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Erstes Blatt

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46. Jahrg.

1911.

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Der heutigen Nummer liegt bei Kieisblatt Nr. 46.

Marburg

Mittwoch, 21. Juni

nichts an, nicht wahr?"

(Fottsetzung folgt.)

Die Frankfurter Universitätsfrage Ist, wie wir bereits kurz erwähnten, in Frank­furt selbst einen Schritt weiter gekommen. Die f. Z. von den Stadtverordneten eingesetzte Kvm- mrlon hat sich natürlich für die Errichtung der Universität und gegen eine Belastung der Stadt durch die zukünftige Universität ausgesprochen. Das Geld soll auf andere Weise aufgebracht wer­den. Sie hat demnach folgende Anträge gestellt:

Die Stadtverordnetenversammlung soll eine angemessene Vertretung im Verwaltungsaus­schutz erhalten. Bei den Verhandlungen mit dem Staat soll gefordert werden, daß das Vorschlags­recht bei der Ernennung ordentlicher und autzer- ordentlicher Profesioren in der Form beibehalten wird, wie es bei der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften üblich ist. Es soll in Er­wägung gezogen werden, bei der Gliederung der Fakultätsoerfasiung neben der medizinischen eine juristisch-staatswissenschaftliche, eine philo­sophische und eine naturwissenschaftlich-mathe­matische Fakultät zu bilden und zu verpflichten. Finanzielle Leistungen seitens der Stadt außer den schon bekannten sollen nicht übernommen werden, insbesondere für notwendig werdende Neu-, Um- und Erweiterungsbauten für Aniver- sitätszwecke keine städtischen Mittel in Anspruch genomemn werden, vielmehr ist es der Stif- tungsuniversität überlasten, geeignete Garan­tien zu finden sei es durch Bildung eines hinreichenden Anlagefonds, sei es durch andere Mittel der Sicherstellung, datz auch in Zu­kunft die wachsenden Bedürfnisse ohne Zuhilfe­nahme der städtischen Mittel befriedigt werden."

Interessant ist, daß die Sozialdemokraten sich an diesen Beschlüssen nicht beteiligt haben, weil die Stadtverordnetenversammlung alles, was die Regierung wünschen könne, bewilligt habe. Diese wollten bekanntlich eine völlig ausser­halb des Staates stehende Universität haben. Besonders beschäftigt sich wiederum mit diesem neuen Schritt dieFrankfurter Zeitung" in einem geradezu klassischen Artikel. Das Blatt ignoriert völlig, dass im Abgeordnetenhause sich alle Parteien, bis auf die Fortschrittler, gegen den Frankfurter Plan aussprachen und spricht nur so obenhin von einer Gegnerschaft der Konservativen und der Klerikalen. Es wird sich wundern, wenn es erfährt, datz die prin­zipielle Gegnerschaft gegen daswissenschaftliche

gegen ihr Projekt, wie dieFranks. Ztg." meint, I so halb und halb eingeschlafen sei.

Interessant dürfte noch sein, was dieRhein.- Wests. Ztg." zu diesem Kapitel sagt:

Die deutschen Universitäten find als Staats­anstalten zu ihrer heutigen, für alles Ausland vorbildlichen Blüte emporgediehen. Non ihren mittelalterlichen Korporationsrechten haben sie vor allem das Vorschlagsrecht bei Neuberufungen sich erhalten, und nur in verhältnismässig we­nigen Ausnahmcfällen haben die Regierungen über die Köpfe der Fakuläten hinweg, mit an­deren Fachvertretern als den in der Vorschlags­liste enthaltenen Name > die verwaisten Lehr­stühle besetzt. Manchmal war es wohl notwen­dig (denn womenschelt" es nicht), um Vet­terleswirtschaft und Inzucht entgegenzutreten oder um neuen Lehrfächern und Aussenseitern die auf alter Weisheit ausruhenden wider­strebenden Abteilungen zu öffnen. Manchmal auch haben leider die Regierungen sich von nicht zu billigenden Beweggründen politisier, w.rtschaftspoliti scher und konfessioneller Art leiten lasten, wenn sieStraf"- undZwangs"-- Professuren einrichteten. Wer die deutsche Uni­versitätsgeschichte kennt, wird auch aus den letz­ten Jahrzehnten sich Aufsehen erregender Fälle des Eingriffs der Staatsaussicht in das Beru­fungswesen erinnern. Der allgemeine Zustand aber war der friedliche. Unter wohlwollenden Kuratorien und menschen- und sachkundigen Dezernenten hat sich die große Maste der Beru- f'-ngen ohne Reibungen vollzogen. Was der Staat aber als Ausfl"ss seiner Unterrichtsgewalt pflichtgemäß hütet, daß sein Placet erst dem Vorschlag des Senats die wirksame Rechtskraft verleiht, darauf kann der Staat grundsätzlich nicht zugunsten einer einzelnen Stadt ver­zichten. Denn was Fr nkfurt recht ist, wäre gegenüber jeder andern, um nur Köln zu nen­nen, billig. Die Schicksale der amerikanischen Stiftungsuniversitäten warnen von ihren Spu­ren, vor einem Bruch mit einer mehrhundert­jährigen Ueberlieferung, auf der alle Univer­sitäten deutf^-r Zunge beruhen."

sang Karlchen Hasse im Garten, als seine Mutter sich zum Fenster hinausbog und ihm energisch Stillschweigen gebot. Karlchen verlegte also den Schauplatz seiner Tätigkeit, zog vor Schwester Eustis Zimmer und vollendete:

Schlägt die Katze auf den Schnabel,

Katze schreit: miau mio

kvtus mein Lebtag nicht mehr to!"

Eusti!"

Eustis Kopf erschien am Fenster.

Eusti, wenn doch eigentlich in die Dechanei nur Männer dürfen, warum muss ich zu Hause bleiben?"

Eusti, die ihr neues Sommerkleid anzog, wer gen Mull mit Knötchen, und mit dem Seitens chluss der Bluse nicht zurchtkam, sagte ärgerlich:

Weil du erst acht Jahre bist, Karlchen. Da ist man noch kein Mann. Und ich beneide dich, am liebsten ging ich auch nicht in die Dechanei."

Warum nicht, Eusti? Zwei grosse Torten­körbe hat der Konditorfritze schon hingebracht, und Bimm hat eine Hose mit lauter kleinen Knöpfchen, und bei Apothekers hat der Hans vorhin Hiebe bekommen, so aufgeregt ist seine Mutter."

In diesem Augenblick rief auch Frau Sophie nach Eusti, die mit mehr Eile als sonst dem Rufe folgte, denn nicht nur bei Apothekers, auch bei Rats lag an dem heutigen Tage eine reichliche Menge Elektrizität in der Luft.

Dr. Dietrich hatte die wenigen Familien, bei denen er verkehrte, eingeladen, einen Nachmit­tagganz harmlos tu der Dechanei zu ver­

bringen. Nur so nebenbei hatte er erwähnt, datz er bei der Gelegenheit sein Programm ent­wickeln wolle. Er glaube das seinen Freunden schuldig zu sein. Auch der Apotheker war näm­lich ein Jahr lang sein Korpsbruder gewesen, dann aber sofort in seinen jetzigen Beruf über­getreten und also nicht im Besitz des Bandes. Durch diese Andeutung bekam derharmlose Nachmittag" einen Stachel, etwas Programm- mässiges, und da niemand wußte, nach welcher Seite Dietrich ausfallend werden würde, fühlte ein jeder plötzlich die bisher behaglich geschmei­chelten Schwachen als unangenehme Blössen. Frau Sophie hatte sich redlich Mühe gegeben, den interessanten Fremdling zum Hausfreund zu machen, und niemand konnte bestreiten, dass sie das stärkste Recht dazu hatte. Aber auch sie wusste nichts von seinen Absichten, und als die Frau Apotheker sie fragte, zuckte sie nur die Achseln.

Keine Ahnung, meine Liebe. Wir spreche» eigentlich nur über die Anlegung von Gemüse- beeten und den Eiweissgehalt der Nahrungs­mittel. Uns Frauen wird er kaum etwas am Zeuge flicken, wir find ihm zu gleichgülttg. Er soll meinem Mann noch auf der Landungsbrücke des Dampfers gesagt haben, wir hätten ihm P» viel Busen und zu wenig Gehirn ich weiss nicht, wie er sich die quantitative VerteiluiM eigentlich denkt. Aber das geht ihn doch auch

Himmelschlüstel aufzusuchen, denn die hatten daran glauben müssen. Natürlich half er ihr.

Die armen Primeln!" Htmmelschlüstelchen." Er lächelte wieder.

Besten Dank für die Belehrung. Sie ge­statten doch, dass ich einige behalte?"

Eusti wollte gerne verneinen, fand aber nicht die richtige Form, und Körner steckte ein Sträußchen zwischen die Knöpfe der Uniform.

Nun werde gnädiges Fräulein führen müiien.

Es ist nicht mehr weit. Sehen Sie da unten die Stadt? In der Vorstadt, rechts, das Haus mit dem Giebel und der Fahnenstange, da wohnen wir. Die Fahne wird bei jedem Ge­burtstag aufgezogen."

Schade, daß ich Sie nicht begleiten kann, aber ich muß pünktlich zum Mittegesten fein."

Ich auch," sagte Eusti mit einet leisen Ver­düsterung,auf Wiedersehen".

Sie reichte dem neuen Bekannten die Hand und ging rasch fort. Aber auf der weitz- ge^i.^enen Brücke weiter unten blieb sie stehen und sah sich um. Radelt der schnell! Und die Sonne blitzte nur so auf der blanken Scheide seines Degens.

Projett" der Frankfurter Hautefinance nicht | nur fortbesteht, sondern noch verstärtt vorhanden ist. Es wird darüber noch mancherlei zu sagen sein. Ebenso unwahr ist es, wenn das Frank­furter Blatt urbi et orbi verkündet, datz von den kleineren Universitäten nur Marburg gegen Frankfurt Stellung genommen habe. Als leuchtendes Beispiel werden uns da die Eietzener vorgeführt, wo bekanntlich irgend ein sehr fort­schrittlicher Herr von dem Nutzen der Frank­furter Universität (für Eietzen hat er nicht ge­sagt) geredet hat. Wieder verschweigt das Blatt, datz sogar die hessische Regierung die Frage einer Frankfurter Universität für Eietzen als sehr be­denklich bezeichnet hat und es für notwendig er­achtete, sich mit der preutzischen Regierung in Verbindung zu setzen. Daß die Gießener selbst aber bei weitem nicht alle so denken, wie der fortschrittliche Herr, kann man in Gießen jeden Tag erfahren. Der freundliche Wink gegen Marburg ist aber um so unberechtigter, als doch die Herren ganz genau wissen, daß Marburg, faktisch doch heute die Landesuniversität von Hessen-Nassau, durch den Frankfurter Plan am meisten und schwersten geschädigt werden würde. Zwar wird das von den Frankfurtern bestritten, und der bekannte Gynäkologe Prof. Freund hat in derMedizinischen Wochenschrift" in einem zwar für seinen Beruf passenden, aber trotzdem unrichtigen Bilde gemeint, es seinicht zu be­fürchten, daß die schöne reiche Alma mater francofurtiensis an ihre, neben idealer auch sehr materielle Milch liefernden strotzenden Brüste bildungs- und nahrungsdurstige Jugend in Scharen einladen, kleinere Nachbaruniversitäten entvölkern und am Ende das ohnehin alle ge­lehrten Berufe, speziell den ärztlichen belastende Proletariat vermehren würde".

Durch ständige Wiederholung werden falsche Behauptungen nicht richtiger und Prof. Bücher hat vor kurzem ja sehr treffend ausgeführt, daß, wer in München, Leipzig oder Berlin studiere, gar nicht daran denke, in das unsmpathische Frankfurt zu gehen. Aus den Reineren um­liegenden Universitäten wird Frankfurt seine Hörer ziehen, das ist klar. DieFrkf. Ztg." möge aber endlich einmal aufhören, alles, was nach ihrer Ansicht für die Frankfurter Universität spricht, als gerecht und gut und schön zu be­zeichnen, alles, was dagegen spricht, als inter- effiert oder borniert oder sonst etwas. Es steht dem Blatte nicht an. Auch Prof. Bücher hat sich ja in einem grossen Artikel derFranks. Ztg." selbst mit ausgezeichneten Gründen gegen das Projett ausgesprochen. Sie bilden mit dem, was von polittscher Seite und aus staatlich recht­lichen Gesichtspunkten gesagt werden kann, ein so gutes Material, dass die Frankfurter kaum glauben können, datz der prinzipielle Widerstand

3.

Das Programmesfen.

Eins, zwei, drei. In der Dechanei

>-teht ein Teller auf dem Tisch, Kommt die Katz und frisst den Fisch, Kommt der Jäger mit der (Sabel*

Politische Umschau.

Wer hat auf Herrn Ravenä herumgetrampelt?

Als sich im Schmerz über alle die erlittene seelische und körperliche Qual sein Herz zusam- menkrampste, da schmetterte er es hinaus in die Welt:Wir lassen nicht länger auf uns herum­trampeln!" Ein ergreifendes Bild, den armen, getretenen Mann zu sehen, der so sprach. Und hingerissen von dieser Erscheinung jubelte ihm der Hansabund in tosendem Beifall zu. Aber draußen, außerhalb des Sportpalastes, wo dieses schmerzvolle Wort fiel, da war man weniger

mitfühlend, da lächelte man noch selbigen Tages ein feines Lächeln. Und dieses wurde zum ) Lachen, zum Gelächter.

So also sieht einer aus, auf dem herum- getrampelt wird! 44 Jahre alt, Geheimer Kom­merzienrat, die Brust voll Orden, gar ein paar Bänder um den Hals. Zwei bis drei Millionen Jahreseinkommen, ein Palais im Tiergarten, eine Prachtvilla am Wannfee, ein Schloß an der Mosel, eine Bildergalerie, Pferde, Wagen und Automovile. Reserveoffizier bei den Leib­husaren Sonntags, in der Manöverzeit, gehts im Extrazug nach Berlin, jetzt Rittmeister der Landwehrkavallerie. Bei Hofe geht er aus und ein, die beste Eesel-schaft trifft sich in seinem luxuriösen Hause. Ja, wer so stiefmütterlich vom Glück behandelt ist, wie er, der Herr Ge­heime Kommerzienrat Raven.', der hat ein zu klagen.

Alles, was hier über die gesellschaftliche Stel­lung und den Wohlstand des Herrn Geheimrats gesagt ist, das ist sorgfältig zusammengetragen worden von der liberalenNeuen Eesellsch. Kor­respondenz". Wenn der Schmerzensschrei des Herrn Geheimen Kommerzienrats nun nur nicht die entgegengesetzte Wirkung erzielt, die von ihm erwartet worden iss! Er zeigt aber auch, wie vorsichtig man mit Entrüstungen sein muss, trenn's nicht stimmt.

Deutsches Reich-

Som Kaiser. Hamburg, 19. Juni. Der Kaiser begab sich heute morgen mit einer Pinasse von derHohenzollern" nach dem Südufer der Elbe zum EL':unneI, wo et von den Bürger­meistern Predöhl, Burchardt '.:nd Schröder em­pfangen wurde. Der Kaiser durchf/ritt den Elbtunnel und besichtigte ihn mit größtem In­teresse. Sodann begab er sich im Automobil nach Stellingen zum Besuch des Hagenbeckschen Tier­parks. Der Kaiser traf heute morgen um 9 Uhr 20 .uiin. im Automobil mit E.-folge leim Tierpark Stellingen ein, wo Hagenbeck zur Be­grüßung anwesend war. Unter Führung Karl t agenbecks und seiner beiden Söhne wurde ein Rundgang angetreten. Der Kaiser zeigte grotzes Interesse für alles. Im Kontor nahm der Kai­ser auch Einsicht in die Zeichnungen und Pläne für den geplanten Tierpark in Berlin. Nach eingehender Bcsicktigu : der im Ha::ptze*mude imtergebrachten Tiere wurden dem v-.aifet die fremden Völker vorgeführt. Er lud Hagen­beck senior ein, während seiner Anwesenheit in Sabinen im Herbst zwei Tage sein Gast zu sein. Beim Abschied dankte der Kaiser Hagen­beck in herzlicher Weis: für die Führung. Um 121/2 Uhr erfolgte die Abfahrt. Der Kaiser kehrte um 12% Uhr von Stellingen für kurze

(Nachdruck

Die Rückkehr;«r Matur.

5) Eine lachende Geschichte

Bon Agnes Harder.

(Fortsetzung.)

Er band den Strauß an ihrer Lenkstange fest und sah ihr nach. Dann ging es nach dem Walde zu. Juouate! Er wollte doch ein paar Birken- reiser auf den Altar stellen!

Gusti tadelte ziemlich getröstet abwärts, dem Städtchen zu. Wenigstens hatte sie einmal gründlich ihre Meinung sagen dürfen. Das er­leichtert schon, und als ste sich in schönen S^wung gebracht, stemmte sie die Fuße vorn auf und ließ sich di- nächsten sanften Windungen herabfausen, bis ja, bis ein einfacher, ganz gemeiner Glasscherben von einer zerschlagenen Branntweinslasche, der noch in der Sonne flim­merte, als wäre er etwas Rechtes, in ihrer Pneumatik faß, und ste plötzlich recht unsanft auf der Erde lag.

Es wat alles so schnell gegangen, daß Eusti sich noch besann, ob sie aufstehen solle, als sich ein hübsches Jungengesicht über sie beugte und eine fri|u)e Stimme fragte, ob sie sich verletzt hätte, und während Eusti mit des Fremden Hilfe sich auftichtete und den Schaden besah, be­sah ste sich so nebenbei auch den Leutnant in seiner Litewka, der offenbar nach Pillau wollte, »nd fragte sich, wieviel älter er wohl fein könne, eis sie selber. .

Leutnant Kötner."

Eusti Hasse."

Er lächelte, und' sie begann eifrig die

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