mit dem Krelsblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
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Tie „Oberheffische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn« und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 M (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 «* frei ins HauS. (Für unverlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: Dr. Hiheroth), Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Sonntag, 4 Juni
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46. Jahrg.
1911.
Erttes Blatt.
Politik und Pfingsten.
Zn der unmittelbaren Berührung mit der Mutter Erde sollen und müssen sich von Zeit zu Zeit die Kräfte der Volksvertretung erneuern. Das ist, in das dichterische Cewand der alten Sage gekleidet, der Grundgedanke des Appells an die Wählerschaft, den die Verfassungen des Reiches und Preußens für jedes fünfte Zahr vorschreiben, und es liegt in der Tat auf der Hand, daß die zeitliche Begrenzung des Auftrages zur Teilnahme an der gesetzgeberischen Arbeit zum Wesen des Parlamentarismus gehört. Gerade eine Zeit, wie sie uns jetzt wieder bevorsteht, eine Zeit, in der das gesamte politische Leben unter den Bann der heraufziehenden Meinungen tritt und uns diesen Bann wie eine drückende atmosphärische Spannung empfinden läßt, bringt es «ns wieder mit elementarer Kraft zum Bewußtsein, wie scharf und unerfreulich die nüchterne Wirklichkeit der Dinge von jenem poetischen Sinnbild sich abhebt. Muß man doch nur zu oft den Eindruck gewinnen, daß es weit weniger die treibenden Nährkräfte des mütterlichen Bodens oder die tiefen, reichen Adern des an- und eingeborenen Vaterlandsgefühles wären, auf die in Wahlzeiten zurückgegriffen wird, als vielmehr die unheimlichen unterirdischen Gewalten der Zerstörung^ die in unversöhnlichem Kampfe mit den Mächten der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung liegen und ungeduldig des Augenblickes harren, wo sie sich des lästigen Zwanges entledigen können. Jedenfalls ist es auch den begeisterten Freunden des Parlamentarismus nicht lercht gemacht, die Mächte, die eine Wahlzeit zu entfesseln pflegt, als wohltätig und segensreich zu bezeichnen.
Auf der anderen Seite bedürfen aber gar nianche der Fragen, die zurzeit unser Volk bewegen und zerklüften, zweifellos sehr ernstlich der Heraushebung aus der engen und dumpfen Welt künstlicher Parteitaktik und gequälter Kompromisse in die freie frische Lust großen vaterländischen Fühlens und Denkens. Um nur eines aus jüngster Zeit zu erwähnen. Was ist Übiia geblieben von dem machtvollen, weltge- schi-k glichen Zug. der einst die verlorenen elsaß- lothringischen Lande dem Reiche wiedergewann? Was auch nur von dernicht unbedenklichen, aber immerhin einheitlichen Aktion, mit der die verbündeten Regierungen die reichsländische Verfassung auf die Tagesordnung setzten! In unaufhörlichem Zurück- und Ausweichen hat man einen Punkt nach dem anderen, ein Prinzip nach dem anderen preisgegeben, und schließlich ist et-
” sNcubdrnck v;’if-)ten.)
Heidezauber.
" Roman von Anny Woth «.
(Fortsetzung.)
„Wollen Sie verreisen, jetzt, so ganz plötzlich?" ftagte er erschrocken.
Sie nickte. „Ja, verreisen, liebster Freund; aber es ist eine unfreiwillige Reise, ein unfreiwilliges Scheiden."
„Aber es wird Sie, es kann Sie doch nichts dazu zwingen, Prinzessin?"
„Doch, doch, mein Freund. Ich reise dorthin, wo für mich des Glückes Wunderblume blüht, zu den Sternen."
„Hoheit!" Es klang fast wie ein Weckruf.
Vom Fenster her vernahm man unterdrücktes Schluchzen.
. »Die gute Mutter leidet," flüsterte die Prinzessin mit einem zärtlichen Blick auf die Herzogin, „und dock, weih sie, wie der Tod mich frei macht und meine Seele dorthin führt, wo es keinen Unterschied mehr gibt, wo wir alle gleich sind, wo man einem Fürstenkinde nicht die Dornenkrone aufs Haupt drückt, w.e hier, wo es entsagen muh, sondern wo man ihm oie Friedenspalme reicht, gleich den anderen, die vor uns einzogen."
„Beruhigen Sie sich, Hoheit," bat Rirckmann, „Sie sehen zu schwarz; Sie werden, Sie müssen ja wieder gesunden. Haben Sie viel Schm rzen?"
„Nein, keine, mein Freund! Keine Schmerzen, aber auch keine Hoffnung. Die Aerztr selbst, wenn sie es auch nicht eingestehen wollen, haben auch keine. Ich aber fühle es: ehe die Nacht anbricht, wird mein Leben erlöschen, wie ein Licht verglimmt."
Wieder schluchzte die Herzogin auf und barg ihr .Antlitz in den Händen.
.Still, still, Mutter," flüsterte die Prinzessin zärt-
was ganz anderes zustande gekommen, als was die Regierungen ursprünglich gewollt haben.
Den Eindruck einer gewissen Unsicherheit und Unentschlossenheit, die in einem recht auffallenden und beschämenden Mißverhällu'.s zu der Fülle unserer nationalen Kräfte stehen, gewinnt man leibet auch auf einem anderen Gebiet der Politik: auf dem der Marokko-Frage. Gewiß ist hier mit gegebenen Tatsachen zu rechnen, die nicht mehr aus der Welt geschaffen werden können, und ebenso mit einer gewissen inneren Logik der Dinge, die uns verwehrt, an den Preis, der dort bestenfalls zu gewinnen wäre, den größten Einsatz des Völkerlebens und des staatsmännischen Gewissens zu wagen. Was hier noch zu tun fein dürfte, kommt mehr oder weniger auf eine ehrenvolle Liquidation hinaus. Aber im übrigen muß man doch wünschen, daß unsere auswärtige Politik bald wieder etwas anderes werde als die bescheidene Kunst, sich Tag für Tag mit den gegebenen Verhältnissen schlecht und recht und zur Zufriedenheit der lieben Nachbarn abzufinden.
Damit ist keine Politik der Gewalttätigkeit oder d-s Chauvinismus gefordert. Im Gegenteil. Das ist der Geist des deutschen Volkes nicht und sollte es niemals werden.
Pfingsten, das Fest des Geistes, weist uns aus der Erdenschwere heraus auf die Kraft aus der Höhe! Wir sind ein christliches Volk und glauben an eine Heimat und Bestimmung, die über dieser Erde liegt; aber wir wissen auch, daß wir gegenüber der Welt die Wahrheit dieses Glaubens durch nichts anderes erweisen können als durch die Kraft aus der Höhe, die alles Gute und Edle in «ns zur Blüte und Frucht erweckt und belebt. Diese Kraft tut uns mehr noch not als die Kraft der mütterlichen Erde. Daß sie uns recht lebendig bleibe in allen Wirren des öffentlichen Lebens, das ist unser „politischer" Wunsch zu Pfingsten.
Deutsches Reich-
— Kaiser und Kanzler in der elsaß-lothringischen Frage. Essen, 2. Juni. Die „Rheinisch- Westfälische Zeitung" schreibt: Ein bekannter konservativer Parlamentarier teilt uns mit, daß der Eeneraladjutant von Moßner, der früher einmal als Gouverneur in Straßburg stand und der in den letzten Wochen in einem sehr regen Depeschenwechsel mit dem Kaiser gestanden haben soll, den Kaiser zugunsten des reichsländischen Verfassungswerkes Bethmann- Hollwegs beeinflußt habe. Von einer anderen angesehenen Seite, die Über direkte Beziehungen zu Hofe verfügt, wird uns dagegen versichert, daß der Kaiser dem Reichskanzler und Ministerpräsidenten sowohl in der elsaß-lothringischen Frage
lich, und bann sich wieder zu Rieckmann wendend, fuhr sie fort:
„Ich habe heut« von all meinen Lieben Abschied genommen, denn niemand als die Mutter, die, wenn sie mir alles nehmen, doch ewig mein bleibt, soll zugegen fein, wenn ich scheide. Mit ihr kann ich von der Heide plaudern, der Heide, von der Sie mir so oft erzählten, die schuld daran ist, daß niemals ein Glücksschimmer in meine Seele fiel."
Sie hatte die letzten Worte leise, nur ihm verständlich, gesprochen. Wie seltsam sie ihn et« sckiütterten.
„Prinzessin," sagte er weich „Elinor —"
„Ich weiß, was Sie sagen wollen, lieber Freund. Man sagte mir soeben, d st sie vor einer kleinen Weile in ihre Heimat zurückgekehrt ist und wohl für immer.“
Wolfgang schüttelte den Kopf.
„Sagen Sie nichts, liebster Freund! O, bitte, lassen Sie mir den fügen Glauben! Lassen Sie mich ihn mit mir nehmen in jen.s Schattenland, den Glauben, daß Ihr Cliid Ihnen wieder auf der Heide neu erblüht."
„Elinor und ich, Hoheit, sind für immer geschieden, — es gibt keinen Weg, der uns wieder zu einander führt."
„Doch Professor, es gibt einen!“ tief die Prinzessin, und ih^ schwarzen Augen strahlten glück- selig auf. Dann löste sie ein fcingliedriges Kettchen, an dem sich eine goldene Kapsel schaukelte, mit matten Fingern von ihrem Halse.
„Hier, nehmen Sie, mein Freund. Bringen Sie Elinor diesen Schmuck als letztes Vermächtnis einer Sterbenden, und sagen Sie ihr, der Inhalt der kleinen Kapsel, die sie in Ihrer Gegenwart öffnen soll, enthielte einen Talisman für jede Qual ihres Herzens. Ihm soll sie folgen. Wollen Sie meinen Wunsch erfüllen?"
„Ich gelobe es!" entgegnete der Professor feiet»
als auch in der Ostmarkenpolitik volle freie Hand gelassen habe und auch weiterhin lassen werde. Hätte der Kanzler eine entgegengesetzte Politik vertreten, als er sie treibt, so würde sie gleichfalls die Zustimmung des Kaisers und Königs gefunden haben. Der Kaiser lasse dem Kanzler und Ministerpräsidenten volle Freiheit in seinen Entschließungen und beeinflusse ihn in keiner Weise, weil er seit dem Novembersturm 1908 auf dem Standpunkt stehe, sich vom aktiven Eingreifen in die Regierungsgeschäfte soweit wie möglich fernzuhalten." Unseres Erachtens ist es nicht angebracht, die Person des Kaisers in die Debatte zu ziehen.
— Die Kaiserin. Pasewalk, 2. Juni. Die Kaiserin traf um 10 Uhr 50 Min. hier ein, begab sich in der Uniform ihres Kürassierregi- ments nach dem Marktplatz zur Regimentsfeier. Der Regimentskommandeur hielt eine Ansprache, in welcher er der Kaiserin für ihren Besuch dankte und mit einem Kaiserhoch schloß. Nach der Parade ritt die Kaiserin an der Spitze der Standarteneskadron zum Kommandeurhause zurück. — Potsdam, 2. Juni. Die Kaiserin ist aus Pasewalk heute Abend kurz nach 7 Uhr wieder in Potsdam eingetroffen und begab sich später in das Kabinettshaus zum Besuch des erkrankten Prinzen Joachim.
— Das Befinden des Prinzen Joachim. Potsdam, 2. Juni. Im Befinden des Prinzen Joachim ist eine wesentliche Veränderung nicht eingetreten. Die Schmerzen hielten in der Nacht an und störten die Nachtruhe sehr. Infolgedessen ist auch der Kräftezustand angegriffen.
— Sie verlassen das Lokal. Man schreibt uw: Endlich mar die Reichsversicherungsordnung nebst Einführung in 3. Lesung verabschiedet; die „ritterlichen" Sozialdemokraten batten sich mit langen Reden und kurzen Schimpfworten begnügt und zahllose Ordnungsrufe als Lorbeeren eingeheimst. Endlich war der Augenblick der Vertagung des Reichstags gekommen, — begeistert brachte Graf v. Schwerin (Löwitz) das Kaiserhoch aus. Begeistert stimmte alles mit ein. Auch die roten Genossen waren "ganz weg"; eiligst entzogen fie sich der unbequemen Huldigung. Wie in Caprivis Zeiten verließ die äußerste Linke, die so eifrig für die verfrühte Selbständigkeit der übermütigen Französlinge und eigensinnigen Auch- deutschen in Elsaß-Lothringen mitgemimt und in der Hoffnung auf die Demokratisierung des preußischen Wahlrechts bei der Gründung des neuen 26. Bundesstaats Gevatter gestanden hatte, beim Kaiserhoch im Trab den Saal. Wie damals, hätte Liebermann v. Sonnenberg mit bitterem, treffendem Witze rufen können: „Die Stützen der Regierung verlassen das Lokal!"
lich. „Aber nun, Hoheit, schonen Sie fich! Sie sind übermüdet — Sie —“
Er stockte. Wie merkwürdig verändert die Prinzessin aussah! Erika hatte das Köpfchen ,.nd bi? Augenlider wie müde gesenkt.
„Hoheit!" bat der Professor zur Herzogin herüber.
Die hohe Frau kam sofort näher und kniete an dem Lager ihres Kindes nieder.
„Soll ich Hilfe herbeirufen?" flüsterte ihr der Professor zu.
Die Herzogin schüttelte in stummem Schmerze das Haupt.
„Ehren wir ihren letzten Willen," flüsterte fie ebenso leise zurück.
„Befehlen Hoheit, daß ich mich entferne?"
„Rein, nein, bleiben Sie. Es ist ja das letzte Glück, das ich meinem armen Kinde geben kann.“
Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust der Prinzessin. Die schwarzen Elutaugen strahlten sonnig auf, als fie noch einmal das Haupt hob und das ihr eigene, träumerisch-süße Kinderlächeln ihren Mund umspülte.
„Seht Ihr die Heide?" flüsterte sie, fich gewaltsam aufrichtend. „Mutter, Wolfgang, seht Ihr fie? Sie strahlt in holdem Zauberlicht — und — meine Namensschwestern — schmücken sie — wie ein riesiger Teppich — und die Glocken läuten — und in der Heidekirche stehen „Sie" und „Er", der meines Herzens Leben war. — Hört Ihr nichts? — Seht Ihr auch nicht die rosigen Wolken am Heidesaume? — Mutter, Geliebter, ich bin bei Euch!“
Jäh fiel das Haupt der Prinzessin zurück.
Wolfgang fing die leichte Gestalt Erikas in feinen Armen auf. Scheu und leicht, wie man ein krankes Vögelchen berührt, hielt er das bleiche Köpfchen an seinem Herzen.
„Welch seliges Sterben! ' kam es wie ein Hauch vor. den Lippen der Prinzessin.
Und dann noch einmal: Mutter, »eine liebe Mutier k*
— Echt sozialdemokratisch. Berlin, 2. Juni. Der heutige „Vorwärts" veröffentlicht eine „Lokal-Liste" für Berlin und Brandenburg. Diese Liste enthält diejenigen Wirtschaften, die die „Genossen" besuchen dürfen. Wehe dem armen Kerl, der in einer andern Kneipe angetroffen wird, als in diesen bekanntgegebenen! Auch so ein Ausblick in den Zukunftsstaat!
Marburg und Umgegend.
(Rachd'.ncl aller Ottginalarttkel ist gemäß § 18 bei Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe .Oberhess. Zig.' gestattet.)
Marburg, 3. Juni.
* „Pfingsten ist gekommen!" Die grünen Fahnen der Birken leuchten von den Bergen. Die blumenbestickten Teppiche sind aufgerollt. Die Luft ist voll Sang und Klang, wohliger Wärme uub Duft! Seit Menschengedrnken ist Pfingsten stets als der beliebteste Feiertag des ganzen Jahres angesprochen worden. Unsere Dichter und Schriftsteller haben, wo es die ganze vollsaftize reife Frühlingsnatur zu schildern galt, mit Vorliebe hierzu einen Pfingsttag gewählt. Läßt doch selbst Altmeicher Goethe in seinem „Reinecke Buchs" den für die große Versammlung aller Tiere anberaumien Termin auf diesen Feiertag fallen. — Zwar in diesem Jahre tritt Pfingsten etwas spät ein. Unsere Gärten, Hecken u: d Wiesen, wie auch der taufrische Frühlingswald haben schon längst ihr buntes Kleid angelegt, einzelne typische Pfingststräucher, wie beispielsweise der Flieder, sind schon im Abblühen begriffen. Dafür werden andere Blumen uns mit ihrem Duft und ihrer Farbenpracht erfreu:::; in diesem Jahre dürften die ersten Rosen uns zu::: Feste kaum fehlen. Und die an den Feie-tagen in ungezählten Scharen hu:ausströ- T!’««ar sonntäglich gekleideten Spaziergänger werden das ihre dazu beitragen, bae *unte Pa- norarnc der Landschaft noch abwechseW^reicher zu gestalt: :. W>: wünschen allen unfern Lesern und Freunden Frohe Pfingsten!
• Pfingstfreuden. Für die Pfingstfeieriage si..d wieder zahlreiche Ausflüge von Vereinen usw, vorgesehen. Auch in den umliegenden Ortschaften finden verschiedene Feste statt, so z. B. in Dreihausen Kreiskriegerfest, in Cölbe Turnfest, in Ockershausen Kriegerfest usw. In den Ctadlsälen findet am 1. Feiertag, abends 8 Uhr, großes Konzert unserer Jägerkapelle und am 2. Feiertag Troler-Konzert statt, beide Mal bei gutem Wetter im Garten.
• Universität. Wie hier verlautet, wird der Privatdozent für deutsche Philologie, Bibliothekar Professor Dr. Ferdinand Wrede zum ordentlichen Honorarprofessor in der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität ernannt wer-
Die Herzogin netzte die bleiche Hand ihres Kindes mit Küssen und Tränen.
Eine Weile war es still, totenstill im Gemach, nur die Nachtigall vor dem Fenster sang noch in leisen, ersterbenden Tönen.
Noch einmal strahlten die schwarzen Augensterne auf und sahen mit heißem Verlangen in Wolfgangs Augen.
Da neigte er sich in -iefem Erbamen über das arme, kleine Fürstenkind und berührte mit sein?!, Lippen leise ihre Stirn.
Wie ein Elückslächeln rlog es da um den schon erblaßten Mund und leis wie im Traum kam e« In abgebrochenen Lauten von den Lippen der Prinzessin:
Müd' neigt die Errca ihr Haupt,
Der Wind schlaft in den Bäumen, Doch -vir, wir wollen glückgeweiht, Geliebter, in die Ewigkeit Uns still hinüberträumen.
Dann roars still. Das Nachtigallenlied war verklungen. —
Durch die Straßen der Residenz aber ^ehten die Trauerflaggen, und die Trauerglocken klangen wett in das Land hinein.--
Es war tief dunkel, als Wolfgang nach Haufe kam. Wie leer, wie öde ihm alles erschien, als er übe: die Steinfliefen des Hausflur-, schritt. Christel steckte den Kopf zur Küchentür heraus. Ihr Ge- ficht sah trotz der dickverweinten Augen sehr döse aus, als sie sagte:
»Ach, du grundgütiger Himmel, wie kann ein Mensch bloß so lange ausbleiben, Herr Professor, wenn ein anderer, den er lieb hat, vielleicht geradewegs beim Sterben ist? Das Fräulein ist reife» fertig, und die Frau Mutter ist mit der Gräfin Bergholz vor einer Stunde abgereift. Wir müssen fort, wenn wir den Rachtzug noch erreichst wollen, bet uns in bie Heimat bringt.“
(Fortsetzung folgt.)