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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend".Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage".

4$ 189

DieOberhrffische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 * lohne Bestellgeld), bei unseren ZeitungSstellen und der Expäntion (Markt 21) 2.00 <X frei inS Hau». (Für unser« langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.:

Dr. Hiheroth), Markt 21. Telephon 55.

Marburg

Sonntag, 13 August

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46. Jahrg.

1911.

Erstes Blatt.

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Die Dürre und unsere Landwille.

Die schreckliche Dürre dieses Jahres hat nach den Feststellungen des Deutschen Landwirtschaftrates zu der Tatsache gefuh.t, daß viele Biehhalter schon jetzt zur Trockenfütterung übergehen und ihre Winter- vrräte angreifen müssen. Das ist ein Mißstand, wie er in vielen Gegenden seit Menschengedenken nicht mehr vorgekommen ist, und es scheint mehr und mehr, daß dte diesjährige Trockenperiode auch nach ihrem räumlichen Umfang eine Ausnahme darstellt, wie wir st« früher glücklicherweise nur in ganz sel­tenen, von fei Chronik mit Schrecken gemeldeten Füllen zu verzeichnen hatten. Die Dürre ist diesmal etn Weltunglück und selbst da, wie die Körnerernte von ihr noch nicht ganz ungünstig beeinflußt st, lauten die Nachrichten über die Futterernte trostlos. Die Hoffnung, daß nachträglich« Regen einen zwei­ten Schnitt der Wiesen und des Klees ermöglichen würden, h<i sich für den größten Teil unseres Vater­landes nicht erfüllt. Seilst wenn jetzt noch so aus­giebige Regen eintreten sollten, wie sie «tätig wären, etn die Schäden der sengenden Dürre wettzumachen, könnten sie meist nicht mehr t)t»f für den zweiten Futtrrschnitt helfen. Denn auf den leichten Böden sind die Wiesen verbrannt r. v völlig erschöpft. Da gleichzeitig die anhaltende Trockenheit auch die Aus­sichten für die schon arg geschädigten Hackfrüchte im­mer mehr herabmindert, so dürfen wir uns keinem Zweifel darüber hingeben, daß wir einer argen Viehknappheit entgegengehen. Hierzu kommt, daß bei vielen Landwirten der Schrecken der Maul- und Klauenseuche mit dazu anreizt, die Ställe zu ent­lasten und das Derlustrisiko zu vermindern.

Dennoch ist den Landwirten der dringende Rat gn geben, ihr Vieh nicht zu verschleudern, und alles zu tun, was in ihrer Kraft steht, um ihren Viehbe- st..nd nicht zu schwächen. Einmal ist es auch in frü­heren Trockenjahren, selbst in dem schlimmen Jahre 1893, zuletzt immer noch bester gekommen, als es um diese Jahreszeit den Anschein hatte. Daun aber find die jetzigen Preise infolge des teilweise überhasteten Angebots so schlecht, daß fie kaum noch viel finken können. Das Risiko, später zu noch kleineren Prei­sen verkaufen zu wüsten, ist also gering. Dagegen steht ein späterem starkes Anziehen der Viehpreise in bestimmter Aussicht, und ein bayerischer Fachmann hat ganz recht, wenn er die Landwirte vor der Ver­schleuderung von Meh warnt, das im nächsten Früh­jahr zu außergewöhnlich hohen Preisen zurückgekauft werden müßte.

Da aber die Wahlen b.csmal in die Zeit hoher Biehpreise fallen werden und sich schon jetzt der Frei­sinn und die Sozialdemokratie darauf vorbereiten, ba^ Fleischnotgeschrei mit in ihre Wahlparolen auf­zunehmen, um die jetzige Regennot politisch gegen den deutschen Landwirt auszunützen, so gilt es vorzu­bauen und acht zu geben, damit später nicht die wahren Ursachen der voraussichtlich eintretenden Viehknappheit vertuscht werden. Vor allen Dingen muß jetzt darauf hingewiesen werden, mit welchen kolostalen lleberständen infolge des Ueberangebot; die Viehmärkte geschlosten werden, und welche ge­ringen Preise für Vieh in der Tat heute gezahlt «er­den. Es würde nichts schaden, wenn in jeder Gegend die tatsächlich erzielten Viehpretse notiert würden, damit sich feststeüen läßt, wie die Engrospreise fallen und steigen.

Der so vorzeitige Abschluß der diesjäh­rigen Ernte hat die Arbeitskräfte für den sofortigen Ausdrusch frei gemacht und es ist zu befürchten, daß der größte Teil des gewonnenen Körnerertrages als­bald auf den Markt geworfen wird und daß sich da­durch die Landwirte selbst in diesem Schadeujahr die Preise verderben. Das schon jetzt stellenweise herr­schende Ueberangebot darf nicht noch gesteigert wer­den. . Da durch die Dürre das Getreides in diesem Jahre ganz besonders gut zur Lagerung geeignet und etn wesentlicher Verlust durch Austrocknung nicht zu befürchten ist, so mögen die Landwirte bedacht sein, alle verfügbaren Räume zur Eetreideablagerung zu verwenden. So werden sie am besten der andern­falls dringenden Gefahr begegnen, daß im nächsten Frühjahr ein Mangel an inländischem Getreide ein­tritt und werden gleichzeitig auch im Jntereste ihrer Viehhaltung für all« Fälle versorgt sein. Man laste sich nicht anfechten durch das Geschrei, daß die Land­wirte durch Zurückhaltung ihrer Vorrätekünstlich die Eetreidepreise steigerten".

Dabei muß wie dieVerl. Pol. Rachr." mit Recht hervorheben, auch der Umstand voll gewürdigt wer­den, daß infolge des sehr frühen Zeitpunktes der Ernte das Erntejahr sich über die normale Zeit ent­sprechend verlängert und demzufolge auch die Ernte­vorräte den Bedarf des Inlandes für einen längeren Zeitraum als gewöbnlich zu decken haben. Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt die Frage, ob die Erntevorräte bald an den Martt gebracht ober vor­sorglich für spätere Verwertung gelagert werden sollen, eine über das pekuniäre Jntereste der Land- Wirt« binausaehende Bedeutung. Wenn jetzt über

den unmittelbaren Bedarf des heimischen Ver­brauches hinaus Getreide verkauft wird, so ist nicht nur ein bei den ohnehin nicht günstigen Ernten sehr unerwünschter Druck auf die Preise der landwirt­schaftlichen Erzeugniste, sondern auch eine beträchtliche Ausfuhr heimischen Getreides ins Ausland zu be­fürchten. Die ohnehin nicht allzureichen Getreidevor­räte würden daher, obwohl sie für den Bedarf von mehr als einem Kalenderjahre reichen sollen, so künstlich über das normale Maß hinaus vermindert werden. Alsdann würde die Befürchtung schwer ab­zuweisen sein, daß in der zweiten Hälfte des Ernte­jahres die Vorräte sehr knapp wären und unsere Ver­sorgung mehr als erwünscht vom Auslande abhängig gemacht wird. Damit würde voraussichtlich auch eine beträchtliche Steigerung der Preise gegenüber den jetzt künstlich niedergehaltenen Preisen zu er­warten fein. Im Jntereste einer gleichmäßigen und gesunden Preisbildung sowohl wie im Jntereste einer befriedigenden Versorgung des heimischen Ver­brauchs erscheint daher der Rat, jetzt nicht unter a:.en Umständen zu verkaufen, sondern die Eetreide- vorräte lieber für spätere Verwertung aufzube­wahren, durchaus zweckmäßig.

Der Ausstand in London

England wird zur Zeit durch einen Ausstand aufgewühlt, der die bedenklichsten Formen ange­nommen hat. Die Ursache dieser Erscheinung ist in dem Streik der Transportarbeiter zu suchen, die die Schiffsriesen, die schwimmenden Markt­hallen, entladen, ihren Inhalt auf Booten an Land schaffen, wieder verladen und dem Händler zuführen. Nachdem die britischen Seeleute einen Erfolg mit ihrem Ausstand errungen hatten, wollten auch die Transportarbeiter dieses Mittel zur Verbesserung ihrer Lage anwenden. Da England, nach der Vernichtung feiner Land­wirtschaft durch das Freihandelssystem zur Er­nährung fast vollständig auf die Zufuhr von außen angewiesen ist, mußte ein solcher Streik notwendigerweise die tiefsten Erschütterungen nach sich bringen. Zudem fehlt in England jede militärische Organisation, die in Frank­reich z. V. durch Einberufung der ausstän­digen Eisenbahner als Reservisten, den Streik bald beendete. Die Schilderung von all den Uebelständen, die der Streik der Hunderttausend zur Folge hat, weckt in uns die mannigfaltigsten Empfinüungen. Mir sehen das seegewaltige Albion plötzlich in einem ganz neuen Lichte. We­niger bengalisch umstrahlt. An dem, was man jetzt jenseits des Kanals erlebt, aber wollen wir aufs neue lernen. Wollen erkennen, wohin Deutschland gelangen müßte, mit Notwendigkeit gelangen müßte, wenn seine Landwirtschaft es nicht mehr selbst ernähren könnte, wenn das Reich auf die Zufuhr von Lebensrnitteln aus dem Auslande, auf dem Seewege angewiesen sein würde. Wir werden aber auch erkennen, welche Bedeutung eine ruhige Lösung der sozia­len Frage einerseits hat und wieviel die feste Hand eines wohl disziplinierten Regierungs- systems vermag, das sich weniger auf den cng- Iijdjen Individualismus, als auf die militärische Disziplin unseres Landes stiitzt. Zu der Ange­legenheit liegen noch folgende Meldungen vor:

Liverpool, 11. Aug. Die Zahl der aus­ständigen Eisenbahner beträgt jetzt 15 000. Jyncn haben sich alle Fuhrleute. Träger und Streckenarbeiter angeschlosten. Die Regierung hat den Lokalbehörden alle abkömmlichen Trup­pen zur Verfügung gestellt, um Zusammenstöße zwischen Polizei und Streikenden zu vermeiden. Heute fr-.., wurden Anstrengungen gemocht, alle (V...CT, die auf der Zentralstation aufgehäuft sind, abzuladen. Dies ist zwar gelungen, aber erst nach angestrengten Bemühungen der Polizei, die unausgesetzt von ihren Knüppeln Gebrauch machen mußte, so daß sie sich schließlich erschöpft zurückzog und durch Berittene ersetzt wurde. 100 Polizei.eamte, die von Birmingham hier anka­men, wurden unter Hohngeschrei der Menge mit allen meglicken Wurfgeschossen emvsangen. Die Vollsmenge hieb auf die Helme einiger Offiziere ein und sagte wild hinter den Polizeibeamten her, als diese sich nach der Haupt-Polizeistation begaben. Ein Polizeibeamter, der einen Aus­ständigen verbaftete, wurde von der Menge ver­folgt und mußte in einem Laden Zuflucht suchen.

London, 11. Aug. In der Kaserne von Woolwich waren gestern morgen keine Lebens­rnittel vorhanden. Die Soldaten konnten daher erst nachmittag die erste Morgensuppe bekommen. Fuhrwerk in Begleitung von Soldaten wurde nach den Docks geschickt, um das notwendiaste zur

Ernährung der Truppen herbeizuholen. In | der Queen Viktoria Street wurde ein Wagen, in dem sich König Georg in Begleitung des Lord Knollys be­fand, angehalten und mußte einige Minuten warten, bis die Polizei den Weg f reigemacht hatte.

London, 11. Aug. Der Ausstand der Fuhrleute ist beigelegt.

London, 11. Aug. Der nunmehr beige­legte Ausstand der Fuhrleute, von dem die All­gemeinheit am empfindlichsten betroffen wurde, erstreckt sich auf 30 000 Mann. Jetzt verbleiben nur noch 12 000 Auslader und Stauer im Aus­stand, da ihre Beschwerden noch nicht erledigt sind. Die Truppen, die in der vergangenen ?!acht aus Aldershot angekommen sind, werden heute damit beauftragt werden, soviel Lebens­mittel wie möglich aus den Schiffen auszuladen. Die Regierung hat 10000 Mann Infanterie und G00 Kavalleristen nach London befohlen. Sämt­liche Truppen haben scharfe Patronen erhalten. Ein Teil der Truppen kam mit Spezialzügen in London an. Eis mangelt vollständig. Acht­tausend Tonnen Eis sind in den letzten Tagen in der Themse aus Norwegen angekommen, konnten jedoch nicht ausgeladen werden.

London, 11. Aug. Obwohl die Fuhrleute den Streik beigelegt haben, sind doch die Wir­kungen noch zu spüren. Viele Fabriken im Stadt­teil Bermondsey ruhen: es herrscht Not unter der Bevölkerung. Tausende von Handschuhmachern Marmeladesiedern unb Lederarbeitern sind un tätig. Die Lage an der Raddington-Station ist unverändert. Andererseits nimmt das Geschäft auf dem Fleischmarkt in Smithsfield normalen Charakter an.

Politische Umschau.

Eine österreichische Stimme.

Die WienerNeichspost" vertritt in *inem Artikel bi« Ansicht, daß in der marokkanischen Frage die Würfel über das Geschick nicht Marokkos, sondern Mitteleuropas sollen werden:

.Die begeisterte einmütige Stimmung von dec Memel bis ;,um Bodensee, wie sie für einen großen Krieg erforderlich, muß dann eintreten, wenn man in Deutschland sieht, daß jede ruhige diplomaftsche geschäftliche Verhandlung über Marokko dadurch unmöglich gemacht werden soll, daß Mächtegruppen Deutschland ihren Willen diktieren wollen, daß es von dem Uebel- oder Wohlwollen englischer Staats­männer abhäagt, was man Deutschland zu bewil­ligen in Frankr ich geneigt sein darf. Ein solches Vorgehen läßt sich kein starkes Volk ges.llen, das deutsche gewiß nicht. Man Zollte daher in London mit dem Feuer nicht spielen.

Wenn Frankr ick sein großes nordasri'anisches Reich in der ausgedehntesten Weise anwachsen lasten will, gegen den klaren Wortlaut der Verträge, so muß es sich gefaßt machen, an Deutschland eine große Entschädigung zu zahlen, sei es in Marokko seihst oder durch Eebietsabtretumen in anderen Tei­len Afrikas. Die Verhandlungen hierüber treffen durchaus nicht die Ehre der französischen Nation, sondern sie sind ein Handelsgeschäft, wie es seinerzeit zwischen England und Frankreich in der ägyptischen itrage abgeschlosstn wurde. Damals haben kie Herren Vertragschließender auch keinen Dritten gefragt, und Deutschland hat siä. in diese Verhandlungen gar nicht hineingemisckit. Daran sollt- man in England den­ken und sich nicht so breit uls dritter an den Kon­ferenztisch b rängen. So Legen >'e Verhä niste

Es ist nun sellstverftän'olich, daß man in unserem großen und so enge befreundeten Nachbarreich mit besonderer Svannung das Verhalten der öster­reichischen Völker, der österreichischen Diplomatie während dieser Krisis betrachtet. Ganz gewiß '*at mau in Oesterreich die gleiche Ueberzeugung daß an urb für sich Marokko nicht das g'eignete Objekt für einen großen St-eit ist. Man hat diese lleberzeugung, obwohl auch Oesterreich dort unten große taletieHc Interessen zu vertreten hat. Aber ebensowenig ist man in Oesterreich gewillt, daß deutsche Volk in seinen durchaus berechtigten Ansprüchen unbefriedigt z- lasten und rit ihm nicht als treuester Freund zu denken und zu fühlen. Es kann d.shalb auch als der Beruf und di« Aufgabe der österreichischen Diplomatie in Paris und London gelten, zum Guten, zur Einsicht zu raten, freundschaftlich auf diese Mächte einzuwirken, damit ein« Deutschland be­friedigend« Verständigung herbeigeführt werden kann. Oesterreich kann ul Schulter an Schulter mit Deutschland stehen, weil es nicht anders will und weil auch seine natürlichen Jnterestrn dieses begrün­den. Und diese Erkenntnis wird ganz gewiß zur Erhaltung des allen Mächten f» überaus not­wendigen europäischen Friedens in allererster Linie beitragen können.

Deutsches Reich.

«om Kaiser. Mainz, 11. Aug. Der Kaiser ist mit der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen und der Kronprinzessin von Griechenland kurz nach 12 Uhr per Automobil nach Cronberg abge- reist. Das Eroßherzogspaar ist um %12 Uhr nach Schloß Wolfsgarten per Automobil abge­reist. Cronberg, 11. Aug. Der Kaiser, di« Krgnprinzessin von Griechenland und die Prin­zessin Friedrich Karl von Hessen sind aus Mainz hier eingetroffen.

Abgeordneter Dr. Potthoff. Berlin, 11. Aug. Wie bekannt wird, soll der Abgeordnete Dr. Potthoff, dessen Aeußerung überReserve­offizier und Sozialdemokratie" kürzlich weitere Kreise beschäftigte, schon Ende Juni um seine Verabschiedung aus dem Reserveoffizierkorps, dem er bis dahin angehörte, nachgesucht haben.

Bereinigung der Fürstentümer. Rudol­stadt, 10. Aug. Die Frage der Vereinigung der Fürstentümer Schwarzburg - Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen wird die Landtage beider Fürstentümer demnächst beschäftigen.

Der Spionagefall in Bremen. Bremen, 11. Aug. lieber den Spionagefall steht folgendes fest: Der verhaftete Engländer ist ein Jurist aus einer angesehenen Familie, namens Bertrand Stewart, etwa 40 Jahre alt, Teilhaber der be­kannten Solicitarfirma Markby, Stewart u. Co. in London und Reserveoffizier der Peormanry. Er ist in Bremen wegen ausfälligen Verhaltens sistiert, vernommen und dann wegen Spionage- verdsMs, Fluchtverdachts und Kollusionsgefahr in das hiesige Untersuchungsgefängnis gebracht worden. Man vermutet, ihn in Zusammenhang mit den Spionageaffären in Borkum und Ham­burg bringen zu können: wie weit die Vermu­tung richtig ist, kann allein die Untersuchung er­geben. Der Beschuldigte bestreitet sämtliche ihm zur Last gelegten Vergehen, jedoch befinden sich seine Aussagen teilweise im Widerspruch mit denjenigen vernommener Zeugen. Die bis so­weit ausgenommenen Akten sind inzwischen nach Leipzig gesandt woselbst über die weitere Ver­handlung der augenscheinlich großen Umfang an« nehmenden Sache entschieden wird. Aus Eng­land sind lediglich zwei Personen zum Besuch des Verhafteten hier gewesen, ein Angestellter seines Bureaus, namens Wocif und ein der Familie Nahestehender namkns Boston Bruce. Beide hatten die Erlaubnis erhalten, ihn im Unter­suchungsgefängnis zu sprechen. Im Einverständ- i'is m.i Boston Bruce hat der hiesige Verteidiger Stewarts, Dr. Finke, mit Rücksicht auf die Bedeu­tung der Sache den momentan in Wiesbaden weilenden Spezialisten und Verteidiger in den letzten Spionageprozessen, Justizrat Dr. v. Eor- don Berlin, zur Mitwirkung in der Verteidig­ung gewonnen. JrzMdeine Unterhaltung mit d:n Angehörigen des Beschuldigten in Wies­baden tz.it nicht stattgefunden. Verwandte von Stewart sind seit seiner Verhaftung überhaupt nicht in Deutschland gewesen.

Ausland.

Marokko. Paris, 11. Aug. DerTemps er­geht sich neuerdings wieder einmal in einer recht abfälligen Beurteilung der deutsch-französischen Ver­handlungen. Offenbar hat er sich dabei, schreibt man derN. Pr. Corr." von diplomatischer Seite, von dem Bestreben leiten lassen, die Berliner Ver­handlungen zu stören oder, wenn möglich, zum Schei- f-rn zu bringen. Sachlich sind die Auslassungen .es Blattes völlig unbegründet, denn die Verhandlungen schreiten fort und dürften in einigen Wochen zum Abschluß gelangen. Madrid, 11. Aug. Dem Temps wird gemeldet, daß die Spanier in will­kürlicher Auslegung des franzöfisch-spaniichen Marokkovertrages vom Jahre 1904 die Grenzlinien ihres Einflußgebietes bis zu einer weiter südöstlich den Lukkosfluß schneidenden Straße bis Uezzan vor­rücken und in ihre Einflußsphäre einen größeren Teil des Gharbgebietes einbeziehen wollen.

* «us dem englischen Unterhaus«. London, 1L Aug. In Zukunft werden die englischen Abgeord­neten auch eine Entschädigung für ihr« Dienste er­halten. Rach der vom Schatzkanzler Lloyd George gestern in der Kammer abgegebenen Erklärung iff ein Gesetz vorgeschlagen worden, wonach jedes Mit­glied des Unterhauses jährlich 8000 M erhalte« sollte. Ein Gegenvorschlag des Aogeordneten Arth« Lee wurde mit 265 gegen 173 Stimmen abgelehnt, der Regierungsvorschlag mit 256 gegen UW Stimmen, also mit einer Mehrheit von 98 Stimme« angenommen.