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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen.Nach Feierabend".Fürs Haus" und .Landwirtschaftliche Beilage".

Jkq 1R7 und der Expedü

IO« langt zugesand

Freiheit, das ist die Wahrheit, die Eigenart und die Kraft einer Sache. Erst kommt ste, denn wenn sie schwindet, schwindet der Kern, und nur noch Hülsen der Worte bleiben übrig; dann erst kommt die Freiheit. Die Wisienschaft freilich

46. Jahrg.

1911.

Marburg

Freitag, 11. Zlugust

gemachte Forderungen politischer Hitzköpfe als Forderungen hinzustellen, welche die Deutsche Regierung anfangs selbst erhoben habe, dann aber unter fremdem Druck wieder zurückzog.

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DieOberhrssische Zeitung" erscheint täglich mit Aus nah ne der nn« und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 <X lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen Ötion (Markt 21) 2.00 <X frei ins Haus. (Für unver« »te Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Beranttvortung.) Druck der Univ..Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. Hitzeroth), Markt 21. Telephon 55.

. Zur Lage.

Das Verlangen nach Einberufung des Reichs­tages, das von der nationalliberalen Korrespon­denz ausging, wird von der freisinnigen Volks­partei und den Sozialdemokraten unterstützt. Die Köln. Ztg." lehnt das, offenbar im offiziösen Sinne, als zur Zeit völlig unzweckmäßig ab. Der sozialdemokratische Parteivorstand glaubt noch besonders eine Erklärung geben zu müßen. Er veröu-ntlicht an der Spitze desVorwärts" einen Aufruf an die Genoßen, in dem er darlegt, daß die Entsendung eines deutschen Kriegs­schiffes nach der marokkanischen Hafen Agadir in den Kreisen der Prozentpatrioten und ihrer Söldlinge jubelnde Zustimmung gefunden habe. Zugleich sei der dadurch geschaffene Konflikt an­scheinend geeignet gewesen, die Maßen von der trostlosen Situation der inneren Politik Deutsch­lands abzulenken. Prozentpatxioten, Hurrah- patrioten, Panzerplattenpatrioten, das sind so die Worte, mit denen unsere halben und ganzen Genoßen ihre eigene vaterländische Zntereße- losigkeit bemänteln wollen. Man höre, was der Vorwärts" weiter orakelt:

Nun scheint die das Licht scheuende Schacher- macherci eine neue Wendung genommen zu haben. Konservative und nationalliberale Kolonialintereßenten und deren Hintermänner, die einflußreichen Kanonen- und Panzerplatten­fabrikanten, die Armeelieferanten und Börsen- fuiz en, denen bei einem Kriege Riesenprofite winken, toben wegen einer angeblich dem Vaterlande widerfahrenen Schmach", wegen einesschmachvollen Olmütz der deutschen Diplo­matie" und erheben ein wütendes Kriegsgeheuls

Diesem verbrecherischen Treiben gilt es Ein­halt zu gebietens"

Sehr richtig bemerkt dieDeutsche Tages­zeitung":

Der Parteivorstand ist so vorsichtig gewesen, die Grenze nur zu streifen, aber nicht zu über­schreiten, jenseits deren der faßbare Landes­verrat beginnt. Wer in einer solchen Stunde in solcher Weise zu den Maßen zu reden wagt, der darf sich nicht wundern, zu den vaterlandslosen Gesellen aerechnet zu werden."

DiePost" veröffentlicht eine Reihe von Zu­schriften zu ihrem Konflikte mit derRordd. Allg. Zeitung", aus denen hervorgeht, daß das kräftige Dreinschlagen des Blattes, das vielleicht nicht ganz zeitgemäß war, doch einen starken Widerhall in allen Kreisen gefunden hat. In der Sache ist man eben überall mit derPost" einig, daß nämlich ein schmachvolles Zurück­weichen des deutschen Reiches in dieser Frage, die sich nicht nur um Marokko, sondern um die Ehre und Zukunft des deutschen Reiches dreht.

der Regierung nie verziehen werden würde. Zur Kompenstonsfrage erfährt diePost", Deutsch­land verlange von Frankreich die Abtretung des ganzen ftanzösischen Kongos, außerdem soll ihm Portugiefisch-Westafrika jetzt überantwortet wer­den und die kleine spanische Enklave Spanisch- Guinea an Deutschland abgetreten werden. Hier­durch würde die westaftikanische Küste vom Oranjefluß bis nach Kamerun deutscher Besitz werden bis auf die Kongomündung. Im Norden könnte sogar nördlich vom Kongostaat eine Ver­bindung mit Ostafrika hergestellt werden. Frank­reich sei bereit, seine Vorkaufsrechte auf den Kongo an Deutschland abzutreten, so daß in späteren Zeiten das ganze Mittelafrika von Duala bis Tanga und von Lüderitzbucht bis Kilwa ein zusammenhängender deutscher Kolo­nialbesitz wäre.

Vorläufig ist das natürlich Kombination. Don Frankreich aus will man sich, wie bereits gemeldet, nur zu einigen Kompensationen im Hinterlande von Kongo, das noch nicht einmal unterworfen ist, verstehen.

Französische Pläne.

Köln, 8. Aug. Der nach Agadir entsandte Sonderberichterstatter derKöln. Ztg." schreibt: Die Franzosen suchen, wie man mir als ihre Ab­sicht hinterbracht hat, den Kaid Mtuggi zu ver­anlaßen, in den Süden einzufallen, damit eines Tages das deutsche Pfand zerronnen sei, wenn Mtuggi es mit französischen Instrukteuren in Beschlag genommen habe. Sie rechnen dabei wohl ohne die 30 000 Susleute, unter Umständen auch weiterer Stämme und sicherlich auch ohne das Deutsche Reich, das eine derartige Beein­fluß ung der schwebenden Verhandlungen und derartiges Wühlen im Süden aus Gründen, die bereits zur Entsendung eines deutschen Kriegs­schiffes nach Agadir führten, sicherlich nicht ohne Widerspruch hinnehmen könnte.

Auslastung derKöln. Ztg."

Köln, 9. Aug. DieKöln. Ztg." meldet aus Berlin: Von verschiedenen Seiten wird an­dauernd versucht, die Ansicht zu verbreiten, als ob zwischen dem Kaiser und den verantwort­lichen Ratgebern über die Behandlung der Ma­rokkofrage Meinungsverschiedenheiten beständen. Besonders sucht man die Lage so darzusteelln, als ob Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter zuerst weitgehendste Forderungen an Frankreich ge­stellt habe, diese dann aber infolge des kaiser- l,a;en Eingreifens stark herabsetzte. Derartige willkürlich erftindene Angaben sind unpatriotisch, da sie die Aufgabe der deutschen Unterhändler erschweren und ihre Stellung gegenüber dem Auslande schwächen. Das gleiche gilt von den fortgesetzten Versuchen, gewiße, lärmend geltend

Fahrt eines spanischen Kreuzers «ach Agadir.

P a r i s, 9. Aug. Nach einer Blättermeldung aus Mogador ist der spanische KreuzerCarta­gena" am 5. August mit dem spanischen Konsul und einer Anzahl spanischer Touristen, darunter niehrere Deputierten und Journalisten, sowie dem holländischen Konsularagenten nach Agadir abgegangen. Die spanischen Reisenden hätten erklärt, daß sie den Offizieren des Kreuzers Berlin" einen Besuch abstatten und von dem Gouverneur von Agadir empfangen werden wür­den.

Zum Fall Jatho

wird in derSchlesischen Ztg." eine Erklärung veröffentlicht mit über 100 Unterschriften, in der gegen Erklärungen, durch die für Jatho und gegen das Spruchkollegium Stellung genommen wurde, protestiert wird. DieSchlesische Ztg." bemerkt dazu:Das Spruchkollegium, mit deßen Errichtung auch die liberalen Mitglieder der Ee- neralsynode einverstanden gewesen sind, konnte sonach zu keiner anderen Entscheidung kommen als zu der, die es abgegeben hat. Wenn jetzt nachträglich dieser Spruch als eine Bedrohung der Gewissensfreiheit in der Kirche ausgegeben worden ist, so war die naturnotwendige Folge, daß diejenigen, die bei aller christlichen Freiheit doch an der Grundlage unseres evangelisch-christ- ljchM Glaubens nicht rütteln loßen .wollen, sich dadurch verletzt gefühlt und zu einer entschiede­nen Betonung ihres Standpunktes von ihrem Gewißen gedrängt gefühlt haben."

Gegen den offenen Brief Jathos veröffentlicht Harnack in derChristlichen Welt" eine Erklä­rung, in der et sagt, die Behauptung Jathos, daß er (Harnack) die Iathosche Christusauffas- fung im wesentlichen teile und vertrete, sei völlig unrichtig. Die ursprüngliche Auffaßung von Jesu, die sich mit seinem Selbstzengniße decke, sei die, daß er der Messias und Herr sei. Dieses Elaubensurteil habe er (Harnack) für unver- schiebbar erklärt, denn in ihm stelle sich die wur- zelhaft und gemeinsame Elaubensgrundlage dar, die die verschiedenen Christologien trage und er­trage. Daß die Landeskirchen ihre Lehrer an diese Verkündigung binden, geschehe nicht nur von Rechtswegen sondern sei in der Sache be­gründet. Wörtlich schreibt dann Harnack folgen­des:Aber die Freiheit der Geistlichen? Run, auf die Gefahr hin, für einen Reaktionär zu gel­ten: es gibt auch etwas Wichtigeres als die

kann nicht nur, sondern sie muß unbekümmert um alles Seelenheil forschen und fragen; aber die Kirchen haben nicht nur das Recht, sondern sie haben die Pflicht, die Eigenart und Kraft der christlichen Religion aufrecht zu erhalten, wie sie aus der ursprünglichen Struktur und ihrer ge­samten Geschichte hervorgeht, und sie werden da­bei von der echten geschichtlichen Wißenschaft un­terstützt. Die Behautpung aber, daß es zwischen Bekenntnisbuchstaben und absolutem Subjekti­vismus für die Kirchen nichts Drittes geben dürfe und könne, läßt sich unschwer widerlegen.. Und nun zum Schluß wiederholt richten Sie an mich in IhremOffenen Brief" Bitten, ich möge die Freiheit der Wißenschaft nicht gefähr­den, ich möge keine Maßstäbe aufstellen, die durch meine eigene gesamte Lebensarbeit als illuso­risch erwiesen sind usw. ich empfinde diese Bitten als völlig unmotiviert und unberechtigt. Jeder Pfarrer soll gewiß frei und offen sagen, was er erlebt und erkannt hat; aber nicht jeder Pfarrer kann verlangen, daß die Landeskirche ihn unter allen Umständen erträgt. Wie ich es trotz schwerer Bedenken versucht habe, Ihrem Wirken als Prediger in der Landeskirche gerecht zu werden, das habe ich in meiner Vorlesung zum Ausdruck gebracht."

Das bärfte-eine glatte Abrechnung mit Herrn Jatho sein, der man nur zustimmen kann.

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Deutsches Reich-

Bom Kronprinz. Bregenz, 9. Aug. Der deutsche Kronprinz ist auf seiner Rückreise aus Italien zum Jagdaufenthalt im Bregenzer Wald hier eingetroffen.

Senoßenschaststag. Stettin, 9. Aug. In Gegenwart von Vertretern des Minsteriums und der staatlichen und städtischen Behörden wurde heute Vormittag der 52. Genoßenschaftstag des Verbandes der auf Selbsthilfe beruhenden Ee- noßenschaften (Schultze-Delitzsch) eröffnet. Als Vertreter des Handelsministeriums war Geh. Oberregierungsrat Dr. Franke erschienen. Er überreichte dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Stettiner Bank, Kurz, den Kronenorden 4. Klasse.

Das preußisch-süddeutsche Lotteriegesetz. Stuttgart, 9. Aug. Die Erste Kammer hat das Lotteriegeseh einstimmig angenommen und auch

R (Nachdruck verboten.)

Die Aßmarrn».

. v1'' ' Roman non Courths-Mahler.

(Fortsetzung.)

Fast zu gleicher Zett traten die Familienmit­glieder von verschiedenen Setten in das Speise­zimmer. Oben an der Schmalseite des Tisches nahm Peter Aßmann Platz. Er war ein mittelgroßer, etwas beleibter Herr mit sehr ausdrucksvollen Zügen. Ergrautes Haupthaar und ein ebensolcher Vollbart umgaben sein frischgerötetes Gesicht, aus dem die guten klugen Augen Eroßtantings herausschauten. Sehr stark ausgeprägte Krähenfüße an den Augen­winkeln verrieten daß Peter Aßmann einen stillen Humor besaß, bei ihn befähigte, allen Dingen eine rosige Seite abzugewinnen. Er liebte Ruhe und Frieden über alles, und um sich beides zu erhalten, ließ er seiner noch immer herzlich geliebten Frau in allen Dingen, die nicht sein Geschäft betrafen, freie Hand.

Rechts von ihm saß Tante Adolphine. links Eroß- t:uting und neben dieser Bettina. Reben seiner Mutier war Georgs Platz.

Dieser war ein sehr elegant gekleideter, stattlicher Mensch, etwa dreißig Jahre alt und das, was man einen schönen Mann zu nennen pflegt, im land­läufigen Sinne. Sein sorgfältig frisiertes dunkles Haupthaar und d-r nach der neuesten Mode gestutzte Lippenbart verrieten die sorgfältigste Pflege. Seine sehr weißen Hände waren lang und schmal, aber nicht schön. Die Fingerkuppen waren zu breit und plump it t Verhältnis zur Hand. Georg suchte diesen Fehler durch besonders lange und spitz zulaufende Finger­nägel zu verbessern, doch bekamen dadurch seine Hände etwas Krallenartiges. Seine blauen Augen gleich denen der Mutter von dunklen Brauen und Wimpern umsäumt, blickten kühl und nüchtern. In der ganzen Art seines Benehmens sprach sich sehr

viel Selbstgefälligkeit aus. Er konnte, wenn er wollte, sehr liebenswürdig sein. Zu Hause kam es ihm jedoch nie darauf an. Er pflegte allerdinos der Mutter und der Großtante beim Kommen und Gehen artig die Hand zu küssen. Aber diese Artigkeit ha'te etwas Steifes, Fermelles und nichts Wohltuendes, Bettina gegenüber war er kaum höflicher, als wenn sie ein Dienstbote gewesen wäre. Rur wenn es sich gar nicht vermeiden ließ, richtete er das Wort an sie. Sie galt ihn, nicht mehr als eine Dienerin. Er blickte auch heute kühl und gleichgiltig an ihr vor bei. Und doch war sie ihm wohl des Betrachtens wert. Selbst Onkel Peter sah wohlgefällig in ihr sauft gerötetes, liebreizendes Gesicht und schenkte ihr einige Aufmerksamkeit.

Bei Tische wurden nur enige gleichgiltig- Redensarten gewechselt, höchstens flog zwischen Kroß ti .ting und Peter Aßmann zuweilen ein humorvolles S erzwort herübe- und hinüber, welches Georg mit konventionellem, mattem Lächeln begleitete und Frau Adolphine meist zu ignorieren pflegte. Sie hatte ebenso wenig Sinn für den warmen, goldigen Humor, welcher den Erundzug dieser beiden Karak- tere bildete, wie ihr Sohn Georg. Rur in Bettinas Augen leuchtete dann warmes Verständnnis auf. Aber sie beteiligte sich nicht an der Unter' aftung. wenn sie nicht gefragt wurde. Tante Adolphine hätte das streng gerügt.

Rach Tisch verabschiedete sich Georg, wie fast jeden Abend, um noch in den Klub zu gehen. Er küßte Mutter und Tante Emma die Hand,kühl bis ans Herz hinan", verabfol/e feinem Vater einen matten Händedruck und nickte Bettina nachlässig zu.

Peter Aßmann pflegte noch ein Stündchen bei den Damen sitzen zu bleiben, ehe er zu Skat und Schach ebenfalls den Klub aufsuchtc. Er plauderte freund­lich einige Worte mit Bettina, neckte sich mit Eroß- tanting und spielte mit den Fäden der Handarbeit, die seine ©atttin gleich nach Tisch wieder aufnahm. Oft mußte ihm Bettina einige Volkslieder fingen,

die er sehr liebte. Sie besaß eine weiche, volle Alt­stimme und verstand gerade einfache Lieder mit Wärme und Verständnis zu singen und zu begleiten. Selb. Frau Adolphine pflegte gern zuzuhören, wenn sie fang und gestattete ihr jeden Tag ein Uebungsstündchen. Für Eroßtanting waren Bet­tina' Lieder ein Genuß, b»n sie mit keinem anberen vertauscht hätte. Sobalb das junge Mädchen in ben Salon hinülergtng, wo ein schöner Bliitnerslügel stand, setzte sich das alte Fräulein mit behaglichem Gesicht in die Sofaecke und schloß lauschend die Augen.

So ging es einen Abend wie den anderen. Wenn Peter Aßmauns sich bann verabschiedet hatte, ging Eroßtanting mit Bettina hinniiber in ihr Zimmer, um sich noch ein Uiittbdien vorlesen zu lassen. Aolphine blieb bei ihrer Handarbeit sitzen. Um ze hn Uhr gingen die Damen zu Bett. Anders verliefen die Abende naiii'lich, wenn Gesellschaft im Hause mar, ober wenn Aßmanns geloben waren. Jeden Winter wurden einige größere F-stUchkeiten im kaufe gegeben, wozu immer die erste Gesellschaft der reichen Handelsstadt geladen war. Da solche Einladungen natürlich erwidert wurden, war es, im Winter hauptsächlich, nicht allen selten, daß Eroß- tanting und Bettina allein zu Hause blieben. Das alte Fräulein ging seit Jahren nicht mehr in E»sell- schaften. nur wenn sie im Ha ise waren, beteiligte sie sich ein paar Stunden. Bei ihrem hohen Alter bedeuteten solche Geselligkeiten 'mmerhin eine An­strengung. Das war Frau Adolphine im Grunde sehr lieb. Hatte man doch dadurch den besten Vor­wand, auch Bettina zu Hause zu lassen. Sie mußte eben Eroßtanting Gesellschaft leisten.

Bettina war sehr damit zufrieden, bei Eroß- tonting bleiben zu dürfen. Was sollte sie in Gesell­schaft all der Menschen, die sie fast alle ein wenig von oben herab betrachteten und sich nicht viel um sie kümmerten. Die jungen Herren sahen wohl gern in ihr liebliches, süßes Gesicht und fanden fte reizend.

entzückend. Aber da sie arm roa. und bei ben Ab­manns nur aus Knabe und Barmherzigkeit Auf­nahme gefunden hatte, hielten sie sich fern von ihr. Zu einer Liebelei war sie nicht zu haben und sonst was sollte man sonst mit solch einem armen süßen Ding. Die konnte einen höchstens zu Torheiten ver­leiten. Also lieber nicht zu nahe heran.

Bettina war sehr feinfühlig und empfand das alles sehr deutlich. Deshalb blieb sie viel lieber zu Hause. Es kränkte sie nicht, weil sie es selbst­verständlich fand in ihrer Bescheidenheit, daß man sie wenig baechte'e. Aber es war ihr immer pein­lich, wenn im Hause Gesellschaft war, an der sie sich natürlich beteiligen mußte, die herablassende unk mildtätige Freundlichkeit über sich ergehen zu lassen. Sie tarn sich ganz verlören und verlassen vor zwischen all ben gleichgültigen Menschen und atmete auf, wenn solch ein Abend hinter ihr lag.

Viel schöner war es, wenn sie mit Eroßtanting allein zu Hause war. Dann fang sie ihr erst all ihre Lieblingslieber. Und nachher saß sie in dem warmen Stübchen zu Füßen des alten Fräuleins. So wonnig kuschelig und gemütlich war es dann, wenn draußen der Wind heute, ober der Schnee an die Fenster schlug. Wenn bann Eroßtanting zärtlich übet ihr Haar strich und mitleidig sagte:

Nun mußt du armes Blondchen zu Hause sitzen bei einer alten Frau und möchtest doch sicher auch gern tanze nunb fröhlich fein.

Dann lachte sie fröhlich -- selten genug hörte Eroßtanting dies warme klare Lachen und ant­wortete:

Bei dir ist es tausendmal schöner, ich bin so froh und glücklich, daß ich bei dir bleiben darf."

Dann plauderten ste meist von Ernst, lasen feine Briefe wieder durch und legten dazu einige Photo- g.aphien von ihm auf ben Tisch, bie ste abwechselnd betrachteten. Da war er einmal als kleiner Bub mit ben ersten Unaussprechlichen. Seine ganze Hal- hing verriet, baß man ihn nut mit Mühe zum Stil-