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zweites Rratt

Kr. 287

Donnerstag, 7. Dezember

W-a^rfaasa

Deutscher Reichstag.

Sitzungsbericht. .

4t-- - - 217. Sitzung Vorn 5. Dezember. "'T'

Am Tische des Bundesrats: Dr. Delbrück, Wer Muth.

Präsident Graf Schwerin eröffnet die Sitzung ®#t 10 Uhr 15 Minuten.

Die dritten Lesungen der Rechnungsfache», die ;6m Montag debattelos genehmigt wurden, werden in drei Minuten erledigt. Tie durch die gestrige Be- Mlußunfähigkeir abgebrochene zweite Lesung der ost- »frikanische« Bahnvortage wird wieder eröffnet; es liegt aber keine Wortmeloung vor, und es wird so­fort in die dritte Lesung eingetreten und die Vor- ohne jede Erörterung verabschiedet. In dritter Lesung werden sodann der dcntsch-japanische Han­delsvertrag, der dentsch-ruglische Auslirfcrungsver- trag bezüglich gewisser britischer Protektorate, die deutsch-japanische KonfulatSvereinbarung, das deutsch-britisch« Handclsprovisorium erledigt.

Um 10 Uhr 30 Minuten ist man bei dem 16. Punkt der Tagesordnung, der dritten Lesung des

Hausarbeitsgesetzes.

Auch hier meldet sich in der Generaldiskussion niemand zum Wort. Als Paragraph 17 a wird aus Grund eines gemeinsamen Antrages aller Parteien folgende Bestimmung iy das Gesetz eingefügt: Der Den Hausarbciteru gewährte Entgelt ist Vergütung für Arbeiten oder Dienste, welche auf Grund eines Arbeit-- oder Dienstverhältnisses geleistet werden iw Sinne des Gesetzes betreffend die Beschlagnahme des Arbeits- oder Dienstlohnes. Der Antrag soliden Ge­danken eines in zweiter Lesung gestellten Antrages Stadthagen (Soz., durchführen, wonach das Arbeits­verhältnis in der Hausindustrie als Dienst- und nicht als Werkvertrag gelten soll, zum Schutze des Lohnes, soweit es sich um einen wirklichen Heimarbeiter und nicht um eine Art Kleinindustri- Slen handelt.

Das Hausarbeitsgeseh wird verab­schiedet, sodann unter Annahme einer unwesent­lichen Aenberung die kleine Gewerbenovelle be­treffend die Lohnbücher und Arbeitszettel.

Es folgt dann [Sy

eine Geschäftsorduuugsbebatte.

Abg. Dr. Müilcr-Meiningen (VP.) macht darauf aufmerksam, daß er bei der ostafrikanischen Bahnvor­lage nicht dazu gekommen sei, eine Persönliche Be­merkung zu machen.

Präsident Graf Schwerin stellt fest, baß nach der Geschäftsordnung persönliche Bemerkungen nur gemacht werden dürfen in bezug auf Aeutzerungen, die am selben Tage gemacht sind.

Die weitere Debatte hierüber ergibt die Fest­stellung einer Lücke in der Geschäftsordnung, da für den Fall des Abbruchs einer Sitzung wegen Beschluß­unfähigkeit nicht gesorgt sei.

Abg. Freiherr v. Gamp (Rp.) gibt dem nächsten Reichstage den Auftrag, diese Lücke zu beseitigen.

Auch das Gesetz betreffend die Aufhebung des Hilfskassengesetzes wird ohne Debatte in dritter Lesung angenommen.

Es folgt die dritteLesungdes

BersichcrungsgesetM für Angest«rlte.

Abg. Hoch (Soz.) gibt in längerer Rede eine Er­klärung über die Zustimmung der Sozialdemokraten Mir Angestelltenversicherung. Das Gesetz hat zahl­reiche schwere Mängel, aber es bringt doch wichtige und grundlegende Fortschritte.

Damit ist die allgemeine Aussprache beendigt. Zu einzelnen Punkten des Gesetzes sprechen die Abgg Irl (Str.) und Cuno (BP.). Im einzelnen fim ihre Ausführungen nicht vernehmbar. sprechen noch zu einzelnen Paragraphen die Abgg. Schickert (kons.), Dr. Fleischer (Str.), Cuno (BP.) und Dr. Potthoff (VP.).,

Inzwischen wird ein weiterer Kompromißantrag S ch u I tz verteilt, der eine der wesentlichsten Be stimmungen des Gesetzes entscheidend ändert. Es handelt sich um die Anerkennung der Er­satzkassen und die mit solchen abgeschlossenen Verträge. Rach dem Kommissionsbeschluß sollten al- Ersatzkassen alle Versicherungseinrichtungen zugc lasfen werden, die bis zum 15. Oktober ins Leben getreten sind, und der gleiche Termin sollte gelte; für die Einzelverträge von Angestellten mit solcher Kassen. Der neue Antrag Schultz kommt den Lebens Versicherungsgesellschaften und den Angestellten, bu­ht der Zwischenzeit noch Verträge abgeschlossen haben Entgegen, indem als Grenzpunkt der heutige 5. De

zemver vesttmmk wkrd, so datz also alle Vertragt gelten, die bis zum heutigen Tage ab­geschlossen waren.

Abg. Raab (wirtsch. Vgg) spricht gegen ben An trag, während die Abgg. Schultz (Rp.), Momm ieit (VP.) für den Antrag eintreten.

Der Antrag Schultz wird angenommen.

Bei Paragraph 381, der von den Versicherungs Verträgen mit den Lebensversicherungsgesellschaftei handelt, gibt Geheimrat Beckmann Auskunft übet die Art, wie die Versicherungsverträge der Ange­stellten bei dem Reichsamt für Angestellte-,tverstche rung verpfändet und bewertet werden sollen.

In der Gesamtabstimmung mir» das Gesetz ein­stimmig unter lebhaftem Beifall angenommen.

Eine koloniale Petition des Rittergutsbe;rtzert Wolff in Walsrode auf Anerkennung eines Ver­trages bezüglich Länder-, rb in Ostafrika wird zu, Erwägung überwiesen.

Um 1 Uhr vertagt - h das .Haus auf 1.30 Nhi mit der Tagesord" - - - - 1 tro:Toof*fommen.

MarokkodcSatte zweiter Teil.

Am Tische des BundeSrais: v. Bethmann Holl- lveg, v. Kiderlen Wrechter, Wermuth, Delbrück. BiSco, Solf usw.

Die Sitzung wird pünktlich um 1.30 Uhr er­öffnet. u _

Zur Verhandlung Gehen die Anträge der Kom­mission. Danach erhälb Paragraph 1 des Schutzge­bietsgesetzes folgenden Absatz 2: Zum Erwerb und zur Abtretung eines Schutzgebietes oder von Teilen eines solchen bedarf es eines Reichsgesetzes. Diese Vorschrift findet auf Grenzberichtigungen keine Anwendung.

Die in erster Lesung gestellten Anträge der Na­tionalliberalen, der Volkspartei und der Sozialdemo­kraten werden hierdurch für erledigt erklärt.

Weiter beantragt die Kommission, den Reichs­kanzler zu ersuchen, im Interesse der deutschen In­dustrie bet ben noch mit Frankreich infolge der Ab­kommen über Marokko und Nequatorialafrika zu fchließenden Verträgen u. a. in Verhandlungen über eine zweckentsprechende Aenberung der neuen französischen Tarabestimmungen vom 27. August 1911 einzutreten.

Abg. Freiherr v. Hertling (Str.) erstattet den Bericht der Kommission.

Reichskanzler v. BL.Hmgnn Hollweg: Ich stelle zunächst fest, baß die Verbündeten Regierungen be­reit sind, dem Anträge auf Abänderung des Schutz- ;ebietsgesetzes z u z u st i m m e n. Auch wir halten !s für zweckmäßig und wünschenswert, daß Aende- cungen in dem Bestand unserer Schutzgebiete nur )urch Reichsgesetz erfolgen. Weiter möchte ich mich ;u dem Vorwurf äußern, daß die Regierungen nicht mehr für die

Information »er öffentlichen Meinung zeian haben, warum sie nicht der Niedergeschlagen­heit, dem Unwillen, der weite Kreise erfüllte, eni- Kgengetreten sind. Der Grund war nicht Bureau« ttatische Geheimtuerei, sondern sorgfältige lleberlegung. Die Geheimhaltung der Ver­sandlungen, die wir von Frankreich forderten, die leidenschaftliche Erregung, die durch die Haltung Englands hervorgerufen worden war, legte uns zroße Zurückhaltung auf. Dadurch ist dem Volke allerdings eine schwere und harte Geduldsprobe auf« »Hegt worden. (Sehr richtig!) Aber es kam dar­aus an, mit Frankreich allein zu der Verständi- aung zu gelangen. Diesem obersten Zwecke mußten wir alles "andere unterordnen. Hätter wir aber auf öffentliche Aenßerungen, die in England geschehen mären, öffentlich beantwortet, und hätten wir die Verwahrung, die wir beim Londoner Ka­binett einaelegt hatten, aller Welt kundgetan, bann hätten wir den Weg zu unserem Ziele nicht freier und leichter gemacht; im Gegenteil, wir hätten ihn verbarrikadiert. Insbesondere muß en wir auf die Rückwirkung auf die öffentliche Meinung Frank­reichs Rücksicht nehmen (Unruhe rechts.! Freilich mußte bei unserer Zurückhaltung die Stimmung im eigenen Lande immer erregter und ungeduldig-:, werden. Daß ist ein großes nnb schwer z u tra­gendes liebel gewesen; aber wir haben es ge tragen in der Hoffnung daß es un° nach dem Ab- schiusse des Geschäftes mit Frankreich gelingen werde die patriotisch- Erregung und den kritischen Eifer auf das rechte Maß zurückzubringeu. Hätte ich vor­ausgesehen, was während des Verlaufs bei Kommission-Verhandlungen in England über

gewiss? Vorbereitungen tut September aesagt wurde (Bewegung), »amt hätte ich freilich mit p-r i^.t erfolgten Publikation nicht mehr länger

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niriickg»halten.- Es ist nicht unsere Schuld, wenn wir nunmehr zu der Veröffentlichung haben schreiten müssen, und ich konstatiere mit Befriedigung, daß man auch in England dafür Verständni» gesun- ben hat.

Bei allen diesen Verhandlungen hat unser Verhältnis zu England einen breiten Raum eingenommen. Nunmehr liegen auch die Erklärungen der englischen Minister vor; ch erkenne gern an, daß sie in versöhnlichem Tone gehalten sind. Der englische Minister des Auswär- iigen hat ganz offen von den Besorgnissen ge­sprochen. die durch die Entsendung desPanther" nach Stgabir und durch die Pläne unserer Marokko lolitik überhaupt eingeflößt worden seien. Der Zug oer Franzosen nach Fez und das Vorgehen Spaniens hat anscheinend bei England keinerlei Besorgnisse über die Beeinträchtigung ihrer marokka­nischen Interessen hervorgerufen. (Zustimmung und Heiterkeit.) Worauf sich die Annahme Englands stützt, daß wir uns am Atlantischen Ozean eine Flottenbasis schaffen wollten, ist mir nicht bekannt. Was wir wirklich mit Agadir wollten, wußte England aus der in der Kommission bekannt- gegebenen Instruktion an unseren Botschafter in London vom 30. Juni dieses Jahres. Wir hatten also von unserer Seite keinen Grund zu Zweifeln gegeben. Frankreich stand während der ganzen Ver jandlung in intimem Meinungsaustausch mit Eng land. Es ist bei dieser Sachlage schwer verständlich wie England seine Interessen bedroht sehen konnte Wenn ober trotz alledem bei England Zweifel beftan üeiH so wäre ich jederzeit bereit gewesen, auf eine Anfrage der englischen Regierung diese Ziveifel zu wrstrenen. (Hört, hört! rechts.) Der englische Ali lifter des Auswärtigen hat von der

Periode »es Schweigens vom 4. bis 21. Juli gesprochen. Nun, dieses Schweigen war ein beider eitigee. (Hört, hört!) Einzig und aHci,>

Juli hatte der hiesige englische S8otf(fjafter dem Hern Staatssekretär gegenüber von der Möglichkeit einet Verhandlung über Marokko zu dreien gesprochen, zwischen Deutschland, Frankreich und Spanien, und hat daran die Bemerkung geknüpft, öatz das peinlich von England empfunden werden würde. Dem Herrn Botschafter ist noch an demselben Sage als amtliche Aeußerung der deutschen Regie­rung erwidert worden, daß eine solche Absicht nie­mals bestanden habe. (Hört, hört!)Trotz ihrer negativen Form hatte diese Erwiderung den sehr -ositiven Inhalt, daß eine etwaige Besorgnis Eng­lands grundlos war. Ebensowenig ist unser Bot- chafter in London in die Gelegenheit gekommen, auf .ine Anfrage der englischen Regierung Auskunft zu erteilen. Sir Edward Greh führte In seiner Rede aus, daß er bei seiner Unterhaltung mit dem Grafen Metternich am 4. Juli die Entsendung desPanther"' nach Agadir als neue Situation bezeichnet habe, und daß die englische Regierung wegen einer künftig die englischen Interessen direkt berührenden Entwick­lung beunruhigt sei. Was hierauf zu erwidern ge­wesen wäre, hat Graf Metternich an demselben Tage von sich aus gesagt. Genügte diese Erklärung nicht, so hätte vor der Rede des englischei Schatz kanzlers durch eine Rückfrage bei uni leicht eine weitere Erklärung gegeben werden kön­nen. Ich bin weit davon entfernt, Beschwerde dar­über zu führen, daß dieser Weg nicht gegangen wor­den ist. Ich muß allerdingl sagen, daß

die tatsächlich eingotre-ene Spanunug und die Verschärfung der Situation nach meinet Ueberzeugung hätte vermieden werden können, wenn unseren Erklärungen vom 1. Juli grös-ieres Ver­trauen geschenkt worden und wenn die Periode des Schweigens nicht von englischer Seite durch eine öffentliche Kundgebung eines hervorrageuven Mit­gliedes des englischen Kabinetts unterbrochen wor­den wäre. (Vielfaches Sehr wahr!) Ich will nach dem guten Beispiele der englischen Minister nicht in Rekrimlnationen verfallen, die für die Zukunft nichts nützen. Ueber die Stimmung habe ich vor drei Wochen gesprochen, sie hat in Reden aus Ihrer Mitte noch leidenschaftlicheren Aus­druck gefunden, in Reden, die, darin kann ich Sir Edward Greh nicht folgen, nicht in Parallele gestellt werden können mi. den tetächlch?» Angaben eines englischen Abgeordneten über

Krirgsvorbereitungcn in England.

Der englische Minister wird der Stimmung weiter Kreise unseres Volkes nicht dieselbe Berechtigung zu- erkennen, wie es bei uns geschieht, aber er wird sie doch zum mindesten verständlich finden.

Noch eine Bemerkung, die für die Gestaltung der zukünftigen, Verhältziisse nicht ohne. Bedeutung

in Bkr Edward Greh bargesagt, der Schatzkanzler Llohd George habe mit seiner Rede ohne Provoka- tion feststellen wollen, daß, wo englisch« Interesse» berührt würden, England nicht behandelt werde» Dürfe, als ob es nicht mitzähle; käme der Tag, tot» das nicht mehr klar ausgesprochen wer­den könne, dann würde England aufgehört haben, al» Großmacht zu existieren, ,

Meine Herren ! Ich nehme das

gleiche Recht für Deutschland i« Anspruch.

(Lebh. Beifall.) Die marokkanische» »irren stich aber um deswillen entstanden, weil dieses Recht Deutschland nicht immer eingeräumt tocr*cn sollte. (Lebh. Sehr richtig!) Das Jahr 1904. in dem Eng­land und Frankreich über Marokko disponierten, ohne Rücksicht auf das Interesse, das Deutschland (Sehr richtig! rechts) an der Lösung des Marokkoproolem». hatte, war das Proton pseuooS. Wir gingen erst nach Algeciras, dann nach Agadir, das heißt, die Notwendigkeit, unsere wirtschaftlichen Interessen selbst zu wahren und der Welt zu zeigen, daß wir lest entschlossen seien, uns nicht beiseite schieben zu rassen. (Hört, hört! und Beifall.) Wenn als schließ­liche Folge hiervon angebliche oder wirkliche Kriegs­bereitschaft in England entstanden war < was von beiden zutrisft, kann ich hier nicht entscheiden und weiter ein hochgespannter Erregungszustand, den der englische Minister

politische« Alkoholismn»

genannt hat, so können wir das nur mit Bedauern registrieren. Aber wir lehnen die Verant­wortung dafür ab. (Lebh. Sehr richtig!)Ebenso wie wir es ablehnen mußten, uns von einer Bahn ibt> rängen zu lassen, die uns die Wahrung der beut» chen Interessen und der deutschen Würde borge» chlagen hatte. (Lebh. Beifall.) Jener Erregungs- uftarib hat zum Spielen mit bem Kriegsgebanken ge­führt. Unsere Verhandlungen mit Frankreich sind aruh in den schwierigsten Momenten von beiden Sei­ten mit dem unveränderlichen Willen geführt wor­ben, zu einer frleblichen Verstänbigung zu gelangen. Wir haben bas Ziel erreicht, bas wir uns gesteckt hatten. Dieses Ziel berührte keine englischen Inter» esfen direkt und enthält also in sich eine Widerlegung der englischen Besorgnisse. Und trotz alledem hat sich ein Zustand entwickelt, der englischen Augen einen Krieg gegen uns, b. h. einen Weltkrieg, nahe­rückte. Wenn sich alle Laaer so heiß laufen, muß bie Maschine einen argen Defe^ haben. Die engli­schen Miu.fter haben ben Wunsa- nach

besseren Beziehungen mit u«S ausgesprochen, unb ich schließe mich diesem Wunsche an. Der Engländer spricht von einer abgewischten Schiefertaf-! Der Schiefer hat Schram­men davongetragen. Sott die Tafel mit klarer Schrift bedeckt werden, bann darf nicht Mißtrauen >en Griffel führen. (Lebh. Sehr richtig!) Mit Recht sieht ber englische Minister be» Auswärtigen hinter der wachsenden Stärke Deutschlands keine aggres­siven Pläne, und ich begrüße es, daß in Ueberein» fttnunung mit ihm der englische Premierminister jeden Gedanken von Neid oder Mißgunst gegen unsere aufstrebende Nation von sich weist. Auch wir, meine Herren, wünschen (mit starker Betonung) aufrichtig Frieden uu> Freundschaft mit England. Aber mit diesem Wunsche wird die tatsächliche Entwicklung guter Beziehungen zwischen unseren Ländern nur in­soweit Schritt halten, als die englische Re­gierung bereit ist, das Bedürfnis nach solchen Beziehungen auch in ihrer Politik in positiver Weise zum Ausdruck zu bringen. (Lebh. Bravo!) Meine Herren, mit der Vorwärtsentwicklung Deutschland­müsfen auch die anderen Nationen rechnen. (Sehr wahr!) Sie läßt sich nicht unterdrücken. In wei­chem Geiste sich diese Entwicklung vollzieht, dafür geben bie letzten vierzig Jahre beuischer Geschichte den Beweis. Wir werden in demselben Geiste fort­arbeiten können, wenn wir uns stark halten, denn auch darin stimme ich Sir Edward Greh zu:

die Stärfe Deutschlands

ist für sich selber eine Garantie, daß kein anderer Staat mit uns (Streit suchen wird. Meine Herren, ich sagte, der Grundton der leidenschaftlichen Stim­mung, die in weiten Kreisen herrscht, ist der Wille Oeuischlands, sich mit seinen Kräften und mit allem, was es vermag, in der Welt durchzusetzen. Das war sie gute, bje große Erscheinung, die wir erlebt haben und die mich gestützt hat. Jetzt gilt es, dies« Stimmung frei zu machen und ihren Grundakkord 'estzuhalten. Wir sind durch eine schwere und ernste, durch eine bedrohliche Zeit hindurchgeganaen. Möge das Volk klar erkennen, was es sich selbst schuldig istr das ist weder niedergeschlagener, noch herauSfo« oeruber, Loch mut (Sehr richtig! links), jonbernt

18 (Nachdem' oerbei.-? )

Agnete Kaas.

Roman von Anna Saabsgaatb.

Deutsch von Bernharb Mann.

t Fortsetzung.)

Sie fing an zu frieren. Es war Feuer im Ofen gewesen, jetzt war es aber kalt im Speisezimmer. Signete ging in ihre S'ube, um sich etwas Warmes zum Ueberziehen zu holen. Sie sand einen dunkel­roten Abendmantel mit weiten, faltigen Aermeln. Wie lange hatte sie ihn nicht benutz!! Bei seinem Anblick fielen ihr die Konzerte, bie Theaterabende in London in ber Gesellschaft ihrer Eltern und Artur Freemanns ein. Die drei, die ihr damals die Lieb­sten von allen gewesen waren. War sie jetzt treulos gegen sie? Hätte sie gegen die neue Liebe ankämpfen sollen, die Ihr Herz gefangen hatte? Ach nein, es war gewiß keine Sünde, daß sie Harald liebte. Der SJater unb bie Mutter unb Artur waren tot. Sie hatten Frieden, Harald lebte aber noch, unb er war nicht glücklich. Er bedurfte ihrer.' Und wußte er es auch selbst nicht, so fühlte sie es doch tief in ihrer Seele, daß nur sie ihm in ben Kampf helfen konnte, der sein ganzes Dasein bebrohte.

Sie zog ben alten roten Abendmantel an. Ihre Beinen Hände verschwanden ganz in ben weiten Ärmeln. Dem Mantel entstieg habet ein Dust von ^8hite Rosen", ein eigenartiges, altes, sorgfältig be­wahrtes, trübe stimmendes Parfüm, bas sie wie eine garte Erinnerung an alte Tage umwehte.

So saß sie in Ihrer bunflen Stube, über bie fe|te Glut des weißen Kachelofens gebeugt. Die Zeit verging. Jetzt schlug bie Uhr im Speisezimmer zwölf. Sie sagte sich, baß sie ebenso gut hort auf ihn warten könne. Denn sie war nun einmal fest eutschlossen, bis Haralds Rückkehr aufzubleiben. Bielleicht war es aber bester, wenn er sie nicht sähe. Deshalb wollte sie drinnen die Lampe auslöschen.

Sie erhob sich »ch zündete ei» Licht ex. Denn

sie wagte es nicht, im Dunkeln über ben Flur zu gehen. In bem großen, stillen Haufe, wo außer ihr bereits alles schlief, war es so unheimlich, unb ob­gleich sie wußte, daß es törich: war, mußte sie an den alten Major denken, ber sich oben auf Haralds Zimmer erhäqt hatte.

In dem Augenblick, als Signete auf ben Flur hinausirat, würbe bie Garten ür geöffnet. Durch ben Zug begann ihr Licht unruhig zu flackern unb wäre beinahe erloschen. Trotzdem erkannte sie den Eintretenben. Es mar Harald.

Er fuhr zusammen, als er ihrer ansichtig wurde. Aber Signe e, bist du noch auf?

Ein fremder Klang lag in seiner Stimme. Im Schein des Lichtes, das jetzt wieder klar unb still brannte, sah sie, wie er blaß war, unb baß seine Klei­der ganz durchnäßt waren. Er zog seinen Paletot aus unb hängte ihn an den nächsten Haken, wobei er es sorgfältig vermied, ihrem Blsicke zu begegnen.

Wie es regnet! sagte er mit derselben ganz veränderten Stimme.

Bist du den ganzen Weg yom Seehof zu Fuß ge­gangen?

Ich komme von Sala.

Sie fragte nicht mehr, war auch nicht überrascht. Eine innere Stimme hatte ihr ja die ganze Zeit ge­sagt, baß er bei Frau Tholander sein würbe. Was mochte sich zwischen ihnen zugetragen haben?---

Harald stand noch da unb machte sich mit seinem Rock zu schaffen. Signete konnte sein Gesicht nicht sehen, seine Hände zitterten aber. Diese falten, beben­den Hände riefen nach ihrer Zärtlichkeit, ihrem Mit­leid. Sie trat näher an ihn heran.

Komm jetzt ins Gartenzimmer, Harald. Die Lampe brennt noch drinnen. Ich werbe bir eine Taste Tee machen. Du siehst aus, als würde bir eine kleine Stärkung gut tun.

Wie wohltuend ihre Stimme war! Schon diese einfachen, alltäglichen Worte waren wie Medizin für die Unruhe seiner Seele! Er durfte Signetes milde

Fürsprache aber nicht annehmen, wenigstens heute abend nicht. Es war gar nicht so lange her, daß er im Vorzimmer auf Data gestanden und Lotte in seinen Armen gehalten hatte. Sie hatte sich ihm im Halb­dunkel genähert, sich plötzlich an seine Brust geworfen und ihn geküßt getüff, daß er alles in der Welt über die Leidenschaft vergeßen hatte, die jetzt wieder zum Leben erwacht war. Er hatte ihr Küste zurück­gegeben, er hatte versprochen, sie bald zu treffen, so oft sie wollte. Und als er einen Augenblick später bem Eu sbesitzer Tholander bie Hand zum Abschied reichte, hatte er gefühlt, daß er ein ehrloser Mann sei. Dies bittere Gefühl der Scham, der Ehrlosigkeit kehr e'jetzt wieder zurück, als er Agnete gegenüber« stand. Er wußte, daß sie ihm die Liebe geben konnte, bie wie das gefunde, tägliche Brot ist, das Glück, das bas ganze Leben dauert.' Jetzt war es aber zu spät. Er ha- e es alles selbst verspielt!

Nein, banke, Agnete, ich bin weder hungrig noch burftig, sagte er tonlos.Ich gehe gleich zu Bett.

Er ging an ihr vorbei bet Treppe zu. Dort blieb er stehen, von einer Eingebung getrieben, ber er nickt zu widerstehen vermochte, unb wandte sich um. Wie rübrenb sie aussah, wie sie dastand, so kindlich zart in bem großen, toten Mantel, mit dem dunklen Rahmen des Haares und das schmale, blaffe Antlitz mit ben strahlenden, bittenden Augen!

Unwillkürlichrat er einen Schritt auf sie zu unb streckte bie Hand aus.

Habe Dank dafür, baß Du aufgeblieben bist unb auf mich gewartet hast, Agnete. Gute Nacht.

Gute Nacht.

Ihre Hand lag sicher unb fest in ber seinen. Da trat ein Lächeln in ihre Augen. Gott sei Dank, er war für sie doch noch nicht verloren. Sie mußte nur geduldig ausharren. Nie fragen, sich nicht auf« drängen, nut ruhig warten und ihm mit Zär lichkeit begegnen, bis bie Zeit ba war, we er fte selbst auf« suchte.

Ah, wie sie sich freute, daß er umgekehrt, daß et zurückgekommen wat.

6.

In bet nächsten Zeit sah Agnete nicht viel vo» Haralb. Mit ben gemütlichen Abenden war es vor­über. Er war in ber Regel braußen, und geschah es ausnahmsweise, daß er einen Abend zu Hause blieb, so ging er meistens nach Tisch auf sein Zimmer, sein Wesen war unberechenbar. Bald war er still unb traurig, bald suchte er seine Gemütsbewegung Hinte: einer gezwungenen Heiterkeit zu verbergen. Fräulein Sparte unb Agnete gingen still umher, ohne über bas zu sprechen, was ihre Gedanken am meisten bewegte. Agnete spiefte nicht mehr. Das Klavier stand unberührt. Den größten Teil des Tages ver­brachte sie in ihrem Zimmer. Sie beschäftigte sich mit den Blumen unb blätterte in ihren Büchern, aber ohne Interesse an etwas zu finden. Es war, als sähe sie nicht, was sie unter ben Händen hatte. Jedesmal, wenn sie Haralds Stimme ober den Klang feiner Schritte im Vorzimmer hörte, ließ sie ihre Ar­beit liegen unb horchte, horchte angespannt mit allen Sinnen, mit ihrer ganzen Seele. Die Schritte mach­ten aber nie an ihrer Türe Halt, bie Stimme tief sie nicht.

Der Herbst schritt weiter vorwärts. Es war nicht mehr bie milde Schwermut des Septembers, nicht die glühende Farbenpracht des Oktobers, wo bie bahinfterbende Lebenskraft des Jahres noch ein­mal im Glanz unb Jubel emporloberte, ehe alles vorbei ist es war ein grauet, farbloser, trauriger Nooermbet mit Regen unb Nebel, mit kurzen, trübe» Tagen, die alle Schaffenslust erstickten enb alle Hoff­nung nieberhielten.

(Fortsetzung folgt).