46. Jahrg.
1911.
Marburg
Freitag, 16. Juni
in dem angegebenen Sinne geäußert habe. Die Aeußerung des französischen Ministers läßt sich also nur durch ein Mißverständnis oder ein Versprechen, das auf französischer Seite liegt, erklären.
— Znm Falle Zatho. Berlin, 14. Juni. Anläßlich des vom Konsistorium der Provinz Brandenburg vier Pfarrern erteilten Verweises wegen Teilnahme an einer Versammlung zur Besprechung des Verfahrens gegen Pfarrer Jatho- Köln richteten 80 Geistliche von Berlin und Umgegend eine Protesteingabe an den evangelischen Oberkirchenrat.
— Anrechnung de, Militärdienstzeit aus das Brsoldungsalter der Förster. Das Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat, wie der Korrespondenz „Heer und Politik" von militärischer Seite mitgeteilt wird, an sämtliche königlichen Regierungen (mit Ausnahme von Aurich, Münster und Sigmaringen) einen Erlaß über die Anrechnung der aktiven Militärdienstzeit auf das Besdldungsalter der Förster gerichtet, durch den die bisher erlasienen Bestimmungen über Anrechnung der Militärdienstzeit aus das Besoldungsalter der Beamten auch in Bezug auf die Förster ergänzt und erneuert werden. Bei den Oberjägern, die nach neunjähriger aktiver Dienstzeit den Forstversorgungs- schein erhielten, wird die über diesen Zeitraum hinaus beim Iägerkorps zugebrachte Dienstzeit (nach 9 Jahren) von nun an als diätarische Dienstzeit behandelt. Rückwirkend vom 1. April 1911 wird die neue Gehaltsregulierung vor- gcnommen. Der Ministerialerlaß lautet folgendermaßen: „An sämtliche königliche Regierungen (ausschließlich Aurich, Münster und Sigmaringen). Mit Allerhöchster Genehmigung soll nunmehr bei denjenigen Oberjägern, welche nach neunjährigem aktiven Dienst den Forstversorgungsschein erhalten haben, die über neun Jahre im aktiven Militärdienst beim Iägerkorps zu- gcbrachte Dienstzeit der berufsmäßigen Beschäftigung gleichgeachtet, also als diätarische Dienst.zeit behandelt werden. Die Vorschrift tritt vom 1 April 1911 an in Kraft, für die dann im Amt befindlichen Beamten rückwirkend, aber unter Ausschluß von Gehaltszahlungen für die rückliegende Zeit. Im Einverständnis mit dem Herrn Finanzminister veranlaße ich daher die König!. Regierung, bei den in Frage kommenden Beamten die erforderliche Nachprüfung in L':;,ug auf das Besoldungsdienstalter vorzunehmen, dieses gegebenenfalls anderweitig fest- z' fetzen und die entsprechende Eehaltsregulie- rung vom 1. Apil 1911 ab zu verfügen."
Ausland.
** Die Neichsratswahle« in Oesterreich. Men, 14. Juni. Gestern wurden die Wahlen
Politische Umschau.
Das Streike«.
Im letzten Jahrzehnt ist die Ausstandsbewegung his 1907 stetig, zum teil sogar rapid gestiegen. Von da ab hat sich ein ebenso starkes Abfallen der Streik- zifsern bemerkbar gemacht, das im Grunde genommen auch im Jahre 1910 angehalten hat. Die amtliche Statistik verzeichnet für 1901: 156, für 1902: 1060, für 1903: 1374, für 1904: 1870, für 1905: 2403 und für 1906: 3328 Ausstände. Im Jahre 1907 gingen diese jedoch auf 2266 zurück, fielen 1908 sogar aus 1347, und wenn sie sich in den Jahren 1909 und 1910 auch auf 1537 bezm. 2113 erholten, so kann dieser „Aufschwung", über den die Leitung der sozialdemokratischen Gewerkschaften jubelt, deshalb nicht als bedeutsam angesehen werden, weil fast ein Viertel sämtlicher Streiks des Jahres 1910 (nämlich 606) auf das Baugewerbe entfällt, das in einen «mfangreichen Tarifstreik eingetreten war.
Die Verminderung der Streiklust seit 1906 hat einen wesentlichen Grund. Nämlich: las machtvolle Anwachsen und die Zentralisierung der Arbeitgeber- Verbünde und deren Strcikversicherungsgesellschaften.
Neuerdings wird jedoch auf eine starke Steigerung der Ausstandsbewegung gerechnet werden müßen. Denn die Verbandsführer bemühen sich, wiederum aufs neue die Streiklust zu schüren. Die Aussperrungen, die in den Jahren 1908 und 1909, entsprechend den Ausständen, stark zurückgegangen waren, haben sich im Jahre 1910 außerordentlich stark — um fast das Zehnsache — vermehrt. Die amtliche Statistik verzeichnet für 1906: 298, für 1907: 246, für 1908: 177, für 1909: 115, für 1910 aber 1115 Aussperrungen. Die Zahl der Auegesperr- ten betrug 1910: 214129 gegen nur 22 924 im Vorjahr. Mehr als neun Zehntel der Aussperrungen (91,1 v. H.) mit mehr als vier Fünftel aller durch Aussperrungen betroffenen Arbeiter (81 v. $.) wurden im Baugewerbe verhängt, und davon entfielen fast alle (1003 von 1016) Aussperrungen auf den im Frühjahr 1910 begonnenen Tarifkampf, der durch den Dresdener Schiedsspruch vom 16. Juni 1910 beendet wurde. Von sämtlichen Aussperrungen des letzten Jahres hatten 81 (7,3 v. H.) vollen, 1010 (90,6 v. H.) teilweisen, 24 (2,1 v. H.) keinen Erfolg. Faßt man die für 1910 ermittelten Streik- und Aussperrungsziffern zusammen, so ergibt sich, daß insgesamt 363 809 Arbeiter infolge von Streiks oder von Aussperrungen haben feiern müßen, und daß 19110 Betriebe davon betroffen waren. Von den 3228 Streiks und Aussperrungen haben in 867 Fällen (= 26,9 v. H.) die Arbeiter keinen Erfolg erzielt. Und daß scklresilich die vollen oder teilweisen Erfolge, auf die die Arbeiter in den übrigen Fällen blicken können, für die enormen Lohnensfälle entschuldigen könnten, muß entschieden bezweifelt werden.
Spieglein, Spieglein an der Wand! . . .
Der bekannte Durchsallskandidat der Fortschrittlichen Volkspartei Pfarrer Korell, dem bei den kommenden Reichstagswahlen hoffentlich die Wähler in Jena dieselbe Antwort erteilen wie in Alzey- Bingen und Gießcn-Nidda liegt schon seit langem mit dem freisinnigen Parteiprogramm in Konflikt, vo: allem ist es ihm bis heute noch nicht gelungen,
Deutsches Reich-
— Ein französischer Irrtum. Berlin, 14. Juni. Die „Post" schreibt: Der Minister des französischen Auswärtigen Amtes Cruppi hat gestern erklärt, der deutsche Konsul habe seinerzeit die f'-rnzöfische Expedition nach Fez gewünscht. Wir find ermächtigt zu erklären, daß die Behauptung den Tatsachen nicht entspricht, im Auswärtigen Amt ist von solchen Wünschen des deutschen Konsuls in Fez nichts bekannt. Der deutsche Konsul in Fez hat weder amtlich je eine Ansicht in dieser Richtung geäußert, noch auch ist das geringste bekannt, oder spricht irgendwelche Wahrscheinlichkeit dafür, daß der Konsul sich jemals persönlich
mit dem Kursblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend«, „Fürs Haus« und „Landwirtschaftliche Beilage.
sich endgültig für Schutzzoll oder Freihandel zu entscheiden, und man kann die Scelenqualen des Herrn Kcrell mitempfinden, wenn er sich mit dem gesteigerten Verantwortlichkeitsgefühl und der Eewißens- biße des ehemaligen Elaubenslehrers „gezwungen" sicht, „im Jntereße der Wähler" heute das eine und morgen das andere zu fordern oder zu verdammen. Der Bioaraph wird nicht umhin können diese einzelnen Phasen des politischen Entwicklungsganges jenes Mannes zu schilderrn, erst dann werden sich seine Anhänger ein rechtes Bild von ihrem Führer machen können Wir wollen damit den Anfang machen.
Erste Phase: 1906 auf dem Parteitag zu Frankfurt forderte Herr Korell: „Schrittweise Herabsetzung der Agrarzölle". 1907 bei den Rerchstegs- wahlen, nach seinen eigenen Worten: Caprivische Wirtschaftspolitik. 1908 auf dem Kongreß des Nalionalvereins äußerte er, daß „Schutzzölle wie Opium« wirken, und 1909, am 16. Januar in Biedenkopf war er noch überzeugt, „daß die Zölle auf Lebensmittel den mittleren und kleineren Bauern nichts nützen". ,
Zweite Phase: 1909, am 20. Januar, in einer Versammlung in Eau-Odernheim in Rheinhessen stand Herr Korell „voll und ganz auf dem Boden der jetzioen landwirtschaftlichen Zölle. Wenn durch dir Erfahrung die Nützlichkeit und Notwendigkeit der Zölle sich ergeben würde, werde er nach Ablauf der Handelsverträge noch für höhere Zölle eintreten. Diesen Standpunkt vertrat er auch in Alzey-Bingen und Gießen. .
Dritte Phase: Als die freisinnigen Führer Kämpf und Eothein ob dieser Ketzerei mit dem Consilium abeundi drohten, ging Herr Korell in sich und erklärte auf dem Parteifest in Niederhillers- heim, daß er vor jeder Abstimmung über wirtschaftspolitische Fragen die Vertrauensleute seines Wahlkreises zusammenrufen werde, um nach der Stellung der Mähler die seine einzurichten." Auf dem letzten Parteitag in Bingen ist Herr Korell dann von Herrn Kopsch wieder auf den Freihandel vereidigt worden und hat Treue geschworen. Damit wäre der Entwicklungsgang abgeschloßen, es blicve nur noch eine Phase zu durchlaufen, nämlich die, sich über wirtschaftspolitische Fragen überhaupt keine Meinung mehr zu bilden. Seine Parteifreunde wurden sicherlich damit völlig einvc standen sein.
zum Reichsrat vorgenommen. Von den 449 znr Entscheidung gelangten Mandaten find 430 Wahlresultate bekannt. Davon sind 179 Stichwahlen, darunter 7 Neuwahlen in Galizien mit Doppelmandaten, also insgesamt 186 Stichwahlen. Endgiltig gewählt find 244 Abgeordnete, davon 63 Christlich-Soziale, 44 Deutsch-Freiheitliche, 43 Sozialdemokraten, 34 Mitglieder des Tscheschenklubs, 24 Südslaven, 11 Mitglieder des Polenklubs, 10 Italiener, 5 Bukowina-Ru- thenen, 5 Rumänen, 2 Wilde, 1 Alt-Konservativer, 1 Alldeutscher und 1 Zionist. — Die deutsch- freiheitlichen Organe feiern den gestrigen Wahltag als eine Niederlage der Christlich-Sozialen in Wien, die von ihren bisherigen 20 Wiener Mandaten in der Hauptwahl sich nur zwei sichern konnten; selbst die Führer, die einflußreichsten Männer dieser bisher mächtigen Partei hätten bisher nicht ein Mandat für das Abgeordnetenhaus und kämen alle nur in die Stichwahl.
** Ein netter Abgeordneter. Budapest, 14. Juni. Der Staatsanwalt erhob gegen den Ab- g ordneten Ludwig Reck Anklage wegen Verbrechens der Gewalt.atigkeit gegen eine Behörde, fee:er wegen Verbrechens der schweren Kcrper- v> letznng, we l Beck tir anderen Abgeordneten in der Sitzung der Abgeordneten am 21. März 1911 den Ministerpräsidenten Grafen Khuen Hedervary und den Ackerbauminister Grasen Bela Serenyi während ihrer amtlichen Tätigkeit tätlich mißhandelt und ihnen Verletzungen beibrachte, die in mehr als acht, aber weniger als zwanzig Tagen heilten. Der Jmmunitätsaus- schuß der Abgeordneten beschloß die Ausliese- lung Becks.
** Das neu« belgische Kabinett. Brüßcl, 13. Juni. Das neue Kabinett wird sich morgen offiziell konstituieren. Von den Mitgliedern des alten Kabinetts erhaltei.: Präsidium und Inneres de Broqueville, Justiz Berryer, Aeußeres Dovignon, Kolonien Renkin, Arbeit Hubert, Krieg Hellebaut, von neu-n Männern: Finanzen Leoie, Unter1-1 cht Poullet, Verkehr Carton de Wart und Ackerbau van de Vijver.
** Vom internationalen Seemannsstreik. London, 13. Juni. Der Arbeiterführer Ten Mann ist in Liverpool angekommen, um den Ausstand zu leiten. — Liverpool, 14. Juni. Heute wurde hier der Seemannsausstand erklärt. 600 Matrosen und Heizer vom Dampfer „Teu- tonic" der White Star Line und dem Dampfer „Expreß öf Jreland" der Canadian Pacific Line, die am 17. bezw. 16. Juni abgehen sollten, weigerten sich, auf die Schiffe zu gehen. — Rotterdam, 14. Juni. Wenn der Rotterdamer Lloyd morgen Schwierigkeiten mit der Bemannung des Postdampfers „Wilis" haben sollte, so »st eine chinesische Besatzung bereit, sich anwerben zu laßen. — Amsterdam, 14. Juni. Bisher sind die
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(Nach^1"^ ' (en.)
Die Rückkehr zur Ualur.
4) Eine lachende Geschichte Von Agnes Har de r.
(Fortsetzung.)
2.
Maisonne.
Frau Sophie Haße, die ihr Mann Fuschchen nannte, wenn er guter Laune war, stand an einem schönem Maimorgen nachdenklich mit einer ordentlichen Sorgenfalte auf der Stirn am Fenster ihres Schlafzimmers und sah hinüber in Doktor Dietrichs Garten. Ihr Mann schlief noch, denn gestern war Kegelabend gewesen. Sonst machte sie sich an solchen Katertagen zuweilen den Spaß, sich auf die Kante seines Bettes zu setzen, eine Strähne ihres braunen Haares zu nehmen, das zur Nacht in Freiheit gelaßen wurde und in eigensinnigen Wellen um ihr molliges Gesichtchen flutete, und ihn wach zu kitzeln. Aber heute hatte sie den laut Atmenden nur mit einem fast verächtlichen Seitenblick gestreift, ihre Waschungen mit der Energie einer echten Spartanerin vorgenommen und dann Freiübungen gemacht. Es machte ihr noch Schwierigkeiten, sich so einem Fechter gleich auszulegen und widerstrebte ihrer zu sanfter Fülle neigenden Gestalt, aber ein heroischer Entschluß belebte ihre Brust, und die letzten Schwimmbewegungen machte sie geradezu verklärt. Dann zog sie ein helles Morgenkleid an und ließ die Schnur der Vorhänge rücksichtslos knirschend durch ihre Finger gleiten.
Richtig, die drüben waren schon wieder an der Arbeit! Sie steckten Gemüsebeete ab. Da knieten sie einander gegenüber, Herr und Diener, beide in hellen Arbeitskitteln, hatten einen Bindfaden um zwei Pflöcke gewickelt und schnellten in der feuchten, regenwarmen Erde Furchen ab, die sie dann mit einem Stock vertieften. Ein Teller mit Sämereien stand neben ihnen. Und es war erst acht Uhr!
Frau Fuschchen hatte einen ehrlichen Haß auf Bimm geworfen in diesen Wochen. Schon sein Name! Vimm! Nicht mehr und nicht weniger. Herr und Diener schienen mit dieser Form zufrieden, und sie sollte auch für Fremde gelten. Und dann die Idee, mit diesem glatten Affengesicht zu wirtschaften, anstatt mit einer ehrsamen Haushälterin! Aber das hatte er wohl in den fremden Ländern gelernt, dort, wo man die Frauen verachtete. Frau Sophie hatte in den Vorhang des Schlafzimmers ein Loch gebohrt, ähnlich dem bekannten Loch in Theatervorhän- gen. Es war eines jener Rouleaus aus knistri- gem. blauen Kattun, in einem weißen Medaillon in der Mitte eine prächtige Ritterburg, von der aus ein Zug Bewaffneter ins Tal reitet. Es war eine Freude, so vom Bett aus mit schläfrigen Augen nach dieser Burg zu blinzeln, über deren Mauern Palmen winkten, wenn die Morgensonne das Ganze illustrierte. Die Rouleaus stammten noch aus der ersten Ehe Haffes, aber Frau Sophie hatte nie etwas an ihnen auszusetzen gehabt. Durch das Guckloch beobachtete sie den Nachbar und seine „alte Dechanei", wie die Kinder von ihren Abzählreimen her das Haus
mit den verschlossenen Läden bisher genannt hatten.
Als die Rouleausschnur knirschte und die Ritterburg sich knisternd aufrollte, blickte Dietrich von seinem Gemüsebeet auf, nahm den weißen Pflanzerhut ab und winkte lebhaft. Aber auch Haße, plötzlich von der Sonne getroffen, dehnte sich, prustete und erwachte, wie man nach einem „schweren" Kegelabend zu erwachen pflegt.
„Fuschchen, ich bitte dich, eine Taße starken Kaffee und nachher so ein klelnes Katerfrühstück, ehe ich ins Amt muß."
Sie war zu ihm getreten und beugte sich über ihn.
„Brrr! Der ganze Bart voll Rauch? Du sollst ihn doch noch vor dem Schlafengehen waschen, hat Dietrich gesagt."
„Papperlapapp, Kind. Der Kiwitt soll nur dreimal alle Neune werfen und dann ein Achtel Echtes spendieren! Nachher wäscht er seinen Bart auch nicht mehr, sondern ist froh, wenn er sich in die Klappe findet. Na, und nun sperr' dich nicht und küsse los. Warst doch sonst nicht so empfindlich."
Aber Fuschchen bog sich zurück und sagte kühl: „Gusti kann dir den Kaffee bringen. Und gewönne dir doch die dummen Verkürzungen ab. Ich wenigstens heiße Sophie."
Damit ging sie sehr gerade aufgerichtet hinaus, Haße stärker ernüchternd, als es der Kaffee gekonnt hätte, den die sechzehnjährige Gusti eir Weilchen pater hereinbrachte.
„Hier, Vater, trinke schnell, ich will nach Loch- stedt radeln. Lusche ist wieder gar nicht gesund, hat die Eierfrau gesagt."
„Sie muß mit dem Arzt wechseln, Gusti, das hab ich ihrem Onkel, dem Kapitän, schon neulich gesagt. Ich will mit Dietrich reden. Er muß einmal hin."
Gusti warf den Blondkopf mit dem dicken Mozartzopf in den Nacken.
„Mama sagt das auch. Ich glaube, sie besprechen es eben. Du weißt doch, daß er an dem Staketenzaun Styles angebracht hat, Bretter zum Uebersteigen, wie in England auf den großen Viehweiden? Na, ich werde mich hüten! Ich mache sicher den Umweg über die Straße. Und ich werde es mir auch noch sehr überlegen, ob ich Lusche nicht überhaupt abrate, sich -von so einem hergelaufenen Wunderdoktor und Schlanqen- bändiger behandeln zu laßen. Ja, das werde ich!"
Haße richtete sich auf und betrachtete „seine Kleine" mit ganz neuem Jntereße.
„Rebellion, Gusti? Erbarme dich, Kindchen, was hat dir Kiwitt getan? Er geht doch nur ia der Residenz herum und gießt Oel auf die Wogen, ein Kiwitt, der sich von Tau und Morgenröte nährt."
Gusti schwieg trotzig. Sie wußte ja, daß sie nicht gegen die allgemeine Verhimmelung ankam. So zog sie die knisternde Ritterburg wieder herunter, gab ihrem Vater einen Morgenkuß und ging hinaus, um ihr Rad auss ussumpen.
(Fortsetzung folgt.)