U 106
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
»«d de» Heiligen: Literarischer A-r-igrr«. „La-dwirtschaftliche Keiiage« und »Ill-stri-rt.« Hmmtageblatt«.
Man abonniert auf die täglich erscheinende „Oberhesstsche «ettuna" bei allen Postämtern mtd unfern Zeitungsstellen in Kirchhain und Wetter sowie bei unserer Expedition — Markt 21. - Der Bezugspreis beträgt durch die Post 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern Zeitungsstellen und der Expedition 2 Ml.
Marburg
Mittwoch, 6. Mai 1908.
Di, Jnsertionsgebübr beträgt für di« Igespalten« Zeile oder deren Raum 15 Psmnig, für Reklamen 80 Pfennig. — Truck und Verlag. Joh. Bug. Koch, UniversttätSbuchdruckerei Inhaber Dr. 6. Hitzeroth .Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
43. Jahrge
Zweites Blatt.
Kaiser Franz Josefs Thronbesteigung.
Bald nach der Eroberung von Wien wurde der schon während der Belagerung suspendierte Reichstag nach Kreinsier in Mähren verlegt und das Ministerium Schwarzenberg-Stadion über- nahm die Regierung; Oesterreich kam mit Aus- «ahme der Länder der ungarischen Krone wieder allmählich zu der ersehnten Ruhe. Um so über- roschender war für alle Welt die Nachricht, Kaiser Ferdinand habe zu gunsten seines Neffen dein Throne entsagt.
Die Ereignisse waren über den Kaiser, den man mit Recht den Gütigen nannte, so unerwartet hereingebrochen und hatten einen solchen Eindruck gemacht, oaß er schon nach der ersten FlrHt in Innsbruck einmal ansgerufen haben soll: „Ich wollte, ich wäre nicht Kaiser!" Der Kaiserin war solche Gesinnung bei dem kränkelnden Zustande ihres Gemahls nur erwünscht, und sie ^sprach seitdem mit ihm öfters das Glück des stillen Lebens; das Glück, ohne Regierungs- befchwerden wohltun zu können. Oesterreich weiß, in welch hersorraZender Weise Ferdinand dieses neue Lebensprogramm fortan auch aus- geführt hat. Es kam der Oktobersturm, der Aufstand in Wien und die zweite Flucht nach Olmütz, und innerhalb seiner Mauern reifte der Entschluß zur Tat. Da der nächste Thronerbe, des Kaisers Bruder, Erzherzog Franz Karl, gleichfalls verzichtete, so kam die Reihe an seinen ältesten Sohn, den Erzherzog Franz Josef, welcher damals 18 Jahre, 3 Mer. und 15 Tage zählte. Er bat seine Eltern, ihm diese Last nicht aufzubürden — und in der Tat, die Kron' war, wenn je besonders damals eine schwere Bürde — Als er aber sah, daß der Schritt notwendig sei, rief er aus: „Lebe wohl, Jugend!" und ging nun auf alle Besprechungen und Einleitungen entschlossen ein, die der Thronwechsel erheischte. Am Tage, an welchem der junge Erzherzog die Regierung übernehmen sollte, hatte seine Mutter, die Erzherzogin Sophie zeitig am Morgen eine heilige Messe angecrdnet und lud dann, als die Zeit gekommen mar, ihn ein, mit ihr derselben beizuwohnen; der junge Kaiser antwortete: „Ich komme schon au« der Kirche". Mutter und Sohn waren sich in dem Gedanken begegnet, den Schutz und Segen des Allmächtigen zu erflehen, der jedem Menschen, Königen vor allem notwendig ist, dem Kaiser von Oesterreich aber damals besonders notwendig war.
Es war am 2. Dezember, eine halbe Stunde nach 7 Uhr, als dis zum großen Thronsaale führenden Räume mit hohen Persönlichkeiten sich füllten. Windischgrätz und Jellacic waren am Abend zuvor in Olmütz angekommen. Niemand außer den wenigen Eingeweihten wußte, um was es sich handle. Erzherzog Ferdinand Karl fragte den Kriegsminister: „Aber sagen Sie mir nur, was geht denn heute los, daß man uns schon um 8 Uhr hierher bestellt hat?" Er erhielt die Antwort: „Belieben sich Eure Kaiserliche Hoheit nur einen Augenblick zu gedulden, man wird es gleich erfahren."
81 (Nachdruck verboten.;
Tie Freundinnen.
Originalroman von Irene v. Hellmuth. (Fortsetzung.)
„Wie so, was heißt dar, nicht kann?" ftagt« Leon, nachlässig die Asche von der Zigarre stiebend, die der Hausherr ihm angeboten. „Meine Mutter besaß ein großes Vermögen und unsere Familie, das heißt die meines Vaters, zählte von jeher zu den begütertsten des Landes. „Ich wußte schon als Knabe, da» wir reich find."
„Aber das ist nun alle» vorbei! Ihr Vater hat mit dem Zusammenbruch der Kreditbank, welcher er sein ganzes Vermögen anvertraut hatte, alles verloren! Da war nichts mehr zu retten. Der Verlust seines ganzen Vermögens warf ihn völlig nieder."
Leon war so heftig von seinem Sitze in die Höhe geschnellt, daß der Stuhl mit lautem Gepolter umfiel. Seine Hände klammerten stch krampfhaft an der Tischplatte fest und die Augen hefteten stch starr wie in jähem Entsetzen aus den Sprecher. Ein wilder, häßlicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, daß es beinahe abstoßend aussah. Man merkte es, was dieser Verlust für ihn bedeutete. Vorhin, bei der Nachricht von dem Tode seiner Mutter, da hatte er ein« ?em äußerliche Trauer geheuchelt, in Wirklichkeit empfand er keinen Schmerz, die betrübende Nachricht störte nicht einmal seinen Appetit. Aber al» er vernahm, daß es zu Hause nichts für 8" M holen gab, da zeigte er erst sein wahre»
Mit einer heftigen Bewegung schleuderte er
Bald nach 8 Uhr öffnete sich die in die kaiserlichen Gemächer führende Flügeltür und unter Vortritt des Eeneraladjutanten Fürsten Josef Lobkowic erschienen die beiden Majestäten, gefolgt von dem Obersthofmarschall Friedrich Egon, Landgrafen zu Fürstenberg und der Obersthof- n'.eisterin der Kaiserin, Theresia, Landgräfin zu Fürstenberg, dem Erzherzog Franz Karl und der Erzherzogin Sophie, sowie dem Erzherzog Franz Josef. Nachdem die Majestäten sich niedergelassen, zog der Kaiser ein Papier hervor und erklärte, daß er die Kaiserkrone niederlege zugunsten seines geliebten Neffen, des Erzherzogs Franz Josef, nachdem sein Bruder auf die Thronfolge unwiderruflich verzichtet habe, worauf Fürst Schwarzenberg zuerst die broßjährig- keitserklärung und dann die Verzichtleistung des Erzherzogs Franz Karl verlas, endlich die feierliche Entsagung des Kaisers Ferdinand. Nachdem die Ablesung beendigt und die Abdankungsurkunden vom Kaiser und vom Erzherzog Franz Karl unterfertigt, vom Minister des kaiserlichen Hauses gegengezeicknet war, trat der neue, jugendliche Kaiser zu dem alten Herrn und ließ sich vor ihm auf das Knie nieder. Vor heftiger innerer Bewegung keines Wortes mächtig, schien er seiner dankbaren Rührung Ausdruck geben und den Segen seines gütigen Oheims sich erbitten zu wollen; dieser neigte sich über ihn, segnete und umarmte ihn und sagte in seiner gutmütig schlichten Weise: „Gott segne Dich, sei nur brav, Gott wird Dich schützen, es ist gern geschehen." Nachdem der neue Monarch dieselbe Huldigung auch der Kaiserin und seinen Eltern dargebracht und die übrigen Glieder des Kaiserhauses begrüßt hatte, zog stch der Hof zurück. Alle Zeugen des Vorganges verstcherten, daß sie einen ergreifenderen Auftritt in ihrem Leben nicht erfahren und daß sie den Eindruck nie vergessen würden.
Am selben Nachmittage begab sich das alte Kaiserpaar zum Babnhofe — der junge Kaiser ritt am Kutschen,chlage — und fuhr nach Prag.
Als am selben Nachmittage Fürst Schwarzenberg dem Reichstage in Kremsier das Geschehens mitteilte, „da ging ein großer, wie halb unterdrückter Seufzer durch den Saal; man sah Einzelne die Hände falten, halblaute Ausrufe tiefster Bekümmernis und Wehmut fielen von zitternden Lippen."
Denselben Eindruck machte die Nachricht allenthalben im ganzen Reich, man pries des Kaisers Güte und bei manchen mochte wohl auch Reue sein, daß sie dem Gütigen, dem österreichischen Titus so schlecht gelohnt; von diesem Eindruck schien namentlich Wien damals erfaßt zu sein.
Aller Augen und Hoffnungen waren nun auf Franz Josef I. gerichtet, der in der Vollkraft der Jugend den wankenden Thron bestieg, um Oesterreich allmählich wieder zu geordneten Zuständen zu führen.
Tcuijches Reich.
— Soldatenbrot. Die „Rheinisch-Westfälische Zeitung" schreibt: Von der Heeresverwaltung werden augenblicklich Versuche angestellt die bezwecken, das bisher in der Armee übliche Kommißbrot durch ein anderes zu ersetzen. Schon oft
dir Zigarre fort und ließ ein zorniges Auflachen hören. Er schien ganz vergessen zu haben, wo er sich befand.
„Das ist ja eine furchtbare, niederschmetternde Nachricht!" rief er endlich heftig. „Und Sie teilen mir das so ruhig mit, al» handle es sich um einen Pappenstiel. Freilich, Sie, der reiche Mann, werden davon nicht betroffen! Was kümmert es sie, wenn die ganze Zukunft anderer mit einem Schlage in Trümmer geht! Sie begreifen vielleicht nicht einmal, was das bedeutet!"
„Es hilft Ihnen nichts, wenn Sie den Kopf verlieren, Leon," versetzte Reinau ruhig, ohne den brutalen Ton beachten zu wollen. Das Unglück hat viele Familien betroffen. Viele wurden dadurch ruiniert und mußten versuchen, stch eine neue Existenz zu schaffen. Sie werden sich sicher auch darein finden müssen."
„Das kann ich nicht!" schrie der Erregte, „mein Erbteil will ich haben — ich muß es haben!"
„Ja, wo nichts ist, hat selbst der Kaiser da» Recht verloren; erzwingen läßt sich da nichts." Herrgott, wie konnte mein Vater so unvorsichtig sein, das ganze Kapital einer einzigen Gesellschaft anzuvertrauen! Er war e» seinen Kindern schuldig, ihr Erbteil zu sichern und nicht leichtsinnig alles aufs Spiel zu setzen. Das ist unverwortlich und ich werde Rechenschaft von ihm fordern! Ich hab« noch nichts, gar nicht, von ihm bekommen habe mich zwölf Jahr« lang durch die Welt geschlagen, ohne einen Pfennig von ihm zu verlangen! Hunger habe ich gelitten und barfuß bin ich gelaufen, al» meine Schube zerrissen waren! Uno ich glaubt«, mein Erbteil
find Stimmeti laut geworden, die das jetzige Kommißbrot für zu schwer verdaulich erklärten und daher eine leichtere Brotnahrung für den Soldaten forderten. Mannschaften, die das Brot nicht vertragen erhalten auf Antrag des Truppenarztes hin den Geldwert des Brotes ausgezahlt und dürfen sich dafür anderes Brot kaufen. In letzter Zeit sind in dieser Beziehung sogar noch erhebliche Erleichterungen eingetreten, intern allen Mannschaften gestattet ist, durch Vermittelung des Truppenteils ihr Kommißbrot zu verkaufen und sich selbst anderes Brot zu besorgen. Das augenblicklich bei einigen In« fanterietruppenteilen zum Versuche verabfolgte Brot ähnelt dem gewöhnlichen Roggenbrot der Privatbäckereien. Ob es den an ein Soldatenbrot zu stellenden Anforderungen genügen wird, muß der Versuch lehren. Das Kommißbrot soll nicht allein einen großen Nährwert haben und St verdaulich sein, sondern es soll auch nicht zu nell vom Magen verarbeitet werden, es soll ihn vielmehr auf eine gewisse Zeit füllen und so da>- bei den Anstrengungen des Soldaten nur zu leicht auftretende Hungergefühl bannen. In letzerer Beziehung wird das bisherige Soldaten« brot kaum zu übertreffen sein.
— Realschule in Windhuk. Mit dem Mai des kommenden Jahres wird von feiten der Regierung in Windhuk eine Realschule zunächst mit der untersten Klasse eröffnet werden. Sie soll die entlassenen Schüler mit der wissenschaftlichen Befähigung zum einjährig-fieiwilligen Heeresdienst versehen. An Unterrichtsfächern sind neben dem Deutschen vorgesehen: Englisch und Französisch, Naturwissenschaften, Geschichte und Erdkunde, Zeichnen, Turnen und Gesang. Die englische Sprache geht aus begreiflichen Gründen der französischen vor. Die Leitung wird Oberlehrer Zedlitz übernehmen. Man denkt nach der „Deutschen Kolonialzeitung" schon jetzt daran einen Vorbereitungskursus mit Deutsch und Rechnen zu eröffnen. Die Schule wird ronfessionslos sein.
— Zeitungen in den Kolonien. Zu den Zeitungen: „Amtsblatt von Togo" Südwestafrikanische Zeitung" „Windhuker Nachrichten", „Usambara-Post", Deutsch-Ostafrikanische Zeitung" und „Samoanische Zeitung" ist neuerdings ein „Kameruner Amtsblatt" hinzugetreten; es hat uns noch nicht Vorgelegen, so daß wir noch rein Urteil darüber abgeben können. Auch int Bismarckarchipel erkennt man die Bedeutung einer Zeitung für das Schutzgebiet an, und die Eouvernementsratsfitzung vom 16. Dezember v. I. beriet, wie die „Deutsche Kolonialzeitung" mitteilt, einen von den Herren Parkinson und Thiel eingebrachten Antrag, in Verbindung mit einer einmal wöchentlich erscheinenden Zeitung eir. Amtsblatt herauszugeben, in dem alle Bekanntmachungen, Verfügungen und Verordnungen veröffentlicht werden könnten. Dabei wurde mitgeteilt, daß die Absicht bestehe, im Zusammenhang mit der Regierungsschule eine Druckerei einzurichten. Es wurde beschlossen, Erkundigungen über die Grundlage eines solchen Unternehmens einzuziehen.
— Sozialdemokratische Wahlfälschungen. Bei den beiden letzten Reichstagswahlen ist vielfach festgestellt worden, daß von sozialdemokratischer Seite für Männer, deren Namen zwar in den
werde gut verwaltet. Nun ich es holen will, muß ich erfahren, daß ich ein Bettler bin; nun stehe id) wieder da mit leeren Händen und meine schönen Pläne find alle vernichtet! Wie soll ich mir da eine Zukunft gründen? Ohne Geld! Wer kein Geld hat, ist ein Lump, und wäre er der ehrlichste Kerl! Und ich kam mit einem Herzen voll guter Vorsätze! Demütigen wollte ich mich, — um Verzeihung bitten, — nun hat der Alte mir abzubitten, was er mir angetan! O, er soll mich kennen lernen!"
„Ich bitte Sie, Leon, beruhigen Sie stch. Ihr Vater litt selbst schwer unter dem Unglück. Sie müssen doch wahrhaft einsehen, daß er unschuldig daran ist. Kein Mensch ahnte etwas von dem Zusammenbruch der Bank. Das hohe Ansehen, das unbedingte Vertrauen, das der Leiter der Bank genoß, machten es eben möglich daß das Unglück so groß wurde. Die höchsten Summen wurden ohne Bedenken hingegeben und verschwanden auf Nimmerwiedersehen in dem unersättlichen Rachen, der alles verschlang! Anfangs hoffte der Direktor vielleicht alles wieder gewinnen zu können, er fpukulierte und wagte immer mehr, bis zuletzt nichts mehr zu retten war. Jetzt ist man wohl kluger geworden und jeder fragt sich, wie man so blind und vertrauensvoll hat fein können, aber es ist nun eben zu spät. Dock mit ihrem atmen Vater dürfen Sie nicht rechten! Es wäre Sünde, wollten ste dem alten Mann deswegen nur «in hartes Wort sagen!"
Leon hatte den Kopf in beide Hände gestützt. Er rührte sich auch nicht als Reinau wieder an* bub' Sie sind ja noch jung und dürfen nichtJo schnell verzagen. Nach meiner Berechnung zäh»
amtlichen Wählerlisten standen, die aber entweder krank, oder verzogen oder gar gestorben waten, betrügerischerweise Wahlzettel abgegeben worden find. E» ist vermutet worden, daß hier ein systematische» Vorgehen der Sozialdemokratie nach einer allgemeinen Parole vorliegt. Sucht doch die Sozialdemokratie auf jede Werse ihre Wahlchancen zu verbessern z. B. durch Abwanderung von Arbeitern in bestimmte zu erobernde Wahlbezirke. Derartige Manöver find, wie aus dem Berichte der Wahlptüfungskommis- ston hervorgeht, auch im Wahlkreise Lübeck unternommen worden, wo infolgedessen „Genosse" Schwartz mit geringer Mehrheit von noch nicht 30 Stimmen gewählt worden. Unter anderem wird in dem Bericht festgestellt, daß für 124 Personen, die nach Hamburg, Kiel, Hannover und nach anderen ferner gelegenen Orten fi ckzogen, Wahlzettel abgegeben worden waten. Es ist ausgeschlossen, daß alle diese Wählet nach Lübeck gekommen sein könnten, um ihr Wahlrecht auszuüben, deshalb hat die Kommission angenommen, da» Wahlrecht für diese Personen sei wenigsten» zum Teil unrechtmäßigerweise von anderen ausgeübt worden. Hierüber ist natürlich noch Beweis zu erheben; dann wird der Sttafrichter sich mit der Sache zu befassen haben.
Tarifverträge.
Die Ansicht, daß Tatifietttäge von den Arbeitnehmern im allgemeinen nur dann gewünscht und abgeschlossen werden, wenn sich mit ihnen eine Steigerung der Macht der Arbeiter- Organisationen erreichen läßt, wird im letzten Jahresbericht des Arbeitgeber-Verbandes Ham- burg-Altona durch Hinweis auf die vorjährigen Arbeitskämpfe im Bau- und im Holzgewerbe bestätigt. Es wird dort ausgeführt: „Ein intet- essantet Stimmungswechsel innerhalb der Arbeiterschaft in Sachen de» Tarifvertragswesens machte sich während der Arbeitskämpfe bemerkbar, die das Berliner Baugewerbe im vorigen Frühjahr zu bestehen hatte. Danach hat es den Anschein, als ob die Gewerkschaften nur bann für langfristige Tarifverträge zu haben sind, wenn deren Inhalt und zeitliche Begrenzung ihrem Bestreben zur Zersplitterung des Unternehmet» turne dienlich ist oder ihnen eine Hintertür offen läßt, durch die sie bei passender Gelegenheit gefahrlos entweichen können, um neue erhöhte Forderungen anhängig zu machen. Die Erkenntnis, daß die wachsende Solidarität der Unter» nehmet diese Hintertüren zu versperren droht, ließ den Berliner Maurern die Tarifftage als» bald in einem neuen Lichte erscheinen; und fo kam es, daß die Berliner baugewetblichen Unternehmer genötigt waten, dagegen Front zu machen, daß die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter liebet ohne jeden Tarif arbeiten wollten.. Nicht viel anders lagen die Dinge bei dem vorjährigen Kampf zwischen dem „Arbeitgebet- Schutzverband für da» deutsche Holzgewetbe" und dem Holzarbeiterverband. Auch hier waren die Arbeitgeber grundsätzlich zum Abschluß eine» Tarifvertrages bereit; als sie aber den Schwet- puntt ihrer Forderung neben der Ablehnung einet Verringerung der Arbeitszeit auf die Einheitlichkeit des Ablauftetmins legten, lehnten
len Sie etwa 28 Iahte. Da kann man schon nochmal von vorn anfangen. Vielleicht gelingt es Ihnen in der Heimat besser als in der Fremde. Was ich für Sie tun kann, soll gewiß gern geschehen. Ich tue es schon aus alter Freundschaft. Wenn Sie guten Rat brauchen, kommen Sie zu mir! Ich bin ein erfahrener Mann und kann Ihnen vielleicht helfen. Für tüchtige, fleißige und strebsame Menschen gibt e» immer Beschäftigung. Also Kopf hoch und mit festem Blick in die Zukunft geschaut. Wer wird sich denn vom Schicksal so niederwerfen lassen!"
Eine Weile blieb es still im Zimmer nach den letzten Worten. Endlich richtete Leon sich auf und, den glühenden Blick auf Maja heftend, sagte er leidenschaftlich: „Gewiß können Sie mir helfen, — das ist meine letzte Hoffnung! — Aber jetzt muß ich fort. Mit ist, als sollte ich ersticken. Leben Sie wohl!"---
Er reichte Reinau die Hand und bann preßte er die zarten Finger Majas heftig zwischen die seinen, daß e» sie schmerzte. Darauf eilte er hinan». Maja atmete erleichtert auf, als sich die Tüte hinter ihm geschlossen hatte. Sie wat froh, daß er nicht darauf bestand, mit ihr nach Neunlinden zu fahren. Wenn et z» Fuß ging, konnte ste viel fiühet dort sein, bann blieb ihr wenigstens Zeit, Sylvia unb beten Vater vorzubereitem Denn wenn Leon so unvermutet vor ben leidenden Mann hintrat, so konnte da» wieder einen bet gefürchteten schlimmen Anfälle zur Folge haben, und die atms Sylvia wat dann für Wochen hinaus an bat Zimmer gefesselt. Da» durfte nicht geschehet, (Fortsetzung folgt.)