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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage.

DieCbtrOrfftfdje Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der S>.-nn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 Jt lohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 » frei ins HauS. (güt unver­langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. Hiheroih), Markt 21. Telephon 55.

Marburg

Dienstag, 11. Jnlt

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46. Johlg

1911.

Die Lage.

Aengstlich hat Frankreich von dem Zeitpunkt Ott; als Deutschland zum Schutze seiner Bürger einen Kreuzer nach Agadir entsandte, aus Eng­land geschaut und bis zum heutigen Tage horcht man in Paris mit gespitzten Ohren, wie die eng­lische Regierung über den Fall denkt. Seitdem Frankreich sich völlig in die Hörigkeit Englands gegeben hat, um mit dessen Hilfe gelegentlich seine Revanchegedanken gegen Deutschland ver­wirklichen zu können, ist das ja auch völlig in der Ordnung. Für die Lage ist darum aber auch die Haltung Englands ausschlaggebender gewor­den, als die Frankreichs selbst. Wurden die Er­klärungen Asquiths zunächst in der gesamten Presse als versöhnlich aufgefaßt, so hat sich jetzt die Situation geändert. Das merkt man schon an dem chauvinistisch herausfordernden Ton der französischen Presie. So erinnert imTemps" ein alter Veteran an die Stimmung vor der Einser Depesche im Jahre 1870, und ein anderer meint, es gebe neben der marokkanischen auch eine elsässische Frage. Vor allem aber hat man in England selbst der Sache jetzt eine Wendung gegeben, die etwas überraschend kommt:

Nach einer besonderen Information des Daily Eraphic" wurde nach dem Kabinettsrat am Dienstag der deutsche Botschafter über die englische Politik folgendermaßen verständigt: England revidiert das englisch-französische Ab­kommen 1904, welches englisches Desinteresse­ment an Marokko ausspricht, dahin, daß es sich jeder Festsetzung Deutschlands ,en der marokkanischen Küste wider­setzt.

Wer die offizielle Mitteilung der deutschen Regierung über die Entsendung desPanther" gelesen hat, fragt sich, wo von einer Festsetzung Deutschlands in Marokko überhaupt die Rede war. Das Ganze ist eine bewußte Unfreundlich­keit gegen Deutschland, die noch dazu durch eine, bei England allerdings nicht überraschende po­litische Heuchelei, gekrönt wird. Sehr richtig schreiben dieLeipziger Neuesten Nachrichten":

Wo immer für britische Gelüste auf Gottes weitem Erdenrund begehrenswerte Objekte auf­tauchen, wo immer aus einem Gewehr ge­wöhnlich made in England ein voreiliger Schuß fällt, stets ist über Nacht ein britisches Kriegs^-rff da, bereit, mit einer kleinen Flaggenhistuna ein Gott wohlgefälliges Werk zu vollführen. Wohin wären wir geraten, wenn wir stets den Spuren des raubgierigen britischen Leus mit diplomatischen Protesten gefolgt wären?"

fWnifihr"'* .....' 'fett.)

Die Mickkehr zur Uatur.

lj.-y Eine lachende Geschichte

Von Agnes Harder.

(Fortsetzung.)

Und der Seelenarzt wurde ungeduldig, ge­rade in den Tagen vor dem großen Schützenfest, wo man seiner so sehr bedurfte, wo die verschie­densten Konsultationen nur so auf die Dechanei herabregneten.

Da waren die beiden Damen aus der Apo­theke vorgesprochen. Kein Mensch konnte sich da­rauf besinnen, Tante Tinchen und Frau Rudies je in solcher Einigkeit gesehen zu haben, wie in diesen Wochen. Sie hatten auch gar keine Zeit zu Uneinigkeit. Sie kämpften gegen einen ge­meinsamen Feind. In Rudies war wohl der ge­samte Inhalt all seiner Lächsen und Schachteln gefahren. Er hatte offenen Krieg erklärt und die Apotheke in Belagerungszustand versetzt. Den Provisor hatte er angesteckt. Er gab vor, ehrgeizig geworden zu sein und ein Mittel gegen die Wirkungen des Alkohols zu erfinden, mit dem Minnachens künftige Kinder noch im Mummel­teich der Zukunft zu Millionären gemacht wer­den könnten. Natürlich war dabei diese ver­heerende Wirkung immer von neuem zu er­proben.

Ich denke, damit beschäftigst du dich seit einem Viertcljahrhundert," sagte seine Schwester.

Bewundere meine Ausdauer, Tinchen." Rudies," flötete feine Gattin,bedenke, daß du morgen Großvater sein kannst."

Man wartete auf ein Telegramm von Minnachen, deren Gatte sich den schwiegermüt­

Was will England? Zunächst natürlich auch wieder die Hand im Spiele haben. Es will seine Ansprüche, die es nur halb int Ernst 1904 an Frankreich abgetreten hatte, wieder anmelden und vor allem verhindern, daß Deutschland sich in Marokko festsetzt und den wohlerworbenen Be­sitz seiner Staatsangehörigen mit seiner Flagge deckt. Wahrscheinlich will es auch von Deutsch­land jetzt eine bündige Erklärung haben, daß wir nicht daran denken, uns jemals in Marokko festzusetzen. Man darf zu Herrn v. Kiderlen- Wächter das Vertrauen haben, daß er diesen ge­schickten Schachzug Englands ebenso geschickt zu einem Schlage ins Wasser werden läßt. Die eigentlichen Verhandlungen beginnen, nachdem der französische Botschafter Cambon in Berlin eingetroffen ist, erst jetzt. Umso ausgedehnter beschäftigt sich die Presse mit Vergleichsvorschlä­gen. Geradezu komisch mutet es an, wenn der Temps" es für Pflicht der Regierung erklärt, sich mit demfreien, unabhängigen Herrscher" Muley Hafid in Verbindung zu sehen, und nicht mit Unrecht schreibt dazu diePost":

Uns erscheint die Lage zu solchen Späßchen, wie Sultan Muley Hafid, diese Puppe in den Händen Frankreichs, als freien unabhängigen Herrscher zu bezeichnen, denn doch viel zu ernst."

Noch unverfrorener ist der Vorschlag, daß der KreuzerBerlin" möglichst bald von Agadir zu­rückgezogen wird. Diese Vorschläge dienen wohl überhaupt nur dazu, zu zeigen, was man den Deutschen, gestützt auf unsere Friedensliebe, zu bieten wagt. Die Franzosen scheinen sich über, die Stellung des Deutschen Reiches und über die Bedeutung der Entsendung des Kreuzers immer noch nicht klar zu sein. * . .-v«,

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Paris, 8. Juli. DieAgence Havas" mel­det aus El Ksar vom 7. Juli: Mit der Erklä­rung, sie übernähmen die Sorge für die Sicher­heit der Stadt, entwaffneten die Spanier die marokkanischen Soldaten. Der französische Kon- sularagent reichte wegen des Vorgehens gegen den Kaid Vendahan einen Protest an den spani­schen Konsul ein.

Tanger, 8. Juli. Wie dieAgence Havas" meldet, griffen die Semmurs am 2. Juli die Vor­hut der Kolonne Moinier an, wurden aber mit Verlusten zurückgeschlagen,' franzöfischerseits ist ein algerischer Eumier gefallen, zwei' wurden verwundet.

P a r i s, 8. Juli. Rach einem dem Kolonial­ministerium zügegangenen Telegramm wurde am 5. Juni der Stabsarzt der Kolonialtruppen, Dr. Touillot, zwischen Aradar und Abuschehr im Wadaigebiet von Eingeborenen überfallen und

terlichen Beistand bis auf weiteres verbeten hatte.

Darum eben stärke ich meine Nerven," sagte der gewisienlose Stiefvater.

Und nun saßen die beiden Damen vor dem Skelett der Aeffin und Frau Rudies klagte. Tin­chen, die nie ein Wort zuviel sprach, nickte nut zuweilen mit dem Kopfe.

Er hat es selbst gesagt, Herr Doktor. Gestern bei Tisch hat er erklärt, darum sei ein Schützen­fest eben ein Verbrüderungsball; und den ersten Walzer tanze er mit der süßen Laura, er habe sich schon vom Postdirektor die Erlaubnis er­beten. Und das alles in einer Zeit, wo jeden Tag ein kleiner Assesior geboren werden kann."

Hannchen Rudies wischte sich eine Träne aus dem Auge und sah in die leeren Augenhöhlen der Aeffin.

Und weil Sie doch damals so schön von der Sittlichkeit gesprochen haben, Herr Doktor. . ."

Von der Natur und der Sittlichkeit, liebe Frau Rudies. Es fragt sich nur, ob im Fall der süßen Laura nicht die erstere stärker ist, als die zweite."

Aber im Stillen dachte er daran, wie er sei­nem Widersacher, dem Postdirektor, bei dieser Gelegenheit eins auswischen könne.

Was denken Sie, verehrte Freundin?"

Tante Tinchen jutfte die Achseln.

Auf die Sittlichkeit pfeif' ich. Süße Laura hin, süße Laura her. Wo Alkohol ist, kann keine Sittlichkeit sein. Und im Danziger Eoldwasser sitzen so viele Teufel als Schaumgoldstückchen da­rin find. Aber ich finde, seit Sie hier find, ist es schlimmer geworden, und nicht bester."

Es sprach tiefe Unzufriedenheit aus Tante Tünchen. Sie hatte an einen Propheten ge»

| getötet. Der Befehlshaber der französischen Trup- . pen, Oberst Largeau, hat sofort die erforderlichen Maßnahmen getroffen, um den Aufruhr zu un­terdrücken.

Madrid, 8. Juli. Unter Vorbehalt wird aus Tanger mitgeteilt: Oberst Sylvestre ließ dem Kaid Bendahan mitteilen, daß er, um Un­ruhen vorzubeugen und Zwischenfälle zu vermei­den, allen Soldaten, außer den zum Polizeidienst von Larrasch gehörenden, verbot, sich mit Waffen in den Straßen von El Ksar zu zeigen. Der fran­zösische Instrukteur der am anderen Ufer des Luttos lagernden Mahalla, Leutnant Tistier, be­gab sich darauf nach El Ksar und teilte dort un­ter Berufung auf die Autorität des Sultans den Kaids Gazuli und Bendahan mit, daß sie nicht verpflichtet seien, der Anordnung des Obersten Sylvestre zu gehorchen. Dieser wurde benachrich­tigt und machte Leutnant Tissier darauf auf­merksam, daß er nur seine getroffene Anordnung aufrecht erhalten könne. Diese Vorgänge mach­ten in den politischen und parlamentarischen Kreisen Madrids einen gewissen Eindruck, aber die amtlichen Kreise scheinen ihnen keine große Bedeutung beizulegen.

P a r i s, 9. Juli. DieAgence Havas" mel­det aus El Ksar vom 7. Juli: Trotz der Befehle aus Madrid läßt Oberst Sylvestre auf dem lin­ken Ufer des Lukkos spanische Posten ausstellen. Spanische Patrouillen nötigen die Bewohner, um 9 Uhr abends in ihre Wohnungen zurückzu­kehren, und entwaffnen die Kaufleute, die ins Innere des Landes reifen.

Das Ortsstatut betr. den Bau oder "die Einrichtung von studentischen

Vereinshäusern.

Man schreibt uns:

Ein Eingesandt in derOberhessischen Zeitung" beschäftigte sich kürzlich mit dieser auf der Tages­ordnung stehenden Magistrats-Vorlage. In satyri- scher Form suchte es recht geschickt die letztere lächer­lich zu machen. Es wird bei denjenigen Lesern, die mit den örtlichen Verhältnissen weniger vertraut find oder Über solche Fragen nur oberflächlich nach­zudenken pflegen, den beabfichttgten Eindruck nicht verfehlt haben. Dieser Teil des Lesepublikums merkt nicht, daß der Einsender Absichten bekämpft, die in Wirklichkeit nicht vorhanden find. Seine Ausfüh­rungen waren reine Spiegelfechtereien. Die An­nahme, daß das Ortsstatut eine die Studentenschaft, die Universität beeinttächtigende Maßregel sei, ist ebenso grundlos und falsch als die weitere An­nahme, daß es nur zu Gunsten ruheliebender Rentner und anderer Philister gemacht werden soll. Unter­suchen wir di« Frage doch etwas gründlicher und ge­rechter: Rur eine Minderzahl von Studenten gehött

glaubt, und nun ließ er nicht Feuer vom Himmel fallen und die Altäre der Götzen verzehren. , Einmal sagte Dietrich, Lusche solle ihm etwas von ihrer Freundschaft mit Eusti erzählen. Sie tat es gerne. Aber es war so gar nichts Beson­deres. Sie waren zusammen auf die Schule ge­gangen, im Städtchen, denn damals war Lusche noch gesund und der Weg hinunter tat ihr nichts. Es war eine einfache Stadtschule. Sie lag in einem uralten Hause, das wohl auch noch aus der Zeit der Ordensritter stammte. Ein Speicher mochte es gewesen fein oder ein Schnitzturm. Die Fenster lagen in tiefen, tiefen Mauern. Sie gingen in einen Graben, in dem wuchs gelbes Schöllkraut und rote u.d weiße Taubnestel. Und durch dieses Fenster waren sie in der Zwischen­stunde geklettert, wenn sie beide nicht mit den andern zusammen auf dem Schulhof hatten spie­len wollen. Streng verboten war es gewesen, und wenn die Schulglocke tönte und anzeigte, daß die Pause zu Ende sei, dann waren sie durch die Oefsnung geschlüpft wie Mauerschwalben. Eins, zwei, drei. Einige Ziegelsteine waren bröcklig und ausgehöhlt und gaben einen Halt tut die Spitzen ihrer Füße. Aber der Mörtel hielt. Dieser uralte Mörtel, mit dem auch die Komturei gebaut war. Sie erzählten ja, daß fie ihn mit Buttermilch zurechtgemacht hätten, da­rum sei er so steinhart geworden.

Lusche und Eusti spielten aber nicht gern auf dem Schulhof, der zugleich der Kirchhof war, so gut man sich hinter den Strebepfeilern der roten Pfarrkirche auch verstecken konnte, denn am Kirchplatz lag auch die Knabenschule und die Schulglocke läutete zu deselben Pause. Die wil­den Jungen risten gerne an den blonden und schwarzen Zöpfen nnd brachen durch den Reigen

den Korporationen an; von den letzteren haben die Mehrzahl, sicherlich alle größeren und leistungs­fähigeren, bereits ihre ansehnlichen Heimstätten. Ts kann in den nächsten Jahrzehnten nur noch für ganz wenige Korporationen die Erwerbung eines Vereins­hauses in Frage kommen. Für diesen minimalen Bedarf läßt nun die Stadt, der studentischen Ge- schmackseinrichtung volle Rechnung tragend, den Süd- und Rvrdhang des Schloßberges, die Hänge am Wehrdaer- und Kaffweg frei, also diejenigen Teile unserer Stadt, die nicht allein die bei weitem reiz­vollsten und beliebtesten sind, sondern auch eine solche Auswahl an Bauplätzen und verkäuflichen Häusern bieten, daß ein dem wirklichen Bedarf ums hundett- fache übersteigendes Angebot vorhanden ist und vor­handen bleibt. Andere, Marburg ähnliche Univer­sitätsstädte, wie Freiburg und Heidelberg, haben nicht die studentischen Jnte»esten allen anderen Rück­sichten vorangestellt: dort sind die für die Entwick­lung dieser eigenartigen Städte so bedeutungsvollen Bergabhänge für Studentenhäuser nicht sreigegeben. Es mag dahingestellt sein, ob nicht auch die Ent­wicklung Marburgs sich günstiger gestaltet haben würde, wenn z. B. die Aufschließung nnd Bebauung des Südhanges de- Sck>lr>n'--''aes, i" ri btiaer E' kenntnis seines Zukunftswertes, schon vor einem Jahrzehnt in andere Bahnen gelenkt worden wäre. Doch über diesen Punkt und den ganz Marburg be- herschenden Grundsatz, daß das studentische Jntereste das wichtigste ist, soll und darf nicht geklagt werden, denn der Hauptlebensquell für Marburg ist und bleibt die Universität und die Studentrnschaft. Mit vollem Recht muß nicht nu bei den Geschäftsleuten, sondern auch bei allen kommunalen Maßnahmen nach wie vor das studentische Jnterefie vorzugsweise ge­wahrt werden. Das ist, wie gezeigt, auch bei dem Ortsstatut nicht aus de n Auge verloren.

Auf der anderen Seite kann aber unmöglich ver­kannt werden, daß die studentischen Vereinshäuser be­nachbarte Häuser und Grundstücke stark beeinträck tigen und entwerten. Gegen Wirtshäuser kann die Polizei so einschreiten, daß Belästigungen der Racb- barschast zu den Ausnahmen gehören. Mit Recht wird jedoch in Marburg dem ungebundener. Treiben der studentischen Jugend gegenüber eine weitgehende Rücksicht geübt. Es wird weder dem nächtlichen Ge­sang, den großen studenüscken Festen,, den zahlreiche» Tanzvergnügen in den Vereinshäusern, noch den auf der Straße sich fort atzenden oft recht ge­räuschvollen Treiben ein Zwa g auferlegt. Es find nun keineswegs in erster Linie die ruheliebenden Rentner, sondern die arbeitenden, speziell die intenfiv geisttg arbeitenden Personen, z. B. Profesioren und Examen-Kandrdatun, vor allem Lber die W arbur- ger Hausbesitzer, denen das Ortsstatut einige Gerechtigkeit zuteil werden lasten will. Bisher hat dieser für unsere Stadt doch auch nicht ganz unwich­tige Bevölkerungsfeil sich, so gut es ging, selbst zu schützen gesucht: Ein Profestor hat schon vor Jahren das seiner Villa gegenüberliegende Haus angekauft, um zu verhindern, daß es eine Studentenkneipe wurde. Zwei andere Profestoren haben sich in letzier Zeit erst zur Ansiedlung am Rotenberg entjchlosten, nachdem dortige Grund- und Hausbesitzer durch Ein-

ber Kleinen beim Katz und Maus spielen. Da war es gut, daß sie den Weg durch bas Fenster kannten, ihr Schwalbenloch. Nur im Spätsom­mer stürmten sie allen voran auf ben Kirchplatz. Denn bann fielen von bem großen Maulbeer­baum, der ba stanb, bie weichen, weißen Beeren mit bem eigentümlich süßlichen Geschmack, unb sie wollten bie ersten sein, um sie aufzuheben. C' war bet einzige Maulbeerbaum weit unb breit. Wenn in ber Religionsstunbe bet Lehrer von ben Bäumen im Parabiese erzift "e atm muß­ten fie unwillkürlich an ben Maulbeerbaum denken.

Lusche hatte ein sanftes Licht in ben Augen, wenn fie so von ben hellen Tagen ihrer gefun- i. - Kindheit sprach. Sie erzählte mit leiser Stimme unb sah v^r bas blitzenbe Haff in bie Sonne, unb ihre schwarzen Zöpfe fielen unter bet Binbe aus Buchengrnn an ben Seiten ihres fu;malen Körperchens hernieder wie Schlangen.

Aber Dietrich hatte fich nun satt gesehn an diesem Transparentbilbe, wie er bas krank« Mäbchen nannte, unb eines Tages bat er fie, boch Eusti mitzubringen zum Uferplatz.

Eusti wirb nicht wollen."

Sie wirb."

Und bei Lusche war basselbe Staunen Über bie stumme Bereitwilligkeit bes jungen Mäd­chens, wie bei Eustis Vater. Aber fie faß f» stumm unb steif unter den summenden Bienen und nickenden Gräsern, daß Lüsches Augen fra­gend von einem zum andern gingen. Da sahen sie in denen Dietrichs ein kleines, züngelnde» Schlanglein, das hing an dem trotzigen Mädchen rie festgcsogen. An diesem Abend war die Hand, die bet Freundin gab, ganz kühl.

(Fortsetzung folgt.)