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Erstes Blatt

gebunden, selbst aber hohnlachend sich darüber wcggesetzt und diefriedliche Eroberung Ma­rokkos fortgeführt. Schon glaubten sie sich nahe am Ziel. Sie haben 43 000 Mann drüben, tei­len das Sultanat schachbrettartig ein und er­richten in jedem Quadrat ihre Militärstationen. Nun ist ihnen in dieser gesegneten Maiwoche deutsch und deutlich zugerufen worden, daß un­sere Geduld ein Ende habe. Sie müssen wieder abbauen. Andererseits erklären wir alle Ver­träge für null und nichtig und sehen selber in Marokko nach dem Rechten: erstens, um unsere eigenen wirficyaftlichcn Ansprüche einschließlich auch der Manesmann-Forderungen zu sichern, zweitens, um die Errichtung eines neufranzösi- fchen Riesenreiches in Nordafrika zu verhindern.

Marburg

Sonntag, 7. Mai

46. Jahrg.

1911.

Arbeitskräfte wesentlich mehr verlangt. Da­gegen besteht in der ostasiatischen Besitzung Deutschlands gar kein Bedarf an Landwirten, weil es der Riederlasiung an einem Hinterland fehlt, in dem Landwirte, Gärtner oder Viehzüch­ter eine lohnende Beschäftigung finden könnten.

In Deutsch-Ostafrika macht die Plantagen­kultur ständig Fortschritte, besonders die Sisal-, Kautschuk- und Baumwollpflanzungen zeigen eine günstige Entwicklung. Damit nehmen auch die Weißen, die als Aufsichtspersonal eingestellt werden, ständig zu. Bei den Bahnbauten sind weiter zahlreiche Techniker, Unternehmer, Werk­meister, Vorarbeiter und Handwerker beschäftigt. Hält die günstige Entwicklung ferner an, so ist immerhin zu erwarten, daß später einmal in Ostafrika eine größere Zahl europäischer Ar­beitskräfte aus mancherlei Berufen unterge­bracht werden kann. In Kammerun trat ein ziemlich bedeutender Zuwachs der weißen Be­völkerung ein; diese wurde hauptsächlich bei Eisenbahnbauten beschäftigt. Die Ausbreitung der Handelsbeziehungen macht außerdem eine wesentliche Verstärkung des kaufmännischen Personals notwendig. In Togo hat die Plan­tagenkultur in der letzten Zeit nur geringe Fort- schtttte gemacht, deshalb beschränkt sich das Steigen der weißen Bevölkerungszahl in der Hauptsache auf das Beamtenpersonal.

Aus Neu-Guinea zeigen die Kokospalmen­kulturen und die Kautschukpflanzungen eine günstige Entwicklung, doch werden dabei nur wenige Weiße verwendet: dafür hat sich die Zahl der europäischen Kaufleute ziemlich stark ver­größert. Zn Deutsch-Südwestafrika ist gleich falls eine günstige Entwicklung festzustellen. Die Farmenbettiebe und die Kleinsiedlungen haben sich vermehtt und die Schürftätigkeit besonders nach Diamanten hat auch einer größeren Anzahl Personen aus der europäischen Bevölkerung ein dauerndes oder vorübergehendes Arbeitsunter­kommen verschafft.

Zm allgemeinen dürfte behauptet werden können, daß die deutschen Kolonien für die große Masie der Arbeiter und Handwerker als Arbeits­markt noch nicht recht in Betracht kommen, daß sie aber immerhin schon einigen tausend Hand­werkern, Kaufleuten, Technikern, Landwirten, Gärtnern und Unternehmern mit besonderen Leistungen eine Existenz bieten. Tritt in der Entwicklung der Kolonien kein Rückschlag ein, so ist mit einer weiteren Zunahme der weißen Bevölkerung in den Kolonien zu rechnen.

len läßt, daß auch die neuen Zölle und Steuern in ihrer Gesamtheit die Schätzung des Etats für 1910 überstiegen haben, mit der fozialdemokratt. schen und fteisinnigen Presse scharf ins Gericht. Sie meint mit Recht, der Eesichtspuntt, unter dem die Reichsfinanzreform zustande gekommen ist, werde auf unsachliche Weise verschoben, wenn dieRabiaten auf der Linken" heute so tun, akr ob die sämtlichen neuen Zölle und Steuern nut verdammungswürdige Spottgeburten yus Dreck und Feuer wären, während in Wirklichkeit der weitaus größte Teil davon auch in einer vom Bülowblock gemachten Finanzreform enthalten gewesen wäre. Es sei daher sinnlos, wenn man jetzt hinterher irgendeine Steuer als finanzpoli- fisch verfehlt verschreie, nur weil sie nicht vom nicht mehr eristierenden Bülowblock, sondern vomschwarz-blauen Block" bewilligt wurden.

Kolonien Uno ArbeitsVu kt.

Das kolonialwirtschaftliche Komitee in Ber­lin gibt soeben wieder, wie in jedem der letzten Jahre, eine kurze Ueberficht heraus über die Lage des Arbeitsmarktes für die weiße Bevölke­rung in den deutschen Kolonien. Bei dieser Ge­legenheit dürfte es von Interesse sein, einmal etwas näher zu untersuchen, inwieweit der deutsche Kolonialbesitz bereits auf den Arbeits- martt einwirkt und welche Berufsangehörige schon Aussicht haben, in den deutschen Kolonien ein Arbeitsunterkommen zu finden.

Wie die Einfuhr und Ausfuhr der aus der ersten Entwicklung noch nicht herausgekomme­nen deutschen Kolonien im wirtschaftlichen Le­ben Deutschlands noch eine verhältnismäßig ge­ringe Bedeutung haben, so ist auch der Bedarf an europäischen Arbeitskräften immer noch ge­ring. Eines Teils läßt das tropische Klima die Verwendung von weißen Arbeitern überhaupt nicht zu, ander. - Teils sind die kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse immer noch so pri­mitiv, daß sich die Einstellung von europäischen Arbeitskräften in größerem Umfange noch nicht bezahlt macht. Soweit überhaupt ein Bedarf an Arbeitskräften aus Europa besteht, be­schränkt er sich in der Hauptsache auf Landwirte, Gärtner, Kaufleute, Techniker und auf einige Handwerksberufe wie Schlosser, Tischler, Zim­merleute. Maurer und Maschinisten. Und auch dieser Bedarf ist in den einzelnen Kolonialge­bieten nicht gleichmäßig.

In Kiautschou bestand in den ersten Jahren nach der deutschen Besitznahme so gut wie gar keine Nachfrage nach europäischen Handwerkern, da die Ehinesen zu einem viel geringeren Lohn arbeiteten. Mit dem stärkeren Zuzug von Europäern aber und mit dem Aufblühen von Kiautschou, zeigte sich auch Bedarf an europäi­scher Handwerkerarbeit, sodaß jetzt dort Hand­werker größere Aussicht haben, eine lohnende Existenz zu finden. Infolge der guten Entwick­lung des Handels werden auch kaufmännische

Politische Umschau.

Ruhigere Beurteilung.

DieTägliche Rundschau" geht im Anschluß an die letzte sehr bemerkenswerte Veröffentlich­ung derNorddeutschen Allgemeinen Zeitung", nach der sich schon jetzt mit Bestimmtheit feststel-

Aus der Woche.

In alten Zeiten bekamen schwache Prüflinge auf ihrem Doktordiplom das Zeugnis: paene vix sustinuit. Das heißt: mit knapper Not durchgekommen. Ein ähnliches Zeugnis könnte man dem Reichstag ausstellen, der für die Er­haltung der deutschen Schrift im Kleinkinder- llnterricht 85 Stimmen aufbrachte und nur 82 für den alleinigen Gebrauch der lateinischen Buchstaben. Eine Petition der Lateinschwär­mer, die am Donnerstag auf der Tagesordnung stand, hatte diese Abstimmung veranlaßt, die über kurz oder lang noch einmal wiederholt wer­den muß, da 85 + 82 = 167 Stimmen zur Be­schlußfähigkeit des Hauses (199 Anwesende) nicht genügen. Die knorrige deutsche Schrift ist soviel sich auch mit Recht gegen sie vorbringen läßt, auf unserem Boden gewachsen und geworden, genau so, wie unsere zum Him^ emporstreben- den Kirchtürme die Befreiung vum runden Kup­pelbau, vom Allerwelts-Pantheon, brachten. Gewiß, die lateinische Schrift ist die ältere, ur- prüngliche. Aber auch sie hat sich erst aus der phönizischen entwickelt.

In der Reichshauptstadt sind, wie im Früh­ling üblich, die großen Kunstausstellungen er öffnet worden, die akademische, die der Sezession und die der llebersezession, der allerneuesten Expressionisten". Das Nachlaufen unserü Kunst hinter ausländischen Schlagworten scheint allmählich eine Reaktion, eine Art deutschen Schamgefühls erzeugt zu haben. An der Spitze der Sezession steht jetzt nicht mehr der uns we­sensfremde Max Liebermann, sondern der saf­tige Ostpreuße Lovis Corinth; und der hat in seiner vielbemerkten Eröffnungsrede zum ersten­mal in diesem Kreise einen scharfen Erenzstrich zwischen uns und den Franzosen gezogen und die Nachäfferei entschieden gebrandmarft.

Als um die Zeit der Reformation Deutsch­land erwachte, im Eeisteskampf seinen Mann stand und eine neue Kultur heraufführte, da jubelte Ulrich v. Hutten:Jahrhundert, es ist eine Lust, in dir zu leben!" Unsere auswärtige Politik ist es heute, die uns mit ähnlichen Ee- jttglen erfüllt. Der einst vielbespotteteMann mit der gelben Weste" (sie war übrigens hell­grau, wie er lachend konstatiert), der Staats­sekretär v. Kiderlen-Wächter, hat endlich wieder das deutsche Wort gewichtig gemacht. Es ist sicher nich mehr dazu da, um Phrasen von Völker- frenndschaft zu drechseln, sondern dazu, um den anderen Staaten begreiflich zu machen, daß das Deutsche Reich nicht ein Hansnarr ist, den man beiseiteschieben kann. Die Franzosen haben uns bi-T'* gfinerlTaspcittafl und Febrnarabkommen

TieOberhessische Bettung" erscheint täglich mit Ausnahme der «onn- und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vcertefiahrlich durch die Post bezogen 2.25 Jt (ohne Bestellgeld), bei unseren Zettungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 <*. frei ins Hau-. 1 Für unver­langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktton keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerc, I. A. Koch (Inh..

Dr. Hitzeroth), Markt 21. Telephon 55.___________

Deutsches Reich-

Der Kaiser in Karlsruhe. Karlsruhe, 5 Mai. Heute Nachmittag nahmen die Majestäten mit den anderen hier weilenden Fürstlichkeiten den Tee bei der Königin von Schweden. Di< Kaiserin empfing mit der Großherzogin Luist nachmittags die Luisenschule, die Haushaltungs­schule und das Viktoria-Pensionat im Residenz­schloß. Der Kaiser hörte am späteren Nach­mittag den Vortrag des Chefs des Zivilkabi­netts und des Chefs des Militärkabinetts. Der Eroßherzog empfing heute nachmittag der Reichskanzler Dr. v. Bethmann-Hollweg.

Zu den Beisetzungsfeierlichkeiten für den f Fürsten Georg. Bückeburg, 5. Mai. Die Teil­nahme der Bevölkerung an den heutigen Bei- setzungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Für­sten Georg zu Schaumburg-Lippe ist ungewöhn. l>ch gr-ß. Am Morgen brachten Extrazüge Tau­sende von Besuchern aus dem ganzen Fürsten­tum und darüber hinaus nach der Residenz, dir reichen Tranerschmuck angelegt hat. Prinz E'tel Friedrich von Preußen, der den Kaiser vertritt, traf heute morgen um 9 Ahr 48 Min. auf dem hiesigen Bahnhofe ein.

Bolksschullehrer und Orden. Mainz, 4. Mai. Für be diesjährige Generalversammlung des Landeslehrer-Vereins hat der Darmstädter Bezirksvcrein folgenden Antrag gestellt:Or­densauszeichnungen sind mit dem Wesen des V-ttsschullehreram^es unvereinbar. Der Ver­ein beauftragt daber seinen Vorstand, die vorge­setzte B--^"rde zu bitten, keinen Volksschullehrer mehr zu einer Ordensrnszeicbnung vorzuschlaqen.

Zum Spionagefall in Köln. Köln, 4. Mai. Auf Grund im französischen Ministerium des Innern eingeholter Erknndiaunaen erfahrt die "Kölnische Zeitung", daß Minister Monis im Gegensatz zu den gestrigen Meldungen entschie­den verneint, mit der unter Spionageverdacht n tröln verboten 6nrr*fc1'T''rtn Tb^;^n 'N

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Beilagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage.______

Ter Anzeigenpreis betragt für die 7ge|paltene_ Beile ober deren Raum 15 j., bei auswärtigen Anzeigen 20 für Reklamen die Zeile 40 4. Bei Wiederbolunaen entsprechender Rabatt. Feder Rabatt gilt als Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Verbindlich­keit für Platz-, Datenvorschrift und SBelegliefcruna ausgeschlossen. Zahlungen im Postscheckverkehr ohne Portokosten unter Nr. 5015 beS Postscheckamtes Strnnffutt a. R.

tr, (W-T-khn,, verbo.en 1

-Die AtmoiMre der Bücher.

Bon W. Frei.

Man hat kürzlich von einem Manne in ange­sehener wissenschaftlicher Stellung gehört, der durch seinen Beruf zum Diebe wurde und sich überdies, darin dem Oberflächenbilde, das man sich vom welt­fremden Büchermenschen gern macht, entsprechend, so töricht anstellte, daß man ihn bald erwischen mußte. Ich meine den italienischen Professor, der aus Archiven und Bibliotheken seltene Werke stahl und sie einem Münchener Antiquar verkaufen wollte. Wer viel in öffentlichen Büchereien und Sammlungen arbeitet und, ein verständiger Mensch unseres Jahr­hunderts, gelernt hat, die Sammlungen nicht nur auf ihr Arbeitsmaterial hin, sondern auch auf ihr« Besucher hin zu studieren, wird im Laufe der Jahre ja das Wundern überhaupt bald aufgegeben haben. Allerlei Menschen sind von der Atmosphäre der Bücher beherrscht, eingefangen könnte man sagen, denn diese Atmosphäre ist nicht etwa still und harm­los, Stätte emsiger, allem Irdischen und Leidenschaft­lichen abgewendeter Tätigkeit, sie zeugt Leidenschaft, Bettrrungen der Seele, krause Schicksale, eine beson­dere Moral und Unmoral. Wir Bibliothekswanderer es ist eine eigene Spielart des Globetrotters kennen darum nicht wenig sonderbare Existenzen. Auch dieser Beruf hat seine eigenen Berufskrank­heiten, Vergiftungspsychosen der Literatur könnte der Kriminalanthropologe sie nennen, und eng mit ihnen verknüpft, seine spezifischen Verbrecher. Auch hier ist der Mann, der stiehlt, Bücher fortträgt, um sie zu »erkaufen, weil er Brot will, der einfache, unin­teressante Fall. Jeder stiehlt eben, wo er kann, und da der Bibliotheksbesucher weiß, daß es Bücher gibt, die so wertvoll sind wie Perlen, da er die Möglich­

keiten des Verkaufes und die Schwierigkeiten der Entdeckung zu kennen glaubt, erliegt et der beson­deren Art der Verleitung zur persönlichen Bereiche­rung. Daß es auch für diele Verbrechen dentoten Punkt" gibt, das Erwischtwerden, durch die begrenzte Zahl der Abnehmer für seltene Werke und dir Materialkenntnis der Käufer, hindert die Diebe nicht, ihr Metier immer wieder zu versuchen. Von Zeit zu Zeit fällt eben einer hinein, wie jetzt der italienische Professor, der meinte, ein deutscher Antiquar wisse in Neapel nicht genug Bescheid. Mehr Interesse als diese Gattung Bibliotheksratten, um diese Spezialität nach der Analogie der Rats dhotels zu nennen, wecken jene, bei denen das Motiv Leiden­schaft ist, deren Verbrechen also, so gut wie alle Liebesdelikte, gewissermaßen crime passionel ist. Man entsinnt sich twch des übrigens in seinem Fach recht begabten jungen österreichischen Archäologen, der in Udine eine Sammlung bestahl, an materiellen Gewinn weder dachte, noch auf ihn angewiesen war, sich nur des persönl'chen, wenn auch heimlichen Be­sitzes wissenschaftlicher Seltenheiten freuen wollte. Er und ständige Besucher der internationalen Biblio­theken lernen mit der Zeit seine Kollegen in aller­hand Schattierungen kennen, sind Willensschwäche Opfer jener Atmosphäre der Bücher, die gelegentlich ein paar Andeutungen verdient. Es find Menschen, die zwischen gedruckten Werken die Welt der Reali­täten, der sozialen Vorschriften und Grenzen ver­gessen. und von dem Leichtfertigen, der eine ihn in­teressierende Notiz im Kaffeehaus aus einer Zeitung herausschneidet und das durchaus für keine üble, überhaupt nicht für eine nennenswerte Sache hält, zu demGelehrten", der auf Grund seiner biblio­graphischen Kenntnisse herausfindet, welches Werk sich am besten zum Mitnehmen eignet, ist eine Kette von Leuten, die an der Morel insanity der

Bücherliebe erkrankt find. Stehlen die einen, weil fie das Druckwerk so wenig schätzen, daß ihnen der Gedanke, Geld für den Erwerb auszugeben, geradezu unsinnig erscheint (es find die Verwandten jener, die sich so gern Bücher von Bekanntenausleihen"), so stehlen die anderen aus der entgeaenqesetzten Dis­position: ein kurioses und seltenes Buch verstrickt sie so in seinen Zauber, daß sie seinen Anblick für sich allein haben wollen. Seine Benützung genügt ihnm nicht, sie wollen den Besitz um jeden Preis, also auch um den des Verbrechens. Eine Atmosphäre, die hoch­stehende Menschen zu solchen seelischen und sozialen Verirrungen treibt, hat schon ihre eigenen und starken Eigenschaften; mit der Meinung, gedruckte Dinge seien eo ipso öde und eintönig, verträgt sich der Eindruck, den man von Bibliothekestimmungen hat, auch dort nicht, wo es nur zu leidenschaftlicher Hingabe, nicht aber zu antisozialem Tun kommt.

Eine Büchersammlung, die ein einzelner, eine Familie, ein Gelehrter oder ein spezieller Arbeit ge­widmetes Institut anlegt, gehorcht besonderen Ge­setzen, hat ihre eigene Stimmung: die des Besitzers, seiner Ziele, seines Talents und feiner Grenzen. Längst weiß man Schlüsse und Rückschlüsse zu ziehen au? den Büchern, die einer hat und vielleicht nie liest, oder aus denen, die er nicht hat und von Freunden aus öffentlichen Anstalten zusammenttägt, und sein eigen macht. Gewiß wird jeder, wie er von den Geräten, mit denen er sich umgibt und die ein Zeichen feiner Art sind, auch wieder im Laufe der Jahre etwas annimmt, von den Büchern, Zeit­schriften oder Zeitungen, die ihm jeder Tag ins Haus trägt, die ihm der Zufall bringt oder die er mühsam sucht, eine Marke im Geiste und in der Seele bekommen, und ich will es wagen, auszu­sprechen, daß das auch geschehen wird, selbst wenn et nicht Band fflt Band von der ersten bis zur letz­

ten Seite liest, sondern seiest, wenn er nut manch­mal in jenen toten Stunden, in denen man nach einer Bereicherung von außen, nach einem Wechsel der Stimmung begehrt, den einen oder anderen Band in die Hand nimmt, das Welen irgendeiner Dicht' ng, die Eigenart irgendeiner Persönlichkeit zu erhaschen sucht, auf diesem Weae flüchtiae Bekanntschaft mit anderen Naturen macht, die Bibliothek genießt wie ein Spaziergänger in hellen Stunden die Leute, an denen er vorübergeht, von denen er auch n:*t viel erfährt, in deren' Existenz seine Blicke ja nicht cin- bringen können und von denen ihm doch etwas zu­fliegt. was wie der vom Wind getragene Same» einer kleinen Blüte später irgendwo und irgendwann sich entfaltet. Damit m"chte ich natürlich nicht jenen Leuten das Wott reden, die aus den Titeln von Werken, die sie nie gelesen haben, sich Urteile bilden, oder die irgendein Buch auf der hundertsten Seite zu lesen anfangen ober alles überschlagen, was ihnen nicht gleich auf been ersten Blick einleuchtet. Nur jene Menschen erfahren bie Kraft der Bücher, die Gläubige sind und zu genießen wissen. Ich möchte überhaupt bei diesen Silhouetten aus dem Umkreise der Bibliotheken nur rasche und flüchtige Eindrücke der besonderen Atmosphären von ein paar großen und allgemein zugänglichen L>üchereien geben, in denen die Wissenschaft mit einer ebenso ausgebilde­ten Technik und bewegt von dem gleichen emsigen und in bie Tiefe bohrenben Eifer, ben man für c'!e Jnbustrietätigkeit als selbstverständlich annimmt, entwickelt wird, von den Orten, die Nährboden uni Entwicklungsstätte bet geistigen Kultur find.

Sieht man sich hingegen bie Menschen, bie in bei Bibliotheken arbeiten, an, so wird man finden, daß sie meist viel ruhiger find als sonst Arbeiter in ihre» Werkstunden, daß fie fast alle auf ihren Gesichten zwei Züge vereint tragen, bie sonst sich selten zi