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M 127

46. Jahrg.

1911.

Marburg

Donnerstag, 1. Juni

DieOberhessifche Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 JC (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 JC frei ins Haus. (Für unver­langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Nniv.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.:

Dr. Hitzeroth), Markt 21. Telephon 55.

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Göechßsch Jalung

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend".Fürs Haus» undLandwirtschaftliche Beilage.

Erstes Blatt.

Das Echo der elsaß-lothringischen . .Verfassung im Lande selbst.

Interessant und recht bemerkenswert ist es, jetzt nach Annahme der elsaß-lothringischen Ver- fasjungsvorlage die Stimmung im Lande selbst zu beobachten und die Kundgebungen der ver­schiedenen Parteien über das neue Ersetz zu ver­nehmen.

In einem Aufrufe des Landesvorstandes der sczialdcmokratischen Partei wird ausgesührt, daß das gleiche und direkte Wahlrecht durch An- sässiZkeitsklausel, durch die Erste Kammer und das kaiserliche Vetorecht beschwert sei, und daß sie leider die völlige Autonomie des Landes nicht hakten durchführen können. Dies aber sei auf dierückständige Regierung" und auf dierück­ständige Haltung der bürgerlichen Parteien" zu- rückzuführen. Ihnen gelte daher der Kampf. Aber", heißt es dann weiter,noch eine andere Aufgabe obliegt uns! Binnen wenigen Monaten finden in Elsaß-Lothringen die Wahlen zum Landtage statt. Da heißt es für die Parteige­nossen in Stadt und Land, auf dem Posten zu sein. DerReichstaghatunseinneues Kampffelderöffnet. Erhatunseine Waffe in die Hand gedrückt. Zeigen wir, daß wir dieselbe zu handhaben wissen! Zei­gen wir, daß wir zu kämpfen verstehen."

Die Demokraten unter den Elsaß-Lothringern geben selbst zu, daßdas Schicksal des Landes zum erstenmal« in ihre Hand gelegt ist" und daßdie demokratische Tradition von Elsaß-Lothringen In der kommenden Volkskammer zum Siege ge­langen muß."

Auch die Liberalen hoffen von dem neuen Wahlrecht eineStärkung der politischen Macht­stellung". Wenn ihnen diese schöne Hoffnung nur nicht recht schnell zu Wasser wird, denn letz­ten Endes werden sie es wohl sein, denen es an den Kragen geht.

Den Nationalisten vom Schlage eines Wet­ters geht natürlich die Verfassung noch nicht weit genug. Aus ihrem Lager tönt laut die Kampfansage,' derNouvelliste" schreibt:Die 'Parlamente sollen den Volkswillen zum Aus­druck bringen und nicht ein Ptedestak für die Eitelkeit der einzelnen errichten und den ande­ren materielle Vorteile zuschustern. Im Reichs­tag hat man sich geweigert, den Wünschen der grcßen Mehrheit unserer Bevölkerung Rechnung zu tragen. Diese hat nun das Wort. Möge sie klar und deutlich sagen, was sie von denen denkt, die uns geliefert haben."

Das Zentrum in den Reichslanden ist über die neue Verfassung geteilter Meinung. Die einen sind stolz auf das Erreichte. So schreibt dieLothr. Volksstimme": .^)hne das Zentrum wäre die Vorlage Gesetz geworden ohne all die Verbesserungen, welche das Zentrum in die Re­gierungsvorlage hineingebracht hat." Daß es aber auch Kreise im Zentrum gibt, die noch nicht zufrieden sind mit dem was erreicht wurde von vihrer Fraktion, zeigt nachstehende Entschließung eines nach Straßburg einberufenen Delegierten­tages:Der Delegiertentag der elfaß-lothringi- scheu Zentrumspartei erklärt, daß sogar die Zen- trumsfraktion des Deutschen Reichstags bei der Beratung und Abstimmung über di« elsaß- lothringische Verfassungreform nicht im Sinne der Landesorganisation gehandelt hat, und daß er deshalb deren Stellungnahme lebhaft be­dauert. Weitere Schritte behält sich die Landes- crganisation für den nächsten auf den 11. Juni einberufenen Delegiertentag vor."

Zieht man aus all diesen Meinungen und Kundgebungen das Endergebnis, so wird man nur aufs neue zu der Ansicht kommen müssen, daß die elsaß-lothringische Verfassung in dieser Gestalt der Entwickelung des Reichslandes leicht zum Verhängnis werden kann. Statt einiger­maßen Ruhe und Zufriedenheit zu bringen, wird sie nur erbitterten Kampf in die Reihen der Elsaß-Lothringer tragen.

Die, Mitarbeiter Sozialdemokratie

Daß die Verdienste der Sozialdemokratie in Bezug auf ihreMitarbeit" bei der elsaß- Iciutitmitoen Verfassung und ibre nach Herrn I

Delbrück taktvolle Opposition bei der Reichs­versicherungsordnung nicht überall so günstig be­urteilt wird, wie von der Regierung, dürfte klar sein. Die Mitarbeit der Partei Bebels bei der elsaß-lothringischen Frage ergab sich da­raus, daß man ihr den Willen tat.Würden im Reiche und in Preußen andere Gesetzesvorlagen gleichfalls so gestaltet, wie dies dem Wunsche und den Anschauungen der Sozialdemokraten entspricht, so würde zweifellos auch auf weitere positive Mitwirkung dieser Partei bei der Gesetz­gebung zu rechnen sein, so namentlich, wenn es sich um die Uebertragung des Reichswahlrechts auf Preußen handelte. Ob freilich der Preis, der -für die positive Mitwirkung der Sozialdemo­karten zu schaffen wäre, nicht viel zu hoch sein würde, wird sich jeder unbefangen Urteilende selbst sagen können", so urteilt ein Parlamen­tarier in derPost".

Wir haben darauf bereits hingewiesen, ebenso darauf, daß die Sozialdemokraten sehr wohl wußten, daß bei der Geschlossenheit der Mehr­heit für die Reichsversicherungsordnung eine Ob­struktion aussichtslos und für sie nur schädigend war. Mit Recht weist der Parlamentarier da­rauf hin, daß zweifellos durch die Art, wie die Regierung sich den Sozialdemokraten in der letz­ten Zeit gegenüber gestellt hat, deren Bekämp­fung bei den Wahlen außerordentlich erschwert wird.Dahin gehört vor allem natürlich die Tatsache, daß auch mit den Sozialdemokraten über die elsaß-lothringische Verfassung vertrau­liche Verhandlungen gepflogen find, aber auch die Bezeichnung des Verhaltens der Sozialdemo­kraten gegenüber der Reichsversicherungsordnung als eines Kampfes mit ritterlichen »affen durch den Staatssekretär des Innern. Wenn die Wah­len im Januar nächsten Jahres für die Sozial­demokraten verhältnismäßig günstig ausfallen, so wird man auch die Regierung von der Mit­schuld nicht ganz freisprechen können."

Angesichts der Beschlüsse haben hoffnungs­freudige Politiker der Linken von einem Block von Liebert bis Ledebour gesprochen. General v. Liebert teilt demgegenüber mit, daß er gegen die Verfassungsvorlage gestimmt habe und fügt dieser Feststellung folgende energische Verwah­rung hinzu:Als alter Krieaer von 1870/71 würde ich es mir nie vergeben können, dies poli- ti,che Experiment mitgemacht zu haben. Ich üocrlasse die Verantwortung dafür denjenigen, die dazu die Mithilfe der Sozialdemokraten in Anspruch nahmen. E. v. Liebert, M. d. R."

Hart, aber treffend'

Zur Laae in Marokko.

Das Märchen desMatta".

Paris, 30. Mai. Wie wir schon kurz meldeten, dementtert El Mokri, der gegenwärtig in Paris weilt, die Nachricht, daß der Sultan Frankreich um Uebernahme des Protektorats über Marokko gebeten habe. Der Sultan halte sich nach wie vor an die Algecirasakte. El Mokri erklärte ferner, der Sultan Hesse, daß die scherifischen Truppen mit Unterstützung dec Franzosen genügen würden, um in Mekines nor­male Zustände wiederherzustellen.

Das Märchen desMatin" erfährt jetzt überhaupt von verschiedenen Seiten eine scharfe Zurückweisung. Eine hohe Persönlichkeit erklärte, daß Frankreich nie­mals daran gedacht habe. Der Boden, auf dem sich die französische Marokkopolitik bewege, sei und bleibe das Algeciras-Abkommen.

Auch der Minister des Aeußern Gruppt erklärte, er stehe der Veröffentlichung der Erklärungen El Mokris fern, aber ebenso auch den Mitteilungen im entgegengesetzten Sinne, die über die Marokkofrage veröffentlicht worden seien.

Keine Truppenverstärkungen für Marokko.

Paris, 30. Mai. Der neue Kriegsminister General Eoiran antwortete einem Ausfrager auf die Frage, ob die Entsendung weiterer Verstär­kungen nach Marokko beabsichtigt sei: Es sei davon ni- die Rede gewesen. Ich persönlich betrachte die marokkanische Angelegenheit vom militärischen Standpunkt aus für erledigt."

Paris, 30. Mai. Aus Fez wird unterm 24. Mai gemeldet: General Monier hatte mit rem Sul­tan eine Unterredung über die Bedingungen, die den Stämmen für den Fall ihrer Unterwerfung gestellt werden sollen. Die Bedingungen find: Ablieferung der Hälfte der Waffen, Zahlung einer Kriegsent­schädigung und Eesamtverantwortlichkeit der Stämme für lleberfälle. Der Operationsplan gegen die Auf­rührer wird Reprassali.n gegen die Scherardar und Bcni Mter zur Grundlage haben, denen eine Frist zur Unterwerfung bis zum 30. Mai gewährt wurde. Mcnier besuchte die Konsuln Deutschlands, Eng­

lands, Oesterreich-Ungarns und Spaniens. Weiter wird gemeldet, daß ein deutscher Postbote geplündert werden sei.

Fez, 30. Mai. General Dalbiez ist am 25. Mai aufgebrochen, um die Duars zu züchtigen, welche seinerzeit die Nachhut der Kolonne Eourand ange­griffen, einen Soldaten getötet und sechzehn Mann verwundet hatten. Eourand und Dalbiez warfen den Feind, dem fie große Verluste zufügten ,in die Berge zurück und beschossen die Duars.

P a r i s, 30. Maii. Aus Larrache wird gemeldet, daß die Spanier eine Brieftaubenpost zwischen Al kassar und Larrache eingerichtet haben, bereit Zweck es wahrscheinlich sei, nach Larrache und Tanger die Bewegungen der scherifischen Mahalla zu berichten, die unter dem Befehl von französischen Jnstruktions- offizieren stehe.

Deutsches Reich-

Vom Kronprinzenpaare. Breslau, 30. Mai. Das Kronprinzenpaar ist heute früh im Automobil von Oels nach Breslau gefahren. Der Kronprinz geleitete die Kronprinzessin zum Breslauer Bahnhof, von wo aus fie um 9 Uhr 12 Min. mit dem fahrplanmäßigen Zuge nach Ber­lin abreiste. Der Kronprinz beabsichtigt, die Reise nach Berlin im Automobil auszuführen. Berlin, 30. Mai. Die Kronprinzessin ist um 2 Uhr 45 Min. von Oels kommend auf dem Bahnhof Friedrichstraße angekommen und begab sich im Automobil nach Potsdam.

Landtagsschluß und Herrenhausberatungen. Wie verlautet, kann erwartet werden, daß der Land­tag spätestens am Sonnabend, den 1. Juli, geschlossen werden wird. Eine Tagung bis in den Juli hinein kann als ausgeschlossen gelten, da die Abgeordneten sich zum Beginn der Reisezeit nicht mehr zusammen- hokten' lassen. Was die Beratungen des Herren­hauses anbettifft, so wird die jetzt zusammenge- ttetene 10. Kommission zur Beratung der Zweckver- bandsgesetze voraussichtlich bis zum Mittwoch, den 31 d. M. tagen. Ueber den Zusammentritt des Plenums des Herrenhauses ist z. Zt. ein Beschluß noch nicht gefaßt worden. Da die Gesetzentwürfe über die Beschulung Taubstummer Kinder und Über die Regelung der Tettialverhältnisse in Neu- Borpommern im Abgeordnetenhause nicht ent­sprechend den Beschlüssen des Herrenhauses, dem fie zuerst zugegangen waren, erledigt worden find, find fie der ersten Kammer zur nochmaligen Durchbe­ratung wieder überwiesen worden. Abgesehen von den genannten Entwürfen hat das Herrenhaus noch ein reichhaltiges Material zu erledigen. Außer den beiden Zweckverbandsgesetzen gehört hierzu vor allem der Entwurf über die Feue'bestattung, ferner der Entwurf über Umlegung von Grundstücken in Köln, der Staatsvettrag mit Meiningen, die Anfiedlnngs- dcnkschrift, der Staatsschuldenbericht und eine Reihe von anderen Denkschriften und Petitionen. Das ge­werbliche Pflichtfortbildungsschulgesetz steckt bekannt­lich noch in der Kommission des Abgeordneten­hauses.

Der entführte deutsche Ingenieur. Jena, 30. Mai. Der deutsche Konsul in Monaftir er­hielt von dem von griechischen Räubern gefangen gehaltenen Ingenieur Richter Briefe, in denen dieser mitteilt, daß er sich wohl befinde und jenen für Herbeischaffung von Lösegeld zu sorgen bitte. Die Zeiß-Gesellschaft erklärte sich sofort bereit, materielle Opfer jeder Art zu bringen und bat den Konsul telegraphisch, alles Erdenk­liche für die Rettung des Gefangenen zu tun.

Ausland.

* * 8I:ue Unruhen in der Champagne. Epernay, 30. Mai. In den Weinbergen eines großen Champagnerhauses wurden sämtliche fctra^üßen, die die Weinstöcke gegen Frost schü­tzen sollten, zerstört. Man glaubt, daß dieser Sabotageakt von Winzern verübt wurde, die da­rüber aufgebracht sind, daß die anläßlich der letz­ten Unruhen verhafteten noch immer nicht frei- gelagen sind.

* * Aus dem Unterhaus. London, 30. Mai. Das Unterhaus nahm die zweite Lesung der na­tionalen Versicherungsbill einstimmig an. Die Regierung hofft, die Bill noch in dieser Session zu verabchieden. Ferner wurde eine Bill ange­nommen, in welcher das lleberfliegen gewisser Gebiete in Flugzeugen bestraft wird.

* * ^ asenows Gesundung. Petersburg, 30. Mai. Ssasenow machte die erste Ausfahrt. Er reist Samstag nach Baden-Baden.

* * Deutschland und die Schiedsgerichtsfrage. Washington, 30. Mai. Deutschlands Haltung in der Schiedsgerichtsfrage wird von der amerika­nischen Regierung mit der größten Genugtuung begrüßt. Washingtoner Beamtenkreife glauben.

nun, da vier Gesandte an den Unterhandlungen zum internationalen Frieden teilnehmen, sei eine große diplomatische Errungenschaft in Sicht.

** Die Lage auf dem Balkan. Konstantinopel, 30. Mai. Der Oberkommandant von Albanien meldet eine Reihe von Kämpfen mit den Auf- slandigen, welche am 25. und 27. Mai an ver­schiedenen Punkten nördlich von Kastrati statt- gesunden haben. Die Truppen besetzten eine Reihe von Anhöhen und vertrieben die Ausstän­digen. Der russische Botschafter Tscherikow hacce gestern neuerdings eine Unterredung mit dem Minister des Aeußern. Wien, 30. Mai. TieReue Freie Presse" schreibt: Wie in unter­richteten Kreisen anläßlich der Diskussion über den russischen Schritt in Konstantinopel erklärt uird, war die österreichisch-ungarische Regierung von vornherein überzeugt, daß die Türkei keine aggressiven Absichten gegen Montenegro hege. In dieser Uebcrzeugung, die das Wiener Kabineti in Cetinje ausdrückte noch ehe der russische Schritt in Konstantinopel erfolgte, schloß stch das Kabi­nett diesem Schritt nicht an. Köln, 30. Mai. DieKölnische Zeitung" meldet aus Cetinje: Der Ministerpräsident und verschiedene andere Minister versicherten mir, Montenegro wolle nach Möglichkeit die Ratschläge der Mächte be­folgen und den Frieden wahren, obwohl die Hal­tung der Pforte und das Vorgehen der Truppen im Aufftandsgebiet, wo alles verwüstet werd« und die albanische Bevölkerung offenbar ausge- rrttet werden soll, es der Regierung äußerst schwierig machen, besonders die Grenzbewohner zurückzuhalten. Die Negierung wird nächstens ein Rotbuch über das Vorgehen der Pforte in Albanien und ihren bösen Willen gegen Monte­negro herausgeben. Man erwartet hier davon eine große Wirkung zu Gunsten Montenegros bei der öffentlichen Meinung Europas. Mit dem russischen Schritt ist man sehr zufrieden und hofft auf seine Unterstützung durch mindestens dx-i andere Großmächte.

Marburg und Umgegend.

(Rackifeiuck aller Originalartikel ist gemäß 8 18 des Urheberrechts nur mit der deutlicben Quellenangabe .Oberheff. Ztg.' gestattet.)

Marburg, 31. ~.il.

* Universität. Dem Geh. Kommerzienrat Wilh. Kalle in Biebrich wurde der Titels eines Ehrendoktors der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität verliehen.

* Pfingstsonderzüge. Aus Anlaß der Pfingst- feiertage werden vom 1. Juni ab eine größere Menge Vor- und Nachzüge sowie Sonderzüge nach den verschiedenen Richtungen gefahren. Näheres ergeben die auf den Bahnhöfen ausge­hängten roten Plakatfahrpläne.

4 Ausstellung von Schnitzarbeiten im Hotel Freidhof. Wahrhaft künstlerische Leistungen waren es zum großen Teil, die man heute in der von Frl I Ursprung veranstalteten Ausstellung der Ar­beiten ihrer Schülerinnen bewundern konnte. Mit das größte Kunstverständnis, den sichersten Formen­sinn und das vollendetste Können verlangte wohl die Herstellung eines länglichen viereckigen Tisches, von dem jedes Bein in seiner vornehmen Ausführung und Überraschenden Plastik ein Kunstwerk war. Ganz in seiner Nähe standen zwei Beweise für die Mög­lichkeit, auch noderne polierte Mahagonimöbel durch durchbrochene Schnitzerei zu verzieren: eine Kredenz, an der sich besonders mit Weintrauben und Laub verzierte Aussätze vorzüglich machten, wie ein drei­teiliger Ofenschirm, dessen Mittelfeld außerdem durch eine sehr fein abschattierte Gobelin-Stickerei noch gehoben wurde. Zwei ganz dunkel gehaltene Nctenständer zeigten ebenfalls den Gegensatz zwischen alter und neuer Zeit. Der eine, dessen Schnitzerei ro^nig plastisch, aber kunstvoll mühsam war, bewies eine sehr praktische und zweckdienlicheEinrichtung Der ai feere, im Stil der Königin Anna, war mit sttli- fkrten Musikinstrumenten und dem sehr plasttsch herausgearbeiteten Kopf der heiligen Eäcilia Dona tcllos geschmückt. Hervorragenden Eindruck werden auf jeden Besucher der Ausstellung auch zwei große Regulator-Uhren machen: die eine gotisch, ruhig und einfach in den Formen, die andere im reichen vlömischen Stil mit einer prachtvoll ausgearbeiteten Eule tm unteren Mittelfeld. Letztere gehörten zu der Ausstattung eines Herrenzimmers im selben Stil, bei dessen einzelnen Stücken man in Verlegenheit ge­riet, welchem man den Vorzug geben sollte: einem Bücherschrank ober einem prachtvollen Schreibtisch. Zu einer anberen Herrenzimmereinrichtung im vlämischen Stil gehörte eine Sitztruhe mit stilisier- te?. Vögeln, ein Bücherschrank mit Löwenköpfen, ein Rauchtisch unb ein sehr hübscher Schreibtisch. Sehr vernehm in ihrer soliden Einfachheit unb Kunst