mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
m» de« KeUagen: ^Literarischer Adriger-, „Laodwirtschastliche Keila,«- Mtd «Iltaftrierte» K«mt-S»l>latt-.
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>/» n i Zeitung" bei allen Postämtern und unfern Zeitungsstellen m
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Marburg
Sonntag, 9. Februar 1908.
Die Jnsertioutgebühr beträgt Hte die 7«spalte» Zeile oder deren Raum 16 Pfennig, für Reklamen 80 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UnwerfitätSbuchdruckerei Inhaber Dr. E.Httzeroth, Marburg, Markt21. — Telephon65.
43. Jahrg.
Erstes Blatt
Allpolnisches.
Die ausgesprochen deutschfeindliche Haltung der großpolnischen Agitatoren, die in der versteckten, aber zielbewussten Arb it für die Wiedervereinigung der getrennten Glieder des früheren Staates Polen ein wirksames Mittel gefunden haben, um Unzufriedenheit und maßloses Begehren in die polnischen Bevölkerungskreise zu tragen, führt — und auch das ist eine wohl beabsichtigte Nebenwirkung — unverkennbar dahin, daß dem Gedanken einer Lostrennung der preußischen und ehmals polnischen Gebietsteile in Rußland immer mehr Anhänger geworben Verden und daß namentlich in dem benachbarten Russisch-Polen für den Fall eines Krieges zwischen Deutschland und Rußland mit der Bun- desgenosienschaft der preußischen Polen wie mit einer selbstverständlichen und vollendeten Tatsache gerechnet wird. So suchte kürzlich der Kurier Warszawski in einem Artikel, der das Verhältnis der polnischen Frage zur inneren Politik Rußlands behandelte und der russischen Regierung eine wohlwollende Politik den Polen gegenüber empfahl, diesen Vorschlag mit folgenden Ausführungen schmackhaft zu machen: „Dies würde nicht nur die Beruhigung Polens bedeuten, sondern auch die Hebung des Ansehens Rußlands in der slawischen Welt. Es wäre dies eine wertvolle Bürgschaft dafür, daß bei etwaigen großen Veränderungen in Oesterreich-Ungarn Rußland auf die Sympathie aller nichtdeutschen Nationalitäten zählen könnte, nicht etwa nur auf die der Polen da ja nicht nur diese von der pangermanischen Gefahr bedroht werden. Außerdem würde Rußland an seiner westlichen Grenze eine nicht zu unterschätzende Stütze finden und es würde auf diese Weise seine Selbständigkeit gegenüber der Politik Deutschlands kräftigen." Und der Verfasser eines in demselben Organ veröffentlichten Aufsatzes zeigt sich bereits so sehr von der Größe und Kraft der allpolnischen Bewegung, speziell im preußischen Anteil, durchdrungen, daß er mit einem verhält- nissmäßig nahen Zeitpunkt für die Erhebung der preußischen Polen rechnen zu können glaubt. Er sagt nämlich: „Es scheint, als ob der Augenblick gekommen wäre, mit dem das Erwachen beginnt. Das polnische Volk im Posenschen hat auf Grund chronologischer Aufstellungen die Ueberzeugung gewonnen, daß die preußische Herrschaft in diesem Lande im Jahre 1913 ihr Ende erreicht. Das unsinnige Vorgehen der preußischen Regierung scheint darauf hinauszulaufen, die Hoffnungen des gemeinen Volkes zu bestätigen."
8 »Nachdruck berboien )
Die weiße Frau von Oldensloe.
Original-Roman von O. Elster.
(Fortsetzung.^
„Verzeih, Alice," sagte der Graf, „wenn ich störe."
„Wen bringst Du denn da?" fragte eine leise, schwach klingende Stimme.
„Ach, es ist der Schulkamerad unseres Lothars. Und denke Dir, es ist der Sohn unseres erschossenen Revierförsters Decker . . ."
„So? Das ist ja ganz interessant. Nun, Du sagtest, daß er auf Lothar einen guten Einfluß ausübe, dann mag er weiter mit ihm spielen."
„Sieh ihn Dir einmal an, Alice."
„Aber weshalb?"
„Findest Du keine Aehnltchkeit?"
Die Frau Gräfin hob die Lorgnette an die Augen und sah mich gleichgültig an. Ich sah in ein feines, blasses, durch Krankheit gekennzeichnetes Gesicht.
Sie ließ die Lorgnette wieder si..ken.
„Ich finde keine Aehnltchkeit. Uebrigens ist er ein hübscher Junge, mit seinem dunklen Lockenhaar und seinen braunen Augen."
„Nun, wenn'Du keine Aehnlichkeit findest, so habe ich mich vielleicht geirrt," entgegnete der Graf lächelnd. „Nun, Kleine, was willst Du?"
Diese Frage galt einem Heinen, etwa fünfjährigen Mädchen in weißem Spttzenkleide, welches sich an den Grafen schmiegte.
„Ich will auch mit dem fremden Jungen foieten,“ sagte die Kleine, die in ihren blonden Locken und mit ihren tiefblauen Augen einem Engelsköpfchen glich.
Der Graf lachte.
„Das sollst Du auch, Kleinchen," entgegnete |i und hob sein Töchterchen empor, um e» zu küssen.
„Das wird doch wohl kaum gehen, Lothar, Meinte die Gräfin.
.Meshalb nicht, meine Liebe? O, der Junge D au» sehr guter Familie" setzte er lächelnd
Selbstverständlich werden die „berufenen" Vertteter der preußischen Polen wieder den Versuch machen, diese Aussprüche als Aeußerungen unmaßgeblicher und unverantwottlicher Personen von sich abzuschütteln. Tatsacke ist aber, daß solcee Aeußerungen an Zahl und Deutlichkeit, um nicht zu sagen Dreistigkeit zunehmen seitdem die polnischen Agitatoren preußischer Staatsangehörigkeit bei jeder passenden und unpassenden Eelengenheit verkünden, daß von einer Versöhnung zwischen Deutschen und Polen niemals die Rtt>e sein könne, und seitdem sie auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens den er- bittettsten Haß und Widerstand gegen alles Deutsche bekunden. Es wäre also verlorene Liebesmüh, den inneren Zusammenhang zwischen den Handlungen der großpolnischen Agitatoren in Preußen und den Drohungen und Hoffnungen des Auslandes gegen Preußen und zu Gunsten der Polen leugnen zu wollen. Wenn daher die polnischsprechende Bevölkerung der deutschen Ostmarken unter den verschärften Maßnahmen der preußischen Regierung leidet, soll sie sich mü ihren Beschwerden an diejenigen wenden, die die großpolnische Bewegung ins Leben gerufen haben, nicht aber an die preußische Staatsregierung, die nur ihre Pflicht erfüllt, wenn sie der polnischen Gefahr gegenüber das nationale Deutschtum politisch, wirtschaftlich und kulturell stützt und sichert.
Politische Parteiverhältmsse in England.
Das aus den Neuwahlen vom Januar 1906 hervorgegangene englische Unterhaus besteht erst zwei Jahre und ist soeben in seine dritte Session eingetreten, nachdem die beiden ersten nach Maßgabe der gesetzgeberischen Erfolge so gut wie ganz ergebnislos geblieben sind. Trotzdem ist nicht zu verkennen, daß gewisse Wandlungen in den e lglischen Parteiverhältnis- s c n eingetreten sind, Wandlungen nicht in dem Sinne, daß die Voraussetzungen für die Mehrheitsbildungen andere geworden wären — dazu reichen die durch das Ergebnis der ziemlich zahlreichen Ersatzwahlen bewirkten Verschiebungen doch nicht aus — wohl aber in dem Sinne, daß die Parteien in sich selbst gewisse Wandlungen durchgemacht haben. Es ziemt sich, mit den Ministeriellen, der liberalen Partei, zu beginnen. Schlag auf Schlag hat diese Partei in den Ersatzwahlen der letzten Monate Niederlagen erlitten, Niederlagen selbst da, wo bisher keine andere Pattei als eben die liberale zur Herrschaft gelangen konnte. Der siegreiche Gegner war in den meisten Fällen die unionistische
hinzu, indem er das Wörtchen „sehr" stark betonte.
Die Gräfin zuckte mit den Schultern.
„Jedenfalls muß Mademoiselle dabei sein," bestimmte sie. „Jetzt aber bitte ich Dich, mich noch eine Weile ruhen zu lassen. Meine nervösen Kopsschmerzen sind soeben vorüber, aber ich fühle mich noch sehr abgespannt."
„Kommt Jungens," sagte der Graf. „Und Amalgundchen Du kannst auch mitkommen, Ihr könnt alle drei mit Mademoiselle in den Garten gehen und dott spielen. Du bist mir aber nicht so wild, Lothar. "
Wir entfernten uns; der Graf trug sein Töchterchen, das die Händchen zärtlich um seinen Hals geschlungen hatte, auf dem Arm.
Dann wurde Mademoiselle, eine zierliche, aber sehr häßliche Französin gerufen, und unter ihrer Aufsicht durften wir im Garten spielen.
Noch steht mir dieser wunderherrliche April- tag voll Sonne und Blütendunst leuchtend in der Seele. Immer noch sehe ich das blonde Engelsköpschen der kleinen Amalgunde, welche sich zwischen den Fliederbüschen versteckte und rief: „Wo bin ich?" Und wenn ich dann tat, als könne ich fit nicht finden, dann jubelte sie auf und sah schelmisch lächelnd aus ihrem Versteck empor. Oder wir spielten „Haschen", ich lief hinter ihr her und bemühte mich scheinbar vergebens, Amalgunde zu fangen, die wie ein lieblicher Schmetterling vor mir hergaukelte. Das erregte dann wieder ihr Entzücken, ebenso, wenn ich mich von ihr haschen ließ.
Lothar erklärte diese Spiele zwar für Dummheiten, und wollte lieber mtt mir eine Festung bauen, aber mich langweilten die Spiele mit der kleinen Amalgunde durchaus nicht, und ich wurde es nicht müde, ihr den Ball hinzuwerfen, sie in einer zierlichen Schaukel zu schaukeln oder sie in dem hochräderigen Sportwagen auf und ab zu fahren.
Mademoiselle hätte uns bei diesen Spielen ganz und gar nicht. Sie hatte sich in eine Laube zurückgezogen, um einen französischen Roman zu lesen. Erst als der Abend dämmette, und sie nicht mehr lesen konnte, kam sie hervor, inbem
Partei, vereinzelt auch die Arbeiterpattei, diese wenigsten» solange, als sie ihren Uebergang ins sozialistische Lager noch nicht vollzogen hatte. Diese Erfahrungen find an der liberalen Partei nicht spurlos vorübergegangen. Offensichtlich sucht sie der Volksstimmung, wie sie sie aus den Wahlentscheidungen heraus zu hören meint, Rechnung zu ttagen. Das beweist u. a. der kürzlich bekannt gewordene Entschluß bezüglich einer weiteren Vermehrung der Flottenrüstungen. Die liberale Regierung soll sich dahin entschieden haben, jeden Fottschritt der deutschen Flotte, obwohl dieser, wie Admiral v. Tirpitz ausdrücklich erklärt hat, lediglich im Interesse des Friedens und der Sicherheit des Friedens und der Sicherheit des deutschen Handels erfolgt, durch das doppelte Maß von Neubauten zu überbieten. Wenn die liberale Partei auf diese Weise aufs neue Halt und Ansehen in den breiten Massen der Bevölkerung zu gewinnen hofft, so drohen auf der andern Seite der fortdauernd ungünstige Gesundheitszustand des Premierministers Campbell-Bannerman und die wachsende Schwierigkeit der irischen Frage den politischen Kredit und den Zusammenhang der Partei vielleicht mehr zu erschüttern, als die Mandatverluste es vermocht haben. Der S ch a tz- kanzler Asquith, der Stellvertreter des Premierministers, genießt keineswegs so allgemein das Vertrauen der verschiedenen, in der liberalen Partei vereinigten Elemente wie Campbell-Bannerman. Und gegenüber der immer mehr ausartenden nationalistischen Bewegung in Irland sind die Meinungen innerhalb der liberalen Partei anscheinend geteilt. Die einen scheuen vor weiteren Zwangsmaßregeln zurück, die anderen befürworten ein energisches Vorgehen, um nicht in ihren Wählerkreisen dadurch Anstoß zu erregen, daß man alles gehen läßt, wie es will. Umgekehrt hat die unionistische Partei entschieden an Basis und Einfluß gewonnen, allerdings in gewissem Grade auf Kosten der konservativen Grundsätze, die bisher in dieser Partei allein ausschlaggebend waren. Die unionistische Partei, ganz und gar verschwistert mit der Tarifreformbewegung des älteren Chamberlain, hat, um sich die 1906 verlorenen Anhänger wiederzugewinnen zu einem Mittel gegriffen, das allerdings für den Augenblick und die nächste Zeit Erfolg versprechen kann, das sich aber auch gegen die wenden kann, die davon Gebrauch machen. Die unionistische Presse und die Redner in den Versammlungen der Tarifreform-Liga verkünden übereinstimmend, daß eine die Arbeiterschaft be
ste behauptete, daß es Zeit sei, in das Haus zurückzukehren. Amalgunde protestierte fteilich dagegen, schließlich mußte sie aber doch gehorchen, und so schied sie nicht, ohne mir das Versprechen abgenommen zu haben, am folgenden Tage wieder mit ihr zu spielen.
Glücklich eilte auch ich nach Hause und erzählte beim Abendessen meiner Mutter und meinem Onkel freudestrahlend die Erlebnisse diese» denkwürdigen Tages.
Onkel Karl lachte so recht hinterlistig in sich hinein. „Wenn man es klug anfängt,“ sagte er, und zwinkerte meiner Mutter mit den Augen zu, „so kann man auch heute noch ein schönes Stück Geld verdienen, es kann dem Grasen nicht angenehm sein, wenn die alte Geschichte aufgedeckt wird."
Da. fuhr aber meine Mutter rot vor zorniger Erregung auf.
„So laß doch endlich diese alte Geschichte ruhen, Karl!„ tief sie. „Ich will nichts davon wissen und möchte in Ruhe und Frieden leben."
„Nun, nun, wenn Du durchaus nicht willst . . ."
„Nein, ich will nicht. Und wenn Du mich nur ein wenig lieb hättest, so schwiegst Du ganz von diesen Dummheiten."
„Ich bin ja schon still liebste Minna," versicherte Onkel Karl mit einer mit an ihm ganz neueit Liebenswürdigkeit. „An meiner Liebe wirst Du hoffentlich nicht zweifeln."
Er versuchte die Hand meiner Mutter zu erhaschen, die sie ihm jedoch rasch entzog.
Erstaunt sah ich von dem Einen zum Andern; zum ersten Mal fiel mir die Veränderung in Dem Wesen der beiden auf. Onkel Karl war von einer liebenswürdigen Aufmerksamkeit, welche sonst nicht zu keinen Vorzügen gehött hatte. (Et suchte sich meiner Mutter auf alle Weise gefällig zu erweisen und war selbst gegen mich fteundlich und herzlich.
Meine Mutter nahm seine Aufmerksamkeiten mit einer gewissen lächelnden Koketterie auf. Zugleich aber bemerkte ich, daß sie nicht mehr pte in de; ersten Zeit ein stille» schüchterne»
fiiedigende Versicherung gegen Unfall, Alter und Invalidität nur dutchgefühtt werden kann, wenn der Freihandel, der obendrein als Ruin für die englische Industrie hingestellt wird, ad acta gelegt und zum Schutzzollsystem übergegangen wird. Obwohl dieses ohne eine Besteuerung notwendiger Lebensmittel nicht möglich erscheint, beginnt, wie die Ersatzwahlen beweisen, die Arbeiterschaft tatsächlich dieser Versicherung Glauben zu schenken, und die unionistische Partei darf wohl, dank ihrem Entgegenkommen gegen demokratische und sozialpolitische Forderungen, bei etwaigen Neuwahlen mit einem wesentlich besseren Erfolg als 1906 rechnen. Die Arbeiterpartei endlich hat, indem sie auf der Konferenz in Hüll sich offen als Freundin und Trägerin rein sozialistischer Ideen bekannt, ihre Zukunft sozusagen auf des Messers Schneide gesetzt. Auf der einen Seite hat sie ihre bis daher einigermaßen unklare Stellung nunmehr scharf präzisiert und dadurch die englische Arbeiterschaft an eine Stelle geführt, wo die Wege sich scheiden müssen, wo sich zeigen wird, ob und bis zu welchem Grade auch in England die Gewerkschaften Helfershelfer und Verbündete des Sozialismus werden wollen, und auf der anderen Seite hat sie durch die Beschlüsse von Hüll eine Grundlage geschaffen, auf der die beiden großen bürgerlichen Parteien sich einigen können und sich bereits mehrfach geeinigt haben. Da» ungefähr find die inneren Zustände der Parteien beim Beginn einer Session, in der wichtige gesetzgeberische Maßnahmen, vielleicht auch sehr bedeutsame politische Entscheidungen zu erwarten sind.
Deuij'ches Reich.
— Schulvorstände, lleber den Eintritt von Lehrern in die nach dem Schulunterhaltungsge- setze zu bildenden Schulvorstände hat der Kultusminister folgende Entscheidung getroffen: Die Schulaufsichtsbehörde kann gemäß § 47 Absatz 3 des Schulunterhaltungsgesetzes für jeden Schulvorstand nur einen Lehrer zum Mitgliede bestimmen. Hieran ändert auch nichts, wenn im Schulverbande Schulen verschiedener Konfessionen vorhanden sind. Im übrigen ist es nach den Bestimmungen in § 47 nut notwendig, daß der von der Schulaufsichtsbehörde zum Mitgliede des Schulvorstandes bestimmte Lehrer an der Schule des Schulverbandes angestellt ist. Es ist deshalb auch zulässig, daß ein einstweilig angestellter Lehrer zum Mitgliede des Schulvorstandes ernannt wird. Von diesem Rechte hat
Wesen zur Schau trug, sondern, daß sie dem Onkel gegenüber ziemlich keck und bestimmt auftrat.
Ferner bemerkte ich eine große Veränderung in der Kleidung meiner Mutter. Statt der schwarzen Witwentracht trug sie ein hellfarbige» Kleid, bas, nach der neusten Mode gemacht, ihre zierliche und doch volle Gestalt votteilhaft hervorhob.
lleberhaupt hatte sich meine Mutier sehr zu ihrem Vorteil geändert. Das ruhige, sorglose und bequeme Leben, das nicht mehr durch die seltsamen und oft mürrischen Launen meines Vaters verdüstert wurde, die neue Umgebung, die lebhafte Stadt, der Umgang mit einigen Freundinnen der früheren Zeit, welche sie als verheiratete Frauen wieder fand, der Besuch des Hostheaters oder eines Konzertes, zu dem ihr der Onkel zuweilen ein Billet schenkte, das alles wirkte nicht nut votteilhaft auf ihren Gemütszustand ein, sondern auch auf ihre äußere Erscheinung. Sie blühte von Tag zu Tag mehr auf, ihre Formen wurden wieder rund und voll, ihre Wangen überzog eine zarte rosige Farbe, ihre Lippen lächelten wieder fröhlich und zeigten eine Reihe kleiner Perlenzähne, und in ihren Augen blitzte eine fast jugendliche Munterkeit auf.
Jetzt verstand man, wie sich mein Vater noch als älterer Mann von fast vierzig Jahren in die hübsche Försterstochter leidenschaftlich hatte verlieben können, und man verstand es auch, daß sich Onkel Karl jetzt In die erst einige dreißig Jahre zählende junge Witwe verliebte. Onkel Karl war von jeher ein großer Damenfreund gewesen; diese Eigenschaft hatte ihn aber geradezu verhindert, zu heiraten, und jetzt, wo er die Vierzig bereits überschritten hatte, fing « an, sich nach einer behaglichen eigenen Häuslichkeit zu sehnen. Dazu kam, daß meine Mutter vorzüglich kochte und scheinbar eine stille, fügsame Frau war, welche ihm das Leven gewiß nicht schwer machen würde. Auch mochte ihn wohl die Rente, welche ihr für Lebenszeit ausgesetzt war, gleichviel, ob sie sich wieder verheiratete oder nicht, reizen. Sie bestritt bamü doch ihren und meinen Unterhatt, (Forts, folgt), t