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1911
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Marburg
Dienstag, 7. November
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Erstes Blatt.
Das Abkommen.
Das Ende hat den Frieden nicht gebracht. Alles was während der Verhandlungen mit seinem Urteil zurückhielt, weil man eben nicht wußte, was von den Pariser oder Berliner Meldungen Wahrheit, was Dichtung war, vereint sich jetzt zu einer Verurteilung des Marolkover- trages, die nur je nach der Parteistellung im Tone verschieden ist. Die Zustimmung, die das Auswärtige Amt in den nationalen Kreisen Deutschlands als angenehme Enttäuschung nach dem Sturm während der Verhandlungen er- i artete, hat es nicht gesund e n. Das darf hrute als allgemeine Meinung sestgestellt werden. Als bestes Zeichen hierfür darf das Verhalten gegenüber dem Rücktritt des Staatssekretärs von Lindeguis^Zufgefatzt werden, der in d'.sein Augenblicke im Sinne einer einheitlichen Regierung zweifellos nicht zu billigen ist. Aber er bildet doch eine scharfe Kritik unseres Ver- hg :ens in der ganzen Kompensationsfrage, die als solche vom Volke verstanden und rückhaltlos gepriesen wird.
Wenn man nrtt einiger Ruhe den ganzen Vertrag mit Frankreich studiert, so kann sich nur der erste Eindruck verstärken, daß die Deutschen wieder einmal schlecht abgeschnitten haben, und der Aufwand dem Resultat nicht entspricht. Heber die Qualitäten des Kongo haben wir betet td gesprochen. Wie kann man aber nur erwarten, daß die Franzosen, nachdem sie die wirklichen Herrn in Marokko nach dem Schema von Tunis mit deutscher Zustimmung geworden sind, die deutschen wirtschaftlichen Reser- »cte schützen werden, was sie trotz zweier feierlicher Verträge eben nicht getan haben. Gerade deshalb waren ja die jetzigen Verhandlungen nötig!! Den Vorschlag, die deutsche Industrie bei öffennichen Arbeiten grundsätzlich mit 30 Prozent zu beteiligen, wurde von Frankreich glatt abgelehnt und von Deutschland — fallen gelassen. Ob die Franzosen jetzt eifriger zum Schutz unserer Interessen geworden sind? Die Zeit wirds lehren, aber im Ernst glaubt niemand daran, datz Frankreich uns gegenüber anders verfahren wird als nach Algeciras und dem famosen Abkommen von 1909. Wir aber geben nicht nur unfern Einfluß preis, sondern auch ein Stück Kamerun (nicht Togo, wie in der vorigen Nummer irrtümlich gesagt war), den sogenannten Entenschnabel, der uns eine Strecke des Schariflusses sicherte. „Wo der deutsche Aar seine Fänge eingeschlagen hat, dies Land ist deutsch und wird deutsch bleiben!" Dies Wort ist nicht Wahrheit geblieben.
Und doch hören wir, daß wir einen großen Gewinn mit nach Hause gebracht haben. Zum ersten Male haben wir eine schwierige Frage mit unseren Nachbarn friedlich gelöst. Der erste Schritt auf einer herrlichen Bahn friedlicher Völkerentwicklung! Auch die „Frankfurter Zeitung" weiß dies als einzigen „Gewinn" unsererseits zu buchen: Frieden zu halten ist schön, und wir haben schon ost bewiesen, daß wir unsere militärische Macht nicht mißbrauchen. aber eir? friedliche Auseinandersetzung ist außerordentlich leicht, wenn man sonst weiter nichts erreichen will. Immer und immer wieder muß es aber gesagt werden, daß gerade dies die schlechteste Methode ist, um zu einem dauernd erträglichen Verhältnis zu kommen mit einem alten schwer verletzten Gegner, der so viel Eitelkeit und Uebcrmut zeigt wie die Franzosen. Für ihn ist Nachgeben = Schwäche und reizt ihn nur, seine Forderungen zu erhöhen.
Ueberall, wo man noch Sinn für die nationalen Notwendigkeiten des Reiches, für feine Stellung und Größe hat, wird man das Abkommen ablehnen, das mit solchen Werten als Hauptgewinn rechnet, die besonders bei den internationalen „Friedens"freunden Anklang -finden, die stets dabei sind, wenn es giU, das (Reich und feine Macht zu höhnen. Am kommenden Mittwoch wird der Kanzler die Marokkointerpellation beantworten und zwar, wie mitgeteilt wird, vor der Begründung der Interpellation. Man wird von ihm noch manche Einzelheit in Bezug auf die Wahrung der deutsche« Interessen in Marokko erfahren. Ob sie das Gesamtbild freundlicher gestalten werden oder
überhaupt können? Die Regierung dürfte auch hier eine Niederlage erleiden. Die nationalen Parteien werden sich hoffentlich eine kräftige Stellungnahme nicht versagen.
Wer wird den Schaden leiden?
Hebet das abgetretene Stuck des Entenschnabels urteilt Profesior Pasiarge, einer der besten Kenner Kameruns, folgendermaßen:
„In diese Zone höherer Kultur und Leistungsfähigkeit fällt Nordadamaua und namentlich Deutfch-Bornu. Das Alluvialgebiet des Tsad steht sogar an der Spitze und übertrifft alle anderen Gebiete durch Fruchtbarkeit und fiel« stungssahigkeit. Die Krone aber ist das Zwischenstromland zwischen Lagone und Schari, ein zweites Mesopotamien. Die Franzosen, die also aus Erfahrung die hohe Bedeutung der fruchtbaren Alluvialländer und ihrer dichten Bevölkerung südlich der Sahara kennen, haben mit sicherem Blick die dominierende wirtschaftliche Stellung des Tsadseegebiets erkannt und streben danach, den besten Teil desselben, namentlich das ungewöhnlich dicht bevölkerte Zwischenstromland — Deutsch-Bornu und das Logonegebiet —, in ihre Hand zu bekommen. Mit dem unübertrefflich wertvollen Marokko auch noch die Perle des ganzen Zentralsudans als „Kompensationsobjekt" gegen Waldsämpfe und Schlafkrankheitsregionen in die Hand zu bekommen, das wäre freilich ein Trumpf französischer Diplomatie, um die man unsere Nachbarn beneiden könnte."
Die Aufnahme de» Abkommen» in der deutschen Presie
ist nicht anders als sehr schlecht zu bezeichnen. Die „Franks. Ztg." geht auf die ganze Geschichte des Marokkohandels ein unb bestätigt darin, daß die deutsche Diplomatie namentlich unter Bülow in Marokko ohne jedes Verständnis behandelt hat. Sie schreibt: „Als das englisch-französische Abkommen vom 8. April 1904 Marokko den Franzosen zusprach, verhielt sich die deutsche Diplomatie höchst gleichgültig; erst ein Jahr später begriff sie die Wichtigkeit der Sache und schickte den Kaiser nach Tanger, um dort feierlich vor der ganzen Welt den Grundsatz von der Integrität Marokkos und der Souveränität des Sultans zu verkünden. Der Eindruck dieser Kundgebung war in Frankreich so mächtig, daß der Hauptvertreter der Eroberungspolitik, der Minister des Aeußern, DelcaM, gestürzt wurde und sein Nachfolger, Rouvier sich zu Verhandlungen mit Deutschland bereit erklärte. Das
war im Juni 1905. Damals wäre Frankreich bereit gewesen, Deutschland bedeutende Zu- geständniffe zu machen, ja es hieß sogar, Frankreich werde sich zu einer Teilung Ma- rokkos verstehen, sodaß Deutschland' Sü dm ar okko erhalten hätte. Aber die deutsche Diplomatie wollte von solchen Separatverhandlungen nichts rolffen; sie bestand darauf, das marokkanische Problem zu internationalisieren, und zwar durch eine Konferenz, die Frankreich, wenn es den Krieg vermeiden wollte, anzunehmen gezwungen war. Frankreich setzte dennoch seinen Eroberungszug, dem es den Schein einer „Pänätration paclfique" gab, ruhig fort. Als die deutsche Diplomatie einsah, daß die Konferenz-Akte von Algeciras nur ein wertloses Stück Papier war, schloß sie mit Frankreich das Abkommen vom 9. Februar 1909, in dem sie die politischen Vorrechte Frankreichs in Marokko anerkannte und sich dafür die Sicherung und Förderung der wirtschaftlichen Interesien Deutschlands ausbedang. Auf Grund dieses Abkommens dehnte Frankreich seine politischen Vorrechte bis zur Besetzung der Hauptstadt Fez aus, während der andere Teil des Abkommens, die Sicherung und Förderung der wirtschaftlichen Interesien Deutschland», unausgeführt blieb. Jetzt eröffnete die deutsche Diplomatie neue Verhandlungen, denen die Sendung eines Kriegsschiffes nach Agadir Nachdruck gab. Wahrlich, mit Ruhm hat sich die deutsche Diplomatie in diesem Feldzuge am grünen Tische nicht bedeckt!"
Das „B.T." meint: „Haben wir diese Kongoschönheit nur in Marokko bezahlt? Man blicke sich um in der Welt und man wird schnell erkennen, was sie uns sonst noch gekostet hat. Hnser Verhältnis zu Frankreich gewann trotz der Beseitigung des marokkanischen Zankapfels in dieser vier Monate langen Verhandlungsperlode nicht gerade an Herzlichkeit. Die deutsch-englische Versöhnungspolitik, zu der auch Herr v. Beth- mann-Hollweg sich früher gern bekannte, geriet gänzlich aus dem Leim. Es war ein Grundsatz Bismarcks, das diplomatische Mittel müsse dem Wert des verfolgten Zieles angepaßt sein, und hier haben wir einiger Kongosümpfe wegen beinahe einen Weltkrieg riskiert. Die Politik des praktischen Interessenausgleichs zwischen zwei Ländern ist nichts anderes und soll nichts anderes fein als ein Geschäft. Aber was wir hier sehen, ist im Grunde weder ein Geschäft noch eine Politik."
Die „National-Zeitung", die, wie bekannt,
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enge Beziehungen zum Auswärtigen Amt unterhält, schreibt: „Herr v. Kiderlen-Wächter hat unsere Ansprüche mit Hartnäckigkeit und Schärfe vertreten. Der (r--r eines Weltkrieges sind wir durch die flugi Jit Deutschlands unb die rechtzeitige Mäßigung Frankreichs entgangen. . . . Selbst wenn man die Algecirasakte aus dem Spiel läßt, bleibt das Abkommen vom 9. Februar 1909. Von dieser Basis konnte sich die deutsche Diplomatie nicht entfernen, wenn anders sie ihr eigenes Wort nicht verleugnen^ wollte. Sie erblickte also ihre Aufgabe darin, sichere Garantien für die Betätigung Deutschlands in Marokko zu erhalten und die koloniale Entschädigung ausgiebig zu gestalten. Die territoriale Entschädigung, die Deutschland zuteil wird, entspricht nicht dem Umfang an Landgebiet, der ursprünglich vom Auswärtigen Amt gefordert worden ist. Nur das eine läßt sich nicht bestreiten, daß die Kompensationsobjekte unter dem Gesichtspunkte späterhin eintretender Veränderungen im mittelafrikanischen Kolonialbesitzstande ausgewählt worden sind, und daß sie wirtschaftliche Ausdehnungsmöglichkelten gewähren, deren Ausnutzung erst der Zukunft vorbehalten Ist. Der Epilog zu den Verhandlungen wird im Reichstag gesprochen. Herr v. Kiderlen- Wächter äußerte, die Abgeordneten würden Überrascht sein von dem tatsächlich in Marokko Erreichten, da das Abkommen Deutschland die weitgehendsten Rechtsgarantien zusichere."
Die „Post" und Ihr ähnlich gerichtete Blätter sind einig in der Verurteilung. Bitter schreibt die „Magdeburger Ztg.": „Selbst der Wltu-Ver- trag, der uns Sansibar und die besten Teile von Deutsch-Ostafrika kostete, ließ sich noch hin- nehmen, well wir Helgoland für die Verteidigung unserer Nordseeküsten brauchten. Hier aber geben wir nur mit vollen Händen: geben nicht allein ein Land auf, das in der Weltwirtschaft der Zukunft sicher eine große Rolle spielen wird, sondern opfern auch den letzten Nest von Ansehen, den wir noch zu verlieren hatten."
Die Tägl. Rundschau": „Mr halten auch unseren wirtschaftlichen Rückzug aus Marokko ebenso wie den politischen für gegeben. Frankreich hat mit dem heutigen Tage einen außerordentlichen Macht- und Kraftzuwachs erhalten, und wir den Schein einer wirtschaftlichen Siche- rung. Es ist das bittere Ende einer feit Jahren verfehlten und verfahrenen Politik, die viel Lärm machte, viel böses Blut erregte, viel« Widerstände reizte, aber nichts erreichte, weil ihr die letzte Entschlossenheit mangelte*
Die Industrie hat auch schon gesprochen. Gctfeimrat Kirdorf hat einem Vertreter der „B. Z. a. M." gegenüber gemeint, daß das ganze Abkommen kein Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Politik sei. Er blicke mit Unmut auf die ganzen Verhandlungen. Alle papiernen Konzessionen, daß man den deutschen Bergwerksunternehmungen gegenüber die PoNtlk bet offenen Tür beobachten werde, seien wertlos, wenn man Frankreich die alleinige politische Macht in Marokko überlassen werde. In einem weit entfernten Lande habe derjenige die tbirt- schvftliche Macht, der den politischen Einfluß habe, und deshalb seien die Abmachungen un- blsfuti erbat.
Diese Ausführungen treffen den Kern bet Sache, ja, wenn man annehmen könnte, daß Frankreich sich merklich bemühen würde, auch unsere Interessen in Marokko zu respektieren.
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Berlin, 4. Rov. Heute nachmittag 5 Uhr sand im Auswärtigen Amt die Unterzeichliung des Marokko-Kongo-Abkommens statt. Das für die französische Regierung bestimmte Vertragsexemplar geht heute abend »och Paris ab. Nach Eintreffen daselbst werden die beiden Regierungen die gleichzeitige Verössentlichung veranlassen.
Berlin, 4. Rov. Der Reichskanzler empfing heute abend nach der Unterzeichnung de» deutsch-französischen Maiokko-Kongo-Abkommen», den Botschafter Cambon.
Paris, 4. Nov. Der Gesetzentwurf bett. Billigung des deutsch-französischen Abkommens wird wahrscheinlich in den ersten Tagen nach dem Wiederzusammentritt des Parlaments dem Büro der Deputiertenfammer überreicht werden. Etwa acht Tage werden voraussichtlich für die Drucklegung des Entwurfs und für die Prüfung