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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
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Tie „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Senn» und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 X (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Ewedition (Markt 21) 2.00 X frei ins Haus. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ^Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.:
Dr. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Dienstag, 20. Juni
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46. Jahrs
1911.
Der Zeitungsstreik in Berlin.
Wie wir schon melden konnten, ist bei der Firma August Scherl ein Streik ausgebrochen, -er zur Folge hatte, daß nicht nur die Scherlschen Zeitungen, sondern auch die Moffeschen und Ull- fteinschen.Blätter ihr Erscheinen aussetzten. Die Vorgeschichte des Streiks ist kurz folgende: Die Maschinenmeister der Firma Scherl fühlten fich durch zu viel Ueberstunden beschwert. Das Tarifamt, das bekanntlich von Arbeitgebern und Arbeitnehmern je zur Hälfte beseht ist, fand diese Klagen berechtigt und regelte von stch aus die Arbeitszeit. Die Firma Scherl fügte stch dem Urteil getreu dem Tarifgesetz. Die Maschinenmeister verlangten jedoch die Wiedereinführung der alten Arbeitszeit und verweigerten die Arbeit. Die Firma Scherl gab zunächst nach, klagte aber vor dem Tarifamt. Dieses erklärte die Arbeiter des Tarifbruchs schuldig und gab d:r Firma Scherl das Recht, die Vertrauensleute der kontraktbrüchigen Maschinenmeister zu entlassen, was auch geschah. Die Maschinenmeister erklärten stch abrr mit ihren Vertrauensleuten solidarisch, verlangten deren Wiedereinstellung und legten, als ihrem Verlangen keine Folge gegeben wurde, kurzerhand — unter Bruch des Tarifvertrages — die Arbeit nieder, sodaß die Abendblätter des Scherlschen Verlages am Freitag nicht erscheinen konnten.
Trotzdem nun die Führer der Gehilfenorganisation so oohl wie sämtliche Vertrauensleute der anderen Druckereiarbeiter einmütig gegen die Maschinenmeister Stellung nahmen, beharrten die in Frage kom..enden 39 Arbeiter aus shrem Standpunkt und wurden daher wegen Bruch des Tarifvertrages von der Buchdrucker- vrganisation aus der Tartfgemeinfchaft ausgeschlossen.
Die Firmen Moste und Ullstein erklärten sich sofort bereit, die Scherlschen Blätter in ihren Druckereien Herstellen zu lassen. Auch die Führer der Arbeiterorganisation billigten dies und erklärten den Maschinenmeistern der beiden Firmen, daß sie in diesem Falle keineswegs Streikarbeit leisten würden. Trotzdem jedoch weigerten sich diese, dies zu tun und die Firmen Ullstein und Mosse beschlossen, um nicht aus der völlig unverschuldeten Zwangslage einer Konkurrenzfirma Nutzen zu ziehen, auch ihre Blätter nicht erscheinen zu lassen.
Dies ist ein außerordentliches Ereignis, wenn man bedenkt, daß die in Frage komn--- den Zeitungen zusamm n über etwa ty4 Millionen Abonnenten zählen.
Das Tarifamt der Deutschen Buchdrucker, der Vorstand des Verbandes der Deutschen Buchdrucker und der Vorstand des Verbandes der Buchdruckereihilfsarbeiter Deutschlands veröffentlichten sofort eine Erklärung, in der das
Die Rückkehr zur Ihhtr.
7) Eine lachende Geschichte Bon Agnes Har de r.
; j (Fortsetzung.)
„Weißt du, Lusche, eigentlich gönne ich es der Mama. Aber wie er sich so umsah in unserem Eßzimmer, und Karl hatte gerade vor Erstaunen seinen Topf mit Milch umgegossen, und die Lampe hatte geblakt, und es roch danach — da tat er mir nicht mehr leid. Karl war auch nicht nach Hause gekommen aus Heimweh. Wenn es nicht die geheimnisvolle Erbschaft gemacht hätte, von der man nie sprechen darf, dann wäre er irgendwo in der Sonne geblieben, wo man weniger Unterzeug braucht. Wie ein Protz kam er mir vor. Nicht ein Geldprotz, du. Ich weiß noch nicht, ich werde das Wort noch finden. Und dann küßte er Mama die Hand. Sie hatte aber vorher im Garten den ersten Prieslauch geschnitten zum Rührei. Das Gesicht vergeß ich nie. Er blieb nur zehn Minuten, weil es schon spät geworden war, und er aß nichts, nur eine Taste Tee nahm er gnädig an. Als er dann ging, war alle Barmherzigkeit bei den Eltern Nusgelöscht, wie Feuer, das verschüttet wird."
„Und du?"
„Ich, Lusche? Ich bleibe mir treu. Mir ist fein Nimm—bamm—bumm gleich, und die ganze Dechanei kann mir gestohlen werden. Ich turne des Morgens nicht und mache keine Atemübungen und este nicht jeden Tag zwei Kopf ^grünen Salat. Ich sage immer „Schmand" und
Vorgehen der 39 Maschinenmeister aufs schärfste verurteilt wird. Die Erklärung schließt mit den Worten: „Zu ihrem Bedauern haben die zuständigen und vorerwähnten Organe des Verband s der deutschen Buchdrucker sich genötigt gesehen, die in Betracht kommenden Maschinenmeister wec m des begangenen außerordentlich groben Tarifbruchs und der damit in Zusammenhang stehenden groben gewerkschaftlichen Disziplinlosigkeit aus dem Verbände der deutschen Buchdrucker auszuschließen. Die Unbesonnenheit der in Frage kommenden Personen muß aufs tiefste bedauert werden. Trotz dieses Vorfalles vertrauen wir im Interesse des großen sozialen Friedenswerkes, der Tarifgemeinschaft der deutschen Buchdrucker, auf die unbedingte Tariftreue aller in Betracht kommenden deutschen Buch- drucker-Prinzipile und Gehilfen." (Folgen die Unterschriften.)
Weiter wird zu der Angelegenheit noch mitgeteilt:
Berlin, 17. Juni. Der „Lokalanzeiger" und das „Tageblatt" find heute abend wieder erschienen, jedoch wie die „B. Z. am Mittag" im verkleinerten Umfange.
Berlin, 18. Juni. In einer von über 2000 Personen besuchten Versammlung des Buchdruckereipersonals der Firmen Mosse, Scherl und Ullstein wurde mitgeteilt, daß bereits gestern abend beschlossen worden sei, die Arbeit bei Mosse und Ullstein sofort aufzunehmen. Nach stürmischer Debatte wurde auf Antrag mehrerer Organisationsvorsitzender fast einstimmig beschlossen: Das Personal der Firma Scherl, soweit es nicht entlasten ist, nimmt am Montag die Arbeit auf. Die 39 Entlassenen wählen eine aus drei Personen bestehende Deputation, die morgen mit der Eeschäftsleitung von Scherl verhandelt.
Der Tartfgedanke hat im Buchdruckgewerbe zuerst Wurzel geschlagen, vor allem weil hier zweifellos der intelligenteste Teil der Arbeiterschaft zu finden ist. Die beteiligten Maschinenmeister aber haben wohl kaum eine Ahnung gehabt, einen wie schweren Schlag fie diesem Gedanken durch ihre Disziplinlosigkeit versetzt haben. Sie ist geeignet, das Vertrauen auf die Durchführbarkeit der Tarifverträge stark zu erschüttern. Richt ganz mit Unrecht fragt die „Post": „Was nutzt es nun den Arbeitgebern, wenn die disziplinlosen Maschinenmeister aus der Organisation ausgeftoßen werden, wenn die Organisation nicht so viel Einfluß besitzt, der Firma Maschinenmeister zu stellen, die den Betrieb aufrechterhalten können. Dieser Fall ist eine vorzügliche Lehre, er zeigt, wie gering die Kraft der vielgepriesenen Verträge von Organisation zu Organisation ist, wenn das Urteil des paritätischen, anerkannten Schiedsgerichts gegen die Arbeiter ausfällt."
„Fladen" und „Glums", auch wenn Mama mir zuplinkert, und ich laufe nicht „Kiwittchen", das schwör' ich btt."
In der Erregung verfiel sie gerade in die duckenden Bewegungen des „Ueberkreuzlaufens", als der Lehrer die Tür öffnete.
„Wenn es denn fein muß, Lusche, dann trage ich dich die Treppe hinauf."
Er hüllte die magere Gestalt der Schwester in ein großes Tuch, nahm fie wie ein Kind auf den Arm und schritt mit ihr zur Tür.
Oben lag das kleine Gelaß, in dem einst der abgesetzte Hochmeister Heinrich von Plauen seine letzten Jahre in Grimm und Bitterkeit verbracht hatte. Nach der unglücklichen Schlacht bei Tannenberg hatte er fich, damals Komtur von Schwetz, in die Marienburg geworfen und sie tapfer gegen den anrückenden Feind gehalten. Zum Dank dafür und für die ungemein milden Bedingungen, die er im ersten Thorner Frieden den Polen abtrotzte, hatte man den kühnen Mann zum Hochmeister ernannt. Für zwei Jahre? Länger hielten die verwahrlosten Ritter sein Regiment nicht aus. In der Einsamkeit der Komturei am frischen Haff war er ein Gefangener.
Gottlieb Rodenath trug die Schwester nach dem alten Korbsessel, den sie in die Fensternische gestellt hatten. Die Mutter kniete mit einem Blasebalg vor einem kupfernen Dreifuß, einer alten Schichtkuchenform, in die fie Holzkohlen getan hatte. Ein feiner bläulicher Rauch stieg zu dem sehr edlen Kreuzgewölbe, dessen Rippen noch ihr altes Muster zeigten, während große
Die Frage ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, wenn man auch die Tarifverträge selbst nicht schelten sollte.
Preußischer Landtag.
Herrenbau».
B e r l i n, 17. Juni.
Das preußische Herrenhaus begann heute die Beratung des Zweckverbandsgesetzes für Groß-Berlin. Die Kommission des Herrenhauses hat an dem vorn Abgeordnetenhaus herübergekommenen Entwurf eine Reihe wichtiger Aenderungen vorgenommen. So soll der Bau von Kleinwohnungen aus den Aufgaben des Groß - Berliner Zweckverbandes herausgenommen werden. Berichterstatter der Kommission war Graf ». der Schulenburg-Angern, die Kommission hatte aber zugleich als Vertreter der Minorität den Oberbürgermeister Körte (Königsberg) zum Mitbericht- erstatter bestellt. Während der erste Berichterstatter nur kurz die Kommisflonsbeschlüsse verttat, wandte sich der Mitberichterstatter in langen Ausführungen gegen die Vorlage, deren Zweck verfehlt sei, da nur eine Eingemeindung sämtlicher Vororte in Berlin die bestehenden llnzutraglichkeiten beseitigen könnte. Der Minister des Innern Herr v. Dallwitz war anderer Meinung. Gegen eine Eingemeindung der Vororte in Berlin sprächen gewichtige Gründe. Berlin hätte vorher die Eingemeindung der Vorotte erreichen können, habe aber den Zeitpunkt verpaßt. Der Oberbürgermeister von Berlin. Herr Kirschner, sprach mit bemerkenswerter Schärfe gegen die Vorlage. Glicht minder scharf als Herr Kirschner sprach das Oberhaupt der größten Berliner Vorortgemeinde, Herr Schustehrus (Eharlottenburg). Herr Schustehrus ist Anhänger des Zweckverbandsgedankens und perhorresziert die allgemeine Eingemeindung. Herr Schustehrus polemisierte dann heftig gegen Berlin, das sich die Rosinen aus dem Kuchen, in diesem Falle die reichsten Vororte, heraussuchen und den Kuchen, die armen Vororte, zurücklassen wolle. Die Berliner Vororte seien nicht von Berlins Gnaden, sondern von Reichs Gnaden groß und stark geworden.
Abgeordnetenhaus.
In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses entspann sich bei der Novelle zur Rheinischen Landgemeindeordnung eine allgemeine Besprechung der Kommissionsbeschlüsse und der dazu namentlich in großer Zahl vom Zentrum ges - Uen Anträge. Diese wurden von dem Abg. Fleuster eingehend begründet. Der Unterstaatssekretär Holtz legte demgegenüber dar, weshalb die Novelle sich auf die Neuordnung einiger der Aenderung besonders bedürftiger Puntte beschränkt, und warnte schon mit Rücksicht auf die parlamentattsche Lage vor weitergehenden Beschlüssen, namentlich vor solchen von präjudizieller Bedeutung für die gesamten Eemeind-verfassungen. Abg Heckenroth (kons.) erkannte das Bedürfnis zu einer weitgehenden Revision der Landgemeindeordnung an und erklärte stch bereit, dies unter Bezeichnung der dabei zu berücksichtigenden Punkte in einer Resolution zum Ausdruck zu bringen. Aber tiefgehende Aenderungen lassen sich nicht rechtfertigen,- deshalb sind die Zentrumsanträge im allgemeinen ahzulehnen. Zu gleichem Ergebnis kam
Stellen des Bewurfs von der Mauer gefallen waren. Die alte Frau, die eine Haube trug und wie eine Bäuerin gekleidet war, sah ängstlich zu der Tochter hin, ob fie der Kohlendampf nicht husten mache.
„Es ist nur für einen Augenblick, Gottlieb," flüsterte sie ihrem Sohn zu, „nur damit fie ihren Willen hat."
Die beiden jungen Mädchen standen an dem kleinen Fenster, das geöffnet war. Eine mächtige Rotbuche reichte ihre Zweige fast zu ihnen herein. Die gesprungenen grüngoldenen Knospen waren alle o frischgewaschen und duftig, und ein Fink lockte und flog vor Luschens überirdisch großen Augen erschrocken davon. Jenseits des alten Vurggrabens lag der Dorfkirchhof. Man sah seine schwarzen Kreuze ganz deutlich durch das Buchengeäst.
Lusche zitterte ein wenig.
„Den ganzen Winter habe ich mich hier heraufgesehnt, Eusti. Unsere Fenster gehen ja alle nach dem Hof. Hier aber, wenn ich mich ein wenig vorbiege und die Buche ist noch nicht belaubt, hier sehe ich das Haff. Ich will noch nicht drüben liegen, Eusti. Mutter darf es nicht hören. Ich will noch einmal Frühling haben."
Ihre Lippen zitterten. Sie griff nach einem der grünen Buchenzweige und bog ihn zu fich. Aber dann ließ sie ihn los und sah dem zurüL- schnellenden Zweige nach und lächelte. •
Eusti erschauerte.
„Fräulein Eusti friert, Lusche. Sie hat nur die dünne Bluse en. Für heute ist's genug." Er nahm die Schwester wieder auf den Arm, und
namens der Nationalliberalen Abg. Dr. Gottschalk. Abg. Frhr. v. Zedlitz (frkons.) lehnte ebenso namen- der Freikonservativen alle über den Rahmen der Vorlage hinausgehenden Anträge des Zentrums 'S der Volkspartei ab. Die Abgg. Eickhoff (Fortji'r. Vp.) und Hirsch (Soz.) legten den Standpunkt ihrer Partei dar. Eine mit Hammelsprung vorgenommene Abstimmung über einen Zentrumsantrag ergab Ve- schlußunfähigkeit des Hauses. Nächste Sitzung Montag 11 Uhr.
Der internationale Seernannsstieik.
Amsterdam, 16. Juni. In einer Versammlung der Vereinigung der Seeleute teilte der Vorsitzende mit, daß die Dockarbeiter beschlossen haben, keine Waren, an die die Arbeitswilligen Hand angelegt haben, zu befördern. Die Aussichten der Ausständigen feien vortrefflich. Wenn notwendig, würden sich die Arbeiter der Transportgese-.,.haften ihnen anschließen. Im Anschluß daran kündigte der Sekretär des Syndikats der nationc'en und sozialistischen Arbeiter an, alle dem Syndikat angeschl;>nen Organisationen seien bereit, die Seeleute in ihrem Kampfe zu unterstützen.
Brüssel, 16. Juni. Das Syndikat der Seeleute gibt bekannt, daß sich der Streik in Laufe des Tages wesentlich ausgedehnt habe. Auf dem Dampfer „Devonshire" streikt die gesamte Besatzung mit Ausnahme zweier Heizer. Ferner verweigerten den Dienst die Mannschaften der Dampfer „Ocean", „Tunisie" und „Adolf Deppe". Mehrere andere Dampfer mußten mit unvollständiger Besatzung in See gehen. Andere mußten außerhalb des Hafens Anker werfen, um gelbe Arbeiter aufzunehmen. — Das Syndikat der Handwerker von Antwerpen hat einstimmig beschlossen, die streikenden Seeleut« mit Geldmitteln zu unterstützen.
Rotterdam, 17. Juni. Die englischen Dampfer „Republic", Olympia", „Thimbleby" und „Tiverton" nahmen heute auf dem britischen Konsulat Anwerbungen gegen Löhne von iy2 Lstrl vor. Auf den niederländischen Dampfern ergaben fich keine Veränderungen. Die Dampfer „Ryndam" und „Willis" find abgefahren. Auf letzteren bedienen Chinesen die Maschinen.
E l a s g o w, 17. Juni. An Stelle der Seeleute, die sich geroeigert haben, den Dienst anzutreten, konnten für die großen atlantischen Dampfer heute nachmittag andere eingestellt werden. Man erwartet, daß alle Dampfer im Stande sein werden, von Clyde auszulaufen. Deutschland und der „internationale Seemanns« streik".
Ein Hinübergrerien der internationalen Streikbewegung int Seemannsberufe ist, wie von berufener Seite verlautet, nicht zu befürchten. Die maßgebend: Kreise sehen der Ent-
nur die alte Mutter blieb zurück. Mechanisch blies sie noch ein paarmal in die Kohlen, dann trat auch sie an das Fenster. Aber sie sah von all der Frühlingssprache nur die schwarzen Kreuze und weinte bitterlich.
Ehe Eusti fortradelte, pflückte fie sich noch einen großen Strauß Himmelschlüsselchen, und Gottlieb Rodonath half ihr. Sie standen auf dem Hügel nach dem Haff zu, wo der Weißdorn blühte in dichten Büscheln auf den graugrünen Stielen schwankend über den flachen Rosetten ihrer Blätter. In wenigen Minuten hatten fi« einen Strauß „wie für eine Kuh", sagte Eusti. Die Sonne flimmerte so, daß sie gar nicht aufs Hcff sehen konnten, und der knospende Buchen- und Eichenwald, der ziemlich dicht hinter Lachstedt begann, zitterte vor ihren Augen, als fühlten sie, wie die Blatthüllen sprangen. Rodonath konnte einen Seufzer nicht unterdrücken. Tas trug er nun durch eine ganze Woche mit fich herum, so ein heimliches Elücksgefühl, so eine Schwärmerei, wie sie in manch einem der Weiß- n äntel gelebt haben mochte, wenn sie zur Madonna beteten. Armut, Keuschheit und Gehorsam hatte er sich selbst gelobt vor seiner Orgel in der alten Kirche. Und wenigstens zwei der Gelübde boten ihm weiter keine Versuchungen. Das dritte aber — Eusti war ja Herrn Rat Hasses einzige Tochter, eigentlich nicht mehr und nicht wenig« als die eingeborene Erbprinzefstn d:s Städtchens da unten. Und fie ahnte auch r y:~. ;; - < - -•
(Fortsetzung folgt.) , . ;