mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Beilage.
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Marburg
Dienstag, 23. Mat
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46. Jahrg.
1911.
Erstes Blatt.
Ein furchtbares Unglück beim Start zum Weltflug Paris—Madrid.
D—««^»mzöfische Ministerpräsident Monis «nd ein hoher Offizier schwer verwundet. — Der Kriegsminister Berteaux tödlich verunglückt.
Jsiy-les-Moulineaux, 21. Mai. Beim Start der Flieger für den Wettflug Paris—Madrid stürzte heute früh 6y2 Uhr das Flugzeug des Fliegers Train, der wegen schlechten Funktionierens seines Motors noch einmal landen wollte, in eine Menschengruppe hinein, wobei der Ministerpräsident Monis und ein Offizier schwer verwundet wurden. Kriegsminister Ber- teaux, der schwere Verletzungen erlitt, ist diesen erlegen.
Hergang des Unglücks.
Paris, 21. Mai. Anläßlich des vom „Petit Parisien" veranstalteten Wettfluges Paris- Madrid hatte sich eine große Menschenmenge auf dem Flugfelde Jsiy-les-Moulineaux eingefunden. Das Wetter war trübe und es herrschte besonders in den höheren Luftschichten starker Nordwind. Die Flüge sollten in Znterwallen von fünf Minuten erfolgen. Es hatten bis 6% Uhr zwei Flieger den Flug angetreten,' mehrere andere gaben den Flug auf, zum Teil wegen des heftigen Windes. Ein Aeroplan, welcher von de Niffot gelenkt war, kippte, doch blieb der Flieger unverletzt. Gegen y27 Uhr stieg mit seinem Aeroplan der Flieger Train, der als ein sehr kühner Flieger gilt, auf und machte eine halbe Runde in einer Höhe von 30 Metern. Man sah, daß der Apparat stark schwankte. Train kehrte um und machte der Menge, die ihm akklamierte, mit der Hand ein Zeichen, sich nicht zu nähern. In diesem Augenblick sah man eine Gruppe das Flugfeld durchqueren und anscheinend vor dem Aeroplan flüchten. Train, der in einer Höhe von zwei Metern flog, fuhr mitten in die Gruppe hinein, welche er nicht gesehen zu haben scheint oder der auszuweichen schon zu spät war. Man sah sechs oder sieben Personen hinstürzen, teils unter dem Eindecker begraben, teils durch die Flugschraube wie hingemäht. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich der Menge. Darauf erfuhr man, daß sich unter den Verwundeten Ministerpräsident Monis und der Kriegsminister Berteaux befanden. Dem Kriegsminister Berteaux soll von der Schraube rin Arm buchstäblich abgeriffen sein; sein Zustand wird als lebensgefährlich geschildert. Monis soll einen Beinbruch und mehrere Kopfwunden erlitten haben. Der Flieger Train selber ist-«»verletzt. Der Wettflug wurde selbstverständlich sofort abgebrochen. Der Kriegsminister ist inzwischen verstorben.
Berichte von Augenzeugen.
Paris, 21. Mai. Von einem Augenzeugen, welcher sich in der Gruppe der verletzten Persönlichkeiten befand, wird erzählt: Der Polizeipräfekt Lupine erteilte uns den Rat, uns auf die gegenüberliegende Seite des Flugfeldes zu begeben, da man von dort aus ein weiteres Gesichtsfeld habe. Wir taten dies und als wir ungefähr in der Mitte des Flugfeldes angelangt waren, sahen wir Train heranfliegen. Wir hatten den Eindruck, daß Train nicht recht wisie, was er tue und wo er landen solle. Es schien, als wolle er einer Kürasfierabteilung ausweichen, die gerade über das Flugfeld ritt. Berteaux, Monis und Lckpine befanden sich in diesem Augenblick mit mehreren Mitgliedern des Aeroklubs links von den Kürassieren. Plötzlich machte Train eine Wendung, um zu landen, und ein Schraubenflügel erfaßte Bertenux, Monis und den Großindustriellen Deutsch de la Meurthe. Berteaux, dem von dem Schraubenflügel der Hals und der linke Arm zerschnitten und der Schädel gebrochen worden war, blieb auf der Stelle tot. Monis, welcher trotz seiner schweren Verletzungen volles Bewußtsein behal- len hatte, verlangte, sofort nach dem Ministerium des Innern transportiert zu werden, doch legten die Aerzte erst einen Notverband an. Deutsch hat nur Quetschungen, jedoch einen schweren Chock erlitten. Es ist geradezu ein
Wunder zu nennen, daß die Katastrophe nicht noch mehr Opfer gefordert hat.
Antoine Monis, der Sohn des Ministerpräsidenten, erzählte über die näheren Umstände des Unglücksfalles: Die Gruppe der offiziellen Besucher sahen das Fahrzeug mit Schwindel erregender Schnelligkeit auf sich zukommen. Es sei heftig gegen seinen Vater gestoßen, der niederfiel und so vielleicht das Leben rettete. Als er sich umwandte, sah er den vollkommen abgetrennten Arm Berteaux' in einem Meer von Blut schwimmen; einige Schritte davon lag die Leiche des Kriegsministers.
Paris, 21. Mai. Zu dem Unglück wird noch gemeldet: Als der Aeroplan sich der Gruppe der offiziellen Besucher näherte, sprangen Monis und Berteaux beiseite. Sie wurden aber vom Apparat erfaßt, der über dem Kopfe des einige Meter weiter befindlichen Polizeipräfekten Lä- pine hinwegsauste, ohne ihn zu verletzen.
Paris, 21. Mai. Bei dem Gedränge, welches nach dem Bekanntwerden des Unglücks in der Menge entstand, wurden 60 Personen verletzt.
Das Befinden des Ministerpräsidenten.
Paris, 21. Mai. Der Ministerpräsident hat beide Beine gebrochen und mehrere Rißwunden im Gesicht erlitten; er beklagt sich auch über innere Schmerzen, doch hofft man, daß er her- gegellt werden wird.
Paris, 21. Mai. Der Ministerpräsident Monis wurde ins Ministerium des Innern geschafft, wo er in ärztliche Behandlung genommen wurde. Der Sohn des Ministerpräsidenten Antoine Monts erlitt bei dem Unglvcksfall eine leichte Verletzung am Bein. Präsident Falliäres begab sich sofort in das Ministerium, um sich nach dem Zustand Monis' zu erkundigen. Auch die Minister kamen, wurden aber nicht zu dem Perletzten vorgelaffen.
Paris, 21. Mai. Ein heute vormittag über d?s Befinden Moni's ausgegebener Krankheitsbericht besagt: Der Unglücksfall hatte einen schweren komplizierten Bruch der beiden Knochen des rechten Unterschenkels zur Folge, der jetzt eingerichtet ist, ferner eine Quetschung und eine Wunde an den Augenlidern und im Gesicht, die vernäht werden muß, endlich einen Bruch des Nasenbeins. Die Augen und die Schädeldecke blieben unverletzt. Monis verspürt Schmerzen in der Brust und im Unterleib. Die Leiche des Kriegsministers, die gräßlich verstümmelt ist, wurde ins' Kriegsministerium übcrgeführt.
Paris, 21. Mai. Ministerpräsident Monis blieb bei vollem Bewußtsein und trug mit großer viandhaftigkeit die Einrichtung des Unterschenkelbruches und das Vernähen der Ritzwunde im Gesicht. Monis leidet auch an innerlichen Schmerzen, die vielleicht auf Rippenbrüche zurückzuführen sind. Monis frug, ob es noch andere Verletzte gebe. Man verheimlichte ihm den Tod Berteaux. Präsident Fallitzres besuchte Monis und unterhielt sich mit ihm in der teilnehmendsten Weise. Monis ist fieberfrei. Der Puls ist fast normal.
Maßnahme« der französischen Regierung.
Paris, 21. Mai. Ein im Elyscke abgehaltener Ministerrat betraute den Minister des Aeußern mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des Kriegsministers. Berteaux wird auf Staatskosten beerdigt. — Für die Betrauung des Ministers des Auswärtigen, Cr"vvi, mit der zeitweiligen Führung der Geschäfte des Kriegsministers war die Rücksicht auf die marokkanischen Angelegenheiten ausschlaggebend. Da die Organisation einer Hilfskolonne von Berteaux und Cruppi im gegenseitigen Einvernehmen vorbereitet war, waren der Präsident Falliöres und die Minister der Ansicht, daß Cruppi dazu bestimmt sei, die Verantwortung für die der Koke nne zu erteilenden Instruktionen zu übernehmen. In der heute vormittag abgehaltenen Beratung faßten die Minister keine Ernennung eines interimistischen Ministers des Innern ins Auge, da der Unterstaatssekretär Constand die
Zgkeit besitze, die laufenden Geschäfte zu erledigen. Schwierigkeiten würden sich nur ergeben, wenn der Zustand Moni's sich verschlimmere, doch erklärte der Arzt, daß der Zustand des «i—ätzten so zufriedenstellend als möglich sei. Nur die Verletzung in der Gegend der Leder scheine ein wenig ernst.
Anteilnahme der deutschen Regierung.
Paris, 21. Mai. Der deutsche Botschafter Freiherr v. Schön, begab sich vormittags zum Präsidenten der Republik, um ihm das Beileid über die Katastrophe von Jsiy-les-Moulineaux auszusprechen. Ebenso drückte Freiherr v. Schön dem Kriegsministerium des Aeußern seine Teilnahme aus.
Berlin, 21. März. Der Reichskanzler beauftragte den deutschen Botschafter in Paris, der französischen Regierung die Teilnahme der kaiserlichen Regierung an dem erschütternden Unglücksfalle auszusprechen, der Monis und Berteaux betroffen.
Berlin, 21. Mai. Der Reichskanzler v. Beth- mann-Hollweg und der stellvertretende Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Zimmermann, sprachen beim französischen Botschafter vor und sprachen ihm ihr Beileid zu dem Unglücksfall aus.
Der Besuch des Serbenkönigs verschoben.
Paris, 21. Mai. Die anläßlich des Besuches des Königs von Serbien geplanten Festlichkeiten werden infolge der Katastrophe abgesagt werden.
Paris, 21. Mai. Dem Vernehmen nach wird der offizielle Besuch des Königs von Serbien unterbleiben. Man glaubt jedoch, daß der König von Serbien nach Paris kommen wird, um als ehemaliger französischer Offizier dem Leichenbegängnis Berteaux' beizuwohnen.
Paris, 21. Mai. Im Hinblick auf das Unglück in Jsiy-les-Moulineaux verschob der König von Geraten seine Reife nackt Frankreich.
Parts, 21. Mai. Der hier weilende französische Gesandte in Belgrad, Deschos, fuhr heute nachmittag dem König von Serbien nach Basel entg. ^en, um ihn zu bitten, seinen Besuch zu verschieben.
Die französische Presie zu dem Unglück.
Paris, 21. Mai. Die gesamte Presie gibt der (5i|iyutterung und der Bestürzung Ausdruck, welche die Katastrophe von Isiy-le -Monlineaux in der Bevölkerung hervorgerufen hat, und hebt hervor, daß der verunglückte Kriegsminifter Berteaux bei verschiedenen Anlässen mit besonderem Eifer für die Förderung der Flugtechnik eingetreten war, deren Bedeutung für die französische Armee er mit Begeisterung gerühmt habe. Mehrfach beschäftigen sich die Blätter auch schon mit den politischen Folgen der Katastrophe, indem sie darauf Hinweisen, daß die radikale Partei in Berteaux ihre einigende Hauptkraft verloren habe. Der Umstand, daß der Ministerpräsident monatelang den Geschäften werde fernbleiben müsien, bilde gerade jetzt, wo so viele heikle innere und äußere Fragen schweben, für das Kabinett eine besondere Schwierigkeit. Die antiministerielle „Liberty" behauptet, daß man bereits von einer Ministerkombination Clemenceau, Millerand und Potn- car6 spreche.
Der Mettflug Paris-Madrid nicht abgebrochen.
Paris, 21. Mai. Auf Wunsch des Ministerpräsidenten Monis ordnete das Ministerium des Innern an, den Wettflug Paris—Madrid nicht zu unterbrechen.
Paris, 21. Mak. Der Ausschuß des Aeroklubs entschied, daß der Wettflug Paris—Madrid morgen fortgesetzt werden solle. Sechs Flugzeuge, deren Abfahrt heute früh infolge der Katastrophe nicht stattfinden konnte, werden morgen früh um 4 Uhr auffliegen.
Paris, 21. Mai. Der Flieger Earros, welcher um 5r4 Uhr morgens in Isiy-lex-Mouli- neaux aufflog, landete kurz nach 10 Uhr in Angoulämes, der ersten Etappe des Wettflugs Paris—Madrid. Es heißt, Carros wolle den Flug morgen fortsetzen. — In Sportkreisen erinnert man daran, daß das vor einigen Jahren veranstaltete Automobilrennen Paris—Madrid infolge tödlicher Unglü^sfälle gleich zu Beginn abgebrochen werden mußte.
Die Rückkehr des Kaiserpaares.
London, 20. Mai. Der Kaiser empfing heute vormittag Sir Ernest Cassel.
London, 20. Mai. Das Kaiserpaar und die Prinzessin Viktoria Luise sind um 3% Uhr von der Viktoriastation nach Port Viktoria abgefahren. Das Königspaar, der Prinz von Wales, Prinzesiin Mary, das Herzogspaar von Con- naught, Prinz Arthur und Prinzessin Patricia
von Connaught und das Prinzenpaar Christian von Schleswig-Hofftein begleiteten sie an di« Station.
London, 20. Mai. Das Kaiserpaar und Prinzessin Viktoria Luise find um 4 Uhr 24 Min. in Port Viktoria eingetroffen und vom Kommandierenden Admiral der Station und den höheren Marineoffizieren empfangen worden.
Port Viktoria, 20. Mai. Nachdem der Kaiser und die Kaiserin sowie Prinzesiin Viktoria Luise an Bord der „Hohenzollern" gegangen waren, begaben sich in den Salon zum Tee, zu dem vom Kaiser Admiral Sir Charles Drury, Vizeadmiral Prinz Alexander von Vak- tenberg, Generalmajor George Varker, der Befehlshaber der östlichen Küstenverteidigungen geladen waren. Kurz nach 5y2 Uhr machte di« „Hohenzollern" vom Pier los und ging im Hafen zwischen dem Kreuzer „Königsberg" und dem Depeschenboot „Sleipner" vor Anker.
Sheerneß, 21. Mai. Die Jacht „Hohonzol- lern" ist heute früh kurz vor 8y2 Uhr mit dem Kaiser, der Kaiserin und Prinzessin Viktoria Luise nach Vlisstngen in See gegangen.
London, 20. Mai . Die Presie äußert sich sehr sympathisch über den Besuch des Kaiserpaares und der Prinzessin und stellt fest, welche große Freude der Besuch den hohen Gastgebern bereitet und welch lebhaften Anteil die Hauptstadt daran genommen. Die alte Volkstümlichkeit des Kaisers bei der Londoner Bevölkerung bewies sich von neuem glänzend. Die Persönlichkeiten der Kaiserin und der Prinzessin machten einen tiefen Eindruck. Gerade der private Charakter führte zu dem großen Erfolg des Besuches, der alle Erwartungen übertroffen hat.
Das Kronprinzenpaar in Rußland.
Zarskoje Sselo, 20. Mai. Vor dem großen Palais fand in Gegenwart des Kaiserpaares und des Kronprinzenpaares eine glänzende Parade der Truppen von Zarskoje Sselo und Paulsunk statt. Der Kaiser trug das Band des Schwarzen Adlerordens, der Kronprinz die Uniform des 14. Kleinrussischen Dragonerregiments, das Band und die Kette des Andreasordens. Die Kaiserin Alexandra, die Kronprinzessin und der russische Thronfolger fuhren in einer Equipage ä. la Daumont. Das deutsche und russisch« Gefolge schlosien sich an. Die Truppen defilierten zweimal vorbei. Hierauf führte der Convoi des Kaisers eine Dschigstouka aus. Von einem zahlreichen Publikum begrüßt, begaben sich sodann die Majestäten und das kronprinzliche Paar in das Alexanderpalais, wo Tafel stattfand.
Petersburg, 20. Mai. Der Kaiser, der deutsche Kronprinz und die Kronprinzessin sowie die Großfürstin Tatjana Nikolajewna unternahmen heute nachmittag eine Automobilfahrt von Zarskoje Sselo nach Krasnoje Sselo, Peterhof und zurück.
Zarskoje Sselo, 20. Mai. Das kronprinzliche Paar ist heute abend 7 Uhr nach Kalisch abgereist, wo der Kronprinz die Parade über das 14. Kleinrussische Dragonerregiment seines Namens abnimmt. An den Bahnhof begleiteten es das Kaiserpaar, die Großfürstin Olga und Tatiana Nikolajewna, die Hofminister und die höchsten Chargen. Nach herzlichem verwandt- s östlichen Abschied bestieg das kronprinzliche Paar den Wagen des Sonderzuges. In demselben Zuge reisen der Ehrendienst, außerdem die eigne Suite, General von Lauenstein, welcher bis Berlin mitfährt, ferner der deutsche Botschafter und der russische Militäragent in V-lin.
Politische Umschau.
Die „Rordd .Allg. Zig." zur Annahme der elsaß- lothringischen Verfassung.
Berlin, 20. Mai. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt in ihren Rückblicken: Die Verhandlungen über die elsaß-lothringische Verfasiung führten nach mancherlei Schwierigkeiten in der Kommission zu dem Ergebnis, mit dem sich die von der Reichspartei bis zur äußersten Linke« reichende Mehrheit einverstanden erklärte. In der Frage der Wahlkreiseinteilung kam ei« Kompromiß auf Grund des von der Regierung ausgegangenen Vorschlages zustande. Ebenso wurde für die das Wahlrecht einschränkende» Ausenthaltsbestimmungen eine für die Regierung annehmbare Formulierung gefunden. I»!