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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: .»Ktterarifcher Anzeiger". ..Kaudwirlschnstliche Keilnge" uud ..Illustriertes Sormtngsblatt".
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Marburg
Mittwoch, 8. Januar 1908.
Die Jnsertionsgebühr beträgt für die 7aespaltene Zeile oder deren Raum 15 Pfennig, für Reklamen 30 Pfennig. — Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Unwersitätsbuchdruckerei, Inhaber Dr. 6. Hrtzeroth, Marburg, Markt 21. — Telephon55.
43. Jahrg.
Erttes Blatt.
Die Neichssorge.
' Der deutsche Reichstag, der am heutigen Dienstag wieder zusammengetreten ist, wird eine Reihe von gesetzlichen Vorlagen zu bewältigen haben, die für die nationalpolitische Brauchbarkeit des Blocks eine recht schwere Betastung und ernste Prüfung darstellen. Die ernsteste von allen bietet wohl die Reichsfinanz- Heform, die, wie die Dinge liegen, auf die Frage sich zuspitzt: wollen wir festhalten am bundesstaatlichen Charakter des Reiches? Die Finanzminister der Einzelstaaten, namentlich der säch- psche Finanzminister Rüger, haben keine Zweifel daran gelassen, daß mit den Matrikular- beiträgen nicht länger „fortgewurst lt" werden darf. Sachsen insbesondere widerstrebt auch der sogenannten Veredelung der Matrikularbeiträge, durch die die steuerkräftigeren Staaken, insbesondere also Sachsen und die Hansastädte schwer getroffen werden würden. Bisher wurden an Matrikularbeiträgen von den Einzelstarten 40 Pfg. pro Kopf der Bevölkerung erhoben, was für das Reich einen Betrag von 24 Millionen ergab, der längst nicht mehr ausreichte, den Ueberschuh der Reichsausgaben über die Einnahmen aus Zöllen und Steuern zu decken. Ehedem war es anders. Denn die Ueberweisungen hatten dank der Zolltarifreform von 1879 eine wesentlich gößcre Höhe erreicht, als die Ma- trikularumlagen. D.e Einzelstaaten waren damals Kostgänger des Reiches, während heute das Reich bei ihnen vorsprechen mutz. Daß dieser unwürdige Zustand nicht zur Stärkung der Freude am Reiche beiträgt, ist klar. Roch schlimmer aber würde es werden, wenn der Vorschlag der sogenannten Veredelung durchgefübrt, d. h. die Matrikularbeiträge nach der Maßgabe einer Einkommenssteuer und Vermögenssteuer reichsgesetzlich geregelt werden sollte. Es bleibt sich dabei ziemlich gleich, ob diese Steuer nach dem mittelparteilichen Vorschläge nur veranlagt werden und dabei als * aßstab für die Matrikularbeiträge dienen oder nach Herrn Dr. Pachnickes Vorschlag seitens der Einzelstaaten nach reichsgesetzlichen Vorschriften tatsächlich zur Erhebung gelangen sollte. Im einen wie im anderen Falle wäre diese reichsgesetzliche Regelung ein Eingriff in die steuerliche Selbständigkeit der Einzelstaaten. Abgesehen aber davon läuft es auf eine vollständige Verkennung des Wesens der notwendigen Reform hinaus, daß man lediglich für eine zweckmäßigere Verteilung der Steuerlast, nicht aber für die Erschließung von Steuerquellen sorgen will, die für die wachsenden Ausgaben des Reiches genügen. Diese Auffassung scheint vom Bundesrat geteilt zu werden; denn eine Konferenz der Finanzminister von Bayern, Vaden und Württemberg hat ihre Bedenken gegen die sogenannte Veredelung der Matrikularbeiträge nicht verhohlen und neigt zur Einführung indirekter Steuern. Insbesondere genannt werden dabei die Tabakfabrikatsteuer, die Wehrsteuer und eine Erbschaftssteuer. Wenn unter
der letzteren etwa die Ausdehnung der Erbschaftssteuer aus Eltern und Kinder verstanden sein sollte, so würde diese freilich gänzlich aussichtslos sein. Auch dieWehrsteuer hat leider keine besondere Aussicht auf Verwirklichung, dagegen wird man wohl an die Frage der Besteuerung von Bier und Tabak herantreten, die füglich nicht als Lebensmittel bezeichnet werden können. Die Summen, die England und seine Kolonien, Amerika und das republikanische Frankreich aus ihrer indirekten Besteuerung ziehen würden auch aus eine fernliegende Zeit hin no<y die Höhe der Besteuerung überschreiten, die das Reich aus indirekten Steuern zu decken hat. Diese Sachlage ist so klar, daß sie von allen begriffen werden wird. Und wenn auch diesmal wieder der alte unausstehliche Doktrinarismus, den Fürst Bismarck schon bei seinen Steuerplänen bekämpfen mußte, wieder sein ewig nörgelndes Nein erheben sollte, so wird das Volk ihm sicherlich hierfür die volle Verantwortung zuschieben. Denn die Zeiten sind doch vorbei, wo eine einsichtslose Presse die große Lebensfrage des Reiches so dich^ndeln konnte, als handle es sich bei allen Regierungsfragen lediglich um Vermehrung ihrer Einnahmen. So schwach auch der staatliche Sinn unseres Volkes entwickelt ist, so hat man doch nachgerade begriffen, daß es mit der alten Pumpwirtschast so nicht weitergehen kann.
Deutsches Reich.
— Reise des Prinzen Waldemar. Kiel, 6. Jan. Prinz Waldemar von Preußen hat in Begleitung des Hauptmanns Müllenhoff und des Marinestabsarztes Dr. Bilfinger Kiel verlassen, um sich nach Aegypten zu begeben.
— General Keim «nd Prinz Ruprecht. München, 6. Jan. Wie der Korrespondent der „Rh.-Westf. Ztg." aus wohlunterrichteten Kreisen vernimmt, hatte General Keim eine Audienz beim Prinzen Ruprecht, in der dem General Gelegenheit gegeben wurde, ausführlich seinen Standpunkt und die Entstehung des Zwistes darzulegen. Es ist anzunehmen, daß nach dieser Unterredung die Stellungnahme der Bayern einer Revision unterzogen wird.
— Wechsel in höheren Staatsämtern. Der Oberpräsident der Provinz Sachsen, Wirkt. Geh. Rat Freiherr von Wilmowski, tritt am 1. Febr. in den Ruhestand. An seine Stelle tritt der Re- gierungsräsidentp Hegel in Allenstein. — Der Oberpräsidialrat Eramoth in Königsberg wurde zum Präsidenten der Regierung in Allenstein, der Polizeipräsident Dr. v. Borries in Berlin zum Präsidenten der Regierung in Magdeburg und der Landrat des Kreises Teltow, v. Stubenrauch, unter Verleihung des Charakters als Wirkt. Geh. Oberregierungsrat mit dem Range der Räte 1. Klasse zum Polizeipräsidenten in Berlin ernannt.
— Dr. Peters kontra »Köln. Ztg." Heute beginnt vor dem Schöffengericht zu Köln der Be- leidigungsprozeß des Reichskommissars a. D. Dr. K. Peters gegen den verantwortlichen Redakteur
der „Kölnischen Zeitung" Dr. Vrüggemann und den früheren Gouverneur v. Bennigsen, den Korrespondenten des Blattes. Es handelt sich um die Frage des be—rühmten Tuckerbriefes. Bei Gelegenheit des Prozesses Dr. Peters gegen die „Münchener Post" behauptete die „Köln. Ztg.", es habe sich allerdings ergeben, daß der Tuckerbrief eine Fälschung sei. Dr. Peters habe aber einen Brief ähnlichen Inhalts an den Bischof Woodrow in Ragila gerichtet. Dieser Brief liege bei den Petersakten im Auswärtigen Amt, es handle sich bei dem Tuckerbriefstreit also nur um eine Namensverwechselung. Als Verfasser dieser Notiz bekannte sich der frühere Gouverneur v. Bennigsen, gegen den Dr. Karl Peters deshalb eine Beleidigungsklage angestrengt hat, um darin zu beweisen, daß er niemals einen Brief gleichen oder ähnlichen Inhalts wie den Tuckerbrief geschrieben habe. In dem Münchener Prozesse gab auch Bebel zu, daß der Tuckerbrief eine Fälschung sei; seinen Gewährsmann wolle er aber nicht nennen, da er ein hoher Beamter sei. Der Rechtsbeistand des Dr. Peters, Justizrat Cello, ist beauftragt, diesen Gewährsmann herauszubekommen. Jedenfalls will Peters die Ergebnisse des Prozesses zur Erneuerung des Disziplinarverfahrens gegen ihn verwerten.
— Eehaltserhöhnng der Offiziere. Hebet die Notwendigkeit einer Gehaltserhöhung der Offiziere bis zum Hauptmann einschließlich scheinen sich die bürgerlichen Parteien einig zu sein. Nach einer Umfrage der „Mil.-pol. Korrespondenz" bei einzelnen führenden Abgeordneten besteht auch die Absicht, die Tischgelder zu beseitigen und ihren Betrag als Pauschquantum zum Gehalt zu schlagen.
— Der Erlös aus Beitragsmarken der In« validenverficherungvanstalten hat im November 1907 insgesamt 13,9 gegen 13,3 Millionen im gleichen Mo:.at des Jahres 1906 betragen.
— Eine verständige Verfügung. Posen, 6. Jan. Die Eisenbahndirektion Posen hat den Staatsbahnbediensteten, Beamten und Arbeitern in einer Verfügung verboten, den polnischen Vereinen „Sokol" und „Straz" anzugehören, da die Mitgliedschaft dieser Vereine mit den Pflichten eines Staatsbeamten unvereinbar sei.
— Das Ei des Kolumbus. Unter dieser Ueberschrift schreibt die „Tägl. Rdsch.": Reichs- tagsabgeordneter Naumann hat das neue Jahr mit einer Rede begonnen, die seinen überraschenden Scharfblick für eie Lösung schrote» igrr Fragen der inneren Politik abermals glänzend offenbart. Er hat nach einer Blättermeldung erklärt, der Sprachenparagraph des Verein-gr- setzes sei absolut unannehmbar für die polnischen Landesteile, für die anderen Landesteile inoes diskutabel. Es ist erstaunlich, daß bisher noch niemand auf diesen verblüffend einfachen Ausweg verfallen ist. Der Gedanke, den Sprachenparagraphen für solche Provinzen, wo er bedeutungslos ist, einzuführen, ihn von denjenigen Landesteilen aber auszuschließen, auf die er eigentlich abzielt, verdient im Reichstage jedenfalls eingehende Erörtrung.
— Die staatlichen Forstarbeiter in Preuße», Dem Abgeordnetenhause ist eine Nachweis u« über die von der Staatsforstverwaltung beschäft tigten Arbeiter, der Löhne, Arbeitszeit, Kram kenversicherung, Betriebsunfälle usw. plgega» gen. Beschäftigt wurden im Jahre 1906 161 73t Arbeiter, die im Sommer neun, im Winter acht Stunden durchschnittlich beschäftigt werden. Die Männer verdienten durchschnittlich im Sommer 1,62, im Winter 1,38 Mk.. die Frauen 91 Pf. bezw. 77 Pf. Der Höchstlohn betrug für Männer 2,87 bezw. 2,73 Mk., für Frauen 1,70 bezw. 1,57 Mk. Gegen K ankheit waren versichert 49 024, zwangsweise, 8907 freiwillig. Erkrankt waren 5416, für die 94510 Mk. aufgewendet wurden. Die Zahl der Betriebsunfälle belief sich auf 1809, davon 33 tödlich. Die Eesarntauf- Wendungen des Fiskus betrugen 444 412 Mr. für Unfälle.
— Eine neue Wahldemonstration bereitst der sozialdemokratische Wahlvorstand für den 8. Januar vor; in einem Aufruf werden die .Rechtlosen" aufgefordert, eine Resolution gegen das bestehende Wahlrecht zu fassen.
Ausland.
** Oesterreich-Ungarn. Wien, 6. Jan, Der Kaiser empfing heute nachmittag den Kommandeur des preußischen Kaner Franz-Garde« Erenadierregiments Freiherr.i von Esebeck, und Oberstleutnant von Manteuffel vom Schleswig- Holsteinischen Husarenregiment Nr. 16, die sich dem Kaiser als Kommandeure vorstellten. Morgen findet ihnen zu Ehren Hoftasel statt.
** Frankreich. Paris, 6. Jan. In der Angelegenheit *er Liquidation der Kirchengüter in Frankreich scheint ein gewaltiger Skandal bevorzustehen. Es sollen über zehn Millionen; Francs fehlen, deren Verschwinden unaufgeklärt ist. Verschiedene Senatoren erhielten für ihr» Plaidoyers als Advokaten übertriebene Honorare. Die klerikale Presse spricht bereits von einem neuen Pan..ma.
“ Französischer Ministerbesuch in Spanien. Madrid, 6. Jan. Der französische Minister des Auswärtigen, Pichon, ist hier eingetroffen; er wurde vom Botschafter Revoil und dem Personal der Botschaft empfangen. — Staatsmini- fter des Aeußern, Allendesalazar, stattete dem französischen Minister des Auswärtigen, Pichon, einen Besuch ab. Letzterer hatte sodann mit dem Ministerpräsidenten Maura eine Unterredung,
** Toulon, 6. Jan. Der Prozeß gegen den Schiffssähnrich Ullmo wird vor dem Kriegsgericht Ende Januar oder Anfang Februar stattfinden. Die Verhandlungen dürften teilweife öffentlich sein. Nur bei denjenigen Dingen, di» die Sicherheit des Staates und internationale Beziehungen betreffen, wird unter Ausschluß der Öffentlichkeit verhandelt werden.
“ Die „Times". London, 6. Jan. Dem Vernehmen nach sind Verhandlungen im Gange, die darauf abzielen, die „Times" in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, mir Walter, dem bisherigen Herausgeber an der Spitze, umzuwandeln. Die Eeschäftsleitung soll der bekannte Zeitungsverleger Pearson als leitender Direktor übernehmen. Der Charakter der Zeit-
(Nachdruck verboten \
Die Abiturientin.
Skizze von B. Rittweger.
■- „Sieh' nur zu, daß Du den rechtzeitigen Anschluß nicht öerl> ft, mein Jung'", pflegte die Frau Nentmeist Wiegand zu ihrem Sohn zu sagen, als er, dreißigjährig, noch keine Anstalten zum Heiraten machte und auch gar kein Interesse für die schönere Hälfte des Menschengeschlechtes verriet. Die Frau Rentmeister wiederholte ihre Warnung noch des öfteren, ehe sie starb. Dr. Heinrich Wiegand betrauerte sie nun schon seit fünf Jahren. Er war bereits ein guter Vierziger, im Besitz des Professortitels und bei Gelegenheit der Einweihung des neuen Eymnasial- gebäudes hatte man ihn sogar ungewöhnlich früh mit einem Orden bedacht. Er bezog ein giLes Gehalt und seine Mutter hatte ihm ein nicht unbeträchtliches Vermögen hinterlassen. Er war gesund und hatte also ziemlich alles, was ein vernünftiger Mensch sich wünschen kann. Nur eine Frau hatte er nicht. Er wollte auch keine, obwohl er sich oft recht einsam fühlte und die Behaglichkeit, die seine Mutter um ihn zu ver- ireiten pflegte, entbehrte. Seine gute Mutter! ;Er hatte sie sehr lieb gehabt und sie verehrt und geschätzt, das war ja natürlich. Wenn sie auch Mr eine einfache ungelehrte Frau war. Sie war eben seine Mutter. Und seine Mutter kann man sich nicht aussuchen. Das ist bei der Frau was ganz anderes. Seine Frau, die kann man sich aussuchen. Aber es ist nicht gesagt, daß man Ko leicht die richtige findet. Professor Dr. Heinrich Wiegand wußte, daß er sie niemals finden würde. Wußte es schon lange; es hatte vei ihm festgestanden, schon ehe. seine Mutter ihn
ermahnt hatte, den rechtzeitigen Anschluß nicht zu versäumen. Deshalb sparte er sich das Suchen. Was in aller Welt sollte er mit einer Frau ansangen? Mit einer Frau, die keine Ahnung von den „exakten Wissenschaften" hatte, denen er mit Leib und Seele ergeben war! Und andere weibliche Wesen gabs nicht, das stand bei ihm fest, wenn auch in neuerer Zeit das untergeordnete Geschlecht den Männern Konkurrenz zu machen versuchte. Immerhin, möchten'«» die Frauen nur probieren. Es würde ihnen auf manchen Gebieten schon gelingen. Auf dem der Künste zum Beispiel. Warum sollte ein weibliches Wesen nicht ebensogut eine Leinwand bepinseln können als ein Mann! Und was die Musik, dieses unangenehme Geräusch anlangte, auch zur Ausübung dieser „Kunst" mochten sich die Frauen eignen. Und wenn sie studieren wollten, so gab es auch da manche Zweige des Wissens, an die sie sich getrost wagen konnten! Latain und Griechisch lernen, das kann ein weiblicher Verstand wohl fertig bringen. Sprachtalent findet man häufig bei Frauen. Aber was die „exakten Wissenschaften" anlangt, da hört die Konkurrenz auf. Himmel, wenn er an seine Hilfslehrerzeit zurückdenkt! Da hat er ein Jahr lang Unterricht an einer höheren Töchterschule gegeben. In der ersten Klasse. Seit jener Zeit stand's fest bei ihm, daß er niemals eine passende Frau bekommen würde. Hübsche Dinger waren unter den Schülerinnen gewesen, aber rechnen, was er unter Rechnen verstand, das konnte keine! Nicht eine einzige! Und was Geometrie und Physik anlangte — ihm schauderte noch heute die Haut bei der bloßen Erinnerung!
Professor Dr. Heinrich Wiegand hatte sich be
reits darein ergeben, Junggesell zu bleiben, als der Direktor eines Tages dem Kollegium eine Überraschende Mitteilung machte. „Es wird die Herren interessieren," so sagte er, „daß das Pro- vinzialschulkollegium einer Dame gestattet hat, an unserer Schule das Abiturientenexamen als Extraneerin abzulegen. Sie hat sich privatim vorgebildet und gedenkt, Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren!" Eine solche Anmaßung! Was diese Dame sich wohl einbildet? Na, der wird er ein Licht aufstecken! Die soll mal sehen, was dazu gehört! Sie denkt es jedenfalls sehr einfach, ein Abiturientenexamen zu bestehen. Meint vielleicht, an einem humanistischen Gymnasium würden keine besonders hohen Anforderungen in Mathematik und Naturwissenschaften gestellt. Oder hat sie ein paar schöne Augen und rechnet mit der männlichen Schwäche? Bei ihm kommt sie aber damit nicht an. Er wird nicht die mindeste Rücksicht nehmen und wenn sie eine Venus an Schönheit wäre! Aber ungeheuer gespannt ist der Professor auf diese Abiturientin. Wenn sie klassische Philologie zu studieren beabsichtigte, dann würde ihn die ganze Angelegenheit sehr kalt lassen. Doch so kann er's kaum erwarten, dieses Fräulein Hedwig Lenz von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Der große Moment ist endlich da. Professor Wiegand betritt das Klassenzimmer, in dem die schriftlichen Arbeiten angefertigt werden, um die Aufsicht zu übernehmen. Fräulein Hedwig jfenz sitzt auf einer Bank aUetn, hinter den isiännlichen Prüflingen. Professor Wir^nd nähert sich ihr mit einer Verbeugung uno nennt seinen Namen. Dann ärgert er sich. Einem ‘jjtraneer männlichen Geschlechts gegenüber
würde er diese Vorstellung sicher nicht für nötig gehalten haben. Er setzt sich ans Katheder^ nimmt ein Buch zur Hand und vertieft sich i» seine Lektüre, nur ab und zu mal einen Blick auf die jungen Leute werfend. Am längste» haftet sein Auge dann stets auf der Abiturientin. Eine Venus ist sie nicht, auch nicht mehr jung, d-'ch auch keineswegs alt. Vielleicht fünf»* undzwanzig. Häßlich durchaus nicht. Im Gegenteil, eher hübsch. So kluge, lebhafte Augerls hat sie und volles, etwas krauses, aschblondes Haar. Sie ist ganz vertieft in ihre Arbeit, hebt nur bisweilen nachsinnend den zierlichen Kopf und schreibt dann eifrig drauf los. Es handelt, sich heute um den deutschen Aufsatz. Na, ja, das wird sie schon können! Schreiben ist ja heutzutage gewissermaßen ein Privileg der Weiber. Dazu gehört schließlich weiter nichts als eine leidliche Schulbildung und etwas Phantasie. Und Phantasie besitzt das weibliche Geschlecht zweifelsohne. Wenn's nut damit allein gemacht wäre! Abe Logik, Klarheit des Denkens, dt» Fähigkeit, richtige Folgerungen zu ziehen, alles.' was die exakten Wissenschaften fordern, das geht erfahrungsgemäß den Frauen ab. Sollte diese Hedwig Lenz wirklich eine Ausnahme von der Regel sein? — Professor Dr. Heinrich Wiegand denkt von dieser Aufstchtsstunde ab noch mehr an die hübsche Abiturientin als seither. Es tut ihm förmlich leid, daß sie das Examen nicht be- stehen wird. Oder doch nur knapp; denn um -as „Ungenügend" in der Mathematik auszu«' gleichen, müßte sie schon in anderen Fächer« Ausgezeichnetes leisten. Und das traut er nul mal einer Frau nicht zu. ■
Der Professor tadelt sich selbst über das weiche liche Mitleid, mit dem er der Abiturientin am