Einzelbild herunterladen
 

Erstes Blatt

Der heutigen Nummer liegt bei KieiSblatt Nr. 18.

April unter Vorsitz von Prof. Dr. Wernicke- Braunschweig stattfindet, wird durch eine Auf­führung de« Agamemnon von Leschylu» einge­leitet werden, dargeboten von Schülern des Herzog!. Gymnasium» Martino - Kaiharineum unter Leitung von Prof. Dr. Denecke und Prof. Elster. Den Abschluß der Tagung wird ein« Fest-Borstellung im Herzoglichen Hoftheater bil­den. Für diese will Se. Hoheit Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, Regent des Herzog­tum» Braunschweig, welcher der Tagung auch sonst große Teilnahme entgegenzubringen ge­ruht, die Mitglieder des Verbandes als seine Gäste angesehen wissen. Dabei kommt zur Ur­aufführung ein Trauerspiel von Oberlehrer Loeser in Wolfenbüttel: Herostratus von Ephe­sos (Ein Fest der Artemis). Der Dichter be­handelt im Einverständnis mit Ludwig Fulda dasselbe Problem, wie dessen gleichnamiges Stück. Für den Tempel in Ephesus soll ein neues Bild der Artemis geschaffen werden, Pra­xiteles von Athen ringt mit Herostratus um den Preis und wird Sieger. Durch seine Niederlage wird Herostratus zu der unseligen Tat geführt, die seinem Namen die traurige Berühmtheit verschafft hat; er zündet den Tempel an (356 vor Ehr.), und da» alte Heiligtum, eines der fieben Weltwunder, geht zugrunde.

Zur letzten Militäranwärter-Bersamm- lang wird derKons. Äon." aus Parteikreisen geschrieben: Die in Berlin abgehaltene Ver­sammlung der Militäranwärter hat einen sehr würdigen Verlauf genommen und hat deshalb Überall den besten Eindruck gemacht. Er wehte etwas darin von militärischem Geist, von Dis­ziplin und Selbstzucht, aber auch von btm Ge­fühl des Rechts, was so wohl begründet ist, daß es fich zu seiner Durchsetzung nur auf tatsächliche Darlegung beschränken kann, und der Polemik gegen ander« Stände, besonders gegen die Zivil- Anwärter nicht nur nicht bedarf, sondern auch diesen ihr Recht zuteil werden lasten will. Die zahlreich anwesenden Reichstags- und Landtags­abgeordneten haben denn auch alle diese maß­volle Haltung der Militäranwärter anerkannt, die die beste Gewähr für die Erfüllung ihrer Forderungen bietet. Dieselben betreffen vor­wiegend zwei Punkte, die Abstellung der Arrest­strafen und eine billige Anrechnung der Militär­dienstzeit zu dem Zwecke, daß ihnen die Er­reichung de» Höchstgehaltes in Lebensjahren, wie das bei allen anderen Beamten der Fall ist, gestchert wird. Die bald zu gewärtigende Vor­lage Über Erhöhung der Beamten-Besoldung wird dann hoffentlich auch diese Wünsche er- füllen.

Der nationalliberale Zentralvorstand hat am Sonntag eine Sitzung abgehalten, um zur Frage der Reform des preußischen Wahlrechts Stellung zu nehmen. Nach kurzer Aussprache, die fich an ein Referat des Abgeordneten Schiffer anschloß, wurdeso gut wie einstimmig" eine Resolution gefaßt, in der die preußische Wahl­rechtsreform als unaufschiebbar erklärt ynd da­für folgende Richtlinie gezeichnet wird: Ab- ftandsnahme von der Einführung des Reichs­tagswahlrechts; anderweitige Feststellung der Wahlbezirke und der darin zu wählenden Abge­ordneten; Rücksichtnahme auf die soziale und wirtschaftliche Schichtung des Volke» und Ein­führung der direkten und geheimen Stimm­abgabe. Di« Resolution soll dempreußischen Vertretertage als Grundlage für seine Beratung der Wahlrechtsfrage" unterbreitet werden.

Wörmannlini« kontra Fiskus. Berlin, 2. März. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: In der Klage der Wörmannlini« gegen den Reichs- fiskus wegen Liegegelder in Südwestafrika hat das unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichts- präfidenten Meier in Bremen zusammengetre­tene Schiedsgericht das Urteil soeben dahin ge­fällt, daß von der seitens der Wormannlinie ge­forderten Summe von 1197 916,08 Mk. der Fis­kus nur zur Zahlung von 452 976,55 Mk. ver­pflichtet ist. Die Kosten des Rechtsstreits wur­den zu dreifünftel der Wörmannlinie und zwei­fünftel dem Reichsfiskus auferlegt.

Die Verwendung von Strafgefangenen in der Landwirtschaft. Königsberg i. Pr., 2. März. Heute fand hier über die Frage der Verwendung von Strafgefangenen bei Landeskulturarbeiten und in der Landwirtschaft eine kommistarische Beratung unter dem Vorsitze des Oberpräsiden­ten v. Windheim statt. An der Konferenz be­teiligten fich neben Vertretern der staatlichen und provinziellen Verwaltung»- und Justiz­behörden sowie der heimischen Landwirtschaft auch Kommissare de» Justizminipers und de»

Marburg

Mittwoch. 4. März 1908.

in Deutschland 1.35 M.

in England 6.97 ,

Lettisches Reich.

Der Kaiser empfing den gestern ernannten Schatzsekretär des Retchsschatzamt» Sydow und sodann den Abt von Maria-Laach zur Vorführ­ung eine» Modells zur Ausschmückung der Kirche in Maria-Laach.

Zum Stapellaus de» neuen Linienschiffe» Ersatz Bayern" in Wilhelmshaven haben zwar die Kaiserin und die Königin von Holland ihr Erscheinen abgesagt; Prinz Heinrich der Nieder­lande wird dagegen erscheinen. Das Linienschiff wird wahrscheinlich auf den NamenDränten" getauft werden.

Der Sprachenpnragraph abgelehnt. In der Kommistion de» Reichstags für das Vereins­gesetz kam es gestern zur Abstimmung. Dieselbe ergab, nachdem der fteifinnige Antrag teilweise (Abs. 2 bis 5 einschl.) angenommen war, in der Eesamtabstimmung die vollständig« Ablehnung des z 7 auch in der Regierungsauffassung.

Di« Braunschweiger Ostertagung de» Ver­bände» akademisch gebildeter Lehrer Deutsch­lands welche bekanntlich am 18., 14. und 16.

Indirekte Steuern und Wahlrecht bet uns und in England.

Verminderung oder wenigstens keine Ver­mehrung der indirekten Steuerlast und weitere Ausdehnung des allgemeinen gleichen Wahl­rechts" (namentlich auf immer jüngere Bevöl­kerungskreise), das sind zwei Kardinalforder­ungen unserer Demokratie. Andererseits sind e» genau dieselben politischen Kreise, denen Eng­land als Vorbild eines bestorganisierten Staats­wesens vorschwebt. Und doch ist gerade in England die indirekte Steuerlast sehr viel grö­ßer, das Wahlrecht der großen Maste dagegen viel beschränkter als bei uns in Deutschland. Greifen wir nur drei Mastenverbrauchsartikel zum Vergleich heraus. Die Steuerauflage be­trägt pro Kopf der Bevölkerung nach der libera­lenKöln. Ztg":

beim Tabak beim Bier beim Branntwein

0,78 M. 2.74 M.

6 51 , 11.54 ,

Insgesamt vereinnahmt Deutschland an in­direkten Steuern und Zöllen 26,52 Mark, Eng­land dagegen 48,66 Mark pro Kopf.

Bezüglich des Wahlrechts dürfte wohl ziem­lich das umgekehrte Verhältnis bei einem Ver­gleiche zwischen den beiden Ländern herauskom- men, wie man schon daraus entnehmen kann, daß die Gesamtzahl der bei den englischen Parla­mentswahlen abgegebenen Stimmen in den ver­schiedenen Wahlkreisen selten viel über 100 000 hinausgebt, während doch bei uns in den meisten Kreisen die doppelte, oft aber noch eine viel Srößere Stimmenzahl bei den Reichstagswahlen erauskommt. Von dem sozialdemokratischen Zentralorgan wurden unter den zahlreichen Be­schränkungen, denen das Wahlrecht in England unterworfen ist, kürzlich zwei al» besonder» gegen das Arbeiterwahlrecht wirkend hervorge­hoben.

Zuerst muß jeder Engländer mindestens ein volles Jahr in der Wählerliste eingetragen stehen, ehe er wahlberechtigt wird. Die Be­richtigung der Wählerlisten erfolgt zum 15. Juli jeden Jahres, so daß jemand, bet im August des Jahres 1907 irgendwo zugezogen ist, erst am 15. Juli 1908 in die Wählerliste kommt und erst vom 15. Juli 1909 ab wahlberechtigt wird.Die natürliche Folge dieser Bestimmungen ist daß viele englische Arbeiter ihr Wahlrecht verlieren, weil sie durch ihre wirtschaftliche Lage genötigt sind, häufig umzuziehen," bemerkt hierzu gan- zutreffend derVorwärts".

Ebenso einschneidend gegen das Wahlrecht der Arbeiter, besonders der jugendlichen resp. unverheirateten, dürfte es wirken, daß nur die­jenigen Männer wahlberechtigt sind, die sich im Besitz einer eigenen Wohnung zu einem Mindest. Mietspreise von 10 Pfund Sterl. (über 200 Mr.) befinden.

Man kann also in den englischen Großstädten nicht ledige Arbeiter und Schlafburschen au» einem Wahlkreise für kurze Zeit in einen an­deren abkommandieren, wie es unsere Genosten hier in Deutschland so häufig zu tun belieben.

Man abonniert auf die täglich e^chemendeOberhessrsche -x - . Zeitung" bei allen Postämtern und unfern Zeitungsstellen m

Ao 54 Kirchhain und Wetter sowie bei unserer Expeditton - Markt 21.

_ Der Bezugspreis beträgt durch die Post 2,25 Mk. (ohne Bestellgeld), bei unfern Zeitungsstellen und der Expedition 2 Mk.

Ministers für die Landwirtschaft, lleber die ge­faßten Beschlüste verlautet einstweilen noch nichts Bestimmtes. Es dürfte jedoch anzuneh­men sein, daß di« Beratungen zur Klärung der Verhältnist« beigetragen und für zweckdienliche Maßnahmen den-Boden geebnet haben.

Deutschlands Interest« in Marokko. Au» Casablanca wird der .Deutschen Kolonialzeit­ung" geschrieben: Die ersten Zahlen über de« Außenhandel Casablancas im Jahre 1907 laste« sich jetzt zusammenstellen, und schon bei dieser vorläufigen Aufmachung zeigt sich, in wie hohem Maße Deutschland am hiesigen Ausfuhrhandel beteiligt ist. Man wolle zuerst nicht vergesten, daß Marotto in dem vorhergehenden Jahre 1906 mit einer völligen Mißernte rechnen mußte, so daß die ersten Erträgnist« und Auskünfte der neuen Ernte 1907 vom Landesverbrauch zu Ä Preisen ausgenommen wurden. Daher

i die erste Eetreideverschisfung der Ernte 1907 erst im Juni vorigen Jahres erfolgen. Im Laufe des Juni und des Juli entwickelte sich natürlich ein äußerst reger Export, bei dem die zur Verfügung stehenden Schiffsräume trotz aller Anstrengungen der betreffenden Reedereien nicht genügten, um die auf Verschiffung wartenden Mengen aufzunehmen. Die traurigen Ereigniste im August vorigen Jahres paralysieren natürlich jeglichen Ha-del, wie ja zur Genüge bekannt, und erst im November konnten die Dampfer unter den größten Schwierigkeiten die feiten» der ftanzösischen Behörden, durch di« fortwäh­rende Beschlagnahme der dem internationale« Handel dienen sollenden Leichtersahrzeuge dem Handel in den Weg gelegt wurden, die noch vor­handenen Läger langsam räumen. Der Platz, konsum für den Bedarf der französischen Truppe« hindert« dann den Export in erheblichem Maße, aber trotz all dieser Umstände hat der Export von Casablanca nach Deutschland im Jahr? 1907 die Höhe von 21/, Millionen erreicht, während auf Frankreich und England sich je % Millionen Mark verteilen. An anderen Plätzen ist da» Verhältnis der Zahlen dasselbe, wenn sie auch einen bedeutend höheren Umsatz vorstellen. Z« diesen Zahlen braucht man wohl kaum noch Deutschlands Jntereste in Marokko zu erwähnen; denn di« Zahlen sprechen gegen alle Behauptun­gen von französischer Seite für sich selbst.

Lom Eisenbahndefizit. Infolge des bet den preußischen Staatsbahnen in die Erschein­ung getretenen großen Betriebs""fizits ist die Frage attuell geworden, wie der Staatshaushalt in Zukunft gegen die hieraus entstehenden argen Schwankungen wirksam geschützt werden kann, und ist dabei auf die im Großherzogtum Heuen bestehenden Schutzmaßregeln hingewiesen. E» er cheint von Jntereste, diese Einrichtung naher zu betrachten. Als Hessen mit Preußen die Eisenbahngemeinschaft einging, machte es sich das Ergebnis der gerade damals im preußischen Landtag auf der Tagesordnung stehenden Ver­handlungen über eine Schutzvorrichtung gegen die unbegrenzte Inanspruchnahme der Eisen» bahnüberschüste zu anderen Staatsbedürfnisten nutzbar, indem in Hessen da» eingeführt wurde, was damals in Preußen nicht zu erreichen war. Das hessische Gesetz bestimmt, daß au» den An­teilen des Großherzogtum» ein Ueberschuh der Preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinichaft, (und was aber nicht hierher gehört, auch au» An­teilen an der Lotteriegemeinschast rc.) ein Aus- gleichsfonds zu dem Zweck zu bilden sei, den Staatshaushalt von den Schwankungen dieser Einnahmen möglichst unabhängig zu machen. Aus dem Eisenbahnüberschuß wird vorweg zur Deckung der ordentlichen Ausgaben der allge­meinen Staatsverwaltung ein bestimmter Bei­trag geleistet. Reicht in einem Jahr der Eisen- bahnüberschuß hierzu nicht aus, so wird das Feh­lende aus dem Ausgleichfonds entnommen. Hat der Fonsd eine bestimmte Maximalhöhe er­reicht, so soll der Mehrbetrag zu Bahnhofsum- bauten u. bergt., welche in Hesten sonst aus­nahmslos aus Anleihen bestritten werden, Ver­wendung finden. Diese seit Jahren funktionie­rende Einrichtung hat sich in Hesten ausgezeich­net bewährt, namentlich in der Richtung, daß es gelungen ist, die Ansprüche der Restorts und Abgeordneten auf die EisenbahnLberscküste zu­rückzuhalten und so zu verhindern, daß aus schwankende Einnahmen dauernde Ausgaben ge­gründet werden. Der Ausgleichfonds hat in­zwischen seine Maximalhöhe beinahe erreicht, so­daß jetzt Mehrerträge zu Eisenbahnkapttalau». gaben verwendet werden können. Selbst das jetzt bei der Preußisch-Hessischen Gemeinschaft in die Erscheinung tretende große Betriebsdefizit ver- mag den hessischen Staatshaushalt wenig­stens zunächst nicht zu stören, da das Fehlend« aus dem gut dotierten Ausgleichfonds juge» schossen wird, der jetzt also seine Aufgab« erst recht erfüllen kann.

Di« Beschaffung vo« Kohle für di« Staat»» eisenbahn. Die Staatseisrnbahnverwaltung wirst für 1908 68 Proz. des Gesamtbedarfr an Stein* ,

A- s d?« ParlkMRku.

Deutscher Reichstag.

Im Reichstag erbat und erhielt am Montag Präsident Graf Stolberg die Ermächtigung, dem Alterspräsidenten Abg. v. Winterfeldt-Menkin zu seinem 85. Geburtstage die Glückwünsche de» Hauses auszusprechen. Darauf setzte das Hau» die Beratung der Eewerbenooelle fort. Abg. Ender» (frs. Vp.) meinte, ein gänzliches Verbot der Hausarbeit hätte allerdings die Beseitigung Mer Mißstände zur Folge. Aber mit diesem Dr. Eisenbart-Rezept würden nur zahlreiche Exi­stenzen vernichtet werden. Der Kern unserer Hausindustrie sei gesund, nur die Auswüchse müßten beseitigt werden. Die wundesten Punkte der Vorlage, die im allgemeinen da» richtige treffe, seien die vielen Vollmachten der Polizei und der Mangel an Schutz für Wöchnerinnen. Abg. Burckhardt (wirtsch. Dgg.) erblickte beson­ders in den niederen Löhnen die Uebelstände in der Hausindustrie und trat für feste Tarifab­machungen nebst Kontrolle durch die Lohnbücher, sowie für Krankenversicherung der Heimarbeiter «in. Arbeiterfeindlich seien nur die Sozialdemo­kraten, aber nicht die Regierung und die bürger­lichen Parteien, wie der Abg^ Geyer gemeint habe. Abg. Naumann (frs. Bgg.) betonte, di« Hausindustrie habe auch helle unb lichte Punkte,

Di« Jnsertionsgebühr beträgt für bie 7gehaltene Zelle oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 80 Pfennig. jq Druck und Verlag: Joh. Bug. Koch, Unwersttätsbuchdruckerei Inhaber Dr. «.Hitzeroth, Marburg, Markt 21. Telephon55.

Typisch sei bei ihr jedoch die billige Herstellung der Erzeugnisse, und die Absatzstätten hierfür seien bie Warenhäuser mtt ihrem billigen Schund, al» die ständige Ausstellung der Haus­industrie. Befieres Verständnis im Publikum könne hier viel zur Abstellung der Uebelstände beitragen. Zur Beseitigung der Mißstände in der Hausindustrie werde jäoch am ehesten bie Registrierung führen die es den Arbeitern auch ermöglichen werde, sich zu organifieren, und ste au» dem Fatalismus reißen werd«. Die ganz« Frage sei eine solche der Menschlichkeit und müsse von diesem Gesichtspunkte gesetzgeberisch behan­delt werden. Abg. Schisser (Zentr.) empfahl Heimarbeiterausschüfie und begrüßt«, daß in. immer weiterem Maße auch Großindustrielle sich mit der Besserstellung ihrer Arbeiter beschäf- ttgen. Abg. Everling (natl.) begrüßte die freundliche Haltung de» Hauses zu den Vorlaaen. Unerfreulich sei nur die Haltung der Sozial­demokratie gewesen. Eie wolle die Heimarbeit aus der Zigarrenindustrie ausrotten, aber viel« Tausende in Sachsen werden froh fein, daß es so wenige Sozialdemokraten im Reichstage gibt. Abg. Günther (frs Vp.) erblickte in der gänzli- chen Abschaffung der Hausindustrie gleichfalls eine schwere wirtschaftliche Erschütterung. Führe die Heimarbeit zu einer Schädigung der Gesund­heit, dann sei ein gesetzliches Eingreifen am Platze. Abg. Stadthagen (Soz.) legte die Stel­lung seiner Partei dahin fest, sie wolle nicht die Beseitigung der gesamten Heimarbeit, sondern nur in der Zigarrenindustrie. Abg. Erzberger (Zentr.) glaubte in der früheren Berliner Heim- arbeitsausfteüung ein gtrteue» Bild der Haus­industrie und seiner Mißstände erblickt zu haben. Damit schloß di« erste Lesung, die Vorlage ging an eine Kommission von 28 Mitgliedern. Darauf trat Vertagung ein.

Preußischer Landtag.

Lbgeordueteuhe.uS.

Das Abgeordnetenhaus setzte am Montag die Einzelberatung de, Etats des Innern fort. Wie alljährlich verkündeten Vettreter oller «arteten, diesmal u. a. die Abgg. Baensch-Schmittlein (frkons.), Schulze-Pelkum (kons.) Busch (Zentr.) und Dr. Wiemer (fts. Vp.), das Lob der Gendar­men, denen sie mannigfach« B«fierstellungen wünschten. Minister v. Moltk« sagte wohlwol­lende Prüfung dieser Wünsche zu. Zu einem gereizten Zusammenstoß kam e» dabei zwilchen den Abgg. Busch und Dr. Wie««. Letzterer klagt« Whaft, daß Abg. Busch dem Freisinn den Zeitungsartikel de» Abg. Naumann vor­halte, in dem dieser für bie Neuwahlen den Be­amtenerlaß zu Gunsten der Freifinnigen gefor­dert habe, worauf Abg. Busch fraate, welchem Freisinnsführer man denn eigentlich nun glau- ben dürfe. Abg. Faßbender (Zentr.) lenkte die Erörterung auf bie Fürsorgeerziehung. Gleich ihm bat auch Abg. Heckenroth (kons.), bie Für- sorgezöglinge mehr in Familien unterzubringen unb tunlichst schon bei Beginn bet Verwahr­losung einzugreifen. Nach ähnlichen Ausführun­gen bet Abgg. Hackenberg (natl.) unb Henning (kons.) gab ein Kommifiar zu bedenken daß nicht Überall stets geeignete Familien ausfindig zu machen seien. Beim Kap. Sttafanstaltsver- waltuna betonte Abg. Tourneau (Zentr^), der jetzige Strafvollzug entbehre der ausreichenden Strenge. Dies ließ ein Kommifiar nicht gelten; man erstrebe strenge Disziplin, ohne zu harten Strafen greifen zu müssen. Abg. Hartman« (natl.) tadelte den Dualismus in der Eefäng- nisvetwaltung. Abg. Graf v. Wartensl«ben-Ro- gäsen (kons.) verbreitete sich übet di« Behand­lung irret Verbrecher. Der Rest de» Etats wurde bewilligt.