Erstes Blatt.
Parlamentsferien.
Nahezu 400 000 Menschen verlassen, wie die Statistik an den Bahnhöfen ergibt, bei Beginn der großen Schulferien die Retchshauptstadt, und einige Tausend gehen nachträglich zu den Ee- richtsferien noch fort. Wenn da nur rund 500 Abgeordnete der verschiedenen Berliner Parlamente jetzt zu ihren Parlamentsferien aus Berlin enteilen, so fällt diese verhältnismäßig kleine Zahl in dem Massenverkehr nicht auf. Aber doch wirkt die Abreise der Fünfhundert wie die Oefs- nung eines Schleusentores, denn nun erst ist man In den Ministerien, in den Zeitungsredaktionen und anderswo wirklich frei und kann über die Zeit disponieren.
Man ahnt in der Ferne kaum, wieviel unsere Parlamente auch anderen Leuten zu tun geben. Irgend ein Abgeordneter, der nicht die nötige Muße dazu hat, in der Königlichen Bibliothek oder in den Büchereien der Ministerien die Bände zu wälzen und sich im Statistischen Amt aus ungedruckten Materialien das Nötige zusammenzustellen, wünscht über irgend eine Sache sich genauer zu informieren. Er regt bei der Regierung die Herausgabe einer Denkschrift an, die anderen Abgeordneten nicken zustimmend, und nun werden wochenlang die verschiedensten Aemter in Bewegung gesetzt, der ganze Ameisenhaufen ist aufgestört, und schließlich — die Kosten spielen ja bei einem Wunsch des hohen Reichstages keine Rolle — wird ein sehr schöner und belehrender Druckband fertigge- ftellt, in dem der eine Abgeordnete eine Stelle nachschlägt, während die übrigen ihre Bände kaum ansehen und gleich auf den Trockenboden oder in den Keller schaffen lasten. Jetzt in den Ferien haben die Ministerien, das Statistische Amt und die Reichsdruckerei endlich die nötige Ruhe vor derartigen Attentaten.
Aber auch den Parlamentariern selbst tut die Ausspannung ganz gut. Roch vor 15 bis 20 Jahren war das geflügelte Wort im Schwange: „Der Reichstagsmann tut feine Pflicht bis 5 Uhr, weiter nicht!" Wenn das Plenum um 1 Uhr mittags zusammengetreten war und man annähernd vier Stunden geredet hatte, dann kam totficher der Schlußantrag, und alles atmete auf. Morgens vor der Plenarsitzung aber tagten nur selten einige Kommissionen, und am Abend gab es Sitzungen höchstens — in der Fraktionskneipe. Das ist ganz anders geworden — der Normalarbeitstag des Parlamentariers dauert heute von 10 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, und dabei kann man nicht einmal sagen, daß so unendlich viel mehr geleistet würde.
Einer der — wegen seiner harmlosen Gemütlichkeit — beliebtesten Parlamentarier, der frei- konservative Abgeordnete Professor Pauli, sagte neulich: „Ich bedauere in meinem Leben nichts so sehr, als daß ich lesen gelernt habe!" Man begreift diesen Verzweiflungsschrei, wenn man steht, welche Berge von Drucksachen fich bei den Abgeordneten auftürmen und wie wenig davon wirklich studiert werden können; man liest, ohne auf den Kern zu kommen, stundenlang unnützes Zeug und geht schließlich doch mangelhaft informiert in die Sitzung. Nun sind die Ferien da, nun hört das Lesen auf, und der gesunde Menschenverstand schaut stch wieder um im Wahlkreise. Die Parlamentsferien frommen dem deutschen Volke manchmal mehr als die Parlamentstagungen; denn nun erst wird dem einen oder anderen Abgeordneten, bei dem es not tut, der Kopf zurechtgesetzt, umgekehrt aber auch mancher Wahlkreis, der durch fremde Agitation verstört worden ist, wieder in die Reihe gebracht. Ganz ohne Arbeit bleiben die 500, die jetzt aus Berlin zu uns „in die Provinz" kommen, eben auch in den Ferien nicht.
Im übrigen haben sie diesmal wirklich Anspruch auf Dank, denn es ist eine ganze Menge positiver Arbeit geleistet worden. Wir wollen nicht im Reporterton alle die Gesetze einzeln aufzählen, die im Deutschen Reichstag und Preußischen Landtag seit dem vorigen Herbst geschaffen worden sind; es wären immerhin einige darunter, die uns nicht gerade gefallen. Das aber verdient hervorgehoben zu werden, daß in diesem Jahre zum ersten Male fast ohne Debatte und abstrichlos eine neue Militärvorlage angenommen werden konnte; unsere Zustände beginnen also in dieser Beziehung sich, zu bessern.
Zur innerpolitischen Lage
äußern sich die Blätter naturgemäß zur Zeit ziemlich ausgiebig.
Ueber die „Isolierung" der Konservativen schreibt die „Kreuzzeitung":
„Der Hannoversche Courier" hat noch erst am Sonnabend festgestellt, daß nahezu in jeder Partei Freunde und Gegner der Vorlagen b ieinander saßen, solche, die an sich zu weiterem Entgegenkommen wohl bereit waren, und wieder andere, denen das Maß der Zugeständnisse längst überschritten schien. Wenn gleichwohl die übrigen Parteien, außer der Reichspartei, fast geschlossen für die Vorlagen stimmten, so scheint uns die konservative Partei, die allein den Mut ihrer Ueberzeugung bewies, in ihrer „Isolierung" nicht am schlechtesten abgeschnitten zu haben. In der Bevölkerung wenigstens wird die Tatsache, daß die konservative Partei selbst unter den schwierigsten Verhältnissen ihre Fahne hochgehalten hat. ohne jeden Zweifel volles Verständnis finden. Und dir Fabel vom schwarzblauen Block dürfte nun endlich zerstört sein..."
Dann warnt sie sehr richtig:
„Wie soll noch ein erfolgreicher Kampf gegen die Sozialdemokratie geführt werden, wenn man sie im Reichstage umwirbt, um ein Verfassungsgesetz durch zudrücken? Und wenn Regierungsvertreter^ mit ihnen gemeinsam beraten, um einen Modus für ihr „positives" Mitwirken zu finden, — das ja im Grunde genommen immer nur darauf ausgeht, die Grundlagen unseres monarchischen Staatswesens zu untergraben, was soll dabei für die Staatserhaltung herauskommen? Die triumphierenden Auslassungen der Sozialistenpresse über den bedeutenden Erfolg der roten Fahne, werden hoffentlich der Regierung die Augen öffnen."
Der nationalliberale „Schwäbische Merkur" fühl, aus:
„Zum Triumphieren haben heute nur Zentrum und Sozialdemokratie Grund. Diese beiden Parte'-n mögen mit Zuversicht hoffen, unter der neuen Verfassung ihren Weizen im Reichsland blühen zu sehen. Worum es aber ein dringendes Bedürfnis des Reichs war, diese Aussicht fördern zu helfen, ist schwer ein zuschen. Es fehlt freilich nicht an Politikern, deren Interesse bei dieser elsaß-lothringischen Frage eigentlich gar nicht der Sache selbst, sondern ihrer etwaigen Rückwirkung auf die augenblickliche innerpolitisch? Lage galt. Ihnen ist die Hauptsache an der jetzt vollzogenen Entscheidung die sogenannte Isolierung der Konservativen. Sie sehen die Regierung nach links gedrängt und verkünden in großen Worten die Parteienkonftellation, die fich bei der Entscheidung über die elsaß-lothringische Verfassung ergab, als das Vorbild des Zustandes, den die bevorstehenden allgemeinen Reichstagswahlen schaffen sollen. Erstaunlich ist dabei freilich die Genügsamkeit dieser sonderbaren Schwärmer. Schade nur, daß das schöne Traumbild gar bald zerronnen sein wird. Herr v. Bethmann Hollweg denkt selbstverständlich gar nicht daran, die Konservativen dauernd ausschalten zu wollen, und ebensowenig werden die Konservativen die Torheit begehen, ihm die elsaß-lothringische Episode nachzutragen. Und so dürfte von dieser überschlauen Spekulation nichts übrigbleiben als ein Häuflein blamierter Europäer."
Die „Voss. Ztg." sähe es am liebsten, trenn der Kanzler jetzt die Konservativen „zu Paaren triebe" und unter „volkstümlicher" Wahlparole, d. i. notfir Ha; freisinniger Natur zur neuen Wahl schritte. Die gute Tante Voß stellt nur leider gleich fest, daß wohl ein solcher Plan dem leitenden Staatsmann« fern liege. Der „Vorwärts" aber schwenkt die Fahne des Triumphators und ruft aus:
„Daß der Kampf um das gleiche Wahlrecht, der im Reichstag dank unserem Eingreifen siegreich beendet worden ist, nur das Vorspiel zur preußischen Wahlreform war, das ist es, was die preußischen Junker mit banger Sorge erfüllt und sie in die Opposition gegen ihre Regierung und Wilhelm II. getrieben hat ... . Jawohl, sie werden sich aus ein neues Ausflammen unserer Wahlrcchtsbewegung einrichten müssen und wir glauben, das Eisen wird geschmiedet werden, solange es heiß ist."
Kann man es der „Deutschen Zeitung" verdanken, wenn sie angefichts dieser Auslassungen fragt:
„Ob dem Herrn Reichskanzler allmählich bewußt wird, in welche Gesellschaft er geraten ist? Oder glaubt er immer noch, mit seiner gepriesenen Fort- sck>rittpolitik auf dem richtigen Wege zur Stärkung des Reichsdgedankens zu sein?"
Wir zitieren weiter liberale Blätter.
Die Nationalliberale „Braunschw. Ldztg." meint:
„Für radikale Politiker ist freilich auch der Bund mit Beelzebub keine Sünde, wenn nur der Nutzen daraus gesichert ist, wie es denn überhaupt Leute gibt, die meinen, daß Politik und Moral nichts miteinander zu schaffen haben. — Wer fich dem Teufel verschreibt, den holt er! Auch die Sozialdemokratie würde nach erlangter Mehrheit dem Linksliberalismus, feinem ehemaligen Bundesgenossen mit kaltem Blute das Genick abdrehen. Das flögen doch die Herren sich immer gegenwärtig hal- । ten, welche jetzt vor den Wählern mit diesem Geiste, I der stets »entehrt, kokettieren."
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
M128
Tie „Oberhessische Zeitung" erscheint täglich mit Aufnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 <X (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 <M, frei ins Haus. (Für untrer« langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der llniv.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.:
Dr. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55.
Die gleichfalls nationalliberale „Magdeburg.
Ztg." aber meint:
„Die elsaß-lothringische Verfassungsreform mit ihrem ewigen Zurückweichen vor immer neuen Anforderungen ist nicht gerade geeignet gewesen, das Vertrauen in die Stärke der Regierung zu ver- ncehren. ein „Unannehmbar" bedeutet heute nichts Absolutes mehr, sondern nur einen relativen Begriff, um den sich handeln läßt. Das ist ein ungesunder, ein unhaltbarer Zustand, der auf die Dauer direkt schädlich wirken muß; und es wäre viel gewonnen, wenn wir aus den Irrungen und Wirrungen der letzten Zeit die Gewißheit mitnehmen können, daß ii" Zukunft ein starker, energischer Wille das verloren gegangene Kapital an Autorität wieder einbringen soll."
Die Berufung auf Bismarck fertigen die „Hamburger Nachrichten" folgendermaßen ab:
„Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine Lösung, wie sie jetzt in der Frage der Bundesratsstimmen beliebt worden ist, dem Fürsten Bismarck als eine Ungeheuerlichkeit erschienen wäre."
Uns scheint, bei der nicht radikalen resp. ab wägenden nationalen Presse, auch der liberalen, hat die Regierung keine sonderliche Zustimmung gefunden. Zwar mit der Presse könnte man bald fertig werden — wie sagt doch Lesfing — wenn man es auch mit ihren Gründen könnte.
Politisch- Umschau.
Ser Reichskanzler als „Graf »an der Hoh- königsburg".
Welche Verwirrung der Kampf um die reichs- ländifche Verfassung angerichtet hat, zeigt folgende scherzhafte Nachricht: Zu der Meldung von der bevorstehenden Erhebung des Reichskanzlers in den Krafenstand wird der „Neuen Preußischen Korrespondenz" von gutunterrichteter Seite geschrieben: Das Gerücht, daß der Kaiser die Absicht habe, Herrn v. Beth- mann Hollweg den Erafentitel zu verleihen, wurde am Montag im Reichstag kolportiert, und zwar wurde es in der Fassung erzählt, daß der Reichskanzler für seine Verdienste um das Zustandekommen der reichsländischen Verfassungsreform Titel und Namen eines „Grafen von der Hohkönigsburg" erhalten würde. Der Beiname „Graf von der Hohkönigsburg" stellt sich in diesem Zusammenhänge natürlich als ein Scherz dar, und man geht nicht fehl, wenn man seine Entstehung in dem Bestreben sucht, gewisse elsaß- lothringische Abgeordnete damit zu ärgern. In der Tat soll der Abgeordnete Wetterl6 die Mitteilung gläubig ausgenommen haben und dadurch in große Erregung versetzt worden sein. Ernsthaft ist natürlich das Gerücht nicht zu behandeln, wenn auch andererseits die Vermutung naheliegt, daß eine Auszeichnung des Kanzlers bevorsteht. Welcher Art sie sein wird, bleibt ab- zuwarten, aber es läßt sich sehr wohl denken, daß sie auch in etwas anderem als in dem Erafentitel bestehen kann. Erwähnt sei noch, daß Fürst Bülow, der Vorgänger v. Bethmann Hollwegs, der, als er zum Staatssekretär ernannt wurde, noch ein einfacher Herr v. Bülow war, den Era- fentttel am 22. Juni 1899 erhielt, nachdem das Deutsche Reich mit Spanien den Vertrag über die Abtretung der Marianen und Karolinen abgeschlossen hatte. Die erbliche Fürstenwürde wurde dem Grafen v. Bülow am 6. Juni 1905 nach Abschluß der Handelsverträge verliehen.
Deutsches Reich-
— Vom Kaiser. Potsdam, 31. Mai. Der Kaiser nahm heute Bormittag im Lustgarten die Parade über die Potsdamer Garnison ab, an der der Kronprinz, die Prinzen Eitel Friedrich und August Wilhelm, Prinz Georg von Griechenland, die Söhne des Prinzen Friedrich Leopold, die Generalität, der Kriegsminister und die Militärbevollmächtigten und die fremdherrlichen Offiziere teilnahmen. Zwei Parademärsche fanden statt, bei denen der Kaiser da» Garde du Corps-Regiment der Kaiserin vorführte, die mit den Prinzessinnen und den Söhnen des Kronprinzen vom Stadtschloß der Parade zuschaute.
— Ein Handschreiben des Kaisers an Bischof Keppler. Die Mitteilung, daß der Kaiser an den Bischof Keppler von Rottenburg ein Hand- scyreiben gerichtet hat, ist zutreffend. Bischof Keppler von Rottenburg ist ein hervorragender geistlicher Schriftsteller, und der Kaiser hat mehrfach Gelegenheit gehabt, die Werke dieses Geistlichen zu lesen. Die tieffromme Denkungs
art des Bischofs und sein versöhnlicher Sinn haben dem Kaiser besonders gut gefallen. Jüngst hat nun Bischof Keppler ein neues Werk heraur- gegeben, das den Titel „Mehr Freude" führt und philosophisch-theologischen Inhaltes ist. Der Kaiser hat dieses Buch auch gelesen und den Bischof bitten lassen, ihm ein Exemplar zum eigenhändigen Gebrauch zukommen zu lassen, da der Extrakt dieser Lehren, die in dem Buche verkündet werden, auf das religiöse Empfinden und auf religiöse Duldung nur fördernd einwirken könnten. Bischof Keppler von Rottenburg kam dem Wunsche seines kaiserlichen Freundes nach und übersä ndte ihm persönlich ein Exemplar seines Werkes. Daraufhin nahm der Kaiser Veranlassung, in einem Handschreiben, das er an den Bischof richtete, zu danken und ihm seine Anerkennung über den Inhalt auszusprechen. Zugleich teilte der Kaiser dem Bischof mit, daß er das Werk seinen Predigern zum Studium übergeben habe. Er wird es gern hören, wenn über die Themen, die in diesem Buche behandelt werden und in demselben Geiste Predigten gehalten werden.
— Das Befinden des Prinzen Joachim. Potsdam, 31. Mai. Das Befinden des Prinzen Joachim ist andauernd günstig; trotzdem der Prinz noch immer Schmerzen hat, ist doch schon eine kleine Besserung eingetreten, die Nacht verlief ebenfalls ohne jede Fiebererscheinung. Heute Nachmittag statteten das Kaiserpaar und di< Prinzenpaare Eitel Friedrich und August Wib Helm dem Patienten einen längeren Besuch ab.
— Schluß des Reichstages. Berlin, 31. Mai. Der Deutsche Reichstag hat sich heute nach Er- leoigung einer überaus reichhaltigen Tagesordnung bis zum 10. Oktober vertagt. Präsident Graf Schwerin-Löwitz dankte vor Schluß bet Sitzung den Mitgliedern des Hauses für ihre Ausdauer und Unterstützung, die sie ihm während der letzten arbeitsreichen Session zu teil werden ließen. Besondere Worte fand der Präsident für das Bureau des Hauses, für die Erledigung der ganz außerordentlich großen Anforderungen, die an sie während dieser Tagung gestellt wurden. Für die anerkennenden Worte des Abgeordneten Bassermann, der dem Grasen v. Schwerin-Löwitz für seine gerechte und wohlwollende Geschäftsführung den wärmsten Dank des Hauses aussprach, dantte der Präsident nochmals von Herzen und betonte, daß er seine Arbeit nur habe leisten können dank dem Fleiß und der Arbeitswilligkeit aller Mitglieder des Hauses. Nach der Verlesung der Allerhöchsten Kabinettsorder, durch welche die Vertagung des Reichstages ausgesprochen wird, seitens de? Reichskanzlers v. Bethmann-Hollweg schloß der Präsident die Sitzung mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser. Die Sozialdemokraten hatten stch vorher aus dem Saale entfernt.
— Moderne Vorschriften über Begnadigungsund Strafaufschubsache«. Nicht nur Juristen, sondern weite Kreise dürfte es interessieren, daß das bayrische Staatsministerium der Justiz, wie die Deutsche Juristen-Zeitung berichtet, jetzt neue Vorschriften über das Verfahren der Justiz» behörden in Begnadigungs- und Strafaufschubsachen veröffentlicht hat. Für weite Kreise interessant ist, daß bei der Behandlung der Gnadengesuche als leitender Grundsatz aufgestellt wird, bat) sie gründlich, aber schleunigst behandelt werden müssen. Es wird auch darauf hingewirkt, daß das Schreibwerk erheblich reduziert wird. Bemerkenswert ist vor allem ferner die Vorschrift, wonach der Eefängnisvorstand in besonders dringenden Fällen (schwere Erkrankung, Ableben eines Familiengliedes, Unglück im Hause) die Strafvollstreckung vorläufig auf kurze Zeit unterbrechen kann vorbehaltlich Nachtrag« ltchen Berichts. Auch der Staatsanwaltschaft ist die einfachste Erledigung der Gesuche um Strafausschub vorgeschrieben.
Ausland.
•* vom Kaiser Franz Joseph. Gödöllö, 3L Mat. Der Kaiser empfing um 1 Uhr den Ministerpräsidenten Grafen Khuen Hedervary in Audienz. Der Ministerpräsident war zur Hoftafel zugezogen. Der Kaiser, der sich ausgezeichnet wohl fühlt, wird morgen Nachmittag nach Wien abreisen.
•• Unruhen in Frankreich. Paris, 31. Mai. Der Erdarbeiter Lafent, der von streikenden Mitglieder« des Erdarbeitersyndikates überfallen worden war, weil er fich dem Ausstand nicht anschließen wollte, ist fetnen Verletzungen erlegen. Gestern griffen 50 Abständige abermals einen Arbeitswilligen an, doch
Marburg
Freitag, 2 Juni
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46. Jahrg.
191t