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Erstes Blatt.
Der heutiqen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 73.
..... - Der Tfipoliskonflikt.
Das Ultimatum.
R o m, 28. Sept. Der Minister des Aeutzern, di San Giuliano, depeschierte in der Nacht vom 26. zum 27. ds. Mts. an den italienischen Geschäftsträger in Konstantinopel, de Martino, wovon er auch dem ottomanischen Geschäftsträger in Rom Mitteilung machte: „Während einer langen Reihe von Jahren hörte die italienische Regierung niemals auf, der Pforte vorzustellen, daß es absolut notwendig sei, den Zustand der Unordnung und Vernachlässigung, in welcher Tripolis und Kyrene von der Türkei gelassen werden, zu beendigen, damit diese Gegenden der gleichen Wohltaten des Fortschrittes wie die übrigen Teile Nordafrikas teilhaftig würden." Das stelle für Italien bei der geringen Nähe von Tripolis ein vitales Interesse erster Ordnung dar. Die Absichten der italienischen Regierung seien aber immer mißdeutet worden und jedes italienische Unternehmen sei in Tripolis einer systematischen Opposition begegnet. Italien sei jetzt nicht mehr in der Lage, Verhandlungen anzuknüpfen, deren Nutzlosigkeit die Vergangenheit erwiesen habe. Die Lage in Tripolis sei aber außerordentlich ernst „infolge der Bewegungen gegen die italienischen Untertanen, die augenscheinlich von den Beamten und anderen behördlichen Organen hervorgerufen werden. Die Bewegung bildet eine große Gefahr nicht nur für die Italiener, sondern auch für die Fremden jeder Nationalität, welche mit Recht beunruhigt und besorgt um ihre Sicherheit Tripolis zu verlaffen anfangen". Die Ankunft von türkischen Militärtransporten in Tripolis verschärfe die Lage. „Die italenische Regierung, die sich gezwungen sieht, von nun an an den Schutz ihrer Würde und Interessen zu denken, ist entschlossen, zu der militärischen Besetzung von Tripolis und Cyrenoika zu schreiten. Diese Lösung ist die einzige, die für Italien in Betracht kommt. Die kaiserliche Regierung möge demzufolge Anordnungen treffen, daß dieser Schritt bei den gegenwärtigen ottomanischen Vertretern in Tripolis auf keinen Widerstand stoße, daß die aus ihr sich ergebenden Maßnahmen ohne Schwierigkeit getroffen werden können. Weitere Abmachungen könnten von den Regierungen festgelegt werden, um die Lage endgültig zu regeln. Die königliche Gesandtschaft in Konstantinopel erhielt den Auftrag, eine entscheidende Antwort hierauf von der otto- manischen Regierung innerhalb 24 Stunden nach Vorlegung des gegenwärtigen Schriftstückes zu verlangen, widrigenfalls sich die italienische Regierung sich genötigt sehen würde, zur Sicherung der Besetzung der beabsichtigten Maßnahmen unverzüglich zu treffen."
In einem Telegramm an die italienischen Gesandtschaften der Mittelmeerländer führt der Minister des Auswärtigen Amtes aus: „Die königl. Regierung ist entschlossen, die Tripolis- frage in einer den Interessen und der Würde Italiens e»tsprechenden Weise zu lösen. Aber welches immer auch die Mittel seien, die wir anwenden müssen, um das Ziel zu erreichen, die Grundlage unserer Politik bleibt immer die Aufrechterhaltung des territorialen Statusquo auf der Balkanhalbinsel und die Festigung der europäischen Türkei. Folglich wollen wir nicht nur eine Bewegung auf der Balkanhalbinsel gegen die Türkei ermutigen, sondern sind auch ernstlich entschlossen, unsere Anstrengungen zu verdoppeln."
Den Inhalt dieses Ultimatums — anders kann es wohl nicht genannt werden — verbreiteten wir bereits gestern durch Extrablatt. Wer die Nachrichten über die italienischen Truppenbewegungen verfolgt hat, wird keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß der Schritt Italiens nicht anders zu beurteilen ist als ein improvisierter Raubkrieg nach den Methoden des Mittelalters und Ludwig XIV. Darüber kann Nie fadenscheinige Begründung nicht hinweg- I täuschen.
Bemerkt sei, daß noch immer in einigen j Hauptstädten angenommen wird, Italien wolle |
nur eine bewaffnete Demonstration die Türkei vor die Alternative stellen: Befriedigung aller wirtschaftlichen Ansprüche oder gewaltsame Wegnahme der Provinz. In Frankreich aber weiß man, daß Italien in Wirklichkeit nur das zweite will. Ein Verfahren, das auch die „Fr. Ztg." als offene Wegelagerei bezeichnet.
Besonders interessant ist aber, daß derartige Dinge sich ereignen in einer Zeit, die überfließt von Versicherungen der Friedfertigkeit. Gerade die romanischen Völker reden fortgesetzt vom ewigen Frieden. In Wirklichkeit steckt Frankreich Marokko ein und rasselt mit dem Säbel, Italien überfällt die Türkei mitten im Frieden. Wer nun noch nicht merkt, daß die ganze Friedenskonferenz und die ganze Salbaderei über den angeblichen Weltfrieden nur dazu da ist, uns Deutsche, die wir gewohnt sind, für Ideen, die anderen reale Vorteile bringen, uns die Knochen zu zerschlagen, zu düpieren, der kann einem wirklich leid tun. Den Leuten unter uns aber, die, weil sie utopistischen Friedensideen nachhängen, sich für die wahren Friedensfreunde halten und jeden, der den besten Schutz des Friedens in einer starken Wehrmacht sieht, als „Hurrah- patrioten" und „Chauvinisten" verschreien, sollten endlich auch das Unsinnige ihrer Denkweise eingehen.
Welche Folgen das Ultimatum haben wird, ist nicht zu ermessen. Das „Echo de Paris" wird aber Recht haben, wenn es schreibt: „Bei dem Zustande der öffentlichen Meinung in der Türkei ist die Antwort der Regierung auf das italienische Ultimatum nicht zweifelhaft. Sie wird negativ lauten, und die Italiener werden ihre Drohung ausführen. Wir können nur bedauern, daß kein frundschaftliches Arrangement zustande gekommen ist. Es scheint, daß man sich in Rom in etwas unüberlegter Weise zum Handeln hat hinreißen lassen. Die Italiener werden vielleicht eines Tages bedauern, daß sie sich die Sache nicht genügend überlegt und nicht auf die Ratschläge ihrer Freunde gehorcht haben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die Verwicklungen im Orient vermieden werden, denn alle Großmächte stimmen für den Augenblick in dem Punkte überein, daß der Friede im Orient um keinen Preis gestört wird."
Die junge Türkei kann, wenn sie nicht das Ansehen im eigenen Lande untergraben will, sich derartige Schläge nicht gefallen lassen. Und so wird es voraussichtlich zum Kriege kommen.
Wie gemeldet wird, hat Italien von der Türkei bereits eine Antwort erhalten, die als nicht befriedigend angesehen wird. Italien will eine neue Note übersenden, die in noch schärferen Ausdrücken gehalten sein soll. Aus Mailand wird gemeldet: „Ueber alle Vorbereitungen, welche in der Armee und in der Marine getroffen werden, wird strengstens Schweigen bewahrt." Der „Secolo" berichtet, daß gestern morgen vor Tagesanbruch das Geschwader von Spezzia nach dem ausgezeichneten Hafen von Augusta abgegangen ist, um dort weitere Orders abzuwarteb. In Syracusa stehen jetzt 30 000 Mann zur Abfahrt bereit.
Die Vermittlung Deutschlands.
London, 28. Sept. Die „Times" melden aus Konstanttnopel, daß der deutsche Botschafter Frhr. Marschall v. Bieberstein bei seinem gestrigen Besuche dem Sultan die Versicherung gegeben habe, Deutschland werde sein möglichstes tun und bei Italien in freundschaftlicher Weise vorstellig werden. Es könne jedoch nicht versprechen, daß diese Vorstellungen von Erfolg gekrönt seien. Dieselben Versicherungen gab der Botschafter dem Eroßwesir ab.
Frankfurt a. M., 28. Sept. Die Meldung einzelner Blätter, daß der Sultan durch unseren Botschafter das Einschreiten und die Vermittelung des deutschen Kaisers angerufen habe, wird an Stellen, die davon wissen müssen, für unbegründet erklätt. Es ist auch, wie schon erwähnt, an die deutsche Regierung kein Ersuchen um Vermittelung aus Konstanttnopel und natürlich ebensowenig aus Rom gelangt. Aber es hat dessen auch gar nicht bedurft, weil die deutsche Regierung schon von selbst auf Grund der freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei und zum verbündeten Italien sich bei beiden bemüht, ausgleichend zu wirken, damit ein kriegerischer Kimflift vermieden und Verhandlungen angebahnt werden.
Die Haltung der Mächte.
P a r i s, 28. Sept. Zu dem türkisch-italienischen Konflikt äußert sich der „Figaro": Frankreichs frühere Abmachungen mit Italien und seine Freundschaften mit beiden Gegnern hinderten es, sich an den Verhandlungen der letzten Tage aktiv zu beteiligen. Dieselben Gründe schreiben eine absolute Neutralität vor, der wir unerschütterlich treu bleiben werden. Unter dieser Voraussetzung wird jedoch unsere Regierung im Einklang mit den anderen Mächten alle Kräfte dafür einsetzen, um den Konflikt zu lokalisieren. Keine Balkanmacht darf in Versuchung geraten, aus der augenblicklichen Unordnung und Verlegenheit Nutzen ziehen zu wollen und sich etwa in den Kampf zu mengen. Das ist für die europäische Diplomatie eine Pflicht der Moral und der einfachen Klugheit, daß sie ihr nicht untreu werden wird.
Petersburg, 28. Sept. Der Verweser des Auswärtigen Amtes drückte dem italienischen Geschäftsträger seine Meinung dahin aus, daß Rußland mit seinem französischen Verbündeten sich an die bestehenden Abmachungen halten und sich in keiner Weise in die von Italien unternommene Aktion einmischen werde.
Die Stimmung i« der Türkei.
Konstanttnopel, 28. Sept. Der Minister des Innern richtete an alle Provinzbehörden einen Runderlaß ,tn dem erklärt, die Regierung werde alles zum Schutze der Landesinteressen und zur Verteidigung der nationalen Ehre tun. Vorläufig handle es sich nur um einen Plan Italiens, der ausgeführt werden könnte. Der Erlaß ermahnt, solange die Beziehungen zu Italien nicht abgebrochen seien, alle Boykotttendenzen zu unterdrücken. Auch die Deputietten von Tripolis ermahnten die Tri- politaner, Ruhe zu halten, da kein Grund zu Besorgnissen vorhanden sei.
Konstantinopel, 28. Sept. Der „Tanin" schreibt heute zur Tripolisfrage: Alle Verträge mit den europäischen Großmächten sind scheinbar dazu da, damit sie von diesen nicht eingehalten werden. England und Frankreich stehen, wie man sieht, dem italienischen Verbrechen sehr sympathisch gegenüber, um im Trüben fischen zu können und, wenn man die letzten Berichte der „Kölnischen Zeitung" betrachtet, scheint auch Deutschland nur in guten Zeiten ein Freund der Türkei zu sein.
Die Lage in Tripolis.
Tripolis, 28. Sept. Die italienische Kolonie ist fast vollständig in Bord des Dampfers „Banco di Rama" eingeschifft. In der Stadt find nur italienische Beamte und einige wenige andere italienische Staatsangehörige zurückgeblieben, die sich auf das italienische Konsulat begeben haben. Ebenso sind noch einige Geistliche in der Stadt, die sich jedoch auf einem für morgen erwarteten Dampfer einschiffen werden. Der Handel ist lahmgelegt.
Tripolis, 28. Sept. Ein italienischer Kreuzer kreuzt vor Tripolis und setzt sich mit italienischen Postdampfern in Verbindung, die den Fahrplan und die Route ändern.
Hier in Marburg war heute morgen eine Tatarennachricht verbreitet, wonach die diplomattschen Beziehungen zwischen der Türkei und Italien infolge des Ultimatums bereits abgebrochen seien. Es handelt sich wohl um ein beschleunigtes Verfahren, die Nachricht von dem Ultimatum Italiens an die Türkei zu erledigen. Faktisch war es unrichtig und hat auf unsere Anfrage bei einer Berliner Nachrichtenquelle sehr großes Vergnügen bereitet und zugleich den Wunsch gezeitigt, künftig die w i ch t i g st e n politischen Nachrichten von Marburg aus zu beziehen, da diese um soviel interessanter und weniger verwickelt seien.
Deutsches Reich.
— Die Marokkooerhandlungen. Paris, 28. Sept. Das Ministerium des Aeußern gibt soeben folgende offizielle Note heraus: „Die von der deutschen Reichsregierung auf die letzten französischen Vorschläge vorzulegenden Abänderungsvorschläge in der Marokko-Angelegenheit find heute in Paris angelangt. Sie umfassen neue Forderungen und enthalten Vorbehalte, die eine sehr eingehende Prüfungg notwendig machen."
— Unfall bei einer Felddiensttibung. Freiburg i. Br., 28. Sept. Bei einer Felddienst- Lbung des Infanterieregiments 113 wurde der Unteroffizier Hunn durch einen explodierenden Kanonenschlag von einem Sprengstück in der Herzgegend getroffen. Er war sofort tot.
— Sozialdemokratische Lärmmacher. Stolp, 27. Sept. In einer Wählerversammlung, in der der konservative Abgeordnete Pauli sprach, veranstalteten di« Sozialdemokraten einen ohrenbetäubenden, etwa 20 Minuten währenden Lärm, so daß die Versammlung vorzeitig geschloffen werden mußte. Angesichts solcher und ähnlicher Vorgänge werden die Konservativen und die übrigen bürgerlichen Parteien erwägen muffen, ob es nicht zweckmäßig sei, die So- zialdemokraten grundsätzlich von allen Wahlversammlungen auszuschließen und gegebenenfalls ihnen gegenüber von dem Hausrechte den schärssten Gebrauch zu machen.
— Ableistung der Dienstpflicht in Kiautschou. Für unternehmende junge Leute, die ihre Welt- und Menschenkenntnis erweitern und sich die deutsche Heimat einmal von draußen ansehen wollen, bietet sich eine günstige Gelegenheit, ihren Gesichtskreis zu vergrößern durch die Möglichkeit, ihrer Dienstpflichr in solchen Truppenteilen zu genügen, die außerhalb der deutschen Heimat stationiert sind. Unter anderen kommen hierfür auch die Matrosenartillerieabteiluag Kiautschou und die Marineinfanterie in Tsingtau in Betracht, zwei Truppenkörper, die sich aus diesen Gründen vornehmlich aus Drei- bezw. Vierjährig- Freiwilligen rekrutieren. Im Oktober jedes Jahres erfolgt die Einstellung der Rekruten: für die Stammabteilung der Matrosenariillerieabteilung Kiautschou in Cuxhaven und für das 3. Stammseebataillon der Marineinfanterie in Wilhelmshaven. Nach der ersten infantettstischen Ausbildung, die während der Wintermonate noch in der Heimat vor sich geht, wird im Januar die Ausreise nach Ostasien angetreten. Ein großer Transportdampfer, für solche Zwecke und d: Fahrt durch die Tropen besonders ausgerüstet, führt diese „Ablösung" durch das Mittelmeer über Eolombo, Hongkong und Shanghai nach dem ost- asiattschen Schutzgebiet. Hier in Tsingtau, in der blühenden und ständig an Bedeutung wachsenden deutschen Siedelung wird der Rest der Dienstzeit absolviert. Die wechselnden Eindrücke der langen Reise, die tägliche Berührung mit fremden Völkern und Kulturen, die neuartige und moderne Organisation unseres Schutzgebiets, alles das bietet den Angehörr- gen dieser Besatzungstruppen bi» von vielen heiß, ersehnt« Gel«genheit, ein Stück der weiten Welt kennen zu lernen und mit reichen, mühelos erworbenen Kenntniffen in die Heimat zurückzukehren. Nach einer soeben veröffentlichten Bekanntmachung der genann» ten Truppenteile sind die Bedingungen für die Aufnahme: Mindestgröße 1,65 m, kräftige Konstitution, gesund« Zähne, Alter 18 Jahre und mehr. Jüngece Leut« können nur bei besonders guter körperlicher Entwicklung ausgenommen werden. Die Anmeldungen, bei denen infolge des starken Andranges Eile geboten ist, sind an das Kommando der Stammabteilung der Matrosenartillerie' Kiautschou in Cuxhaven bezw. an das Kommando des 3. Stammseebataillons in Wilhelmshaven zu richten. Diesen Anmeldungen ist ein vom Zirilvorsitzenden der Er- sahkommission ausgestellter Meldeschein zum freiwilligen Diensteintritt auf 3 bezw. 4 Jahre beizufügen Für die besonderen Teuerungsverhältniffe in Tsingtau wird den dienstpflichtigen Militärpersonei außer Löhnung und Verpf'exung eine tägliche Zulage von 0,50 eK gewährt.
Ausland.
** Persien. Täbris, 21. Sept. Schudscha ed Dauleh griff Täbris von vier Seiten an. Die Fidai leisteten tapferen Widerstand. Der Kampf wurde abends ergebnislos eingestellt. Die Reiter Schudfchas verließen die von ihnen besetzte Vorstadt Schambasan und zogen sich in ihre frühere Position bei Karamclik zurück. Die beiderseitigen Verluste sind gering. — Teheran, 28. Sept. Der Exschah soll rfin der Nähe von Asterabad mit 400 persischen und russischen Tur- komanen den turkomanischen Medschlis-Abgeord- neten Adina Mubanal Khan gefangen und getötet haben.
Die Flotte.
Wer die letzten Wochen mit ihren politischen Aufregungen wirklich miterlebt hat und gesehen hat, mit welcher Unverfrorenheit das Ausland uns zu behandeln wagt, und wie man besonders in England eifrig bemüht ist, uns bei jedem Schritte Knüppel zwischen die Beine zu werfen, wird sich auch die Frage vorgelegt haben, ob unsere Flotte allen Anforderungen einem seestarken Feinde gegenüber wenigstens einiget» maßen gewachsen ist. Das ist natürlich. Ebenso natürlich ist es. daß der Präsident Ns Flotten-