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Erstes Blatt.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Der Jahreswechsel.

Menn das alte Jahr Abschied nimmt und ein neues heraufzieht, ist der Zeitpunkt gekommen, Ab­rechnung zu halten und neue Hoffnung zu nähren. Nicht nur im Leben des Einzelnen und der Familie, »o sich solche Gedanken von selbst ergeben, sondern auch im Hinblick auf das bewegter« Leben der Staaten und Völker, zuerst im Vaterland«. Wenn das Jahr 1911 auch nicht so schlimm war, als es vielfach gemacht wurde, so hat man doch keinen Grund, es bei seinemAbgang mit besonderen Lobreden zu begleiten. Die abnormen Witterungsverhältniss« haben zwar einen äußerst seinen Wein hervorge­zaubert, sonst aber hat die sengende Sonn« großen Schaden angerichtet, unter dem in erster Linie der Landmann zu leiden hatte. Naturgemäß stiegen auch die Preise der wichtigsten Lebensmittel, und das Ge­spenst der Fleischnot und Teuerung erschien vor unseren Augen. Als man dann die Ernte des Larrde« über­schaute, zeigt« es sich, daß die Verhältnisse zum Teil wohl auch mit Absicht übertrieben schwarz in schwarz gemalt waren, und von einem Hungerjahr konnte man nicht reden. Zu alledem brachte der Marokko­handel eine begreifliche Erregung in da, deutsch« Volk, eine Erregung di« sich scharf gegen die Re­gierung wandte und die im Grunde auf der Erkennt­nis ruhte, .daß die deutsche Diplomatie seit Bismarck nicht erfolgreich gearbeitet Hütte. Di« Summ« von Mißstimmung, die sich im Laufe der Jahr« darüber ensammelte, kam zur Explosion, wohl weil da, Ver- halten der Diplomatie sich in der Marokkofrag« am klarsten auf falscher Fährte sehen ließ. Da» Abkommen mit Frankreich kam zu Stand« und gab es schon kaum einen, der den materielle« Gewinn hoch angeschlagen hätte, so führten Fehler in der Be­handlung der öffentlichen Meinung zu scharfen Zu­sammenstößen im Parlament: nachträglich wurde ja manches gemildert, aber mit Befriedigung steht unser Volk nicht auf den Abschluß dieser Periode zurück. Den Erfolg freilich haben die Ereignisse de» Jahre, gehabt, daß sie jedem, der sehen will, di« Augen darüber öffneten, daß wir Deutsche mit einer mäch­tigen feindlichen Koalition zu rechnen haben, einer Verbindung von Mächten, die trotz allen Ent­gegenkommens bereit sind, den bösen Rivalen Deutschland niederzuhalten, gegebenenfalls, wie die englischen Enthüllungen gezeigt haben, mit Waffen­gewalt. Es hat sich aber auch gezeigt, daß das deutsche Volk, wenn ein« solche Gefahr von außen droht, in sich geschlosien ihr gegenübersteht, vor dieser Welle der patriotischen Begeisterung Haien stch sogar diejenigen verkrochen, deren Geschäft es ist, ihren Mit­bürgern die Freude am Vaterland zu vereckeln, e» war zu beobachten, daß sie für diesen Fall für nötig hielten, sich ein patriotisches Mäntelchen umzubönnen.

Das Jahr der heißen Sonn« war zuglti" das Jahr der akuten Kriegsgefahr für uns. Sie ist an uns vorübergegangen, umso trüber sieht es damit an

Heinrich von Kleist und Napoleon,

Von Peter Hamecher.

DasJournal des Debats" teilte vor längerer Zeit das Dankschreiben mit, welches Goethe am 12. November 1808, kurz nach seiner Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion, an den Eroßkanzler der Legion d'honneur richtete. Es heißt dort:Seitdem Se. Majestät der Kaiser und König die Welt durch seine großen Taten in Erstaunen gesetzt hat, fühlt« ich mich gedrungen, die tief« Verehrung, welche seine Eigenschaften mir einflößten, laut zu erklären." Der Kunstgreis von Weimar stand den Leiden und Be- dürfnisien seiner Nation kalt gegenüber: seinethalben hätte der große Korse Deutschlands Staaten mit einem Handstreich von der Weltkarte tilgen können: et sah nur das erfolgbegleitete Genie, da, mit weitausgreifenden Entsetzensschrttten" erobernd über den Erdball stürmt«: er sah es mit den bewundernden Augen de, über de« Tag weit emporgerückten Aestheten.

Goethe» größter Antipode ist Heinrich von Kleist. Mit ihm tritt das ttagische Genie in di« deutsch« Dichtung ein, das in einem au» Liebe und Haß, au» Angezogen, und Abgestohenwerden seltsam gemischten Gefühl zu dem erhabenen Olympier, der den Goldreif einer edlen Lebenskunst um sei« Dasein zu legen wußte, aufschaut und da, an diesem in die Ewigkeit ragenden Felsen zerschellt.

Kleist war groß im Haß und in der Liebe. Seine seltsam gespannte Seele kannte nicht die mittlere Lage der Gefühle. Goethe, der dem stärksten drama- ttschen Geniu, unserer Nation gegenüber allerdings »«verzeihlich blind und ungerecht war, hat das er­fahre«. Welch ein außerordentlicher Hasser Kleist Im, zeigte jedoch am besten sein« Stellung zum erste«

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marbmg und Kirchham

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46. Jahrg.

1911.

anderen Stellen der Welt aus. Während di« Diplomaten und sogenanntenFriedensfreunde von friedfertigen Reden triefe« und den Krieg völlig auf den Aussterbeetat gesetzt haben, werden di« Me­thoden, mit denen die Völker diese schön« Welt unter sich verteilen, immer brutaler, wie die Tripolisaffär« hinreichend gezeigt hat. Auch Persien, Schickstri ist ein neuer Beweis, was mit dem Schwachen in der Weltgeschichte geschieht. Darum ruft un« das Jahr 1911, wie kaum eine« seiner Vorgänger, zu: Bereit sein ist alle«. Friedfertige Reden sind nur dazu da, um die GÄmnken zu verdecken. Wir aber find in der beneidenswerten Lage, daß unsere Gegner fich nicht einmal die Mühe geben, die schroffen Gegen­sätze, die kein Nachgeben nur gegenseitige Achtung mildern kann, zu verdecken. Darum gilt für un, be­sonder« die Mahnung, mit unserer Wehrkraft immer auf dem Posten zu sein.

Da» neue Jahr stellt un» mitte» hinein in einen Wahlkampf. Der Reichstag, der vor 5 Jahren auch in diesen Tagen im Zeichen de» Block» gewählt werden sollte, ist dahingegangen, uns scheint ganz so schlechte Arbeit hat er nicht gemacht, und wenn an der Reichsfinanzreform auch im einzelnen manche» ausgesetzt werden kann, e« bleibt doch die Tatsache bestehen, daß diese Reform dem Reich« ge- suntre Finanzverbältnisie geschenkt hat: man sollte auch nicht vergessen, daß der vergangene Reichs­tag daneben doch auch noch manches Gesetz fettig ge­bracht hat, dessen Zustandekommen jedesmal warm begrüßt wurde, Nun tobt ein neuer Wahlkampf durch da» Land, und diejenigen, die gern die Stimme« aller irgendwie Unzufriedene« für fich ge­winnen möchten, versprechen, daß mtt ihrer Wahl alles besser werden soll. Schuld an allem Glend in der Welt hat ja immer der politische Gegner, war liegt näher, al« die Wahl eine, solchen Mannes zu ver­hindern. Wahltag. Zahltags Ach nein, ganz so verhält stch bi« Sache nicht. Im Grunire ist es gleichgültig, ob di« eine oder die andere Partei ein paar Sitze verliert. Noch ist die Politik zu gleicher Zeit Frage der Weltanschauung, und eine Wahl, die unter ungünstigen äußeren Verhältnisse« stattfindet, kann wohl einmal das Bild auf kurze Zett «er- wischen, das die Gesamtstruktur unsere« volles bietet, diese selbst bleibt immer dieselbe. Da« deutsche Volk ist und bleibt monarchisch bi» auf die Knoche«. An dieser Tatsache werden auch di« Wahlen nicht rütteln.

Wenn nun da» neue Jahr heraufzieht, wa» soll man hoffen? Wir wünsche«, daß unser Volk sich selbst treu bleibt, daß es vorwärts schreitet nicht nur in äußerer Zivilisation und dem bekanntenFort­schritt auf allen Gebieten", sondern vor allem in wahrer, echter, deutscher Kultur, die stch in wahrer Freiheit, Religiosträt und Gesittung erschöpft. Gott möge un» ein fruchtbares Jahr schenken. Ein Friede in Ehre« möge un- auch diese« Jahr beschieden sein.

Alle« in allem ein glückliche» neues Jahr in Haus und Familie, in Stadt und Vaterland!

Die Marokkoverstandlimq in der französischen Senatskommission.

Paris, 28. Dez. Im Verlaufe des ersten Teils der Sitzung verla« der Minister des Aeußern de Selves zahlreiche Schriftstücke aus

verschiedenen Quellen bezüglich der den Euro­päern in Fes drohenden Gefahr. Er teilte dann den Appell des Maghsen mit, in dem diese, um schleunige Hilfe bat, ferner die von Frankreich an die Signatarmächte von Algeciras, nament­lich an die Negierungen in Berlin und Madrid gerichteten Mitteilungen, die diese über den Sinn, den Zweck und die Grenzen des ftanzöfi- schen Vorgehens sowie über die notwendigen Operationen aufklären sollten, de Gelee, ver­breitete stch alsdann ausführlich über die an General Moinier erteilten Instruktionen und gab Telegramme de« Botschafters Cambon be­kannt, die stch auf die Unterredungen in Berlin und Kissingen bezogen. Des Weiteren begann der Minster ein Expose über die Verhandlungen mit Spanien zu geben, das den ganzen zweiten Teil der Sitzung in Anspruch nahm und am Sonnabend fortgesetzt werden soll. Er machte schließlich Mitteilung von dem auf die Besetzung von Larrasch bezüglichen Schriftenaustausch. Monis erklärte bezüglich der Zusammenkunft in Kisstngen, et habe al« Ministerpräsident nie ge­wußt, was in Kissingen gesagt worden sei. Der Ministerrat habe stch nie damit beschäftigt und auch der Präsident der Republik habe nichts da­von gewußt. Ferner kam es zu einem Zusam­menstoß zwischen PoincarS und de Selves. de Selves versprach fünf Schriftstücke aufsuchen zu lasten, die ihm noch fehlten. PoincarS bemeikte, die Regierung muß der Kommission alle Schrift­stücke mitteilen. Wenn sie das nicht tue, könnte man vielleicht sagen, daß das Dossier de Selves lückenhaft sei. Bei den in Frage kommenden Schriftstücken handelt es stch um die Proteste Frankreich« wegen Besetzung von Larrasch und Elksar.)

Aus Pari« wird denL. R. R." weiter be­richtet.

Der Minister, der von den Verhandlungen nicht« wußte.

Größte« Aufsehen erregte in der gestrigen Sitzung der Senatskommisston zur Prüfung des- deutsch-franzöfischen Marokkoabkommens die Mit­teilung de« ehemaligen Ministerprästdenten Monis, er habe, als er an der Spitze der Regie­rung stand, von den Kissinger Besprechungen Ki- derlens und Eambon« im Juni nichts erfahren. Der Inhalt der Besprechungen sei auch dem Mi- nisterrate, ja selbst dem Präsidenten Fallitzres verborgen geblieben. Pichon läßt seine gestrigen Erklärungen in der Kommisstonsfitzung durch die Blätter bekannt geben, daß sich die Vorbesprech­ungen de« deutsch-französischen Vertrage« von 1909 lediglich auf Nordafrika bezogen und die allgemeine deutsch-französische Politik oder an­derweitige beiderseitige Besitzungen nicht be- rühtt hätten. Deutschland habe damals die all­einigen politischen Rechte Frankreichs in Ma­rokko sowie auch da« lleberwiegen der französi­schen wirtschaftlichen Jnteresten in Marokko über

die deutschen vollkommen anerkannt. Diese Mit­teilung de« ehemaligen Ministers des Aeußer« bezweckt, die nunmehrigen ftanzöstschen Kongo- kompensattonen al« überflüssig und aus frühere» Verträgen nicht hervorgehend hinzustellen.

Wer hat zuerst vom Kongo gesprochen?

Wettere interestante Einzelheiten werden jetzt über die Marokkoverhandlungen bekannt. Herr de Selves la« in der Kommission ein Tele­gramm vor, das von Herrn Jules Cambon über Unterredung mit Herrn v. Kiderlen-Wächter in Kissingen an den Quai d'Orsay gerichtet worden ist. Wie derMatin" zu wisten glaubt, habe Herr Jule» Cambon gesagt, Herr v. Kiderlen- Wächter erkläre, daß die Marokkoangelegenheit für ihn in diesem Augenblick es war am 2L Juni 1911 sich nicht mehr unter denselben Be­dingungen darstelle, wie vorher.

Sie find nach Fes gegangen, und Sie wer­den niemals wieder aus Fes herausgehen. Aber Deutschland ist gern bereit, auf Ma­rokko zu verzichten, wenn Sie uns da­für etwas geben."

Herr Cambon habe darauf gefragt:Was verlangen Sie?" Kiderlen-Wächter antwortete: Kompensationen!" Jules Cambon fragte:Wo?"Ich weiß es nicht; es ist not­wendig, etwas zu suchen." Darauf erwiderte Herr Cambon:Aber sagen Sie e« doch bitte selbst!" Herr v. Kiderlen-Wächter habe nun die Unterredung geschlosien:Sie gehen ja jetzt nach Paris, bringen Sie Einiges mit!" Die Ver­lesung dieser Depesche hat einen gewisien Ein­druck auf die Kommission gemacht.

Schließlich glaubt de-Matin" zu wisten, daß Herr» Schoen, der deutsche Botschafter in Paris, bet elfte war, der das WortKong o" in die diplomatische Erörterung warf. Dies fei geschehen am 9. Juli im Laufe einer Unter­redung, die Herr v. Schoen mit dem Minister de Selve« am Quai d'Orsay hatte.

WMbewegunfl.

* Oeffentliche Wahlversammlung. Für gestern abend hatte der Vorstand des hiesigen konser­vativen Vereins und der Vorstand des national- liberalen Vereins eine öffentliche Wahlversamm­lung einberufen, in der der gemeinsame Reichs­tagskandidat Regierungsastesior a. D., Land­tagsabgeordneter Prof. Dr. Siebt sein Pro­gramm entwickelte. Die Versammlung zeichnete sich vor ben sonst üblichen dadurch aus, daß die sehr zahlreiche Zuhörerschaft sich in der Haupt­sache aus wirklichen Wählern und Bürgern un­serer Stadt zusammensetzte. Nachdem Herr Fa­brikant Schäfer die Versammlung mit einem Kaiserhoch eröffnet hatte, gab er Herrn Prof. Heymann, dem Vorsitzenden des nationallibera- len Vereins das Wort. Redner erklärte, daß die hiesigen Rationalliberalen zwar gern einen eige-

Rapoleon. Zu der Zeit, da Goethe da» oben erwähnte Dankschreiben an ben Großkanzler b«r Ehrenlegion sandte, schrieb ber Sproß de, alten preußischen Sol- daten- und Adelsgeschlechte« derer von Kleist sein Sturmlied des Hasses: das gewaltige Tendenzdrama Die Hermannsschlacht", in dem et seinen Schmerz über di« von monarchischen Sonderinteresien und Un« zuttäglichkeiten gefährdete Selbständigkeit und Ein­heit de« Vaterlandes fich ausweinen läßt, und mit dem er den Deuschen an einem großen sinnfälligen Beispiel einen Weg zur Befreiung vom korsischen Joche weisen will. Er fragt dabei nicht nach den sitt­lichen Qualitäten des vorgeschlagenen Wege»; da» erhabene Ziel rechtfertigt ihm jeden Weg.

Im Iahte 1809 machte ber 17jährige Ftiebrich Staps in Schönbrunn ein Attentat auf Napoleon. (Schnitzler hat diese Attentatsgeschicht« in seinem jungen Medatduu" verwendet.) Di« Idee, den Korsen durch irgendeineRömeriat" au» der Welt zu schaffen, scheint damal» in ber Lust gelegen zu haben, und man sagt auch Heinrich von Meist nach, daß sein Napoleon-Haß um diese Zeit stch zu einer derartigen Absicht gesteigert und verdichtet hat. Adolf Wilbrandt berichtet darüber in seiner Kleist-Bio», graphie wie folgt:Eines Tages erhält der Maler Hartmann in Dresden einen Brief von Kleist, worin ihn dieser ersucht, ihm ein« Quantität Arsenik zu be­sorgen und zuzusenden, da er an seinem Aufenthalts­ort keinen Arzt kenne, bet ihm zu dergleichen behilf­lich sein würde; die Apotheker aber und ander« den Artikel führend« ©eroerbetretbenbe ihm ohne beson­dere Ausweisung über ben Gebrauch nichts bürst«« verabfolgen laste«. Hartmann gerät In heftigste Be­stürzung. Er hatte schon ftüher au» Kleists Reden ersehen wüsten, daß dieser sich mit dem Gedanken, de« rächende« vrutusarm gegen ben neue« Cäsar pt er­

heben, mit unheimlichem Eifer trug: er hatte ge­fürchtet, al« der Freund Dresden verließ, daß ihm eine solche Tat im Ginne liege; nun, da er den Brief gelesen, ist er fest überzeugt, daß es fich um nichts anderes handelt: daß das Gift dazu bienen soll, nach vollbrachter Tat im Notfall dem Mörder davonzu­helfen. Entschlosien, auf das Gesuch des Verblen­deten keineswegs einzugehen, sucht er ihn jur Be­sinnung zu bringen. Er legt ihm in einem langen Briefe bar, daß alle seine Eigenschaften nach Kleist sich durchaus nicht dazu eignen, die blutige Rolle glück­lich dutchzufühten, und fügt hinzu, daß er, was den Aesenikkauf anbetreffe, in demselben Falle sei wie Kleist und niemanden wisse, durch ben er ihn bewir­ken könnte. Hierauf aber erhält et mit Stafette einen zweiten Brief. Die Bebeuken wegen bes Erfolge» find mit Geschicklichkeit abgeworfen, unb zugleich wird gemeldet, daß ein gemeinschaftlicher guter Bekannter, ein Gutsbesitzer, ben Arsenik in einer zum Gute ge­hörigen Apotheke besorge und an Hartmann über­senden werde. Von ihm erwartet dann Kleist, das Gift ohne Säumen zu empfangen. Und in der Tat trifft das Arsenik ein; Hartmann ober bleibt natür­lich dem ersten Beschluß treu und übergibt die Sen­dung einem Dresdener Apotheker. Von dem Vor­haben des Unglücklichen verlautete dann aber nichts mehr; er scheint es, al» ihm die Gesundheit roieber« tarn, vielleicht auch im Angesicht de» elend mißlun­genen Stapft toen Mordversuchs auf gegeben haben. Am 13. Oktober kam Friedrich Staps (ober Etapß) nach Schönbrunn, wo Napoleon Heerschau hielt, und wurde verhaftet, als et sich mit allzu verdächtigem Wesen an den Kaiser gedrängt hatte, den er mtt einem großen Küchenmesser ermorden wollte; am 17. Oktober erschoß man ihn. Al» Kleist von diesen Dingen Kund« bekam, mag ihn doch ein schaudernde» |

Gefühl erfaßt haben. Er hatte an der Befreiung Deutschland» mit gerechten Mitteln verzweifeln ge­lernt unb gedachte nun, der Vorsehung mit einem Dolch oder einer Pistole In die Arme zu fallen, und an diese elende Logik hatte er den ganzen Adel seiner Brust, Leben unb Seligkeit wegwerfen wollen. Sei« guter Genius half ihm noch einmal, als er sich au» der Verirrung aufraffte, um dem Schicksal seine« Weg zu lasten und für sich selber neue Hoffnungen aufzusuchen

Inwieweit diese, auf umständlichem Wege zu Wilbrandt gelangten Nachrichten zuverlässig find, läßt sich nicht ermitteln. Die Biographien Kleist» Meten mehr als einen Beitrag zur Psychologie der Segenbenbilbung. Sein Leben ist ftflr ben Betrachter voller Lücken, und die Motivation mancher seiner Handlungen bereitete oft genug selbst den ihm zu. nächst Stehenden bedeutende G-iroierigkiten. An solchen Punkten setzt fich das Lcgendenoefpinst fest, und dieses Gespinst Ist um so undurchdringlicher ge­worden, als das Interesse für Kleist viele Jahre nach seinem Tobe schlummerte unb sich, als es enbllch wachgerufen wurde, an Erzählungen aus zweiter, dritter Hand halten mußte, die durch ben Schleier der Zelt hindurch und in der subjektiven Färbung der von ben Tatsachen bereits weit entfernten Berichter ben Kern oft bis zur Unkenntlichkeit verändert und verzerrt zeigten. So läßt sich heute auch nicht sagen, was an der Atten'atsgefchichte Wahres sein könne. Nur aus einem verständnisvollen Eindringen in di« Seelengänge des Dichters heraus könnte man stch für die vermutungsweise Möglichkeit einesJa" oberNein" entscheiden.

Heinrich von Treitschke spricht in seinem schöne« Kleist-Austatz von 1858 von einetnicht streng be­glaubigten, aber keineswegs unglaubhaften Hebet»