Marburg
1911
Sonnlag 17. Dezember
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
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Elftes Blatt.
Die heutige Nummer umfaßt 16 Seiten.
eine reichhaltige Zeitung
ist die beite Unterhalt«»»!
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Uxterhallunys-Keilageir
und ein interefianteS Feuilleton ergänzen den Nachrichtenteil besten-, lieber die
Reichstag«- und Kandtagsseehattdlnngen haben wir ferner einen umfangreichen Bericht ein- geführt, ohne den Stoff der Zeitung dadurch zu beschränken.
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Die Folgen.
Die radikale Presie kann nicht oft genug von der Gefahr reden, daß Mitglieder ihrer Partei, sei es infolge mangelnder Entschiedenheit, sei es aus Aerger und Verbitterung, bei den Wahlen Sozialdemokraten werden. Die neueste der hierher gehörenden Aeußerungen findet sich in einem linksliberalen Berliner Blatte,' sie geht dahin, daß, wenn die Liberalen nicht mit genügender Entschiedenheit für die „Front gegen rechts!« eintreten, viele von den entschieden liberalen Wählern verstimmt und unbefriedigt zur Sozialdemokratie übergehen. Nun müssen ja die Freisinnigen am allerbesten Bescheid wissen, wie es im Innern ihrer Wählerschaft aussieht. Daher wird man ihre Befürchtung, daß Freisinnige geneigt sind, abtrünnig und Sozialdemokraten zu werden, als tatsächlich begründet bewerten und als Symptom gelten lassen müssen. Wenn aber heute Freisinnige so leicht bewogen werden können, ihr bisheriges Parteikleid von sich zu werfen, um es mit dem sozialistischen zu vertauschen, so mutz das eine Wirkung der Politik sein, die der Liberalismus in den letzten Zähren betrieben hat. Diese Politik mutz in radikalen Reihen die Auffassung zur herrschenden gemacht haben, datz Liberalismus und Sozialdemokratie wesensgleich find, nur Artunterschiede bedeuten. Lehrt doch Friedrich Naumann, daß die Sozialdemokratie nichts anderes sei als der linke Flügel des Liberalismus. Sie macht sagt er, alles etwas radikaler, aber im Grunde macht sie dasselbe. Nun steht zwar in dem Wahlaufruf der Fort- schrittlichen Volkspartei der Satz: „Von der Sozialdemokratie trennen uns grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten.« Wenn das aber in der Wählerschaft die maßgebende Ansicht wäre, so bliebe es ganz unverständlich, warum Blätter und Politiker immer wieder die Sorge des Ilebergangs zur Sozialdemokratie quält. Daß viel Radikale heute nicht mehr über soviel politisches llnterscheidungsvermögen verfügen, um echten Liberalismus und Sozialdemokratie als dem Wesen nach grundverschieden auseinander zu halten, erklärt sich ganz einfach als Folge eine Verhetzungstaktik, deren man sich namentlich feit der Reichsfinanzreform befleißigt. Diese Politik hat ihre Anhänger radikalisiert und für die Sozialdemokratie als die Partei, die am ent- ischiedensten auch von ihnen erhobene Forderungen vertritt, zugänglicher gemacht,' und zwar
auch insofern, als ihnen der Erotzblocktaktik halber fortwährend vorgeredet worden ist, die „Genossen" seien gar nicht so böse Leute, als die sie sich gewöhnlich selber ausgeben; sie müßten sich früher oder später mausern, und daher könne man mit ihnen eine ungemessen lange Strecke Weges Zusammengehen. Die Gefahr, datz bei den Neuwahlen zum Reichstage viele Radikale zur Sozialdemokratie übergehen, bezeugt, wie heillos in zwei Jahren das nationale Gewissen abgestumpft ist und die Grenzlinie! zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie verwischt worden find.
Das Marokkoabkommen in der französischen Kammer.
Paris, 15. Dez. Die heutige Kammersitzung nahm zunächst einen wenig bemerkenswerten Verlauf. Der geeinigte Sozialist Vaillant erklärte, datz seine Partei für das Abkommen, das ein Friedenswerk sei, stimmen werde, und legte in einer eineinhalbstündigen Rede unter grotzer Aufmerksamkeit des Hauses den Standpunkt seiner Partei gegenüber dem Abkommen dar. Hierauf übte der Republikaner Abel Ferry eingehende Kritik an dem Marokkoabkommen namentlich an den den Bergbau betreffenden Punkten, indem er u. a. sagte, der Boden Marokkos mit seinen Lasten bleibe der Regierung, der Untergrund mit seinem Gewinn den Bergwerkskonsortiums. Schließlich tadelte er auch die Regierung, weil sie aus der entschlossenen Haltung des französischen Volkes nicht die entsprechende Kraft geschöpft habe, um bei den Verhandlungen mit Berlin energisch zu bleiben. Der Nationalist Delahaye erging sich in heftigen Ausfällen gegen das Ministerium namentlich gegen DelcaW und Eaillaux, welch' letzterem er feine Verbindungen mit der Finanzwelt vorwarf. Er erklärte, das Abkommen sei eine Schmach und eine Friedensgefahr und versuchte in einer fast zweistündigen Rede durch beleidigende Angriffe gegen das Kabinett und die Radikalen irgend einen lärmenden Auftritt her- vorzurufen, was ihm aber nicht gelang, da die Kammermehrheit sichtlich entschlossen war, ihn nicht ernst zu nehmen. Schließlich erklärte Delahaye, datz er ermüdet sei und morgen seine Rede fortsetzen werde. Sodann ergriff Millerand das Wort und verteidigte im Namen der sozialistisch-republikanischen Gruppe unter gespannter Aufmerksamkeit der Kammer das Abkommen in einer sehr wirkungsvollen Rede, in welcher er u. a. sagte, Frankreich müsse sich in Marokko vor einer Eroberungspolitik mit ihren unberechenbaren Gefahren hüten und bestrebt sein, den Eingeborenen Vertrauen einzuflötzen. Frankreich müsse eine realistische Politik verfolgen und seine Freundschaften und Bündnisse betätigen. Schließlich erklärte Millerand, Frankreich werde das Abkommen mit der peinlichsten Redlichkeit anwenden aber auch alle Konsequenzen aus demselben für sich ziehen. Es sei ebenso entschlossen, die Rechte der Anderen zu schützen wie den Seinen Achtung zu verschaffen. Mit einer in warmen Worten gehaltenen Versicherung der Friedensliebe Frankreichs schloß Millerand seine mit großem Beifall aufgenommene Rede.
Paris, 15. Dez. Die gesamte Presse stellt den Eindruck der Rede des Grafen de Mun fest. Jaurtzs schreibt in der „HumanitS: Die Hauptsache ist, datz die ungeheure Mehrheit der Kammer durch den der Rede de Muns gespendeten Beifall unzweideutig die Eeheimverträge und die geheime Diplomatie verdammt hat. DelcassS konnte dieses Urteil nicht vertragen und verschwand aus dem Sitzungssaal. — Der „Figaro" erzählt: Ein Deputierter habe nach Schluß der Sitzung gesagt: Wir sind 595 Deputierte. Ich kann mir vorstellen, daß wir alle für den Vertrag stimmen, aber ich konnte nicht begreifen, datz auch nur ein einziger ihn verteidige.
Italien und die Türkei.
Rom, 15. Dez. (Agenzia Stefani.) Das türkische Kriegsministerium veröffentlicht eine Depesche des Kommandanten der türkischen Truppen in Benghasi, welches besagt, daß die Italiener Dumdumgeschosse und andere Explosivgeschosse verwendeten, die durch die internationalen Uebereinkommen verboten find. Der Kommandant soll auch angekündigt haben, ita
lienische Munitionskisten mit Dumdumgeschossen nach Konstantinopel zu senden. — Zu dieser Nachricht meldet die Agenzia Stefani: Diese durch den türkischen Minister veröffentlichte Nachricht entbehrt jeder Begründung. Es genügt, auf die Tatsache hinzuweisen, daß bisher keine Munitionskiste den Italienern vom Feinde genommen worden ist, denn et wurde stets geschlagen. (?!)
Rom, 15. Dez. Aus Tripolis, Ain Zara, Tatjura und Homs ist nichts neues zu melden. Kundschafter und Flieger bestätigen, daß das Gebiet nördlich von Azizies fast völlig vom Feinde geräumt ist. Ein Teil der Türken soll fich in Garian, ein Teil in Azizies befinden. Bei den Türken sollen noch etwa tausend Araber von Gebe! und aus Zavia, sowie einige Häuptlinge aus anderen Ortschaften, jedoch ohne Mannschaften sein. Es find Anzeichen vorbanden, daß die Araber die Türken mit der Absicht, sich den Italienern zu unterwerfen, verlassen. Aus Benghasi wird nichts neues gemeldet.
Deutsches Reich-
— Die Friedensengel. London, 14. Dez. Die Arbeiterpartei plant einen neuen Besuch in Deutschland, um damit eine Friedenskundgebung zu veranstalten. Das Mitglied des Unterbauses Henderson ist von der Partei beauftragt worden, Erkundigungen einzuziehen, ob der Besuch in der nächsten Pfingstwoche oder zu einem späteren Zeitpunkte angenehm ist. — Berlin, 15. Dez. Bebel hat auf die Friedensadresse der englischen Arbeiterpartei an die sozialdemokratische Reichstagsfraktion eine Antwort an die englische Arbeiterpartei gesandt, deren Wortlaut der „Vorwärts" heute bekannt gibt. Bebel fiibrt u. a. aus, datz die Sozialdemokratie dem Wettrüsten zu Wasser und zu Lande entschieden entgegentreten werde. (Nun natürlich!)
Ausland.
•* Tarifmatzregeln in Amerika. Newyork, 15. Dez. Knox fordert in einem vom „Newyork Hcrald" veröffentlichten Schreiben, das er an llnderwood richtet, die Bevollmächtigung vom Vräsidenten Taft zu durchgreifenden Tarifmaß-
-fiT, um der unterschiedlichen Behandlung ein Ende zu machen, die gewisse fremde Länder der amerikanischen Einfuhr noch anaedeihen ließen. Knox führt Beispiele einer solchen unterschiedlichen Behandlung seitens Belgiens, Deutschlands, Italiens, Oesterreich-Unaarns, Portugals und Bulgariens an und empfiehlt die Anwendung von Vergeltungszöllen, um ihr entgegenzutreten. In einigen Fällen werde es vielleicht notwendig sein, Zulchlagszölle von 5 bis 25 Proz. auf einige Artikel zu legen, oder man könne die gesamte Ausfuhr einer Nation nach den vereinigten Staaten zu höheren Sätzen wie denen des bestehenden Minimaltarifs unterwerfen. In Fällen schwererer Art könne sogar ein Einfuhrverbot notwendig sein.
Marburg und Umgegend.
(RarUd aller Lriptnaiarttfel Ist aemäfc § 18 Uibrbcrrcchts nur mit der deutlicher CiieNenanqabe .Cberbefj Zig "
, Marburg, 16. Dez.
• Städtisches. Am nächsten Dienstag wird eine Stadlverordnetensitzung abgehalten. Auf der Tagesordnung stehen drei Punkte.
* Der silberne Sonntag dürfte diesmal als Hauptverkaufstag und demnach eigentlich als „goldener" zu bezeichnen sein. Die Zahl derer, die Wk Weihnachtseinkäufe bis zum Besche- rungstage aufheben, bleibt gewiß in der Minderheit. Und in diesem Jahre fällt der heilige Abend auf den letzten Sonntag vor Weihnachten. Es ist nur noch eine kurze Spanne Zeit. Wer darum mit seinen Einkäufen noch im Rückstände ist, für den wird es hohe Zeit, die Gaben des Christkindes einzuholen: noch ist die Auswahl überall eine reichhaltige, kann etwa nicht Vorhandenes von den Geschäften bis zum heiligen Abend prompt besorgt werden. Die Geschäfte dürfen morgen bis 8 Ubr abends geöffnet fein.
• Sic verlängerte Geschäftszeit vor Weihnachten. Wir erinnern noch daran, datz von Dienstag bis ein» schließlich Sonnabend die Ladengeschäfte bi» 10 Uhr abend» offen gehalten werden dürfen.
* Hessischer Verein für Lnftschiffahrt. Arn Dienstag, den 6. b. SR., fand im Physikalischen
Institut Vereinsversammlung statt. Prof. .Lücharz trug über Drachen, Gleitflieger, Motor« flieget und Vogelflug vot und etläutette btt physikalischen Prinzipien des dynamischen Ans- ttiebs bei den verschiedenen in Betracht kommen« den Fällen. Die Wirkungsweise der Kräfte wurde durch eine Reihe von in großem Maßstabe ausgeführten Zeichnungen illustriert. Einige der wichtigsten Beispiele wurden durch Lichtbilder aus der Wirklichkeit veranschaulicht und außerdem Gleitflüge und Motorflüge an Modellen demonstriert. Von besonderem Interesse ist die Anwendung dieser Prinzipien de» Fliegens auf den Vogelflug, speziell die Form des Kreisens der Raubvögel und des Segelfluges ohne Flügelschlag. Die neuesten Gleitflüge der Gebrüder Wright beruhen auf der Benutzung eines Eleitfliegers mit Steuervorrichtung und ahmen den Wellen-Segelflug der Vögel bei ungleichmäßigem Winde nach. Sodann berichtete Landrat von Hartmann-Krey sBerleburg) über die Ballonfahrt vom 6. August mit dem Prinzen Georg zu Sayn-Wittgen-Hobenstein, wobei in interessanter Meise die verschiedenartige Wirkung des Pöschelschen Versteifungsringes in Bezug auf das Verhalten des Ballons in der Höhe und bei der Landung besprochen wurde. Schließlich zeigte Dr. Stuchtey eine Reihe von sehr schönen Aufnahmen, gemacht bei bet Fahrt im Juni nach Celle. Von geschäftlichen Angelegenheiten wäre zu erwähnen, daß der Fahrtenausschutz durch Wiederwahl der Herren Privatdozent- Dr. Hübner, Dr. Callietz und Dr. Stuchtey ergänzt worden ist. Ferner wurde ein Publi- kationsausschuß, bestehend aus letzterem, Dr. Bieber und Dr. Robitzsch eingesetzt. Herr Inspektor Preiß wird auch weiterbin als Ballon- meister fungieren. — Die nächste Vereinsversammlung soll am Montag den 8. Januar statt« finden. In ihr wird Dr. Callietz die vom Verein neu anaefchafften Ballon-Instrumente vor« führen. Außerdem werden die in der Dezember« si""ng zurückgestellten Fahrtberichte mit Lichtbildern erstattet werden. In der Februar« fitzung. wabrscheinlich am Freitag den 16. Febr., wird bet Verein bie große Freube haben, Herrn Leutnant Karl Iusti über seine eiaenen Er« fabrungen als Flieger, mit Lichtbilbern vor« getragen, zu hören. Näheres wirb noch burch Inserat mitoeteilt werden.
* (Sine Weihnachtsbitte. Auch diesmal soll, wie schon int Inseratenteile mitgeteilt, beim Weihnachtsfest in der Wanderarbeitsstätte den Aermsten, die das Schicksal auf die Landstraße geführt, eine Freude bereitet werden. Zu Weihnachten wird ja so viel der Armen gedacht, man« vergesse deshalb auch die Wanderer nicht. Wer irgend eine Gabe spenden kann, Kleider, Schuhwerk ober Geld, wofür Strümpfe. Unterzeug und Halstücher gekauft werden sollen, der sende es dem Verwalter Preiß ein oder mache ihm davon Mitteilung. Jede Gabe wird gern abaeholt. In der Wanderarbeitsstätte kehren durchschnittlich täglich 30 arme Reisende ein, während bet Feiertage wird fich diese Zahl verdoppeln. Viele von ihnen, besonders diejenigen, die keine Heimat mehr haben, werden dies zu Weihnachten doppelt schwer empfindeck. Hoffentlich tragen diese Zeilen dazu bei, daß diese Armen, die all« ja einmal — und wenn auch vielleicht zuletzt als Kind — unter dem Weihnachtsbaum gestanden haben, auch diesmal beim Fest der Liebe nicht ganz vergessen werden.
• Vermißt wird fett gestern früh ein junges hier in Stelle befindliches Mädchen. Da man Kleidungsstücke von ihm in der Nähe der Schützenpfuhlbrücke am Lahnufer fand und dortige Bewohner nachts Hilferufe gehört haben wollen, wird vermutet, datz es sich ein Leid angetan hat. Die Nachforschungen führten bis jetzt zu keinem Resultat.
• Eine seltsame Jagdbeute versuchte vorgestern ein Jagdhund in sichere Obhut zu bringen, nämlich eine große Wurst. Wo er diese aufgefpürt hatte, wissen wir nicht. Kurz und gut, er hatte eine Wurst und suchte diese vor seinen schimpfenden Verfolgern in Sicherheit zu bringen. Es gelang ihm aber nicht, denn ein junger Mann packte ihn am Schwanz, worauf der Hund die Wurst fallen lieh.
• Strafkammer. Ein Lehrling, der alstrhand unehrliche Handlungen begangen und auch eine Uhr gestohlen hatte, wurde zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt.
* Müll-Abfuhr. Am Dienstag und Freitag wirb bet Müll in nachstehenden Straßen wie folgt abgeholt: Von 7 Uhr ab Zwifchenbaufen, Ketzerbach (südliche Seite), Uferstraße, Dunsen- fttaße, Deutschhausstratze; von 9 Uhr ab bis