sollte u. a. auch Kochs Reise Referendarsuniform, und die grüne Wiese
nach Braunschweig ausgenommen werden. ttebei a[5 bie Decke des Sessionstisches, darum
„Prinz Rosa-Stramin" erschien unter dem tonnte et e5 nicht in Castel aushalten und floh
Pseudonym „Eduard Helmer". Koch wählte die- 1 mie ihm die Schwingen gewachsen. Friede mit fen Namen, um durch die Anfangsbuchstaben I aut seinem dunklen Wege und eine heitere E und H auf seinen und seiner Braut Namen Stunde auf sein schönes Herz! Er wat ein echter I Herausgeber des „Heßenlandes" verr meoaiieuj
hinzudeuten. Dichter und von der ganzen hessischen Poeten- I Paul Heidelbach, Cassel, Woftsschlucht 13,
Koch fühlte sich in seiner amtlichen Stellung geneiation bei weitem der begabteste." u. a. zur Entgegennahme von Gaben bereit,
mehr und mehr bedrückt; er war in der Zwischen- wurde zu Tränen gerührt, verlangte
zeit (26. Juli 1832) zum Referenten m Mim- F^er und Papier und schrieb den „Gruß an die -----
stetium ernannt worden, nach feinen eigenen ^imat" nieder, dessen 2. und 3. Strophe wie HesskN-Naha« Uttd Nachvargeb'cke, Worten ein rasendes Glück, in Rücksicht auf sein |olgt lauten: ’ gefiel 1 Juni. Versetzt wurde bet Land
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lobten zu einer offenen Aussprache zu veran- Unb in bet Pyrenäen Schreckensgründen, ^men und nach Mannheim wallten — ließe»
laßen. Den Eltern konnte es nicht verborgen I beg Pxlarpus schauerlicher Höh', I fü6 von hier aus per Wagen dorthin bringe»,
bleiben, daß ihre Tochter schwer unter dem Schlachtgetös von tausend Feuerschlünden g>r Voroanq hatte eine große Menge Schau- Verhältnis litt, und so faßten sie den Entschluß, Vergaß die Seele nicht das tiefe Weh. — lufticer angezoqen
wie schon oben erwähnt, die Verlobung aufzu- I $et Herden Glocken auf ben Felsenklippen, Riedetlahnstein, 31. Mai. Etwa 1000 Mit- lösen. Der Wasterfälle Sturz, der Vögel Chor, I ctieber be5 Naßauischen Bauernvereins aus dem
Henriette schrieb trotzdem noch an Koch ohne (Zefall'ner Kameraden bleiche Lippen I ch.illkreise und dem Kreis Biedenkopf erklärte«
Wißen ihrer Eltern; sie sagt ihm, daß sie dem Erzählten mir von meiner Liebe vor. rr Austritt aus bem Verein. Gleichzeitig
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zweifelte, sondern um ihn frei zu machen, damit I versöhnten Eltern ausgenommen er such.« als- I H genannten Vereins nieder und er- er nicht mehr durch kleinliche Rücksichten auf I bald auch die oben "wähnte Freundin Hen- e6enfans feinen 9u5tritt Zirka 1000 bis
eine Versorgung gezwungen wäre gegen seine nettens auf und fragte. „Soll ich an Hennette klart I Obigen nach. Die
Ueberzeugung zu handeln. Sie bietet ihm nun schreiben?" Nein «»L S« -Ämn «JÄÄb Ä Tu eS "eaeÄeeein
als Freundin ihr Vertrauen an und bittet um I sie sich durch ihr Stillschwergen verscherzt. I « 9 t Ln benen Namen noch nicht be- das seine. Koch antwortet unter dem 4. Dez. Der Kurfürst verweigerte ihm jebe An- m E ne' Kömmiss o7 wurd? gewählt,
1834 Auf einen weiteren Brief erhielt Hen- stellung im Staatsdienste. Er begann eine Dar- stimmt ist (Eine Kommt||wn muroe
iiette keine Antwort mehr, - Koch war au» stellung des althessischen Privatrechtes und ar- die> die S^ attiten^ entwerfen und den
Er hatte sich nach Frankreich gewandt und ] -
Wlf«arreit7r ieretnem’ eäfielet ^ie^^t5anwalt. I Aus dem Oberwesterwaldkreis, 1. Zunft —1 1^9 rourbe er von seinem alten Gönner Eine merkwürdige Beobachtung hat man bei war^'nachdem er in' Straßburg und in Paris I Sastenpflug^ der als Zivilgouverneur in luxem- dem diesl°hrigen Ersatzgeschaft^ vergebene versucht hatte, eine Beschäftigung zu I burgische Dienste übe^etreten w z 9 I krankhafte Erscheinungen des Herfinden, in die Fremdenlegion eingetreten. Hel- ungssekretär in Luremburg ernannt. Er vuev Pfnqng«> J <n aöe<
mtntt von Chözy erzählt tn ihren Denkwürdig- I auch nach Hasienpflugs Abgang in d - J I 3,t 19 banbelt die Radfahrer
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