Zur Lage.
Die „Post" hatte in ihrer Mittwoch-Abend- Ausgabe, und zwar nur in einem kleinen Teil der Auflage, in fetter Schrift die Meldung ge- bracht, daß die Marokkoverhandlungen abgebrochen feien. Diese Nachricht wurde sofort durch das offiziöse Wolff-Bureau dementiert. Die „Post" wehrt sich jetzt gegen die vielen Angriffe, denen sie wegen dieser Falschmeldung ausgesetzt war. Sie schreibt, daß sie vor Redak- tionsschliiß keine Erkundigungen hätte einziehen können, daß sie dies aber noch am Nachmittage nachgeholt habe. Dabei sei ihr gemeldet worden, die Nachricht vom „Abbruch der Marokko- verhandlungen" sei unbegründet. Das Blatt weist dann darauf hin, daß ihr Gewährsmann nicht von einem „Abbruch der Marokkoverhand- lungen“ gesprochen habe, sondern lediglich von einer Ablehnung der französischen Vorschläge. Das Dementi, das von einem Abbruch der Besprechung rede, könne demnach sogar als Bestätigung seiner Meldung, daß die Vorschläge Cambons abgelehnt seien, aufgefaßt werden. Eine Berechtigung bekomme diese Auffassung, noch dadurch, daß die „Köln. Ztg." in ihrem gestrigen hochoffiziösen Artikel wörtlich schrieb: „Die Prüfung der französischen Vorschläge gibt Anlaß zu deutschen Gegenvorschlägen." Die „Post" meint dazu: „Aus dem höflichen Diplomatendeutsch in das übliche Deutsch übersetzt, heißt das noch nichts anderes, als: die bisherigen Vorschläge sind abqelehnt worden."
Man muß zugeben, daß das Argument der „Post" einiges für sich hat. Nur hat sie selbst dazu betgetragen, daß der Abbruch der Verhandlungen mit dem Ablehnen der Vorschläge verwechselt wurde, dadurch nämlich, daß sie der an sich vielleicht richtigen Meldung die unrechte kleberschrift gab „Abbruch der Marokkoverhandlungen?" Durch das beigefügte Fragezeichen wird der redaktionelle Fehler nicht beseitigt.
Frankreich» Vorschläge angenommen?
lieber die Besprechungen selbst gehen in an- -etracht der völligen Geheimhaltung über den Stand der Verhandlungen die widersprechendsten Meldungen durch die Presse. So berichtet im Gegensatz zur „Post" eine Notiz der „Preß Central", daß in der Besprechung, die an Bord der pHohenzollern" zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler abgehalten wurde, eine prinzipielle Annahme der französischen Vorschläge erfolgt sei. Auch in anderen Kreisen ist man der Meinung, daß von einem Ablehnen der französischen Vorschage nicht die Rede sein kann. So meldet der Berliner Korrespondent des „Petit Parisien" seinem Blatte folgendes:
88 (Nachdruck verboten.)
Die Aßumuns.
Roman von Eourths-Rahler.
lftorttehung.)
„Herr von Bühren, Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie keinem Menschen verraten, daß ich bei Ihnen war und was ich hier wollte," sagte sie leise.
„Ich gebe es Ihnen selbstverständlich, gnädiges Fräulein."
Sie holte tief Atem und fuhr mit ihrem Taschentuch über ihr Gesicht, Vinn blickt« sie mit einem Ährenden Lächeln zu ihm auf.
„Ich bin ein so großer Hasenfuß und vor Angst noch ganz faffungslos."
Er antwortete nicht, dacht« nur, wir lieb und reizend sie aussah und daß er diesen holdseligen Anblick mit hinübernehmen wollte in da» Schattenreich, das er aufsuchen mußte, weil ihm kein anderer Ausweg blieb aus seiner Not, wi« ihm schien.
Sie fuhr nun tapfer fort:
„Herr von Bühren — ein Zufall ließ mich heute zum Zeugen Ihre» Gespräche» mit meinem Dittel werden."
Er zuckte zusammen und sah an ihr vorbei.
„Verzeih«« Sie, daß ich da» berühr«« muß, H«rr wn Bühren. Mein Bruder Hans, den Sie ja gekannt haben, war einst in gleicher Lage wie Sie. Ich hatte ihn so lieb, er war so jung und lebensfroh. Auch er fand nirgend» Hilf« und — und mußte ster- ! ben. Daran mußte ich denken, al» ich heute hört«, was Sie zu Dntel Peter führte. — Wein Bruder batte auch bei Tante Adolphtn« um da» Geld ge» ! beten, da» ihn rette« sollte. Leichtsinnige« Mensche»
Marburg
de» Postscheckamtes skrankfurt a. M.
t
46. Jahr«
1911.
helfen sie nicht, diese kaltherzigen, reichen Leute. Sie nennen Leichtsinn, was oft nur bittere Not ist. — Und nun hörte ich, daß Sie in gleicher Lage waren wie mein armer Bruder. Da hatte ich so große Angst um Sie und ich beschloß. Ihnen zu helfen. Wie, wußte ich nicht. Zuerst dachte ich an meinen Vetter Ernst. Er ist gut und weichherzig. Wenn Sie sich an ihn gewandt hätten, er würde Sie nicht abgewiesen haben wie Georg. Ich wollte Ernst bitten, zu Ihne t zu gehen, Ihnen das ^eld zu bringen. Aber gerade heut: kam er nicht nach Hause. Und als ich ihn vorhin in seinem Zimmer aufsuchen wollte, fand ich es schon verschlosien. Da bin ich denn selbst gekommen und will sie herzlich bitten, nehmen Sie das Geld von mir. Ich hab' es Ihnen gleich mitgebracht."
Er trat einen Schritt zuriick und hob die Hände empor. In seinen umschatteten Augen zittetten unruhige Lichter.
„Nein — gnädiges Fräulein — nein, das kann Ihr Ernst nicht sein," rief er fassungslos.
Eie sah ihn bittend an.
„Ach, mir ist gar nicht y Scherzen zumute, das können Sie mir glauben. Ich hab' mich loch so sehr gebangt, herzukommen — es ist — es ist doch - aber nein — ich konnte nicht daran denken, was sich schickt oder nicht — es ging um ein Menschenleben — ich weiß es. Dort der Kasten — Sie haben ihn ver- ftetft, aber ich weiß nun doch, bar’ es die höchste Zett war, wenn ich Ihnen helfen wollte. And nicht wahr, Herr von Bühren, Sie nehmen das Geld von mir, ich habe ja fünfundzwanzigtausend Mark wn Großtanti ng geerbt. Heute freut es mich zum ersten Mal«, weil ich Ihnen nun helfen kann. — Da — nehmen St« — bitte — kein Mensch soll davon erfahren. Mein Wort darauf."
6te hatte die Wertpapiere au» der Tasche gezogen
Politische Umschau.
Der moderne Festungsgürtel Frankreichs.
Die großen Festungswerke liegen selbstverständlich im Osten des Reiches gegen Deutschland vorgelagert. Diese östlichen Befesttgungen wurden auch vom General French inspiziert. Es kommen hauptsächlich zwei Festungsfronten an der Ostgrenze in Betracht, deren einzelne Werte ti« wichtigsten Kommuni»
„nd hielt sie ihm mit bittendem Ausdruck hin. Er sah verwirrt, errötend in ihr süßes, liebes Gesicht. Um ihren Mund zuckte ein tapferes Lächeln. Er hätte vor ihr niederknieen mögen, so anbetungswürdig erschien sie ihm. Ur> zugleich frag er sich: Warum tut sie das? Entspringt ihr« Tat wirklich nur rein menschlichem Mitleid — dem Andenken ihr«« Bruders oder empfindet sie mehr und tiefer für dich wie für andere Menschen. Würde sie das, was sie für dich tut, auch für rudere tun? Er sah sie an mit brennendem Bttck, fand aber keine Antwort in ihren klaren, bittenden Augen.
Er raffte sich auf.
„Gnädiges Fräulein — ich kann das nicht annehmen — so gern ich möchte. Weiß Gott — das Messer steht mir an der Kehl« und — aber nein — Geld annehmen von einer Frau — nein — das geht nicht."
Ganz zornig blickte sie ihn an.
„Ach — wie können Sie so kleinlich sein — in diesem Augenblick. Wenn sie ins Master Stürzen und Gefahr laufen, zu ertrinken, «st es Ihnen dann nicht gleich, ob Ihne« ein Mann oder eine Frau das Retiungstau zuwirft. Seien Cie doch vernünftig und setzen Sie sich über so kleinlich« Bedenken hinweg. Lasten Sie sich doch nicht von mir beschämen. Sie wolle« mich doch nicht wieder fottschicken mit dem Selbe. Ich soll doch nicht gehen mit der gräßlichen Angst, daß Sie dann dock 'un, was ich um jeden Preis hindern wollte. Rein — da» dürfen Sie einfach nicht, das wäre unritterlich. Da — nehmen Sie — Sie zahlen e, mir zurück, wenn Sie später t« bester« Verhältnisse kommen. Ich brauche es ja nicht."
„E, könnte« lang« Jahre vergehe«, ehe ich e» Ihnen zurAckza^e« könnte. Und eine Sicherheit
Der heutigen Nummer liegt bet Kreisblatt Nr. 67.
kann ich Ihnen auch nicht bieten. Nein, e» geht nicht."
„Hätten Sie meinem Onkel mehr Sicherheit geben können? Nein, nicht wahr! Nur weil et ein Mann ist, hätten Sie r« von ihm genommen. Das ist doch Unsinn. — Ach Gott, halten Sie mich doch nicht so lange auf. Ich muß nach Hause. Niemand ahnt, daß ich fottgegangen bin. Nehme« Sie und gönnen Sie mir das Glück, einen Menschen vom Untergang gerettet zu haben. Wenn Sie mich abweisen, kränken Sie mich bitter. Und keine ruhig« Stunde hätte ich mehr, wenn Sie — nein — ich lege das Geld einfach hier auf den Tisch und nehme es nicht wieder mit," schloß sie energisch. Sie erhob sich und legte die Papiere auf den Tisch.
Er faßte ihre Hand und führte sie voll Ehrerbietung an sein« Lippen. Seine trugen belebten sich, er atmete tief auf.
„Wenn ich das Geld nehme, so nehme ich zugleich mein Leben aus Ihrer Hand — das sollen Sie unp sen," sagte er langsam.
„Aber Sie nehmen es?"
„3a — Sie verstehen zu geben. Ich nchm« e» an und bin damit auf ewig Ihr Schuldner."
Sie seufzte tief auf und lächelte glücklich.
„Gottlob — das war aber schwer, Herr von Bühren. Aber nun muß ich schm nach Hause zurück- tehren."
Er sah sie bewegt a«. Wie et« Engel de» Lichte erschien sie ihm.
„Eie gestatte« mir, daß ich <~te begleite, gnädig« Fräulein. E» ist inzwischen dunkel geworden, Ei, Önnen den Heimweg nicht allein antretQt“
(Fortsetzung folgt)
Kompagnie Soldaten zu besetzen gedenkt. Es gibt glaubhaft an, hierzu durch eine (bisher nicht ausgenutzte) Vertragsklausel vom Jahre 1860 berechtigt zu sein. Zunächst hat sich ob dieses Vorhabens der Spanier die französische Preffe entrüstet, während die französische Regie- rung mit einer bestimmten Stellungnahme noch zurückhält. Aus gutem Grunde. Denn das liegt in der ganzen verzwickten Situation, in die sich Frankreich durch seine Mißachtung des Alge- cirasvertrages begeben hat, begründet. Erst muß Frankreich mit Deutschland, von dem es eben dieses Vertragsbruches wegen diplomatisch „belangt" wird, wegen Marokko überhaupt im Reinen sein, um dann sein Wörtchen auch mit Spanien zu „plaudern". Vorher ist nichts zu wollen. Führen die jetzt zwischen Deutschland und Frankreich schwebenden Verhandlungen dazu, daß die Franzosen in der Tat eine (wenigstens von uns nicht mehr anzufechtende) Vorherrschaft in Marokko erlangen, so wird der Zeitpunkt für Frankreich gegeben sein, der Frag? der Besetzung von Jfni durch Spanien mit einiger Berechtigung näherzutreten. Vom deutschen Standpunkt ist zu sagen: Gewiß kann es uns nickt ganz gleichgültig fein, ob Spanien sich in Jfni festsetzt. (Nebenbei bemerkt, würde Jfni" bauten es die Spanier zum Seehafen aus, der unmittelbare Konkurrent Agadirs fein, da dieses dann durch Jfni für den Handel ganz ausgeschaltet werden könnte, es sei denn, daß auch Aaadir wieder als Hafen eröffnet würde.) Indessen ist die Frage für uns zurzeit in keiner Weise als eine „brennende" anzusehen, sie bildet nur eine Begleiterscheinung mehr bei den gro- Hkr. die durch das Vorgeben
Frankreichs in Marokko zur Erörterung gestellt worden sind. Deutschland würde — was nach dem oben Gesagten ohne weiteres einleuchtet — nur dann ein unmittelbares Interesse an Jfnis Okkupation haben, wenn es die Absicht hätte, Agadir für sich (als festen Besitz) zu besetzen. Zurzeit haben Deutschland und Frankreich um vieles wichtigere, großzügigere Dinge mit einander auszumacken. Sollten sich Frankreick und Spanien hinterher um Jfni zanken, nackdem wir unseren Marokkobandel befriedigend abgeschlossen haben, so könnten wir mit einiger Freude von der Art. die die reinste fein soll, zu- sehen. An folcken Anlässen zum Streit wird es ja ohnehin in den kommenden Jahren in Marokko bei den einst fo intimen Schwesternationen nicht fehlen.
kationslinien, wi« Eisenbahnen, Flüsse und Gebirgspässe, gegen ben Anmarsch bet Feinde sperren und zur Benutzung der eigenen Truppen verteidige« sollen. Die erste Berteidigungslinie ist die von Verdun und Toul. Eie beginnt bereits bei Longvy und ersttecki sich bi» weit über Spinale hinaus nach Belfort zu. Belfort ist selbst eine sehr bebeutende Festung. Durch bie obigen Befestigungen werden bi« Bahnlinien geschützt, die von Meß und Straßburg nach Frankreich hineinführen. Die Festung w« Epinale hat mehrere sehr bedeutsame Forts vorgelagert, die zum Schutz« der Vogesenpässe besttmmt sind. Die Forts von Frouard sind der Befestigungs- linie Verdun-Toul vorgelagert. Die Linien und Straßen, die nach Paris führen, sind durch Reim», Nogent und Epernay geschützt. Die Sttaßen der Rhone werden gedeckt durch die Festungen Dijon, Changy und Besancon. Diese Punkte bezeichnen die Hauptmarksteine des großen Festungswerkes, das die Ostgrenze Frankreichs gegen einen etwa hcran- rückenden Feind zu schützen berufen ist. Die Aus- gestaltung dieser Festungen und Werke wird im allgemeinen geheim gehalten. Man weiß jedoch, daß sie in modernstem Sinne ausgestattet sind. Die Armierung der einzelnen Werke läßt sich in kurzen Worten nicht schildern. Die Besatzung beträgt meistens rund 1000 Mann. Diese Zahl wird aber bei größeren Festungswerken überschritten und bleibt bei kleineren Werken um 200—300 Mann zurück. Die hauptsächlichste Befestigung weist naturgemäß die Hauptstadt Paris auf. Paris ist, wie ein Fachmann jüngst ausführt«, nicht mehr eine Festung, sondern eine befestigte Provinz für sich. Schon 1870 war Paris eine ungeheure Festung, deren Forts damals eine Länge von 55 Kilometern hatte. Im Jahre 1870 waren die Forts bis auf 3 Kilometer vor bi; eigentliche Stadtumwallung vorgeschoben Diese alt r Forts aus dem Jahre 1870 sind auch heute noch er halte«. Sie find modern ausgebaut worden ui: Haben vollkommen moderne Bewaffnung erhalte r Die Festungswerk, die im Jahre- 4870 bie ao.n ■' Festung Paris darstellte«, bilden heute nur noch h:. sogenannte „innere Verteidigungslinie". Dieter in neren Verteidigungslinie sind 32 neue Forts tu? einen Abstand von 15 Kilometern vorgeschoben. SV. Umfang von 55 Kilometern vom Jahre 1870 ist au1 mehr als das Dreifache gewachsen. Der Umkreis bei Einschließungstrupven betrug im Jahre 1870 zwölf Meile«, heute würde er 36 bis 40 Meilen betragen müsse«. An der Ausgestaltung der Festungswerke um Parts wird noch heute ständig gearbeitet, da di« Franzosen Paris zu einer uneinnehmbaren Stad! machen wollen. Die Anzahl der Geschütze, welche die artilleristische Ausbildung des gesamten Festungswerkes um Paris bilden, wird mit 3000 vielleicht noch zu niedrig angegeben sein. Die strategitch bedeutsamste Linie ist aber die von Verdun-Toul- Eptnale und Belfort. Außer diesen gegen Deutschland errichteten Festungswerken, die allein bei Paris einen Raum von 22 Quadratmeilen umfassen. Ist Frankreich im Süden noch gegen Italien und die Schweiz durch Festungen am Mont Eenis und einige andere geschützt. Die Gesamtzahl der französische« Festungen, Festungswerte und Sperrforts beträgt rund 500. Die Bedeutung dieses gesamten Festungswerkes darf im Kriegsfälle nicht überschätzt werde«. Schon im Jahre 1870 war Frankreich für die da- maligen Verhältnisse Ans der best befestigten Län- der der Welt, und die Festung von Paris erregte
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und ben Beilagen. „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und .Landwirtschaftliche Beilage".
Tie „Oberheffifche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Senn, und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 <X (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Martt 21) 2.00 <Ä frei ins Haus. (Für unver- langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der llniv.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. Hiheroth), Markt 21. — Telephon 55.____________
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Lormaberio, 9. September ^hlungen im - ohne Portokosten - unter Nr. 5015
„Ein Gewährsmann, der Ihren Vertreter in der Regel gut zu unterrichten weiß, sagte mir: Bisher beobachtete ich die Berliner Konferenzen zwar nicht mit pessimistischen, so doch mit skeptischen Augen, allein nach der am Mittwoch abend stattgefundenen Unterredung zwischen Herrn Cambon und Hern v. Kiderlen-Wächter glaube ich, daß es nunmehr zu einer Verständigung kommen werde, ja daß heute das derttfch- französifche Einvernehmen bereits im Prinzip erzielt wurde. Man ist hier darüber informiert, daß der Kaiser in seiner Kieler Besprechung mit dem Reichskanzler die Forderungen Frankreichs bezüglich seiner Stellung in Marokko anerkannte, und daß sich die deutsche Regierung nunmehr dazu bereit erklärte, zuerst über Marokko und dann erst über die Kompensationen zu verhandeln. Die Verhandlungen über die wirtschaftlichen Fragen in Marokko werden wohl noch einige Tage in Anspruch nehmen, überhaupt sind' hier bezüglich verschiedener Punkte Schwierigkeiten zu überwinden, da die Vorschläge, die uns Cambon unterbreitete, nicht ganz unseren Wünschen entsprechen, aber ich bin überzeugt, daß die deutsch-französische Entente (?) nunmehr zustande kommt."
Die „D. T." bemerkt dazu: „Der Ausdruck „Entente" ist wohl etwas zu herzlich, immerhin scheint auch uns, daß der Vertreter des „Petit Parisien" nicht schlecht unterrichtet ist."
Di« »eiteren Besprechungen.
Berlin,?. Sept. Die „Rordd. Allg. Ztg." schreibt: „Der Reichskanzler, der gestern abend von Kiel in Berlin eintraf, hatte nach seiner Ankunft ein* längere Besprechung mit dem Staatssekretär des Auswärtigen v. Kiderlen- Wächter; heute schlossen sich mehrfache Konferenzen an. Die nächste Besprechung des Staatssekretärs mit dem französischen Botschafter findet voraussichtlich heute abend oder morgen früh statt."
Da» Borgehen Spaniens. SanSebastian,6. Sept. Ministerpräsident Canalejas hat sich nach Madrid zurückbegeben. Er erklärte, die Besetzung Jfnis finde binnen kurzem statt und zwar nach Niederwerfung der feindlichen Maurenstämme, und werde zu keinen Differenzen Anlaß geben.
P a r i s, 7. Sept. Aus Mogador wird unter dem 5. Sept, gemeldet, daß daselbst eine von den Behörden der kanarischen Inseln gescharterte spanische Jacht „Agiular" eingetroffen ist, die die Aufgabe haben soll, den für eine Landung in Jfni geeignetsten Punkt ausfindig zu machen. An Bord der Jacht befinde sich ein mit einer geheimen Mission betrauter Offizier.
Was ist «ns Jfni?
Spanien ist entschlossen, zunächst in Südmarokko ebenfalls praktische Politik zu machen, indem es den etwa 100 Kilometer von Agadir südlich belegenen Küstenplatz Jfni mit einer