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Marburg

o Ql.»«..» feit für Platz-, Tatenvorschrift und Beleglieierima ausgeschlossen. Donnerstag-, 3. August o^^gen im Postsrbeckverkehr - ohne Portokosten - unter Nr. 5015

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deS Postscheckamtes Frankfurt e. SR.

46. Jahrg.

1911.

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Herr v Gerlach bittet uns untere Bezeichnung als politischer Leiter derWelt am Montag" dahin rifr tig zu stellen, daß er nur politischer Mitarbeiter des Blattes sei. Wir steNen dieseBerichtigung" auf ie- selbe Stufe mit derjenigen. die wir kürzlich von den Demokraten erhielten. Wir bähen behauptet, daß in Bremen die Demokratische Bereinigung beschlossen habe, gegen den Freisinnigen direkt für den Sozial­demokraten zu stimmen. Darauf erfolgte vom Bor­stand der Demokratischen Mreirigung eine schlank« Berichtigung": Das sei unwahr. Der ahnungslos« Leser glaubte natürlich, es seilte berichtigt werden, haf; die Demokraten überhaupt so etwas taten. In Wirklichkeit war die Geschichte so. daß nicht Bremen sondern Hamburg das Feld dieser Tätigkeit war und als wir diesen für die Sache völlig Nebenfach

Marokko.

Köln, 1. Aug. Der Spezialberichterstatter derKöln. meldet aus Agadir vom 31. Juli: In Agadir befinden sich zur Zeit noch vier Deutsche und zwei Spanier. Der Kreuzer Berlin" ist heute nach Teneriffa zum Kohlen­

einnehmen abgefahren. Er wird inzwischen hier durch denEber" ersetzt. Dank der An- Wesenheit der deutschen Kriegsschiffe herrscht im ganzen Erbiet von Mogador bis zum äussersten Süden größte Ruhe. Selbst in Tarudant wur­den einige aus Marrakesch kommende Deutsche gut ausgenommen. Dieser Tage besuchten die Scheichs aus dem gefürchteten Bergstamm Uta- nan den Kommandanten derBerlin" und haben ihm erklärt, daß überall Genugtuung über die Anwesenheit des Kriegsschiffes herrsche. Die Utanan luden die Kommandanten und die Offi­ziere ein, in ihr Gebiet zu kommen. Der Kom­mandant Löhlein empfahl ihnen, stets für die Erhaltung der Ruhe des Landes zu wirken.

Wie aus Cadix gemeldet wird, ist das Ka­nonenbootPanther" dort am Montag einge- troffen, um die Post für den KreuzerBerlin" abzuholen.

Den Pariser Blättern zufolge, ist in Tanger ein Funkentelegramm aus Fez vom 29. Juli ein­getroffen, nach dem der Sultan die Befürchtung hegt, daß nach der Ernte die Berberstä'mme des Mittelatlas sich von neuem erheben werden. Muley Hafid scheine sehr beunruhigt zu sein, weil ihm die zur Vermehrung der scherifischen Armee erforderlichen Geldmittel immer noch nicht zur Verfügung gestellt worden seien.

Teneriffa, 1. Aug. Der KreuzerBer­lin" ist aus Agadir hier eingetroffen und vor Anker gegangen.

Berlin, 1. Aug. Die Mitteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft in Berlin bringen heute zwei sehr bemerkenswerte Darlegungen, die sich gegen Kompensationen außerhalb Ma­rokkos wenden. Zur Marokkofrage selbst heißt es darin: Wir haben von jeher den Standpunkt vertreten, daß unser Anteil an dem marokkani­schen Handelsverkehr und die verbrieften An­sprüche unserer Kulturpioniere an der ökonomi­schen Weiterentwicklung des afrikanischen Reichs nicht geringer zu bewerten sind als die Frank­reichs. Sie aufzugeben wäre leichtfertig. Sollen alle Vereinbarungen aus früheren Tagen hin­fällig fein? Will hier Frankreich und dort Spanien stch einen Bissen aus dem marokkani­schen Kuchen herausnehmen, so beanspruchen wir für uns das gleiche. Wir werden uns nicht mit einigen tausend Quadratkilometern Landes in dem vom Aufruhr durchtobten Tschadseedistrikt obspeisen lassen, sondern verlangen gleichfalls wie jene Macht die Kompensation in Marokko selber und halten für einen gegebenen Ausgleich das Hinterland von Agadir, das Sus. Hier wurde in erster Reihe durch deutsche Kolonial- pioniere die Flagge deutschen Fleißes aufrecht­erhalten. Wir suchen eine Zerstückelung des Landes nicht, aber wir wollen uns auch nicht

mindesten keine Lebensfrage bedeutet, da die eigent­liche Lebensfrage, die des Volksunterhaltes, gelöst ist.

Und haben wir einen Krieg zu fürchten, der sich gegen die beiden Fronten, gegen England und Frank­reich, ttchtet? So wenig, daß ein Kampf gegen den Nachbarn im Westen, den Verbündeten des Gegners im Norden, unsere Stellung auch diesem gegenüber nur stärken könnte. Das 62 Millionereich Deutschland braucht einen Waffengang mit den 35 Millionen Franzosen nicht zu scheuen. Es könnte sich an ihnen sogar bequem schadlos halten, wenn ihm der Briten- leu ein paar schmerzende Wunden schlagen, seine Flotte zu einem größeren oder kleineren Teil ver­nichten sollte. Den armen, unglücklichen, von Eng­land abhängigen Franzosen sollte es aber doch all­mählich zum Bewußtsein kommen, daß ste, sie allein bi; Zeche zu zahlen haben, wenn die Schwerter wirk­lich aus der Scheide flögen.

Es ist selbstverständlich, daß auch wir den Frieden wünschen. Das deutsche Reich hat in 40jähriger Friedenszeit gezeigt, daß es einen ehrenvollen Frie­den zu schätzen weiß und feine militärische Macht zu Eroberungen" undRäubergelüsten", wie Herr von Gerlach in seinem vorgestrigen Leitartikel derWelt art Montag" schreibt, nicht mißbraucht. Das reden nur unsere Feinde draußen und sie werden unter­stützt durch unsere Demokraten im Innern, die, um gegen die Regierung za hetzen, so tun, als wäre eine Beaufsichtigung unserer Regierung in internationalen Fragen durch die Herren Bebel, Zubeil, Stadthagen, Frank und Genossen, assistiert durch die Herren **on Gerlach, Breitscheid, Nestripke und Eomp., nötig, um die Regierung vor unbesonnenen Taten zu wahren. Das einzig Gute ist, daß diesePolitik der Hasenheide", von der die Herren Genossen nämlich sagten, daß die Regierung sie respektieren müßte, weder in unserem monarchisch gesinnten, wirklichen Volke einen Resonnanzboden findet, noch auf die endgültige Entscheidung irgend welchen Einfluß hat. Regierung und Volk können derartige Kapuzinaden A laVorwärts" undWelt am Montag" ruhig über sich ergehen lassen. Wie wir kürzlich fest­stellten, hat das deutsche Volk, ob rechts ober links stehend. von derVossischen Zeitung" bis zurKreuz­zeitung" die auswärtige Politik der Regierung in ihrer neuesten Phase durchaus gebilligt. Bor ollen Dingen wünscht man, daß dir Regierung an der Politik der Festigkeit in internationalen Fragen festbält zumal sie nur das vertritt, was für bas deutsche Reich billig unb reibt ist. Nur eine mannhaft feste Haltung überzeugt bas Ausland d von, daß wir uns unserer Stärke auch bewußt sind, und nötigt es, uns gegenüber eine Haltung einzunehmen, die von den jetzt so beliebten Einschüchterungsverfuchen wesentlich absticht.

Der Anzergenpreis beträgt für Cie 7gehaltene ycile ovcr beten Raum 15 A. bei auswärtigen Anzeigen 20 für Reklamen bie Zeile 40 A. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt al» Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Berbinblich-

Zur Lage.

Sind doch töricht« Leutchen, die uns mit Droh- ringen einschüchtern wollen. Nicht einmal das haben bie lieben Vettern an der Themse, die in Politik machen, bei ihrem Besuche in Deutschland vor vier Jahren gelernt, daß wir darauf nicht hinetnfallen. Nicht einmal dieser Grundzug unseres Wesens ist ihnen ins Bewußtsein gedrungen, ein Grundzug, der deutlich und schlicht in dem Bismarck-Worte Ausdruck findet: Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt. Nicht einmal das haben ste gelernt, daß freche Drohungen von Fremden uns über alles Trennende hinweg zu einem Volk von einig-starken Brüdern zusammenfchmelzen. Wozu also solche Visiten?

Die vielgerühmte englische Presse, die uns ein« schüchtern möchte, uns aber tatsächlich nur zu einet Trutzstellung hetausfordert, deren Stärke ihr bei fern mangelnden Verständnis für unseren Volkscharakter natürlich verborgen bleiben muß, sie täte gut, wenn sie sich ihre eigene unb unsere militärische Stellung für den Fall eines Krieges, den wir gleichzeitig gegen Gnglanb unb Frankreich führten, vor Augen hielte. Wie siehr es beim um bie Behauptung des Auslandes aus, daß es bas von ber Lebensmittel­zufuhr oys Ueferfeegebieten abhängige Deutschland nicht auf einen Konflikt mit England ankommen lassen darf? Davon, daß wir mit einer noch stär­keren Flotte, als wir sie haben, unsere Zufuhrhäfen in der Nordsee offen halten könnten oder offen zu halten versuchen würden, kann kein« Rede sein. Die Gestaltung der Nordsee, bie Lage Gnglanbs an ihr unb im besonderen bie Beschaffenheit ber deutschen Bucht schlössen bcs von selbst auch bann völlig aus, wenn bas Stärkeverhältnis ber feiben Seestreitkräfte für uns noch weit günstiger wär-, als es tatsächlich 4ft. Dos ganze Geschrei von ber Abhängigkeit Deutschlands von der Lefensmittelzufuhr kann uns aber barum nicht ins Bockshorn jagen, weil biefe Abhängigkeit in Wahrheit und Wirklichkeit gar nicht besteht, weil sie nur in der Phantasie der Engländer lebt, deren Urteil durch keinerlei Sachkenntnis ge­trübt ist unb die zu so verzweifelt närrischen Histör­chen greifen müssen. Unse-- von den Liberalen so viel geschmähte Wirtschaftspolitik hat uns Gott fei Dairkk so weit gebracht, daß wir unser Volk unb unser Heer mit den Erzeugnissen ber eigenen Scholle vollauf ernähren können. Eine Tatsache, bie von grunblegenber Bedeutung für die Beurteilung fe. Machtfrage zwischen Englanb unb Deutschland ist. Ein Krieg mit England kann uns viel Geld kosten, er kann uns niemals auf bie Kniee zwingen. Je län­ger ber Äriej dauert, desto günstiger wird die Lage für Deutschland, um so ungünstiger für England. Wem die Vettern tiberm Kanal also wirklich töricht genug sind, ihre Drohungen ernst zu meinen, so kann es uns recht sein. Dummheit schkäo« ihren eigenen Herrn. Wir aber Hafen allen Grund. uns wieder und wieder der Tatsache bewußt zu werden, daß wir es unserer Schutzzollpolitik zu danken haben, wenn wir in diesem kritischen Augenblick die britische Seemacht nicht zu fürchten brauchen, wenn Englands Feind­schaft, ein Krieg mit Großbritannien, für uns zum

________ömw.I H|u,.uu togn<9 mit nur nah.ne der e«nn« und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch bie Post bezogen 2.25 * lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen :iHon (Markt 21) 2.00 <X frei ins Hau». (Für unver- langt augefanbte Manuskripte übernimmt bie Redaktion keinerlei

aus der durch die Tüchtigkeit und Rührigkeit un­serer Landsleute errungenen Stellung heraus­drängen lassen: einmal weil wir die Grundsätze des VölkerreHteMicht mißachtet sehen wollen, so­dann wegen unserer Stellung in der mohamme­danischen Welt, der wir nicht als landes­hungrige Okkupatoren bekannt geworden sind, sondern als deutsche Kulturpioniere. Und was soll mit all den Werten geschehen, die von un­seren Landsleuten in einem Menschenalter unter Schwierigkeiten und gegen Widerstände in Ma­rokko langsam und zähe aufgeoaut worden find. Die maßgebenden Persönlichkeiten der Deutschen Kolonialgesellschaft sind sich darüber einig, daß es für das Deutsche Reich eine Ehrensache ist, sich nicht aus seiner auf dem Boden des Rechts und aus eigener Kraft errungenen Stellung in Ma­rokko herausdrängen zu lassen. Hebet eine etwaige Abtretung Togos schreibt die der Deut­schen Kolonialgesellschaft nahestehendeDeutsche Kolonialzeitung": Wir glauben wohl, daß es unserem Nachbar passen würde, sein nordwest­afrikanisches Militärreich von 25 000 Einwoh­nern durch ein Land abzurunden, das von uns auf das beste zivilisiert und entwickelt worden ist. Dafür sollen wir dann ein Gebiet erhalten, das zum größten Teil noch auf Jahrzehnte den Ausbeutungsgesellschaften überlassen, wirtschaft­lich stagniert, finanziell notleidend ist, keine Eisenbahn besitzt und ungezählter Millionen be­dürfen würde, um den Keim zu einer gedeih­lichen Entwicklung zu legen, und in dem Frank­reich soeben eine schwere Niederlage nach bet anderen durch die streitbaren Sultane des Nor­dens erlitten hat. Die Deutsche Kolonialgesell- schaft muß gegen ein solches Handeln Wider­spruch erheben, ganz allgemein aber gegen jede Abtretung deutschen Gebiets. Der moralische Eindruck einer solchen wurde für jeden Freund unserer Politik ein beschämender und schmach­voller sein.

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Verantwortung.) Druck ber Univ.-Buchdruckerei I. «. Koch (Inh.:

/ Dr. Hiheroth), Markt 21. Telephon 56.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

unb ben Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" unb .Landwirtschaftliche Beilage".

1 (Nachdruck verboten.)

V-.- Z"- Roman von Eourths-Mahle».

Aber Bettina wirst bu nie lernen, sparsam zu sein?"

Das junge Mädchen, welches vor bem Ofen kniete, in Begriff, Feuer anzuzünden, sah erschrocken empor in bas zürnenbe Gesicht ber scheltenden Frau.

Was hab ich denn getan, Tante Adolphine?" frug sie ängstlich

Was bu getan hast. Sie frägt auch noch, was sie getan hat, unglaublich! Schau boch ins Feuerloch hinein. Ist bas eine Art, Feu»: anzuzünfen? Meinst du, bas Holz kostet nichts? $r stopfst bas ganze Ofenloch voll bavon. Das teure Holz. Richt ein­mal bie Hälfte bavon ist nötig. Schnell, nimm bas übrige heraus. Es ist ein Kreuz mit bir, Bettina. Du solltest boch doppelt sparsam sein. Natürlich, w.nn ihr zu Hause so gewirtschaftet habt, bann ist es kein Wunber, daß ihr zu nichts gekommen selb. Bei mir gibts solche Lotterwirtschaft nicht, bas solltest bu nun endlich wissen unb dich banach richten."

Bettina war sehr bleich geworben. Sie holte mif flinken Fingern von ben Holzspänen einen Teil wieder aus bem Ofenloch heraus unb legte sie sorg­sam in ben Holzkorb zurück. Das Feuer brannte nun etwas langsamer an. Es war ein Kunstwerk, bie Kohlen so um bas winzige Holzhäufchen aufzu­bauen, baß es nicht erbriirft würbe Aber Bettina brachte es boch fertig.

Das Feuer brannte. Bettina erhob sich unb ent­fernte sorgsam jedes Stäubchen vor dem Ofen. Sie sah zuweilen scher nach der Tante hinüber, die in­zwischen nahe an den Ofen ferancerüeft war mit ihrem Stuhl unb fröstelnd zusammenschauerte.

Es war ein feuchtkalter Herbstabend. Den ganzen Tag hatte die mehr geizige als sparsame Hausfrau In fern kalten Wohnzimmer gefroren. Jetzt endlich hatte sie stch entschlossen, Feuer anzünden zu lassen,

weil ste es vor Frost nicht mehr aushalten konnte. Auch kam bald der Husherr, Peter Aßmann, nach Haufe, aus der Fabrik. Unb ber liebte ein warmes Zimmer sehr.

Bettina trug nun den kiolzkorb hinaus unb kehrte bann in bas Zimmer zurück. Es war, wie bas ganze alte Patrizierhaus, mit vornehmer, behaglicher, et­was altväterlicher Pracht ausgestattet. Die manns waren sehr reich unb ein altes Patrizierge­schlecht bas seinen soliden Reichtum schon seit Jahr­hunderten vom Vater auf ben Sohn vererbt hatte Sie fabrizierten Tuche, bie noch heute einen Weltruf hatten unb allenNeuheiten" zum Trotz auf ber Höfe blieben.

Peter Aßmann war ber einzige Sohn seines Vaters und alleiniger Besitzer ber großen Fabrik und des ftfiönen alten Hauses am Fluß. Seine Gattin Abolphine war ein sehr schönes Mädchen gewesen Noch heute, ba sie schon mehr als fünfzig Jahre zählte, war sie eine schöne Frau. Ihr glattgescheiteltes dunkles Haar war noch voll und schwer unb von fei nem einzigen grauen Faben burchzogen. Das Gesicht zeigte keine Falten, außer fern strengen Zug um ben Munb. der wie mit einem eisernen Griffel einge- graben schien. Die großen blauen, von dunklen Brauen und Wimpern umsäumten Augen waren schön in Farbe und Schnitt aber sie blickten kühl und streng und so durchdringend und nüchtern, daß warm­blütige Menschen froren wenn sie hineinsafen.

Das Leben dieser Frau mußte, ihrem Aussegen nach, leidenschaftslos und ruhig verlaufen sein. Und so war es auch. Aus einer armen Beomtenfamilie stammend, hatte sie seelenruhig ihre Hand in bie Peter Aßmanns gelegt, ber sein Herz an bas schöne Mädchen verloren hatte und aller Traditionen seiner Familie zum Trotz das arme Mädchen zur Herrin seines Hauses machte.

Abolphine liebte ben reichen stattlichen Freier nicht, aber ste liebte auch keinen anderen. Ihr Herz schlug allezeit in gleich ruhigem Tempo. Wenn sie etwas aus ihrem kühlen seelischen Gleichgewicht hätte

bringen können, dann wäre es der Gedanke gewesen, daß sie als Herrin in das reiche alte Haus am Fluß einziehen konnte.

Peter Aßmanns Eltern waren schon beide ge­storben, als Abolphine feine Gattin wurde. In sei­nem Hause lebte nur noch eine Schwester seines Vaters. Sie bewohnt« auch heute noch drei schöne große Zimmer, nach fern Fluß hinaus gelegen, und lebte dar t ein stilles beschauliches Altfrauendasein Eroßtanting" Emma, wie sie von den beiden- mannschen Söhnen, Ernst und Georg genannt wurde, hatte als junges Mädchen einen Bräutigam gehabt. Der war 1864 im deutsch-dänischen Kriege gefallen und sie hatte ihm über ben Tob hmaus die Treue be­wahrt unb war trotz ihres Reichtums unb ihrer Schönheit unverheiratet geblieben.

Eroßtanting Emma war der Frau ihres Neffen inerlich nie nahe gekommen Abolphine war zu klug unb zu gierig nach Reichtum, um nicht mit ber Tante ihres Mannes Frieden zu halten. Denn ba biefe unverheiratet blieb, würbe ihr Vermögen natür­lich einst ihrem Manne unb ihren Kindern zufallen Unb Eroßtanting war eine stille, sanfte Natur und liebte ben Frieden um seiner selbst willen. Wohl fand sie sich innerlich halb abgestoßen von Abolphines kühlem nüchternen Wesen. Sie begriff ihren Neffen nicht, baß er sich im Besitz einer solchen Frau glücklich fühlte Aber sie war viel zu taktvoll unb fein emp- finbenb, sich bas merken zu lassen.

Gleich von Anfang an verstand es Abolphine, sich bie führenfe Stellung im Hause zu sichern Eroß- tanting. bie ihrem Neffen den Haushalt geführt hatte, wurde ruhig und bestimmt in ihre drei Zim­mer zurückgedrängt und fügte stch darein mit ihrem stillen feinen Lächeln einem Lächeln, das alles Menschliche verstand, alles verzieh.

Die beiden Frauen lebte:: nun ruhig nebenein­ander hin. Adolphine führte ein strengeres Regiment im Hause ein unb tat sich viel barauf zugute, daß sie viel sparsamer wirtschaften konnte als die Tante ihres Mannes. Diese lächelte dazu. Es wäre ja so

gar nicht nötig gewesen, dieses Sparsystem, aber fe es Adolphine Befriedigung gewährte, ließ man ihr den Willen. Weder Peter noch seine Tante prote­stierten und sahen sich nur zuweilen mit einem gütigen Lächeln ins Gesicht. Sie verstanden sich and verstanden Adolphine. Sie wollte durch große Spar­samkeit den Schaben wett machen, ber dem Hause mann durch Peters Heirat mit einem armen Mädchen erwachsen war.

So kam in das großzügige vornehme Patrizier­haus die ängstliche Pfennigrechnung der Beamten­tochter und machte sich breit ganz allmählich.

Eroßtanting kam meist nur zu den Mahlzeiten mit Abolphine unb ben anderen Familienmitgliedern zusammen. Aber mit fern ältesten Sohne Peters und Adolphinens verband sie mit der Zeit ein ganz eigenartig inniges Verhältnis Einst Aßmann war ein warmherziger, etwas wilde- und unbändiger Junge, der von seiner Mutter nur Tadel . nb Schelte bekam, ben sie nicht verstand unb fess'n feuriges Wesen ihr birekt unsympathisch mar. Ungerechte Strafen weckten seinen Trotz gegen bie Mutter, wofür i: wieder von feinem Vater gestraft wurde. So mai er auf fern besten Wege, sich zu verhärten und zu ver­bittern. Da griff Eroßtanting ein. Sie sah, welch ein Verbrechen die schablonenhafte Erziehung an ben Knaben war ur*» ganz still unb sanft, aber ein- bringlich, machte sie ihren Einfluß auf ihn geltend. Unb Ernst begann ein anberes Leben zu leben. Manche Stunde, bie er früher zu ungebärdigen, tollen Streichen benutzte, saß er jetzt bei Eroßtanting im Zimmer unb plauberte mit ihr. Das alte, einsame Fräulein begann biefe Knabenseele zu ftubieren, stch ihr anzupassen, bie Schätze zu Hefen, bie darin ver­bergen waren. Und ihr Leben erhielt dadurch plötz- lk, einen ungeahnten Wert. Ernst aber erkannte bald, trotz seiner Jugend, was er an Eroßtanting hatte, und diese zwei Menschen schlossen in der kalten Atmosphäre des Hauses ein warmes, festes Herzen»- I bünbnis.

(Fortsetzung folgt.)