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Derjenige aber, dem alle diese liebenswür­digen Aeuherungen galten, lag die Hände unter dem Kopfe verschränkt, auf seinem Ruhesopha und starrte unbeweglich zur Zimmerdecke em­por. Sein sonst so heiteres Gesicht zeigte einen trüben Ausdruck, um die Augen lagen tiefe Schatten.

Dem alten treuen Diener Franz, der ihn stets begleitete, hatte er streng befohlen, nie­mand, wer es auch sei, zu ihm zu lassen.

Kopfschüttelnd betrachtete der treue Alte sei­nen schweigsamen Herrn. Franz hatte eine schwere Arbeit, denn der Theaterdiener, der nun schon zum drittenmale kam, um nachzufragen, wie es Hsrrn Walter gehe, wollte sich durchaus nicht mehr abweisen lassen.Nur ein paar Worte will ich mit Herrn Walter sprechen," bat er.gestatten Sie, daß ich hingehe, ich soll doch genau Bettcht erstatten über das Befinden Ihres Herrn."

Franz zuckte bedauernd die Achseln.

Ich teilte es Ihnen ja bereits mit: Herr Walter ist stockheiser, er bringt keinen Ton her­vor. Es ist absolut nichts zu machen," ver- ficherte er mit ernster Miene, genau so, wie sein Herr es ihm befohlen hatte.

Und was meint denn der Arzt dazu? Wird es lange dauern?"

Wir haben gar keinen Arzt," platzte Franz unbedacht heraus.

Wa was, keinen Arzt bei solcher Heiserkeit, die kostbare Stimme kann ja so leicht verloren gehen," jammerte der Abgesandte des Intendanten,ba mutz ich wirklich hinein und Herrn Walter Vorstellungen machen wegen seines unbegreiflichen Leichtsinns. Das ist ja unerhött!"

Damit schob er den überraschten Franz bei Seite und stürmte ins Zimmer.

Du alter Esel, habe ich Dir nicht gesagt, Du darfst niemand herein lassen?" schrie Wal­ter aufgebracht, und bums flog dem unschul­digen Franz ein Buch an die nicht eben kleine

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Die JnsertionSgebühr beträgt für die 7gespaltene Zeile oder deren Raum "15 Pfennig, für Reklamen 80 Pfennig. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Unwersitätsbuchdruckerei Inhaber Dr. C. H! tz e r o th, Marburg, Markt 21. Telephon 55.

ist, dah alle die Vorgänge und Anschauungen, die mittelbar oder unmittelbar mit dem Oster- gedanken Zusammenhängen, auf die germanische Volksseele den tiefsten Eindruck gemacht haben, und so sind auch die Dichtungen, die diese Vor­gänge behandeln, reich an frischen, unmittel­baren, ergreifenden Zügen. Es sei als Beispiel das angelsächsischeTraumgesicht vom Kreuze" genannt, in welchem das Kreuz selbst redend eingeführt ist. Es erzählt, wie derHelden­jüngling" es bestieg.Unter ihm erbebt ich. Mich bücken aber und auf sie stürzen Stand mir nicht zu. Trug den König, den reichen In Kreuzes Gestalt, ohne mich zu regen Den Re­genten des Himmels: Ward durchbohrt mit Nägeln. Die Narben hier siehe, Die schändlichen Beulen Und schweigend litt ich." Wie kraft­voll stellt Kynewulf mit wenigen Worten die Vorgänge am Grabe Christi dar:Es kam mit Tagesanbruch die trauernde Maria und hietz noch eine Man,-estochter mit sich gehen. Es suchten schmerzerfüllt die zwei das Siegkind Got­tes, den Einsamen im Erdhaus. Sie wähnten, daß er einsam in den Bergen bleiben sollte in der Osternacht; doch anders drauf wußten es die Weiber, als sie weggingen. Beim Anbruch des Tages kam ein Engelpaar, der Engelhaufen Wonne umgab des Heilands Burg. Offen war das Erdhaus. Des Edelinges Leid empfing des Lebens Geist, die Felsen bebten. Der Held war erwacht nmtig aus d.r Erde: der Machtstarke erstund siegfest." In unseremHeliand" sind die Vorgänge breiter ausgeführt, und ein zar­ter, dabei doch der Kraft nicht entbehrender lyrischer Ton mischt sich der Darstellung bei; so insbesondere bei der schönen Erzählung der Be- gegegnung Magdalenens mit dem Herrn., Di« Grundauffassung aber ist die gleiche. Wie ur­germanisch aber ist es, wenn der Engel tröstend sprickit: ,Zch weiß, Ihr suchet Euren Eefolgs- herrn, den heilbringenden Christ von der Na- zaretburg." Diese alte germanische Volksauf­fassung der Christusgestalt hat sich wenig­stens in Nachklängen noch Jahrhunderte lang erhalten; noch in dem schönen OsterliedeChri­stus ist erstanden", das in das 13. Jahrhundert zu setzen ist, wird Jesus derkühne Degen" be­nannt.

Beschränkt sich die altergermanische Oster­dichtung darauf, die Vorstellungen von Christi Persönlichkeit und Wirken so zu gestalten, daß sie germanischem Volksempfinden, verständlich werden, so finden wir bei dem ttefsinnigsten der mittelalterlichen Dichter eine Osterauffassung von grotzartiger Mystik. Es ist Wolframs Par- zival, von dem wir sprechen. Im 9. Gesänge des Parzival wird geschildert, wie der Held planlos und verträumt seines Weges reitet. An einem Morgen war dünner Schnee gefallen, als er durch einen Wald reitet. Da begegnet ihm im tiefen Walde ein wunderlicher Zug:Ein Rit­ter, greisenalt, mit grauem Bart, jedoch von Antlitz mild und zatt," begleitet von seinem

wieder auferstehen," so singt Georg Reiman» (f 1615). Durch die ganze Geschichte unserer Dichtung zieht sich der tiefe Anteil, den der deutsche Volksgeist an dem Auferstehungsge­danken nimmt. Er spiegelt sich ja auch wieder in zahlreichen volkstümlichen Vorstellungen, di« alle darauf hinführen, daß mit der Osterzeik dfi hohe Zeit des Jahres beginnt, dah sich da all« alten Wurzeln regen, datz mit Christi neuem Leben auch für jeden einzelnen ein neues Leben beginne. Untrennbar liegen in diesen Vor­stellungen ineinander uralte Naturmythen und Naturerfahrungen und die lleberlieferungen und Gestalten des Neuen Testamentes. Wäh­rend aber Jahrhunderte lang die religiösen Formen und lleberlieferungen in den Vorder­grund treten, neigt die neuere Zeit dazu, st« mit der Natursymbolik in Eines zu verschmel­zen, und so das Osterfest gleichsam zu einer Versöhnung zwischen Natur undEeist zu machen. Das ist nun im vollkommensten Matze geschehen in Goethes Faust. Das Osterelement ist von Goethe nicht von Anfang an in den Faust ein­geführt worden. Der Faust von 1790 war noch kein Osterdrama. Erst jetzt gerade vor hundert Jahren, im Jahre 1808, hat Goethe diese Oster- szene vollendet und eingefügt. In dieser neuen Fassung sind es bekanntlich die Osterklänge, die Faustvom letzten ernsten Schritt" zurückhalten, und dann, auf jenem herrlichen Osterspazier­gange, spricht ja Faust selbst seine schlichte und doch so tiefe Auffassung des Ostergedankens aus, als er am heiteren Festtage die bunte, wim­melnde Menge sich aus dem Tore ins Frei« drängen sieht:

Jeder sonnt sich heute so gern;

Sie feiern die Auferstehung des Herrn: Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfer Gemächer, Aus Handwerks- und Eewerbes-Banden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Stratzen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht.

Das ist der eigentliche Osterton und Oster- sang unserer modernen Zeit, das ist die wahre Ewigkeit des Ostergedankens, verbürgt da­durch, dah er jeder einzelnen Menschenseele eine immer sich erneuernde Wahrheit ist. Es hat denn auch die Auffassung vom Osterfeste, di« Ecethe im Faust ausgesprochen hat, weiter ge­wirkt. Wir möchten hierfür ein bisher noch unveröffentlichtes Gedicht von Luise Schmidt anführen, das an den Faustschen Ostergedanken anknüpft, und, wenn wir so sagen dürfen zu­gleich auch jene Lösung hineinverwebt, die dann erst der zweite Teil bringt: die Erlösung des Menschen durch werktätige, fiuchtbare Arbeit. Es heiht in diesem Gedicht:

Ostern: meiner Seele sprengtest Du hi.rweg den Erabesstein, Köstliche Gewißheit senktest Wurzelstark Du in mich ein:

Nase, direkt über den Kopf des sich eilig ducken­den Theaterdieners hin.

Aber, lieber Herr Walter, so viel ich eben bemerke sind Sie gar nicht Heiser," rief der Theaterdiener freudig erregt und rieb sich ver­gnügt die Hände.

,O, ich sage Ihnen, stockheiser bin ich ich bringe keinen Ton aus der Kehle," versicherte Walter ärgerlich,hören Sie nur, wirklich keinen Ton." Die Stimme klang jetzt freilich traurig verändert, aber der kundige, in solchen Sachen erfahrene Theaterdiener lieh sich nicht täuschen. Er wußte, dah der Sänger ihm eine Komödie vorspielte.

Lieber, lieber Herr Walter," bat er deshalb dringend,wenn es nur eine Laune von Ihnen ist, dah Eie nicht singen wollen, so lassen Sie sich doch erweichen und kommen Sie. Das Thea­ter ist völlig ausverkauft, ist es nicht jammer­schade, dah die Vorstellung nicht stattfindea kann? Im vergangenen Winter ging das Ge­schäft sehr schlecht, diese Saison scheint um s« bester zu werden und da kommen Sie gleich am Anfang mit dieser Absage. Der Intendant geht umher wie ein gereizter Löwe und wenn ich ihm nun Berichte, dah Sie eigentlich gar nicht heiser find, das, Sie aus irgend einem anderen Grunde nicht fingen wollen, so"

»Jetzt ist es aber genug, ich bitte mich in Ruhe zu laste? i" unterbrach Walter unwillig und gereizt die lange Rede,mit dem Singen ist es nichts für heute, adjel!" Die Stimme Nang in der Tat wieder sehr belegt. Franz, der sich vorsichtig in die fernste Ecke des Zimmers zurückgezogen hatte, vermochte ein kleines, scha­den frohes Läckeln nicht zu unterdrücken; denn er kannte diesen Ton seines Herrn aus Erfahr­ung und wußte, datz dem Uebereifrigen nun ebenfalls bald etwas an den Kopf fliegen würde. Das geschah ihm schon recht, weshalb war et so zudringlich. Wirklich zuckte die Hai» Walters schon bedenklich nach einem ihm erreich», baren Buche, lF-rts. folgt.)

Die Freundinnen.

Originalroman von Irene v. Hellmuth.

l Fortsetzung.)

Mit dem wehen Aufschrei:Vater, lieber lieber Vater!" warf sich Sylvia an des alten Mannes Brust. Er faßte den Kopf des Mäd­chens zwischen seine beiden zitternden Hände und sagte in gänzlich verändertem Ton:Nicht wahr, Sylvia, Hugo sieht Gespenster, er bil­det sich das alles nur ein, was er soeben sagte? Du bist mein kluges, folgsames Kind, Du hast mir nie Grund zur Klage gegeben und ich habe Dich immer so lieb gehabt! Niemand war Zeuge Deiner Unbesonnenheit und der unange­nehmen Szene, die Du uns bereitet hast. Du gibst jetzt Deinem Verlobten die Hand und bit­test ihn um Verzeihung für die ihm zugefügte Kränkung und alles ist wieder gut! Hugo hat Dich zu lieb, um Dir lange zu zürnen."

Nein, Vai r das kann ich nicht?"

Sylvia stand plötzlich wieder in kerzengerader Haltung vor dem Vater. Eine feste Entschlosten- heit war deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen.

Wie Du kannst nicht? Ich sage Dir, Du mu tzt! Du wirst Hugo heiraten! Ich werde Dich zu zwingen misten!"

Verlang was Du willst, nur das nicht! Ich tue es nicht, Vater um keinen Preis der Welt! Ich laste mich nicht zwingen, auch von Dir nicht!"

Du Du--"

Ein röchelnder Laut entrang sich der Brust des Aufgeregten, dann sank et stöhnend in den beste! zurück. Das Gesicht erschien leichenblaß, «re Augen waren geschlossen. Der Greis glich eher einem Toten als einem Lebenden.

Vater," jammerte Sylvia zitternd,liebet «ater, um Eotteswillen, was ist mit Dir?"

6t gab keine Antwott.

Es scheint eine Ohnmacht zu sein, die Auf­regung war zu groß für ihn," rief Hugo, der ebenfalls erschrocken hinzugesprungen war.

Sylvia, die rasch den lähmenden Schrecken abgeschüttelt hatte, benetzte Stirn und Schläfe des Vaters mit frischem Master. Unter ihren Bemühungen schlug er allmählich die Augen wieder auf. Er schien sich aber der vorhergegan­genen Szene nicht gleich zu erinnern, denn er fragte, sich im Zimmer umsehend:Was ist denn eigentlich geschehen?"

befindest Du Dich wieder bester, lieber Vater?" rief Sylvia aufatmend.

Sie kniete neben dem Sestel nieder und strei­chelte sanft die Hände des Alten. Ihr fiel es wie Bergeslast vom Herzen.

Gott, mein Gott, laß ihn leben, ich könnte es nicht ertragen, wenn er stürbe," betete sie, und ein heißes Angstgefühl quoll in ihrem In­nern auf.

Nachdem Hugo von Trostberg gegangen war, satz sie mit gefalteten Händen an dem Lager des Vaters und starrte geradeaus ins Leere. Die ganze Nacht verging so. In die Augen des Mädchens kam kein Schlaf. Stunde um Stunde verrann. Der Kranke schien zu schlummern, we­nigstens rührte er sich nicht.

Am anderen Morgen behauptete er zwar, et befände sich ganz wohl, doch mochte et nicht auf- stehen.-----

Am Abend des folgenden Tages verlebten die vielen Theaterfreunde der Stadt eine große Ent­täuschung Hermann Walter, der in der Tat die Herzen aller Hörer im Sturm gewonnen und desten nächstem Auftreten man mit Spannung und Ungeduld entgegensah, hatte plötzlich abge­sagt. Erst gegen Abend war die Absage einge- troffen und das Theater war sckon völlig aus- verkaust. Der Intendant hätte sich am liebsten die Haare ausgeraust, wenn er welche besessen hätte. Er schimpfte im Verein mit dem Regisseur über die Tenor« im allgemeine« «ad übet Her­mann Walter im besondere».

Weibe und seinen beiden schönen Töchtern alle in Pilger- und Butzgewanden, härenen, rauhen Kutten. Der büßende Ritter klagt Parzival an, datz er an des Herrgotts Leides- tage nicht bewahre die fromme Sitte, datz ohne Waff und Wehr er ritte oder lieber barfuß wäre gekommen, datz den Tag et ehre, Parzival er­widert offen, ihm fehle alle Wissenschaft von des Jahres Lauf und Ziel. Da erinnert der Ritter ihn daran, dah heut Charfreitag sei,des alle Welt voll Freuden ist und dennoch klagen mutz voll Weh". Er weist ihm die Bedeutung des Tages und mahnt ihn, einen weisen Mann in der Nähe aufzusuchen, der ihn von SLnd und Fehle frei machen könne, wenn er mit reuberei- ter Seele komme. Parzival, durch seine Erleb- niste tief verhärtet, lehnt ab und reitet fürder seines Weges. Aber das Wort des Alten ist ihm doch in die Seele gedrungen, zum ersten Male richtet sich fein Sinn wieder aufs Gött­liche, und er beschließt, seinem kastilischen Roste frei die Zügel zu lasten. So möge denn Gott ihm den Weg weisen und ihn führen wohin et wolle:Ist heute Gates Hilfetag, fo Helf et, wenn er helfen mag". Und da trägt ihn [ein gutes Rotz der Höhle zu, wo der Einsiedler Trevrizent, fein Oheim, wohnt, und er stellt sich ihm dar mit den Worten:Herr, nun gebt mit Rat, ich bin Mann, der Sünden hat." Man er­kennt, daß die Auffastung der Bedeutung des heiligen Tages eine tief innere ist. Von bet objektiven Darstellung der heiligen Vorgänge selbst sinb wir hier hinübergeschritten in ein anderes Gebiet: ein das Gebiet ihrer Anwend­ung auf das subjektive, individuelle Leben. Der Charfreitag wird die große Wendur. in Par- zivals Seele, wird die Vorbereitung zu seiner Auferstehung: das ist der einfache und doch so tiefe Sinn der Ostererzählung im Parzival.

Ganz allgemein gesprochen, geht die Ent­wicklung der Osterdichtung dahin, datz je länger, desto mehr dies subjektive Element in den Vordergrund tritt. Es seien nur als Stich­proben aus verschiedenen Jahrhunderten einige Beispiele angeführt. So bringt das Osterlied des Konrad von Queinfurt aus dem Ende des 14. Jahrhunderts das Osterfest im unmittel­baren Zusammenhang mit dem Leben der Natur, mit dem Frühling. Es rühmt die Reize des Lenzes, aber als seine höchste Schönheit, als seine Erfüllung gleichsam, wird das Osterfest dargestellt. Des ferneren mag an Luther er­innert fein, desten Osterlied von 1524 die An­wendung des Ostergedankens auf das persön­liche Leben in einer recht drastisch-volkstüm­lichen Form gibt. Es heitzt da:Wir esten und leben wohl im rechten Osterfladen, Der alte Sauerteig nicht soll Sein bei dem Wott der Gnaden. Christus will die Koste sein Und speisen die Seel allein, Der Glaub will kein« Andern Leben." Das Kirchenlied hat sich dann oft und innig in den Ostergedanken versenkt. Latz mich mit Dir zu Grabe gehen und fröhlich

Osterftimmen.

Von Heinrich Geller.

Unter den grotzeii christlichen Festen des Jahres trägt Weihnachten den Preis der Volks­tümlichkeit davon. Umstrahlt von dem süßen Zauber der reizvollsten Legende, die die Mensch­heit kennt, ist das Weihnachtsfest durch den Gang feiner Entwickelung zu einem echten Volksfeste geprägt worden. Aber dem Osterfeste bleibt unbestritten der Ruhm, das tiefste Fest der christlichen Welt, ja vielleicht überhaupt das vergeistigtste Fest zu fein, das die Geschichte kennt. Im Ostergedanken verkörpert sich die eigentliche Heilswahrheit des Christentums, und insofern diese Wahrheit eine Wahrheit für jeden ist, so hat das Osterfest eine tiefinnerliche Be- äiehung zum Leber, jedes einzelnen, die n gleicher Stärke keinem anderen Feste eigen­tümlich ist. So ist es natürlich, datz aus diesem Ostergedanken heraus sich eine ganze Literatur entwickelt hat, indem es die Dichter von jeher drängte, die Auferstehung Christi, und mit ihr die Auferstehung auch der eigenen Seele, zu schil­dern und zu besingen. Diese Osterdrchtung be­zieht sich bekanntlich auf alle Hauptgattungs­arten der Poesie; wir besitzen eine umfangreiche Osterdramatik, wir haben Epen, in deren Mit­telpunkt der Ostergedanke steht, und wir be­sitzen endlich einen reichen Blütenkranz von Lfterlyrik.

Die Osterdichtung geht ganz natürlich von der anschaulichen Darstellung der durch die heilige Schrift überlieferten Ereignifie selbst us. Diese Darstellung empfängt in der ältesten germanischen Literatur dadurch einen sehr eigentümlichen und überaus reizvollen Zug, daß Christi Persönlichkeit und Taten darin durchaus ins Germanische übertragen sind. Christus er­scheint da als der Volkskönig, der Held, eine baldurartige Persönlichkeit. Sein Kreuz ist der Siegesbaum, stine Jünger find seine Degen, die Mannen der Kampfwalküre Hilda. Sehr nach­drücklich wird in den angelsächsischen Dichtungen, sowie in Heliand der Zug der Treue Christi zu feinem Volke betont ein Zug, der begreif­licherweise ein Volk anziehen mußte, in dessen Vorstellung und Leden die Treue eine so hohe Rolle spielte, wie bei den Germanen. Es scheint uns, daß die Vorliebe, mit der in der alten deutschen Literatur Christi Höllenfahrt (in Anlehnung an das sogenannte Nicodemus- evangelium) behandelt wird, auch auf die Vor­stellung der Treue mit zurückzuführen sein dürfte. Es entsprach eben dem germanischen Empfinden, zu denken, daß der siegreiche Volks- und Himmelskönig nach seinem Triumphe nicht die vergaß, die im Dunkel der Hölle schmachteten, sondern sie mit sich emporführte. Unverkennbar

« 93 Somttaq. 19. April 1908.

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