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M 119
1911
Erstes Blatt
Winterraps und Rübsen 2,7, Flachs 2,7, Klee 2,9, Luzerne 2,9, Rieselwiesen 2,5, andere Wiesen 2,9.
Marburg
Sonntag, 21. Mai
Der König und die Königin fuhren heute Nachmittag mit ihren hohen Gästen dem Kaiser, der Kaiserin und der Prinzesfin Viktoria Luise sowie mit den Prinzen von Wales und der Prinzessin Mary in offenem Wagen nach Kensington zu den See- und Landkriegsspielen in Olympia. Als die Majestäten in der Hofloge Platz nahmen, präsentierten die Soldaten. Die vereinigten Musikkorps spielten die Nationalhmne und das Publikum brach in stürmische Hochrufe aus, die sich wiederholten, als der Kaiser die Ehrenwache besichtigte.
Tas Kronprinzenpaar in Petersburg.
Petersburg, 18. Mai. Nach der Frühstückstafel im Anltschkowpalais besuchte das Kronprinzenpaar die Er. ßfiifttnnnen Militza Nikolajewa und Alexandra Iosiphowna. Später stattete der Kronprinz sämtlichen in Petersburg weilenden Großfürsten, dem deutschen Botschafter Eraf von Pourtales, Ministerpräsident Stolypin, dem Minister des Hofes Baron Fredcricksz und dem Verweser des Ministeriums des Auswärtigen Neratow Besuche ab. Die Kronprinzessin besuchte das deutsche Alexanderhospital, wobei sie mehrere Kranke teilnehmend nach ihrem Befinden befragte. Um 8 Uhr nachmittags kehrt« das Kronprinzenpaar in das Winterpalais zurück, wo Eraf von Pourtales die Spitzen der hiesigen deutschen Kolonie vorsiellte, welche der Kronprinz ins Gespräch zog.
Petersburg, 18. Mai. Heute abend fand auf der deutschen Botschaft zu Ehren des Kronprinzenpaares ein Diner statt, dem sich ein Konzert und ein Rout anschloß. Außer dem Gefolge waren viele hochgestellte Persönlichkeiten und Vertreter des diplomatischen Korps zugegen.
* Zur Reichstagswahl. Man schreibt uns: Kürzlich fand im Restaurant Lederer eine Ver- trauensmännersitzung der deutschsozialen Patt»i statt, die sich mit der Kandidatur des Schneidermeisters und Landwirts Rupp-Riederwalgern befaßte und aus allen Teilen des Wahlkreises gut besucht war. Herr Reichstagsabgs. Liebermann v. Sonnenberg sprach über die innerpoli- h, he Lage und betonte die Notwendigkeit des Zusammengehens der sich nahestehenden Rechtsparteien. Herr Rupp berichtete über die Wühlarbeit des letzten Winters, in dem eine große Anzahl Versammlungen abgehalten wurden. Aus der Versammlung heraus wurde unter lebhaftem Beifall der Anklang, den die Kandidatur Rupp gefunden habe, festgestellt. Bei aller An- e.kcnnung der früheren Verdeinste Dr. Böckels sei besten Kandidatur aussichtslos. Der stim mungsvolle Verlauf der Versammlung verbürgi eine zielbewußte, tatkräftige Wahlarbeit.
* Aus dem Fenster gestürzt. Aus einem Hause am Steinweg stürzte gestern ein Kind aus einem Fenster auf das Etraßenpflaster. Er r v de sofort in die Klinik gebracht.
Tie heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Versammlungen, Konzerte, Tbeater, Bergniigungs- Rachrichten niw.
* Turnfahrt nach der Edertalsperre. Die sch« lang beschlossene Turnfahrt der Turngemeinde durch bat Gebiet der Edertalsperre findet morgen statt. Die Abfahrt erfolgt mit dem Frühzuge um 7 Uhr. Auch Nichtmitglieder können sich anschließen.
* Turner-Ausflug. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich ist, treffen heute abend Hanauer Turner zum Besuche unserer Stadt und Umgebung ein. Der hiesige Turnverein wird nicht verfehlen, den fremden Turnern den Aufenthalt hier in jeder Weise verschönern zu helfen.
* Das Biophon-Theater Bar süße rstraße 8, weist auch bei den diesmaligen Spieltagen nur erstklassige Darbietungen auf. Die Vorstellungen finden im geräumigen, gut ventilierten Saale statt.
Kirchhain, 19. Mai. Wie gemeldet, wurde hier in den. Zimmer eines Dienstmädchens ein totes, neugeborenes Kind aufgefunden. Der Verdacht, daß das Dienstmädchen das Kind heimlich geboren und ge» tötet habe, hat sich bestätigt. Die unnatürliche Mut- ter hat dem Kind einen Mesterschnitt in den Hal- beigebracht. Die jugendliche Mörderin wird nack ihrer Genesung in das Gefängnis eingeliefert werden.
Amöneburg, 19. Mai. Der „Fuld. Ztg." wird von hier geschrieben: Seitdem vor vielen Jahren die hiesige Apotheke nach Holzhausen verlegt wurde, hat die Stadt erhebliche Opfer gebracht, einen Arzt hier zu halten. Dennoch blieb ein Arzt — selbst bei 200C J*. Gehalt mit freier Wohnung — immer nur einige Jahre. Das ist aus dem Umstande zu begreifen, daß der hiesige Arzt auswärts so gut wir kein« Praxis hat und die Praxis am Ort wenig einbringt. Nunmehr ist es gelungen, den gegenwärtigen Arzt, Herrn Dr. Gronau, dauernd an Amöneburg z> binden. Er hat mit der Stadt einen Vertrag ge- sck'lesten, nach dem diese sein Gehalt in steigender Höhe festsetzt und ihn durch Ernennung zum städtischen Schularzt Aufnahme in die Pensionskasse städtischer Beamten gewährt: demgegenüber verpflichtet sich der Arzt, dauernd hier zu bleiben. Daß mit dieser Regelung auch den sanitären Interesien der Schule gedient wird, darf mit besonderer Freude begrüßt werden.
Homberg a. d. Ohm, 19. Mai. Wie wir schon mitteilten, hat sich für das hiesige dem Staat gehörige Schloß ein Käufer Herr Dr. Wagner aus dem Kreise Marburg, gefunden, der 42 500 Ji und für die daneben liegenden Grundstücke 7500 <M. bezahlen will Dtt seither in dem Schloß untergebrachte Bezirks- kasie soll in die Bahnhofstraße verlegt werden, wozu das Haus des Kreisstraßenmeisters Schaffner für 13 000 <X erworben werden soll. Mit den Kosten der inneren Einrichtung usw. stellt sich das Gebäude auf 16 000 so daß dem Staat durch diese Verlegung eine ansehnliche Summe gespart wird.
Ziegenhain, 19. Mai. Dem Bürgermeister a. D. Ii Hannes Kurz in Nausis wurde am 17. d. Mts. das ihm verliehene Kreuz zum Allgemeinen Ehrenzeichen durch den Königlichen Landrat, Kammerherrn von Scbwertzell von Ziegenhain in Gegenwart des Ge- meindevorstandes und der Gemeindevertretung von Nausis in feierlicher Weise überreicht. — Dem Bürgermeister Johannes Ehl in Asterode, Zimmer- meister Valentin Koch, Schneidermeister Justus Weidemeier und Klempner Reinhardt Dietz, sämtlich in Neukirchen, Schuhmacher Heinrich Tüscher und Anstreicher Karl Stripp, beide in Frielendorf, wur- den die verliehenen Erinnerungszeichen für Verdienste um das Feuerlöschwesen durch den Königlichen Landrat Kammerherrn von Schwertzell hl Ziegenhain in feierlicher Weise ausgehändigt.
(Ziegenh. Zig.) i
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Kaisertage in London.
L o n d o n, 18. Mai. Das Kaiserpaar kehrte um 7 Uhr aus Windsor nach London zurück. Abends gaben Lord und Lady Landsdowne zu Ehren des Kaiserpaares ein Diner, an dem außer den Majestäten die Prinzessin Viktoria Luise, der deutsche Botschafter und andere hervorragende Persönlichkeiten teilnahmen.
London, 19. Mai. Rach dem gestrigen Diner bei Lord Landsdowne fand ein Ball statt, der zu Ehren der Prinzessin Viktoria Luise veranstaltet wurde. Der Kaiser stattete heute früh, nachdem er den Vortrag des Gesandten v. Treut- ler entgegengenommen hatte, eine Reihe von Abschiedsbesuchen ab. Di« Kaiserin und die Prinzessin besuchten die Wallace-Sammlungen.
Tic „Oberhessisch« Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. — Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 * (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 * frei ins Hous. (Für »verlangt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion ^keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckeret I. A. Koch (Inh.:
Dr. Hitzeroth), Markt 21. — Telephon 55. _________
Ausland.
— Born Balkan. Belgrad, 19. Mai. Der König und der Minister des Aeußern find heute vormittag nach Paris abgereist. Der Kronprinz wurde mit der Regentschaft betraut.
♦* Mexiko. Juarez, 18. Mai. Madero nahm das Anerbieten, sich nach der Stadt Mexiko zu begeben, um als Hauptratgeber des Ministers des Aeußern zu fungieren, an. Er veröffentlichte eine Erklärung, in der gesagt wird, daß das Abkommen höchst zufriedenstellend sei und der Friede als eine vollendete Tatsache angesehen werden könne. — Wie die Associated Preß aus der Stadt Mexiko meldet, sind die einzelnen Bestimmungen, des neuen Wahlgesetzes entworfen und zwar nach den Erundzügen des französischen Wahlgesetzes. — Mexiko, 19. Mai. Halbamtlich verlautet, daß Präsident Diaz am 24. oder 25. Mak die Präsidentschaft niederlege.
•* Zur Lag« in Marokko. Paris, 19. Mai. Der Kriegsminister erhielt am 18. Mai von General Meinier ein Telegramm, daß die dritte und letzte Staffel der Hilfskolonne gestern den Heb Bethr Überschritten habe. Die Kolonne befindet sich gegenwärtig an der äußersten Grenze, von wo aus eine Verständigung nur mit Hilfe des von der Kolonne mitgeführten Funken- spruchaparats noch möglich ist. Deshalb wird man mehrere Tage ohne Nachricht von der Kolonne bleiben. — Die „Liberia" meldet: Der Kriegsminister habe infolge der Ueberrumpe- lung von Debdu dem General Tout6e telegraphisch aufgetragen, alle für die Sicherheit seiner Truppen notwendigen Maßnahmen zu treffen, doch sei das Verbot, den Mulajafluß zu überschreiten, noch immer nicht aufgehoben worden unter dem Vorwande, daß die Angreifer zum größten Teile den Bergstämmen des rechten Mulujaflusies angehören.
•* Eine spanische Fremdenlegion. Paris, 19. Mai. Aus Madrid wird gemeldet: Die mit der Fasiung eines Gesetzes über den obligatorischen Militärdienst betraute Kommission hat einen Entwurf betr. Erdichtung eines Freiwilli- gen-Kolonialkorps genehmigt, worin die Anwerbung von Ausländern für Nord-Afrika und Spa- nifch-Guinea für zulässig erklärt wird.
Marburg und Umgegend.
(Nachdruck aller Originalartikel ist gemäß S 18 des Urheberrechts nur mit der deutlichen Quellenangabe .Oberhefl. Zig." gestattet.)
Marburg, 20. Mai.
* 100. Geburtstag. Der Kultusminister ordnete an, daß am 30. September, dem 100. Geburtstage der Kaiserin Augusta, in allen Schulen Preußens Festakte ftattfinden sollen.
* Universität. Heute vormittag fand in der Aula der Universität die endgültige Immatrikulation der Studenten des diesmaligen Som- mersemcsters statt und zwar zunächst für die Theologen und Mediziner. Der derzeittge Rektor, Geh. Rat Prof. Dr. Budde, hielt eine Ansprache an die Studierenden, in der er sie zu eifrigem Studium ermahnte. Hierauf traten die Studenten einzeln vor und nahmen ihre Matrikel in Empfang. Die endgültige Immatrikulation der Juristen und Philologen findet heute nachmittag statt.
* Akademische Lesehalle. Die Wahlen der studentischen Mitglieder in den Vorstand der Akademischen Lesehalle finden Montag nachmittag von 3—6 Uhr statt. Die erste Wahl konnte wegen eines Formfehlers nicht aufrecht erhalten uerden.
* Juristisches. Gerichtsassessor Dr. Vox- berger in Hanau ist zum Amtsrichter in Barten (Ostpr.) ernannt worden.
* Eine Vertrauensmanner-Bersammlung des Bundes der Landwirte, die gestern hier abgehal- ten wurde, beschloß, wie man uns mitteilt, an Stelle des verstorbenen deutsch-konservativen ^georbneten, Herrn Geh. Reg.-Rat Landrat v. Negelein, wiederum einen deutsch-konservativen Kandidaten und zwar einen im hiesigen Kreise ansMgen Landwirt, Herrn Gutsbesitzer Lauer aus'Fronhausen, den Wahlmännern zu der demnächst stattfindenden Ersatzwahl für den preußischen Landtag z« empfehlen.
Deutsches Reich.
— Programm des Reichstages. Berlin, 19. Mai. Der Seniorenkonvent des Reichstages einigte sich auf folgenden Eeschäftsplan: Heute und morgen zweite Lesung der Reichsversicherungsordnung, Montag schwedischer Handelsvertrag, Dienstag und Mittwoch Verfassungs- gesetze für Elsaß-Lothringen, Donnerstag wegen Himmelfahrt keine Sitzung, Freitag kleinere Vorlagen. Die dritte Lesung sämtlicher genannten Vorlagen soll am Montag den 29. Mai beginnen und bis zum 2. Juni möglichst erledigt werden. In der Herbsttagung, im Oktober beginnend, sollen sämtliche noch rückständigen Vorlagen erledigt werden. Die Frage, ob auch die Strafprozeßordnung erledigt werden soll, wurde offengelassen, da die Meinungen darüber aus« einandergehen.
— Das griechische Kronpriuzenpaar in Deutschland. München, 19. Mai. Das Kronprinzenpaar von Griechenland ist mit seinen drei Kindern heute früh hier eingetroffen und nach 2i4stündigem Aufenthalt nach Frankfurt a. M. weitergereist. Von hier aus begaben sich die hohen Herrschaften nach Cronberg, die Kinder reisen über Vlisstngen nach London weiter.
— Erlaß des Finanzministers. Die „Berl. Eorre- sxondenz" teilt mit: Der Finanzminister richtete ein Rundschreiben an die Präsidenten der königl. Oberzolldirektionen, in dem es heißt: „Zn den Versammlungen des Preußischen Landesverbandes deutscher technischer Zoll- und. Steuerbeamten wurde das Verlangen erhoben, daß die Oberzollinspektoren, wenn sie dem Verbände als Mitglieder angehören, in ihrer amtlichen Wirksamkeit namentlich bei den Berichterstattungen über die Beamtenfragen den von dem Verbände eingenommenen Standpunkt vertreten. Es ist in hohem Grade bedauerlich, daß derartige Anschauungen überhaupt haben geäußert werden können, denn sie zeugen von einer völligen Verständnislosigkeit dafür, daß der preußische Beamte sich von seinen Eewissen und Pflichibewußtsein gegenüber dem allgemeinen Staatsganzen leiten lassen muß, nicht aber sich von Stimmungen beeinflussen lassen darf, die in einem lediglich aus seinen Berufsgenossen zusammengesetzten Vereine herrschen. Ich hege auch das Zutrauen, daß solche Zumutungen, wenn sie wittlich vorkommen sollten, bei den Oberzollinspektoren nicht auf fruchtbaren Boden fallen würden.
— Eine neue Wahlrechtsvorlage? Berlin, 19. Mai. In den Wandelgängen des Reichstages war gestern das Gerücht verbreitet, zum Anfang des nächsten Jahres solle eine neue preußische Wahlrechtsvorlage.ausgearbeitet werden.
— Saateustandc in Preußen. Berlin, 19. Mai. Saatenstand per Mitte Mai, wenn 2 gut, und drei mittel bedeutet: Winterweizen 2,6, Sommerweizen 2,6, Winterspelz 2,8, Winter- rtggen 2,8, Sommerroggen 2,8, Sommergerste 2,6, Hafer 2,7, Erbsen 2,6, Ackerbohnen 2,6, Wicken 2,6, Kartoffeln 2,7, Zuchtzrrüben 2,8,
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwirtschaftliche Vellage.
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' Die marokkanische Gefahr.
Die Marokkofrage bewahrt nach wie vor ihren ernsten Charakter. Die Stellung der deutschen Regierung bleibt dieselbe, wie sie in dem bekannten Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" genau dar- grlegt worden ist. Man hat bis jetzt an maßgebender Stelle zu der offiziellen Haltung der französischen Regierung vollständiges Vertrauen und bettachtet dir von ihr abgegebenen Erklärungen vorläufig für genügend. Auch die persönlichen Unterredungen zwischen Vertretern der deutschen und der französischen Regierung sind befriedigend verlaufen. Aber man darf nicht vergessen, daß die jetzige französische Regie- ■'rung die schwächste seit langer Zeit ist. Das hat sich gerade in der Marokkoaktton gezeigt, denn die Regierung hat fast immer den Winken des „Temps" und seiner Hintermänner folgen müssen.
Es besteht mithin die Gefahr, daß die französische Regierung sich von einer gewissen öffentlichen Meinung, die in der Hauptsache von Leuten, die in Marokko direkt finanziell interessiert sind, gemacht wird, weiter treiben läßt, als sie selbst zurzeit wünscht. Lediglich aus diesem Grunde haben wir Frankreich gewarnt. Der Notenaustausch, welcher zwischen der deutschen Regierung und anderen Großmächten über diese Frage stattgefunden hat, hat gezeigt, daß der deutsche Standpunkt von allen Kabinetten mehr oder weniger richtig eingeschätzt wird.
Unsere Stellung ist jetzt viel besser als zur Zeit der unglücklichen Algeciras-Konferenz und daran ändert auch der Umstand nichts, daß einige Blätter unserer beiden Verbündeten es sonderbarerweise über sich gewonnen haben, Frankreichs Haltung zu loben und Deutschland wegen seiner Stellungnahme zur Marokkofrage anzugreifen. Es ist vielleicht nützlich, bei dieser Gelegenheit auf die noch wenig bekannte Tatsache hinzuweisen, daß die Artikel des „Neuen Wiener Tageblattes" über Marokko aus der Feder des bekannten M. Tardieu stammen. Man kann sich, wenn man diese Tatsachee weiß, nicht wundern daß km „Neuen Wiener Tageblatt" lediglich französische Ansichten zur Geltung kommen. Entgleisungen, wie sie im Wiener „Montag-Blatte" vorgekommen sind, nehmen wir nicht ernst, da die österreichische Regierung diese Aeußerungen sofort energisch desavouiert hat
Uns können alle diese Preßäußerungen gleichgültig fett: angesichts der Tatsache, daß Oesterreich im Begriff ist, sich eine Flotte von Dreadnoughts in der Adria zu schaffen und daß Italien soeben beschlossen hat, den Van seiner vier bereits bewilligten Dreadnoughts in jeder Weise zu beschleunigen. Denn in dem Moment, wo eine starke italienisch-österreichische Seemacht sich im Mittelmeer befindet und durch deutsche Dreadnoughts verstärtt wird, ist eigentlich erst das sichere Fundament geschaffen für den Dreibund, denn dann wird es Italien möglich sein, ohne Rücksicht auf Frankreich, dessen Angriffe auf seine Küsten K» nicht mehr zu befürchten haben wird, eine gefügigere auswärtige Politik zu treiben.
WiMsehr unsere Auffassung von der Wirkung der Algecims-Akie auch im Auslande geteilt wird, ergibt sich aus einem Artikel der Zeitung „Al Moh- greb‘, in welchem ausgefiihrt wird, daß eigentlich schon jetzt nichts mehr von der Algecirasakte übrig bleibe. Die deutsche Regierung geht nicht so weit. 6u ist aber eine entschiedene Anhängerin der Integrität des scherifischen Reiches und der Unantastbarkeit der Souveränität seines Sultans. Sollte hierin eine Aenderung durch di« Franzosen bewirkt werden, so würde Deutschland allerdings die Algecirasakte für außer Kraft gefetzt betrachten und da, ach feine Handlungsweise einrichten. Wir können aber in aller Ruhe abwarten, rote sich di« Dinge in Marokko weiter entwickeln werden, da zurzeit keinerlei Anlaß zu weiteren Maßnahmen vorliegt.