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Marburg

Sonnabend, 17. Juni

46. Jahrg.

1911.

Der heutigen Nummer liegt bei Kreisblatt Nr. 45.

Marburg und Umgegend. (Nachdruck aller Ortginalartttel ist gemäß § 18 bet Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe

.Oberheff. Ztg ' gestattet.)

Marburg, 16. Juni.

* Handwerkerfragen. Der in Frankfurt am Main tagende 8. deutsche gewerbliche Eenossen- schaftstag beschäftigte sich u. a. mit der Frage der Vergebung von öffentlichen Arbeiten. Das Kriegsministerium hat seinerzeit darauf hinge­wiesen, daß die Lieferungen der Handwerkerver­einigungen nicht immer voll befriedigt hätten. Daraufhin hat der Verbandsvorstand sich mit dem Deutschen Handels- und Eewerbekammertag in Verb indung gesetzt, und beide Korporationen haben folgende Gesichtspunkte aufgestellt: 1. Der Hauptverband wie der Kammertag halten sich für verpflichtet, ihrerseits für eine Kontrolle de, zur Vergebung gelangten Arbeiten zu sorgen. 2. Zu diesem Zweck sind die zur Vergebung ge- langenden Arbeiten beiden Verbänden bekannt zu geben, damit sie die beteiligten Kreise auf- merksam machen und zur Beteiligung auffordern können. 3. Hauptverband und Kammertag wer­den auf Ersuchen sich gutachtlich darüber äußern, ob eine in Frage kommende Handwerkervereini­gung Gewähr für ordnungsmäßige Ausführung der Arbeiten biete. 4. Hauptverband und Kam- i."rtag werden auf eine entsprechende Kontrolle der Ausführung der Arbeiten durch Vertrauens­leute bedachtsein. Das Kriegsministerium hat diese Vorschläge gebilligt.

* Frauenstimmrecht. Man schreibt uns: Am Mittwoch den 14. Juni fand in der Fachschule die diesmonatliche Mitgliederversammlung statt, in der Frl. Oberlehrerin Kappes über die Ortskrankenkassen berichtete. Sie gab einen kurzen lleberblick über die große Tat bet sozialpolitischen Gesetzgebung des Deutschen Rei­ches, deren Glied die Krankenversicherung ist, über ihr Wesen und ihre Bedeutung für Staat und Staatsangehörige. Für den Staat fei tote Versicherung ein notwendiger Akt der Selbster-

DampferDttolanb,Noordwijk",Gelderland" undWestland" konnten mit vollem Maimschaftsbe- stand'in See gehen, ebenso einige Woch-ndampfer; selbst heute eingelaufene Schiffe, die in einigen Tagen wieder auslaufen sollen, begannen bereits Mann- schäften anzuwerben. Zwei englische Schiffe versuch­ten heute morsen veracblich. Mannschaften anzu« werben. Brüssel, 15. Juni. Heute Nachmittag stellte sich heraus, daß sich die ausländischen Seeleute dem Ausstande ihrer belgischen Berufsgenossen nicht anschließen. Der DampferMarquette" der Red Star Line ging pünktlich ab. Die Heizer, die kurz vor der Abfahrt den Dienst verweigerten, wurden so­fort ersetzt. Ant-erpen plant die Errichtung einer Arbeitsbörse für die Seeleute, um die Tätigkeit der Shippingmaster lahmzulegen. London, 15. Juni. Aus Belfast wird gemeldet, daß die Mannschaften von zwei englischen Kanaldampsern den Dienst kün­digten. Die großen Pasiagierdampfer, die von Liver­pool auslaufen sollen, haben keine Schwierigkeiten, obschon 650 Mann, zumeist zum Mannschaftsbestand derTeutonic" und desEmpresso Fineland" gehörig sich weigern, an Bord zu gehen. Am Clyde dehnt sich der Ausstand weiter aus, doch wird die Lage erst morgen kritisch werden, wenn die großen atlantischen Dampfer von Glasgow auslaufen. In Southampton sind fast alle Seeleute ausständig. Die White Stak- Dampfergesellschaft beabsichtigt, die gesamte Mann­schaft desMajestetic", der heute erwartet wird, ab- znlohnen und den Dampfer vorläufig außer Dienst zu stellen. In Newport (Grafschaft Monmouth) herrscht eine gewisse Erregung, die durch das Ein­treffen von 250 Mann des Devonshire-Regiment, verursacht wurde. Man bringt die Truppenentsendung mit dem Ausstand der Seeleute in Verbindung. - Brüssel, 15. Juni. Die streikenden Seeleute in Ant- werpen hielten heute vormittag eine Versammlung ab, in welcher ihr Gewerkschaftsführer erklärte, es fr, von den deutschen Seeleuten ein Telegramm eingelaufen, in welchem sie erklären, sie würden das Engagement von deutschen Seeleuten verhindern für alle Schiff«, die unter belgischer, holländischer und englischer Flagge führen; sie würden jedoch einem EngagementfürSchtffe.dieunterdeui- scher Flagge stehen, keinen Widerstand entgegensetzen, da die Forderungen der deutschen Seeleute bewilligt wor­den seien.

»* Zur Entführung des Ingenieurs Richter, Saloniki, 15. Juni. Der Mali von Monastir ist an- gewiesen, zur Aufspürung der Entführer des Inge- nieurs Richter in seinem Distrikt energischer vorzu­gehen und verdächtige Personen durch Ausübung eines entsprechenden Druckes zu Aussagen zu veran­lassen, wodurch Anhaltspunkte für den Aufenthalt Richters gefunden werden sollen.

Deutsches Reich-

Vom Kaiser. Bergen, 15. Juni. Einer amtlichen Mitteilung zufolge tritt Kaiser Wil­helm die Rcrdlandreise am 3. Juli von Kiel aus an.

Ausland.

* Eesamtrefultat der Rcichsratswahlen. Wien, 15. Juni . Das vorliegende Eesamtrefultat der bis­herigen Reichsratswahlen ergibt für 449 vorgenom­mene Wahlen 251 endgültig gewählte Abgeordnete, 171 Stichwahlen und 14 zweite Wahlgänge, letztere in Galizien mit zusammen 27 Mandaten. Zur Ver­vollständigung des Hauses auf 516 Mandate sind noch 67 Mandate in Galizien und Dalmatien zu besetzen. Der Besitzstand der Parteien stellt sich bisher folgen­dermaßen: Die Christlichsozialen besitzen 68 von 96 im letzten Reichsrat innegehabten Mandate, die Tschechen 55 von 84. die Deutschfreiheitlichen 47 von 79, di« Sozialdemokraten 44 von 87, darunter 12 im Besitze von Autono misten, Südslawen 28 von 37, Polen 14 von 72, Italiener 12 von 15, Bukowinaer Ruthenen 5 von 5, Rumänen 5 von 5, Wilde 4 von 13

» Der serbische Kronprinz in Paris. Paris, 15. Inni. Präsident Fallieres empfing heute Mittag den Kronpinzen von Serbien, der ihm die Insignien zum Grotzkreuz des Ordens Karageorgiewitfch über­reichte. Fallieres lud heute mittag den Kron­prinzen mit Gefolge zum Frühstück ein. den ersten Nachmittagsstunden erwiderte Präsident Fal­lieres den Besuch, wobei er dem Kronprinzen das Eroßkreuz der Ehrenlegion überbrachte.

** Die zurückgewiesene Behauptung Cruppis. Paris, 15. Juni. Zu dem Einspruch derNordd Allg. Ztg." und mehrerer anderer Berliner Blätter gegen die Behauptung Cruppis, daß der deutsche Konsul in Tanger die französische Expedition nach Fez gewünscht habe, macht der Matin folgende an­scheinend offiziöse Bemerkungen: Die nach Berlin telegraphierte Note, die diesen Einspruch hervorge­rufen hat, beruht offenbar auf einer Verwechslung oder einer irrtümlichen Auffassung der Erklärungen des Ministers Cruppi. Es ist in der Tat bekannr, daß alle Konsuln ohne Ausnahme dem General Moinier bei seiner Ankunft in Fez die beste Auf­nahme bereitet haben und daß einige von ihnen, namentlich der englische und der österreiibische Kon­sul, übereinstimmend mit ihren französischen Kol­legen den Ernst der Lage der euopäischen Kolonie anerkannt haben.

* Zur Lage in Albanien. Köln, 15. Juni. Nach einem Verl. Telegramm derKcln.Z." setzte die tür­kische Regierung die Großmächte von den in Alba­nien getroffenen Maßnahmen auf diplomatischem Wege in Kenntnis und ließ dabei den Wunsch aus- drücken, die Mächte möchten nunmehr in Cetinje auf eine korrekte und rubige Haltung Montenegros hin- wirken. Budapest, 15. Juni. DerPester Lloyd" bringt eine aus Wiener diplomatischer Quelle stam­mende Darstellung der Lage in Albanien, in der es heißt: Die Türkei zeigt bezüglich Albaniens nun­mehr günstige Dispositionen. Die Albanesen wer­den hoffentlich das türkische Entgegenkommen auf die richtige Art erwidern. Der Schwerpunkt der Situa­tion liegt jedoch in Montenegro. Die Regierung in Cetinje muß ihren ganzen Einfluß auf die Aufstän­dischen aufbieten und ihnen die Rückkehr zu normalen Zuständen nachdrücklich empfehlen. Dir Mächte Europas erwarten ohne Unterschied, daß Montenegro in dieser für die Wiederherstellung des Friedens ent­scheidenden Stunde Korrektheit beweisen wird.

** Bom internationalen Seemannsstreik. London, 15. Juni. Heute Morgen aus den Docks eingetroffenc Nachrichten besagen, daß für den Streikausbruch ge­ringe Wahscheinlichkeit besteht. Es findet kein Streik­postenstehen statt. Die gesamte Mannschaft des DampfersDurhan Castle", der Morgen nachmittag nach Südafrika abgehen soll, unterzeichnete die An­musterung, ohne eine Lohnerhöhung W forden. Rotterdam, 15. Juni. Der Ausstand nahm bisher nur gering« Lusdrhnung an. Die niederländischen

Automobilunfall des Kronprinzen. Berlin,- 15. Zuni. Als der Kronprinz heute Vormittag sich im Automobil zum Reichskanzler begeben wollte, fuhr fein Kraftwagen auf dem Reichs- kanzlerplatz in Lharlottenburg gegen eine Bord­schwelle, sodaß das rechte Hinterrad brach. Der Kronprinz blieb glücklicherweise unverletzt. Er nahm eine Kraftdroschke und setzte den Weg fort.

Eröffnung des Großschiffahrtsweges Ber­lin-Stettin. Auf Anfrage an den Regierungs­präsidenten in Potsdam als Chef der Verwal­tung der märkischen Wasserstraßen, ist die Ant­wort ergangen, daß die Eröffnung des Eroß- schifsahrtsweges im ganzen nicht vor Herbst 1912 zu erwarten ist. Eine Entschließung über die beim Eroßschisfahrtsweg anzustellenden Beamten ist nach demMilitäranwärter" noch nicht ge­troffen worden.

Die Aufwendungen Preußens für Osfiziers- und Beamtenpensionen. Die Aufwendungen des preußischen Staates für Pensionen der Offiziere und Beamten sind, wie der KorrespondenzHeer und Politik" von militärischer Seite geschrieben wird, in den letzten zehn Jahren ganz bedeutend gestiegen und haben im letzten Etatsjahre 1910 eine beträchtliche Höhe erreicht, die den Stand der Pensionen vom Jahr« 1900 um das Doppelte übertrifft. Besonders dis neuen Pensionsgesetze für Beamte der Gendarmerie einschließlich Offiziere und Zivilbeamrc hoben eine beträchtliche Vermehrung des Pensions- etots gebracht, der im Jahre 1909 schon 73 Millionen Mark betrug, während im Jahre 1908 nur 69 Mlllionen Mark gezahlt wurden. Zu dieser Summe von 93 Millionen Mark kommen noch die Auf­wendungen für Witwen und Waisen ehemaliger Oifrziere und Beamten. Die Witwen- und Waisen- gelder beliefen sich im Etatsjahre 1909 auf 29 Millionen Mark, so daß in diesem Jahre der Gesamt- ariwand Preußens für Pensionen rund 102 Millionen Mark betrug. Im Jahre 1910 betrug der Pcnsionsetat einschließlich des Witwen- und Waisen­etats rund 107 Millionen Mark, und im Jahre 1911 wurde von beiden Etats zusammen die Höhe von iunt 111 Millionen Mark erreicht. Demgegenüber betrugen die Aufwendungen für die beiden Etats im Jahre 1900 rund 50 Millionen Mark. Die Summe, die der preußische Staat für Oftiziers- und Beamten­pensionen sowie für Witwen- und Waisenunter- stntzungen zahlt, haben sich in den letzten 10 Jahren also mehr als verdoppelt. Die Mindestzunahme im Jahre betrug 4 500 000 M, wovon 3 Millionen auf den Pensionsetat und 1500 000 M auf den Witwen­etat entfielen. In den nächsten Jahren wird noch ein? beträchtliche Steigerung des Pensionsetats zu erwarten fein, da die Offiziers- und Beamtengehälter eine größere Aufbesserung erfahren habe und damit auch eine Vermehrung der Penst.onsgelder Hand in Hand geht. Die Beamten der Landgendarmerie (ein­schließlich Offiziere) erhalten von den Pensionen den geringsten Anteil, den größten die Zivilbeamten, unter denen wiederum die Beamten der Eisenbahn mit 47 300 000 im Jahre 1909 an erster Stelle standen. Die gesamte Summe aller Pensionen, ein­schließlich sämtlicher pensionierter Offiziere, ist natur­gemäß noch beträchtlich höher, da unter den oben erwähnten Pensionskategorien nicht sämtliche für Pensionen in Betracht kommenden Summen zu­sammengefaßt sind und nur Preußens Zivil- und Grndarmeriebeamte (einschließlich Offiziere) berück­sichtigt sind.

Das verdächtige Schiff. Berlin, 15. Juni. DieKölnische Zeitung" meldet aus Berlin: Zu der Nachricht, daß ein die deutsche Flagge füh­rendes SchiffKonsul Erothus" mit dem frühe­ren Präsidenten Castro an Bord sich in den kuba­nischen Gewässern aufhalte, ist zu bemerken, daß es sich dabei allem Anschein nach um das frühere italienische SchissUmbria" handelt, das vor kurzem an die Regierung von Haiti verkauft wurde, also haitisches Regierungsschiff ist. Ob Präsident Castro sich an Bord befindet, darüber ist hier ebensowenig bekannt wie von der Absicht des Schiffes. Wenn es richtig ist, daß es die deutsche Flagge gehißt hat, so ist das ohne jede Berechtigung geschehen, da das Schiff ein Flaggenattest von den zuständigen Behörden nicht eingeholt hat und es zu der deutschen Han­delsmarine nicht gehört.

Statistisches. Berlin. 15. Juni. Der Wert des deutschen Spezialhandels im reinen Warenverkehr belief sich im Mai auf 806 Mill.

in der Einfuhr, auf 652,8 Mill. M in der Ausfuhr, int abgelaufenen Jahresteil auf 3 866,7 Millionen in der Einfuhr gegen 3 669 Millionen in der Ausfuhr, auf 3197,8 Millionen gegen 2937,8 -Millionen im Vorjahr. Außerdem er­reichte die Einfuhr von Gold und Silber im Mai 1911 einen Wert von 6,3 Millionen, an Gold 7,2 Millionen, an Silber im abgelaufenen Jah- r steil einen solchen von 67,7 Millionen, gegen 155,7 Millionen an Gold im Vorjahre, ferner

25,7 Millionen gegen 23,7 Millionen an Silber. Die gleichzeitige Ausfuhr an Gold und Silber erreichte die Werte von 18,9 gegen 73,7 Mill, oft an Gold und 13,2 gegen 12,3 Mill. M an Silber im Vorjahr.

Verbrecher-Kultus. Dieser Tage ließ die Staatsanwaltschaft in Trier die Habseligkeiten des zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begna­digten früheren Radrennfahrers Breuer ver­steigern, der einen Fabrikanten, mit dem ihn homosexuelle Bande verknüpft hatten, ermordete und deshalb von den Geschworenen zum Tode verurteilt worden war. Für sein Zigarrenetui, eine Uhr und einige Ringe nebst sonstigen Klei­nigkeiten wurde die ungeheure Summe von 1223 erzielt. Zahlreiche Bieter und Neugierige hatten sich eingefunden, einer übertrumpfte den andern, und wahrhafte Liebhaberpreise wurden gezahlt. Man kann es verstehen, wenn für Ee- äenstände die ein berühmter Mann besessen und geheiligt hat, hohe und höchste Preise gelöst wer­den. Aber als ein trauriges Zeichen vorgefhrit- tenen Niedergangs des sittlichen Empfindens muß man es betrachten, wenn entartetes Verbre- f'-.-'nm ähnlich bewertet rot1-

Der britische Entente-Genosse.

Jetzt fängt auch die großbritannische Presse an, sich lebhafter mit der Lage zu befassen, die unter Umständen durch das militärische Vor­dringen der Spanier in Marokko geschaffen wer­den kann. Man meint, daß dadurch der Gedanke einer Teilung Marokkos plötzlich zur Wirklichkeit werden könne, ja zu werden drohe. Gegen eine solche Teilung an und für sich würden die groß­britannischen Staatsmänner nun wohl wenig haben, sie fürchten aber, daß das Deutsche Reich in einem solchen Augenblick die Harmonie stören, nämlich ein großes Stück Marokko für sich bean­spruchen werde. Bis jetzt freilich habe, so meint ein englisches Blatt, Deutschland von Absichten auf Mogador nichts verlauten lassen, aber das könne ja schnell genug kommen.

Dazu wollen wir nun zunächst in Erinnerung bringen, daß der Gedanke, das Deutsche Reich werde sich unter Umständen des marokkanischen Hafens von Mogador versichern, von einem eng­lischen Blatte ausging, und zwar vor einer Reihe von Monaten und in Form einer An­regung. Diese Anregung wurde dannn von einer Reihe deutscher Blätter besprochen und kritisch erörtert. Inwieweit sie im deutschen Interesse brauchbar und praktisch verwertbar erscheint, soll in diesem Augenblicke nicht auseinandergesetzt werden. Es scheint uns aber von einer gewissen Bedeutung zu sein, daß die englische Presse im­mer wieder darauf zurückkommt, wenn auch jetzt nicht mehr als A-^egung und Vorschlag, sondern r:t großer Besorgnis. Die großbritannische M gierung scheint, nach der Londoner Presse zu ur­teilen, vor einer Reihe von Wochen, etwa im April, eine Periode des Schwankens durchge­macht zu haben, wie sie sich in der wahrscheinlich brn^rstebenden Entwicklung der marokkanische-' Ereignisse zu stellen habe. Es schien, als ob die gre^'ritann^chen Staatsmänner die Ansprüche Frankreichs in di fern Stadium für zuweitgehend hielten und der Ansicht waren, die Akte von Al­geciras die doch auch Großbritannien unter- getane! hat werde durch das französische Vor­gehen eklatant verletzt. Ungefähr um die gleiche Zett erfolgten ein paar recht energische Noten derNorddeutschen Allgemein Zeitung-. Dann aber brachten Hauptorgane Oesterreichs und Rußlands schroffe Ablehnungen gegenüber den in derNordd. Allg. Ztg." ausgesprochenen und angedeuteten Standpunkten, auch wurde erklärt, daß ein entsprechender diplomatischer Meinungs­austausch unter den verschiedenen Reaierungen, auf Anregung der deutschen, erfolgt sei. Damals ist allem Anscheine nach auch Großbritannien wieder auf seinen alten Standpunkt in der ma­rokkanischen Frage zurückgekehrt: nämlich, Frank­reich hier bedingungslos zu unterstützen. Ver­traglich, nämlich nach dem französisch-englischen Abkommen vom Cptil 1904, hat Großbritannien eine solche Pflicht keineswegs. Denn jenes Ab­kommen faßt nicht annähernd derartige An­sprüche und Eventualitäten ins Auge, wie sie Frankreich jetzt als selbstverständlich und als na­türliches Recht betrachtet. Geht die Politik Groß­britanniens Frankreich gegenüber also weit über die Grenz« der vertraglichen Verpflichtung hin­aus, so haben die großbritannischen Staatsmän­ner auch Gründe dafür, die außerhalb der marok­kanischen Frage als solcher gelegen find. Sie hal­ten offenbar int politischen Interesse Großbritan­niens, nicht Frankreichs, für notwendig, den Entente-Genossen nicht zu verlassen. Sie fürch­ten eine Isolierung Großbritanniens, für den Fall wohl hauptsächlich, daß das Deutsche Reich mit Frankreich, durch die Machtfrage oder deren Andeutung hindurch, zu einer Einigung gelange. Man wird fortfahren müssen, die englische Poli­tik unter dieser: Gesichtspunkte zu verfolgen.

mir dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Bellte.

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