Erstes Blatt
46. Jahrg.
1911.
Ein ruistsch-persilcher Konflikt.
Während man in Deutschland und in dem Übrigen Europa noch den Abschluß des deutsch- französischen Marokkoabkommens kommentiert und gespannt die Entwicklung des italienisch- türkischen Krieges verfolgt, ist im Osten ein ne<kr Konflikt entstanden. Rußland, das von jeher eine Verwicklung in und um Persien begehrte, hat der persischen Regierung ein Ultimatum übersandt. Die Vorgeschichte dieses Schrittes ist folgendes. Der persische Finanzbeirat Morgan Schuster belegte das an russische Untertanen verpachtete Landgut des Prinzen Schua es Salta- ueh, eines Bruders des Exschahs, mit Beschlag. Der russische Generalkonsul erfuhr davon und entsande darauf Konsularbeamte, die die Gendarmen entfernen sollten. Es wäre bei der Entsendung der Konsularbeamten beinahe zu einem blutigen Konflikt gekommen, da die Gendarmen auf die Beamten mit dem Gewehr anlegten und nur durch einen zufällig anwesenden persischen Offizier am Feuern verhindert wurden. Darauf richtete die persische Regierung an den russischen Gesandten zwei Noten, in denen sie die Abberufung des Generalkonsuls und der Konsularbeamten forderte. In Anbetracht des durchaus korrekten Verhaltens der Beamten wurde dem Gesandten vorgeschrieben, sich mit dem persischen Minister des Aeußern mündlich und freundschaftlich auseinanderzusetzen, die persischen Noten zurückzugeben und Genugtuung zu fordern. Die persische Regierung verweigerte dies und forderte eine gemeinsame Untersuchung des Zwischenfalles. Demzufolge wurde dem Gesandten nunmehr die Weisung erteilt, seine Forderungen schriftlich zu wiederholen miv dem Hinzufügen, daß die russische Regierung im Falle der Nichterfüllung die diplomatischen Beziehungen abbrechen werde. Diese Note hat der russische Gesandte am Sonnabend überreicht. Es darf jedenfalls für die nächsten Tage ein Eingreifen Rußlands erwartet werden. Man kann nur hoffen, daß dies weiter keine Folgen hat. In anbetracht desien, daß England und Rußland in Persien als Rivalen auftreten, dürfte man die Haltung der englischen Regierung als ausschlaggebend anzusehen haben. Es liegt jetzt auch schon eine, allerdings recht dürftige Auslassung von englischer Seite vor. Im Unterhaus fragte nämlich Ronaldsbay. ob die Regierung benachrichtigt sei, daß Rußland der persischen Regierung vorgestern mitgeteilt habe, falls nicht die persischen Gendarmen von dem Besitztum des Bruders des Exschahs Schau es Saltaneh zurückgezogen und dem russischen Gesandten eine Entschuldigung überreicht würde, würden die diplomatischen Beziehungen zu Persien abgebrochen.
Marburg
Mittwoch, 15. November
Parlaments-Untersekretär des Aeußern Acland erwiderte, wie ich erfahren habe, verhält sich die Sache so. Die englische Regierung ist an der fraglichen Angelegenheit, die Anlaß des Streitfalles ist, unbeteiligt. Sie würde jeden ernsten Bruch der Beziehungen Rußlands zu Persien lebhaft bedauern. Er fei jedoch nicht in der Lag«, gegenwärtig weitere Erklärungen abzugeben.
doch geringwertig bezelchneten Gebietszuwachs in Westafrika abzunötigen. Die Genugtuung der Kauz- ler, darüber, daß es gelungen sei, einen Krieg um Marokko zu vermeiden, werde gewiß vom ganzen Volke geteilt, aber doch nur, wenn man di« Heber« zeugung hafte, daß das neue Abkommen den Frieden auf eine dauerhafte Grundlage gestellt hab«, was in wetten Kreisen bezweifelt werde. Treffend bemerkt da» Blatt:
Di« Reichstagsverhaudlungen vom Dounerrtag haben gezeigt: das Bo« will keinen Krieg, es will aber noch weniger jede Herausforderung einstrcken."
Das trifft den Kernpunkt und muß gegenüber dem Gefasel von den Kriegshetzern, di« in Deutschland ihr Wesen treiben sollen, immer wieder betont werden. Dann heißt es:
„Ein Reichskanzler, btt ein« energisch« Politik treiben will, könnte sich keine ftesiere Stütze wünschen. als di« große Mehrheit, di« Herrn v. Heyde- am Donnerstag im Reichstage zugejubelt hat. Mit einem solchen Reichstag« könnte ein deutscher Reichskanzler alles durchsetzen. Heber diese national« Gesinnung aller bürgerlichen Parteien sprach der Reichskanzler am Freitag zwar seine Freude aus, ging dann aber unvermittelt zu den schwersten Beleidigungen der Konservativen über. Wir müsien sagen, daß dieser letzte Fehler mindestens ebenso groß war wie die anderen, di« der Reichskanzler bei der ganzen Marokkosache begangen hat, nämlich die mangelhafte, ja fast ganz fehlende Aufklärung der Oeffentlichkeit. Di« Entfesielung nationaler Leidenschaften haben nicht wir zu Wahlzwecken betrieben: die Entsendung eine» Kriegsschiffes nach Agadir hat die Leidenschaften in Deutschland wie im Auslande entfesielt, da sie nur al» «ine Kriegsdrohung aufgefaßt werden konnte. Damals ist nicht das geringste zur Beruhigung der Leidenschaften geschehen. Bon dem Notenwechsel wegen der beleidigenden Rede des englischen Ministers ist nichts in di« Oeffentslichkeit gedrungen. Di« amtliche Ableugnung de» Wiener Interviews ferner kann nichts daran ändern, daß jedermann das Interview für richtig hält. Glaubt denn der Reichskanzler, die Deutschen hätten Fischblut in den Adern, oder sie wären sämtlich Philosophen? Das Stillschweigen über die Verhandlungen mit Frankreich hätte wohl nicht so, wie geschehen, die deutschen Gemüter erregt, wenn nicht von französischer Set1« gesagt worden wär«, es sei lediglich auf den Wunsch der deutschen Regierung verabredet worden. Dieser Behauptung hat die deutsche Diplomatie nicht widersprochen, obwohl es hätte geschehen können, und so fetzte sich in Deutschland di« Ansicht fest, unsere Regierung fürchte die Kontrolle der öffentlichen Meinung. Alle diese Hnterlaffungsfünden der Regierung mußten die nationale Beunruhigung verstärken."
Zu der zweiten Rede des Reichskanzler» bei der Marokkodebatt« schreibt die „D. Tgsztg“:
Wie konnte ferner der Herr Reichskanzler d i e politischen Werte übersehen, di« in der Erklärung de» konservativen Führers lagen, um des Vaterlandes willen ein finanzpolitisches Opfer zu bringen, das die Möglichkeit zeigte, über den schweren, unser ganz^ Volk zerreißenden Parteihader hinweg das 'gesamte deutsche Bürgertum um ein großes nationales Ziel zu vereinen?! Wie denkt sich der Herr Reichskanzler unserer politischen Lage,
die nach Gesundung schreit, wenn er di« verheißung«- vollen Ansätze positiver nationaler Politik, di« bet erst« Tag bei Marokkodebatte brachte, derartig behandelt?
Heißt es nicht — das ist und bleibt das Entscheidende — d i e nationalen Impondera. ftitien schwer verkennen, wenn die Bekennt« nist« nationaler Entschlossenheit Uttl vaterländischen Opfermutes derart von derjenigen Stelle zurückgestoßen werden, die tu erster Linie berufen ercheinen sollte, sie als ein« Macht zu benutzen, wie sie nur selten au» bee freien Empfinden des Volkes sich darbietet, u» innere und äußere Schwierigkeiten |M überwinden?
Konservativ« unb Kanzler.
„Die „Kreuzzeitung", die stets mit großer Ruhe und viel diplomatischem Geschick die parlamentarisch« Situation zu burteilen pflegt, schreibt:
„Unter dem brausenden Beifall der Sozialdemokraten ging der Reichskanzler mit seinen Angriffen auf die nationalen Parteien los. In der Rede des Herrn v. Heydebrand lag nicht der geringste Anlaß zu solchen Angriffen vor. Wie also erklärt sich dir» Wüten eines sonst so ruhigen Staatsmannes? Di« einen sagen, er habe mit seinem Losschlagen auf di« Rechte den Vorwurf zurückweisen wollen, er sei „Sachwalter des schwarzftlauen Blocks". War das noch nötig? Hat er nicht bei der elsaß-lothringischen Frag« und bei der preußischen Wahlreform genug bewiesen, daß er in der politischen Grundanschauung wohl dem Liberalismus näher steht als uns. Die Konservativen haben ihm trotzdem stets die Rücksicht erwiesen, di« sie dem obersten Reichsbeamten schulden. Die psych» logische Erklärung ist anderswo zu suchen. Herr von Bethmann-Hollweg befrachtet anscheinend die Konservativen als seine S chu tz t r u p p e, die zu tun hat, was er will, die sich nicht von ihm trennen darf, wenn er sie nötig zu haben glaubt: er selbst will über den Parteien stehend regieren, versagt ihm aber bi« konservative Partei die Gefolgschaft, dann erklärt 1er ihr den Krieg. Die Erklärung der Fraktion am Freitag hat diese Kriegserklärung noch nicht ausgenommen, um nicht den Bruch zu einem unheilbo''en zu machen. Sollte der Reichskanzler öfter a' die Fraktion werde sich von Herrn von trennen, so muß hier auf Grund genauer
Honen erklärt werden: nicht Herr v. Hendebr.. hat die Fraktion zu der Stellungnahme geführt die er in seiner Rede kundgibt, sondern umgekehrt, die Fraktion hat einstimmig diese Rede gefordert. Bon einem Zurückweichen der Fraktion kann aber feine Rede sein "
Diese scharfe Charakteristik dürfte das Richtig« treffen.
Politische Umschau.
Pteßstimmen.
In einem eingehenden ArHkel beschäftigt stch die „Kreuzzeitung", das Hauptblatt der Konservativen Partei, mit dem Fazit der Marokkoverhandlungen. Sie stellt fest, daß der Kanzler keinen Versuch gemacht hat, den Wert des Erreichten in Heftereinstimmung zu bringen mit dem großen Apparat, der angewandt worden ist, um Frankreich einige allgemeingültige wirtschaftliche Zugeständnisse in Marotta und einen von berufenen Sachverständigen als unerwünscht oder
UUM ...... .... ______,._>i in8 HauS. (Für unver
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Dt. Hitzeroth), Markt LI. — Telephon 56. >_____________
Der Krieg um Tripolis.
Tripolis, 18. Roo. Gestern in den ersten Morgenstunden wurde die südliche Front der italienischen Stellungen zwischen der Kavallertekaserne und dem Bumilidaftrunnen angegriffen. Der Angriff wurde von einem Bataillon regulärer Truppen, die von Artillerie unterstützt wurden, ausgeführt, kam jedoch sechshundert Meter von den italienschen Stellungen entfernt, namentlich infolge des italienischen Artilleriefeuers, zum Stehen. Die Türken verloren fünf Tote, daurunter einen Ofstzier, und nahmen zahlreiche Verwundete mit sich. Gegen zwei Uhr nachmittag» wurde ein ähnlicher Angriff gemacht, der ebenfalls von italienischen Truppen zurückgewiesen wurde, die keine Verluste hatten.
Konstantinopel, 13. Nov. Die türkische Preff- berichtet die Möglichkeit der Ausdehnung der Feindseligkeiten Italiens auf den Archipel bet türkischen Küste, unb meint, bie Besetzung bet Archipelinseln wäre kein Pressionsmittel, da die Türkei dort nichts zu verlieren hätte und von der Fortsetzung des Krieges nut Vorteil haben Kennte. — Der Ministerrat beschloß gestern den Blättern, zufolge, den Mächten zu notifizieren, daß die Pforte im Falle eines Angriffes auf die türkischen Inseln ober Küsten sofort alle Italiener ausweisen werbe.
R o m, 13. Nov. In bet Angelegenheit des Afrika- forscher« Krause teilte die italienische Negierung dem deutschen Botschafter mit, bah eine Untersuchung be« Borsalles eingeleitet unb gegebenen Falles Krause für ben Betlust «ntschödigt werde Der italiettische Eouverner"! von Tripolis sei angewiesen, all« Krause gehötenben Gegenstände, soweit aufstndbar, zurückzu- «rstattett.
Rom, 13. Nov. Es wird mitgeteilt, das italienische Geschwader haben den Befehl erhalten, aus dem Aegäischen ins Mittelländische Meer zurückzukehren. Wenn dieser Befehl tatsächlich ergangen ist, würde er bedeuten, daß der Plan, den Kriegsschau- plaß auf andere türkische Besitzungen als Tripolis aus zudehnen, vorläufig oufgegeben ist. Der Gedanke liegt nahe, daß Vorstellungen anderer Mächte dieser Gegenorder zugrunde liegen würden. (Frff.Z.)
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Deutsches Reich-
— Nekrutenvereidigung in Potsdam. Potsdam, 13. Nov. Die Rekrutenvereidigung der Garnison Potsdam fand heute vormittag im historischen Exerzierhaus, das festlich geschmückt und in dem ein Altar aufgebaut war, statt. Der Kaiser traf gegen 11 Hftr und mit ihm die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise ein. Ferner wohnten der feierlichen Vereidigung Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich, Prinz und Prinzessin August Wilhelm, Prinz Joachim,
Der «nzeigenpreir oeiragi sur die 7gespaltene Zeil« oder deren Raum 16 j., bei auswärtigen Anzeigen 20 4, für Reklamen die Zeile 40 4. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt al» Barrabatt. Bei Konkurs kett, Rabatt. Berbinftkich. feit für Platz-, Datenvorfchrist und Beleglieferung guSneschloflen. — Gablungen im Postickeckverkehr — ohne Portokosten — unter Rr. FW5 des Poftsiheckamtes Rrgnffurt e. M.
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Wo 269 unb ber Expedition (Markt 21) 2.00 <Ä frei
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43 verboten.l
Die Geschwister.
Roman von H. Co» rt Hs-M ahler.
(Schluß.)
In diesem Augenblick trat Herbert ein, bet eben aus der Fabrik nach Hause gekommen wat. Mit einem fast düsteren Blick sah et auf seine Frau, bie ihn erst gar nicht bemerkte vor Lust an dem Kinde. Et konnte nur denken, daß es Römers Kind war, ttwlches sie herzte und küßte, und wieder regte sich die dumpfe Angst in seinem Innern. Et grüßte Magda mit erzwungen freundlicher Miene.
Gabriele hielt ihm strahlend da» Kind entgegen.
„Schau, Herbert, ist es nicht ein liebes, süßes Ding?"
„Du wirst dir Schaden tun,“ sagte er fast streng, „bitte, gift Mazda das Kind zurück."
„Ach, es ist ja nicht schwer."
„Du sollst es öfter nicht tragen,“ begehrte er auf.
Mazda nahm Gabt lächelnd das Kind ab.
„Herbert — du bildest dich wohl nachträglich zum Tyrannen aus. O, dies« Männer, diese Männer! Ich wette, bas ist die rein« Effersucht. So, Gabi — nun hast du bie Hände frei — nun streichle deinem Bären das widerborstige Fell."
Gabriel« hatte sofort erkannt, daß Herbert wieder einmal sehr verstimmt war. Aber plötzlich wurde ihr ganz leicht und frei zu Stute. Mazdas Mitteilung, daß fie Heinz Römers Gatttn wurde, brachte ihr diese» Gefühl ber Erleichterung. Wenn diese beiden erst verheiratet waren, dann konnte st« Herbert beichten, baß Heinz Römer ihre erst« Liebe besesien. Auf ben Gatten ihrer Schwester würde er nicht mehr eifersüchtig sein.
Mit Hohem Gesicht plaudert fie ihm leine Ver
stimmung fort. Sie war so heiter und übermütig, daß auch Herbert seine Mißstimmung vergaß. Als Magda bann gegangen war, um auch ber Mutter ihr Glück zu verkünden, neckte Gabi ihren Mann mit seiner Brummbärlaune.
„Dafür bist du um so vergnügter, Gabi, du strahlst förmlich vor Hebermut. So kenne ich dich gar nicht"
Sie umschlang ihn jest mit beiden Armen unb sah ihn lächelnd an.
„Mir ist auch was Wunderschönes begegnet heut«, Liebster."
„Darf man wissen, was?“
Sie sah ihn schelmisch an.
„Zwar ist es noch ein Geheimnis, ich will es aber mit dir teilen, wenn du mir gleich sagst, daß du mich sehr lieb hast.“
Er küßte sie fest auf den Mund.
„Liebling — du kannst es ja gar nicht fassen, wie sehr ich dich liebe.“
„Doch, ich kann es. Aber nun sollst du das Geheimnis erfahren. Ich habe eben eine heimliche Braut gesehen, liebster Mann. Mein« Schwester wird Heinz Römers glückselig« Fran, wenn bie Trauerzeit um Inge vorbei ist.“
Er war ganz blaß geworden vor heimlicher Erregung und sah sie forschend an.
„Unb darüber freust du dich so sehr?"
Er fragte es mit bebender Spannung.
Sie nickte sttahlend heiter und glücklich.
Da riß et sie plötzlich empor unb trug sie durch das ganze Zimmer, und bann küßte er sie, daß ihr fast die Sinne schwanden.
„Herbert," stöhnt« sie lachend, „du brückst mich ja tot. Liebster — und so glücklich und froh siehst du wieder aus. Ach, so sah ich dich lange Zeit nicht."
„Gabi — mein Weib — mein liebes, bist du wirklich kein bißchen traurig über diese Nachricht?"
„D, du törichter Herbert, ich werde mich doch freuen dürfen, daß meine Schwester liebt unb geliebt wirb."
„Unb von bem Mann«, ber betne erst« Liebe war?"
Gabi sah ihn überascht an.
„Herbert — du wußtest — ?“
„Daß einst Römer deine Liebe gehörte. Ja — mein liebes Weift."
Er zog st« zu sich auf seine Knie und erzählte ihr alles, was ihn gequält und bedrückt hatte feit et jenen Brief von Inzeborg erhalten.
Sie hörte ihm still zu und umschlang ihn fest, wie schützend vor Leid unb Ungemach.
„Mein armer Liebster — mein geliebter Mann, so kleinmütig und verzagt bist du gewesen? Was soll ich nur tun, um dich zu überzeugen, daß es nur Sorge um dich war, daß ich dir Römers Namen verschwieg. Unruhe wollte ich dir sparen und hafte sie dir geschaffen. Herbert — glaubst du mir nun, daß ich dich — nur dich liebe, daß mein Herz nur dir in inniger, unbegrenzter Liebe entgegenschlägt? O Liebster, nun keinen Zweifel mehr. Ich bin ja dein und du bist mein. Nicht» kann uns trennen, als der Tod."
E. hielt ge fest umschlungen und sah ihr mit den tiefliegenden grauen Augen glückstrahlend ins Gesicht.
„Run sind ave Schatten geschwunden, mein süße» Weift. In munem Herzen jubelt und klingt es wieder in süßer, seliger Lust. Mein Weib, meine Gabi — nun ist es zu Hause doch noch schöner, al» in Rocca bi Papa."
» •
Al» nach Jahresfrist Siagba und Heinz von Römer fürs Leben verbunden wurden, kam Gabriel« mit ihrem Gatten nur für wenig« Stunden zur Hoch» zeitsftier. Daheim in der Wieg« lag ihr kleiner Knabe, ein winziges Bürschlein von zwei Äonaten.
Er war trotz seines zarten Alters die Hauptperson in der Villa Wendheim, unb die glücklichen Eltern waren vollauf beschäfttzt, seine großartigen Leistungen anzustaunen. Sie hatten zu anderen Dingen gar keine Zeit.
Herbett und Heinz hatten herzliche Freundschaft geschloffen. Gabi und Heinz wurden von Mazda uni Herbert noch oft mit ihrer „alten Liebe" geneckt. Da, gab immer ein fröhliches Lachen. Liesa und Fred, ber seit einem halben Jahre nach Berlin versetzt war, kamen zu Mazdas Hochzeit schneidig per Automobil angefahren. Das fidele Ehepaar trieb mit Leidenschaft alle Arten Sport: sie lebten nach wie vor im Sonnenschein.
Malter schwärmt noch immer für seine blond« Schmägettn und oergeubet neuerdings sein meistes Taschengeld für neu«, stilvolle Kravatten. Im Gymnasium erhält er sehr gute Zensuren. Er will Medizin studieren.
Fttedel ist sehr gewachsen unb zu ihrer großen Freube schlank geworben. Sie kann jetzt essen, so viel fie mag, ohne hick zu werden.
Als Tante kommt sie sich sehr wichttg vor. In der Selekta, die sie nach Ostern besuchen wirb, erzählt fi« Wunderbing« von „meinem Reffen" unb „meiner Nichte". Sie „schwärmt" für ihren Eeschichtslehrer unb verspricht, gleich ihren Schwestern, sehr hübsch zu werben.
Frau Hauptmann Goßegg sonnt sich im Glück ber andern. Mit Wehmut bentt fie an ihren verstorftenett Gatten, ber immer so sorgenvoll in bie Zukunft go> schaut hat.
„So arme Hauptmannsttnber finb beklagen»»»» Geschöpfe, fie gehen einem traurigen Schicksal entgegen,“ hatte er so oft gesagt.
< Unb nun war boch alle» gut geworden.