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Der Anzeigenptels betragt für die 7ge,paltene Zette oder
Erstes Blatt
46. Jahrg.
1911.
Marburg
Donnerstag, 4. Mai
auch heute noch weit von dynastischen Gesichtspunkte» beherrscht ist, als man zuzugeben pflegt. In der Rolle eines Vermittlers zwischen seinem Vater und den Lenkern der Völkerschicksale, einer Roll«, die viel guten Takt verlangt, ihm aber doch nicht die volle Bürde der Verantwortung auferlegt, findet er die beste Gelegenheit, sich für die großen Aufgaben vorzubereiten, die seiner harren. Und dem Kaiser, der seine Jugend geflissentlich vom lauten Lärm des Tages fernhielt, wird man Dank dafür wissen, daß er ihm vertrauensvoll diese Gelegenheit gibt und ihn Schritt für Schritt an den steilen Weg gewohnt, beit er einst wird gehen müssen."
schlagen unsere Schlachten. Sie waren so kurzsichtig, zu glauben, daß sie von den japanischen Siegen einen Nutzen haben würden. Und jetzt sind sich Japan und die Union von Tag zu Tag mehr entfremdet, und China, der Erbfeind Japans, ist der gute Freund der Union geworden. Beide haben sich gefunden in ihrem Gegensätze zu Japan. Auch für China gab es eine Zeit, wo eine gewisse Annäherung an Japan stattfand. Früher als Rußland allein das alte Stammland der Mandschus und Korea bedrohte, waren verschiedene chinesische Staatsmänner wie beispielsweise Chang-chi-tung und Tuang-fang für eine Entente mit Japan, aber jetzt, wo Japan, Korea annektiert hat und in der Mandschurei genau so lästig für die Chinesen geworden ist wie Rußland, kann natürlich von einer Freundschaft keine Rede sein, und wenn die Erbitterung Chinas gegen Japan sich noch in festen Grenzen gehalten hat, so liegt das eben einfach an dem Gefühl der Schwäche, von dem China beseelt ist.
Diese Schwäche zu überwinden, ist das Bestreben der Jung-chinesen, die es in jeder Beziehung ihrem Vorbilde in Konstantinopel gleich zu tun bestrebt sind. Gleich diesen sind sie ergriffen von einem hochgesteigerten Nationalgefühl. Sie wollen ihr Vaterland möglichst unabhängig vom Auslande machen und durch Schaffung einer großen Kriegsflotte und eines modernen Heere« ihm die Stellung in der Welt verschaffen, die ihm im Verhältnis zu seiner Größe zukommt.
Der erste Schritt ist insofern geglückt, als China soeben von vier Großmächten, von den Vereinigten Staaten von Amerika, von Großbritannien, von Frankreich und von Deutschland eine Anleihe von 200 Millionen Mark erhalten hat, die wesentlich für die Heeresorganisation verwendet werden wird.
Die Mandschu-Dynastte hat ebenfalls das Bestreben an den Tag gelegt, ihrerseits alles zu tun, um eine starke chinesische Wehrmacht zu schaffen. Der Prinzregent hat das Oberkommando über die Armee übernommen und in einem Editt an die Waffentaten seiner großen Vorfahren erinnert. Die Kaiserin-Witwe hat den Prinzregenten angewiesen, die Reorganisation der Kriegsflotte ohne Verzug ins Werk zu setzen, und sie hat für. diesen Zweck und für die neuen Divisionen des Landheeres aus dem von der alten Kaiserin-Witwe hinterlassenen Schatze 20 Millionen Taels geschenkt. Ferner hat sie die vom Prinzregentea vorgeschlagene Herabsetzung drr Kosten des ausgedehnten kaiserlichen Haushalts genehmigt und verfugt, daß alle diese Ersparnisse ausschließlich für die Wehrmacht verwendet werden sollen.
Die diesjährigen Manöver der chinesischen Armee sollen zwischen Young Ping und Lwanchou in der Provinz Chihli stattfinden. Eine Ostarmee, gebildet aus der kaiserlichen Garde und dem 2. Regiment wird gegen eine West-Armee, bestehend aus dem 1. und 4. Regiment manövrieren. Wie in der Türkei der Sultan im vergangenen Jahre zum ersten Male bei den Manövern erschien, so wird in China der Prinzregent als Vertreter des Kaisers die Manöverparade über die von dem genialen General Yin Chang ausgebildeten Truppen abnehmen. Man sieht: es handelt sich nicht um große Truppenmassen, aber der erste Anfang ist gemacht, und wenn erst alle in Deutschland ausgebildeten Offiziere wieder in China tätig sein werden, wird die chinesische Armee sich sicher ebenso gut entwickeln können wie vorher die türkische.
Oft asiatische Probleme.
Schneller als in vergangenen Zeiten vollziehen sich jetzt die Frontwechsel der Großmächte. Da» tritt besonders auffallend im fernen Oste t zutage. Zur Zeit des russisch-japanischen Krieges standen die Vereinigten Staaten von Amerika ganz auf selten Japan», und die Yingoblätter triumphierte«: sie
Die „Deutsche Tageszeitung" bringt einen Bericht aus Tanger über die französische Politik in Marokko, in dem es zum Schlüsse heißt:
„. . . . Ist es den Franzosen ernst damit, in Marokko diejenige Ordnung zu schaffen, die nicht in ihrem speziellen Interesse, sondern im Interesse aller Algecirasmächte liegt, so ist die Bahn frei. Aus Casablanca hier durchreisende Landsleute erzählen von den geschäftlichen Schwierigkeiten der dortigen deut- fchenKaufleute, denen der die ganze Landesverwaltung und Rechtsprechung durchsetzende Einfluß der Franzosen auf Schritt und Tritt erschwerend und hindernd begegnet. Diese Entwickelung der Dinge zu durchkreuzen, im Sinne des deutsch-französischen Abkommens von 1909 dem politischen Einfluß der Franzosen auf das Wirtschaftsleben Marokkos entgegenzuarbeiten, den Eingeborenen zur Erkenntnis zu bringen, daß sie im geschäftlichen Verkehr mit deutschen Reichsangehörigen keinerlei Benachteiligung und Ungerechtigkeit ausgesetzt sind, istundbleibt die Hauptaufgabe der Deutschen."
Deutsches Reich-
— Die Rückkehr des Kaisers. Messina, L Mai. Die „Hohenzollern" mit dem Kaiser, der Kaiserin und der Prinzessin Viktoria Luise an Bord passierte heute früh 6y2 Uhr die Meerenge von Messina und setzte die Fahrt auf dem Tyrrhenischen Meere fort.
— Die Beisetzung des t Fürsten Georg. Bückeburg, 2. Mai. Die Beisetzung des verstör- denen Fürsten Georg findet am Freitag, den 5. Mai, vormittags 11 Uhr in der lutherischen Stadtkirche zu Bückeburg statt. In Vertretung des Kaisers nimmt Prinz Eitel Friedrich an der Beerdigung teil.
— Wiederzusammentritt der Parlamente. Berlin, 3. Mai. Die Parlamente nahmen gestern Dienstag nachmittags 2 Uhr ihre Sitzungen wieder auf, das Abgeordnetenhaus mit der ersten Beratung der rheinischen Landgemetndeordnung, der Reichstag mit der Beratung des Einführungsgesetzes zur Reichsverficherungsordnung.
— Der neue deutsch-schwedische Han^elsver-: trag. Berlin, 2. Mai. Heute wurde der neu« deutsch-schwedische Handelsvertrag von dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, v. Si- derlen-Wächter, und dem hiesigen schwedische» Gesandten, v. Trolle, unterzeichnet. Der Wortlaut wird morgen in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht werden.
— Aussperrungen. Berlin, 2. Mai. Infolge der Maifeier wurden in Groß-Berlin in 320 Betrieben 6728 Holzarbeiter ausgesperrt, davon wurden über 6000 auf 39 Tage, die übrigen länger oder entlassen. — Braunschweig, 2. Mai. Neun Maschinenfabriken sperrten 3000 Arbeiter für eine Woche aus, weil sie trotz vorheriger Bekanntmachung der Fabrikleitung am Maifeiertag von der Arbeit fern blieben. — Flensburg, 2. Mai. Da am 1. Mai ungefähr 1100 Arbeit« der Flensburger Schiffswerft feierten, wurde ihnen bekannt gegeben, daß sie bis zum 5. Mai ausgesperrt würden.
— Gin Casseler Pfarrer im Berdacht der Irr« lehre? Berlin, 2. Mai. Nach der „Vossischen Zeitung" soll gegen den Pfarrer Neumeister an der Kreuzkirche in Cassel Anzeige erstattet worden sein, weil er in seiner Osterpredigt die kirchliche Lehre von der Auferstehung bestritten habe. Das Konsistorium soll darauf von dem Geistlichen den Text der Predigt eingefordert und eine Untersuchung eingeleitet haben.
— Die westfälischen Rationalliberalen für Ablehnung der reichslämdischen Verfassung. Dortmund, 2. Mai. Der Ausschuß der Nationalliberalen Partei der Provinz Westfalen hierlt hier eine Sitzung ab, in der u. a. der e l s a ß - lothringische Verfassungsentwurf besprochen wurde. Die Berichterstattung hatte der Abg. Westermann übernommen. Nach der allgemeinen Besprechung wurde folgende Entschließung angenommen: „Die Nationalliberale Partei Westfalens erblickt in dem gegenwärtigen elsaß-lothringischen Verfassungsentwurf und insbesondere durch seine Gestaltung in der Kommission eine Schwächung des nationalen Gedankens und eine Stärkung des radikalen Einflusses im Reichsland. Außerdem hält die nationalttberale Partei Westfalens die Bestimmung der Vorlage, daß die elsaß-lothringischen Stimmen gegen, aber nicht für Preußen gezählt werden sollen, für eine verletzende Zurücksetzung desjenigen Bundesstaates, auf dessenSchultern das Reich in erster Linie ruht. Unter solchen Umständen muß eine AblehnungdesEntwurfsal» das geringste U e be l erscheinen."
— Deutsche Verluste im Osten. Berlin, 2. Mai. Seit dem 22. September 1910, also in r: d sieben Monaten, sind nach der „Korr. f. d. Deutsche Ostmark" 104 deutsche Güter und Bauernwirtschaften mit einer Gesamtfläche von 40 805 Morgen im Werte von
Politische Umschau.
Stimmen jur Kronprinzenreise nach Petersburg
Zur Kronprinzenreise nach Petersburg schreibt die „Rheinisch-Wesffälische Zeitung":
„Wohl durfte man annehmen, daß der Kronprinz, im Falle er über Sibirien nach der Heimat zurückkehrte, eine Einladung nach Petersburg erhalten werde, auch wenn zur Zeit der Kronprinzenreise von dieser Tatsache noch nichts verlautete. Aber ein kurzer Aufenthalt des deutschen Kronprinzen in Petersburg auf der Durchreise hätte immer nur den Charatter eines Eelegenheitsbesuches getragen, während der Besuch des Kronprinzenpaares in der jetzigen kritischen Zeit als eine wohlerwogene Aktion erscheinen muß." 1
Die „Nationalzeitung" sagt:
„Man kann diese Reise sicherlich aber auch als eine neue Bestätigung der vorzüglichen Beziehungen auffassen, die zwischen den beiden Höfen und den beiden Völkern bestehen. Die viel erörterten und weit- tragenden Abmachungen der Potsdamer Entrevue stehen nahe vor der Unterzetchnung und Besiegelung. Und in einem solchen Augenblicke ist es nicht ohne Bedeutung, daß der Kaiser Wert darauf legt, den russischen Monarchen an seinem Erbuttstage, der auf den 19. Mai fällt, durch seinen Sohn zu beglückwünschen und der Gratulation dadurch einen besonders intimen Charakter zu geben. Im Volke wird man es gern sehen, daß der Thronfolger durch solche Missionen, die für die Pflege unserer auswärtigen Beziehungen sehr nützlich sind und die Person des Kaisers entlasten, in der Lage ist, selbst früh tiefere Blicke in da» Getriebe der hohen Politik $e tun, die
ausgesetzt sein, als wenn scherifische Truppen gut i geschult und bezahlt werden.
Der Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", so schließt der „Temps", hat für uns nichtsBeunruhigendes; denn im ersten Teil läßt er unseren Absichten Gerechtigkeit widerfahren und im zweiten Teil faßt er Hypothesen ins Auge, welche Frankreich entschieden von sich weist.
Wie die „Franks. Ztg." mitteilt, hat der Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." über das Vorgehen Frankreichs in Marokko die polittschen Kreise Frankreichs tief verletzt. Die Zeitungen legen sich offenbar auf Empfehlung des Ministeriums des Aeußern eine große Zurückhaltung gegenüber dieser deutschen offiziösen Aeußerung auf.
Frankreichs weitere Pläne.
Paris, 2. Mai. Die „Petite Republique" schreibt anscheinend offiziös: Die fliegende Kolonne wird ihr ursprüngliches Ziel verfolgen, Fes entsetzen und die Autorität des Sultans befestigen. Die Frage ist nur die, wie weit die Kolonne gehen wird. Wird sie in Fes einmarschieren oder wird sie etwa 30 Kilometer vor der Stadt stehen bleiben? Bisher ist noch keinerlei Entscheidung getroffen. Alles wird von den Ereignissen abhängen. Entsprechend den eingegangenen Verpflichtungen bezweckt die französische Regierung nur die Bestätigung der Autorität des Sultans. Sie wird ihre Haltung gemäß den Erfordernissen der Lage einrichten, welche in ihren Einzelheiten niemand voraussehen kann. Deshalb wäre es auch verfrüht, eine Antwort auf die Note der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" schon jetzt zu erteilen. — Das „Journal" veröffentlicht ein Interview mit einem hohen Beamten im Ministerium des Aeußern, welcher u. a. sagte: Mag Major Drumond mit seiner Abteilung nach Fes zurückgekehrt sein oder nicht, das ändert durchaus nichts an unseren Bestimmen und ändert auch nichts an der Lage. Die in Fes eingeschlossenen Europäer haben noch immer gefährliche Ereignisse zu befürchten. Man behauptet, daß Fes mit Lebensmitteln überfüllt ist. Der jüngst veröffentlichte Bericht des deutschen Konsuls Dassel — die Deutschen haben sich in diesen Angelegenheiten immer zu optimistisch gezeigt — beweist, wie unrichtig diese Behauptung ist. Man muß dem Sultan die Hilfe bringen, welche er erwartet und verlangt hat. Sobald die Hilfskolonne in Fes eingetroffen ist, wird man sehen, was die Umstände erfordern. Das sind die Befehle, die dem General Moinier telegraphiert worden sind.
Paris, 2. Mai. Im Ministerrat teilte Minister Cruppi mit, daß erwederausFes noch von Major Br6mond Meldungen erhalten habe. Kriegsminister Ber- teaux sagte, die Entsatzkolonne rücke schnellstens vor, wie befohlen worden fei.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
und den Beilagen: „Nach Feierabend", „Fürs Haus" und „Landwittschastliche Beilage.
Zur Lage in Marokko
Wirkung der deutschen Warnung?
Paris, 1. Mai. In einer ausführlichen Besprechung der Note der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" über Marokko schreibt der „Temps" u. a.:
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hat in sehr treffenden Worten die Berechtigung des von Frankreich verfolgten Zieles anerkannt. Sie weiß eben, daß in solchen Dingen alle Großmächte gebieterische Pflichten haben. Sie weiß, daß Deutschland diese Pflichten in sehr umfassender Weise immer erfüllt hat, und wir stellen mit Befriedigung die courtoifievolle Haltung des halbamtlichen Blattes fest. Doch hätte sich die „Nordd. Allgemeine Zeitg." enthalten können, die Befürchtung auszusprechen, daß Frankreich, durch die Ereignisse fortgerissen, sein Programm überschreiten werde. Die in Berlin ins Auge gefaßte Gefahr, daß Frankreich sich ohne seinen Willen fottreißen lassen könnte, ist nichtzubefürchten. Man hat von einer Frankreich feindlichen Bewegung gesprochen, welche durch Frankreichs Truppenbewegungen verursacht werden könnte. Die neuert Marokkomeldungen zeigen, daß die französischen Vorbereitungen um Fes eine beruhigende Wirkung ausübten, und niemals wird Stetotto weniger der Gefahr einer Zerstückelung
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Gesunde Finarn.n.
Sie sind nun da. Daran ist nicht mehr zu rütteln. Dem soeben veröffentlichten Reichskassenausweis über die Jsteinahme an Zöllen und Steuern int Rechnungsjahre 1910/11 sah man mit großer Spannung entgegen. Er zeigt zum ersten Male die vollen Jahreserträge derjenigen Steuern, die in der Finanzreform von 1909 neugeschaffen oder erhöht worden sind, und ermöglicht so ein Urteil Über die Gründlichkeit der Reform. Die Erträge der meisten Steuern im einzelnen haben die Voranschläge bedeutend überschritten, und auch das Gesamterträgnis übertrifft den Voranschlag um etwa 40 Millionen — ein int Interesse der Gesundung unserer Reichsfinanzen höchst beachtenswertes Ergebnis.
Man wird die Bedeutung dieses Ueberfchusses für die Gesundung unserer Fingnzge- b a r u n g des Reiches um so mehr würdigen, wenn man die finanzielle Lage des Reiches vor der Finanzreform und den seitherigen Gang der Dinge beachtet. Das Jahr 1908 brachte ein Defizit von 120 Millionen, für 1909 wurden sogar 240 Millionen Defizit erwartet. Dieser Fehlbetrag von 240 Millionen sollte auf Anleihen übernommen und eventuell aus Ueberschüssen der Finanzreform von 1909 getilgt werden. 3lun hat in Wahrheit das Etatsjahr nicht einen Fehlbetrag von sondern von nur 126,5 Millionen gebracht, und zw. ist dieses günstige Ergebnis eine Folge der oben erwähnten starken Voreintuhr und Voreindeckung infolge der drohenden nAien Steuergesetze und der damit verbundenen erhöhten Zoll- und StenerertrSge, ferner brachte die Neuregelung der Branntweinsteuer schon 1909 30 Millionen. Die Herabminderung des Defizits für 1909 um 113,5 Millionen ist also schon eine segensreich« Wirkung der neuen Finanzreform. Zur Abtragung des Restdefizits von 126,5 Millionen Mark mußten gesetzlich 40 Millionen Mark in den Etat von 1910 eingestellt werden, so daß noch etwa 80 Millionen verblieben. Nimmt man nun den zu erwartenden Ueberschuß für 1911 und die etwa zu erwartenden Mehreinahmen der Reichspost und der Reichseisenbahnen zur weiteren Abbürdung, so dürfte das 1909 erwartete Defiit im Betrage von 240 Millionen schon jetzt fast ganz getilgt werden.
Schon vor Wochen wurde offiziös verkündet, daß das Reich im Jahre 1911 nicht mit neuen Anleihe? anspriichen an den Geldmarkt heranzutreten braucht. Zweifellos kommen, dadurch bedeutende Barmittel und ein niedrigerer Diskont dem privaten Erwerbsleben zugute. An Schatzanweisungen fernerhin brauchte das Schatzamt im Jahre 1910 nur etwa 75 Millionen herauszugeben, während noch 1909 639 Millionen nötig waren. Diese günsttgen Ergebnisse zusammen zeigen ein erfreuliches Bild bet Entwicklung unserer Reichsfinanzen: die günstige Entwicklung ist erst möglich geworden durch die Finanz- reform von 1909. Die Mehrheitsparteien haben damals „ganze Arbeit" gemacht. — Auch unsere Er- werbskretse werden aus der Sicherheit und stetigen Gesundung der Reichsfinanzen steigenden Vortetl ziehen. Dieser Tatsache sollte man sich bei allem Hader um die Finanzgesetze von 1909 nicht entziehen.