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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

und den Verlagen:Nach Feierabend",Fürs Haus" undLandwirtschaftliche Beilage.

M 98

DieOberhesiische Zeitung" erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Feiertage. Der Bezugspreis beträgt vierteljährlich durch die Post bezogen 2.25 dH (ohne Bestellgeld), bei unseren Zeitungsstellen und der Expedition (Markt 21) 2.00 M frei ins Haus. (Für unver­langt zugesandte Manuskripte übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung.) Druck der Univ.-Buchdruckerei I. A. Koch (Inh.: | Dr. Hitzeroth). Markt 21. Telephon 65.

Marburg

Donnerstag, 27. April

Der Anzeigenpreis beträgt für die 7gcspaltene Zeile oder deren Raum 15 j., bei auswärtigen Anzeigen 20 für Reklamen die Zeile 40 4-. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Bei Konkurs kein Rabatt. Verbindlich­keit für Platz-, Tatenvorschrift und Belcglicferung ausgeschlossen. Zahlungen im Postscheckvcrkehr ohne Portokosten unter Nr. 5015 des Postscheckamtes Frankfurt o. M.

schwaders Konteradmiral Edler von Kunsti den Kronenorden 1. Klasse, dem Stabschef Linien» schifKapitän Seidemacher den Roten Adlerorden

46. Jahrg.

1911.

Erstes Blatt.

Berliner Kinder-Elend.

Wie immer zur Osterzeit, haben die Berliner Eemeindeschulärzte auch Heuer über den Gesund­heitszustand der Viertelmillion Eemeindeschüler Berlins Bericht erstattet. Bilder unglaublichen Elends pflegen diese Berichte zu enthüllen, gleich­zeitig aber zeigen sie auch, wie umfangreich das Werk der Nächstenliebe ist. Die Zahl der Aerzte iist von 44 auf 50 erhöht worden und manches andere ist noch geschehen.

Sozialdemokratische Agitatoren aber rechnen demgegenüber aus, daß ein Arzt mit der Beob­achtung von 41/2 Tausend Kindern beauftragt fei und infolgedessen die Kontrolle unwirksam sein müsse. In Wirklichkeit beschränkt sich die ständige Kontrolle auf insgesamt 45179 Kinder, sodaß auf einen Arzt noch nicht 1000 kommen. Immerhin, das Bild ist grauenhaft. Es wurden 84 522 Knaben und Mädchen der Schule zuge­führt. Von diesen mußten fast 9 pCt., nämlich 8024, aus gesundheitlichen Rücksichten zurück­gestellt werden. Dafür werden die soziale Lage der Arbeiterklasie, sehr ungünstige häusliche Verhältnisse, Lebensmittelteuerung, Arbeits­losigkeit und dergleichen verantwortlich gemacht.

Teilweise mag das zutreffen. Aber die Ber­liner Arbeiter können nicht über zu geringe Löhne klagen. Viel mehr hätte hier der Mittel­stand Ursache.Hch darüber zu beklagen, daß er sich an allen (Etfint und Enden einschränken muß. Beim Frühstück und Mittagsmahle würde der Kleinbürger Mund und Augen aufreißen, wenn er sähe, wie zum Beispiel Berliner Maurer und Steinträger zu leben wißen. Wer Sonn­tags die Vergnügungsstätten in der Umgebung Berlins besucht, wird schwerlich sagen können, daß es den Arbeitern schlecht gehe. Anders frei­lich sieht es in den Wohnungen aus. Dort herrscht Not. Während der Vater betrunken in der Droschke oder im Auto am Sonnabend nach Hause kommt, weiß oft die Mutter nicht, wo sie das tägliche Brot für die darbenden Kleinen hernehmen soll. Es ist nötig, auch diese Seite der Sache einmal zu beleuchten.

Nun sehe man, welcher Art die Krankheiten find und die Fehler, welche eine Zurückstellung der Kleinen vom Schulbesuche notwendig ma­chen: englische Krankheit, Skrophulose, Nerven­leiden, Herz-, Nieren-, Nasen-, Rachen-, Augen- und Ohrenleiden, Wirbelsäulenverkrümmungen stehen der Zahl nach weit oben an. Jeder Laie weiß, daß die Ursachen dieser Krankheiten in den weitaus meisten Fällen keineswegs in Unter­ernährung und in schlechter Unterkunft zu suchen, sondern aus anderes zurückzufnbren find. Trotz­dem macht die Agitation die bürgerliche Gesell­schaft für all dies doch z. T. selbst verschuldete Elend verantwortlich. Und leider findet sie ge­rade bei den Schuldigen Glauben. Gustave Le Bon, der bekannte französische Soziologe, sagt wirklich nicht mit Unrecht:Die Masse wird vom Leithammel geführt, und um ein guter Leit­hammel zu sein, muß man über ein großes Maul und ein kleines Hirn verfügen. Die Maße läuft immer nach." Wohin aber soll es führen, wenn selbst der feste Wille zu helfen derartig entstellt wird, wenn die beste Tat stets so gedankt wird?

Zur Lage in Marokko.

Tanger, 25. April. Aus Fez wird vom 18. April gemeldet: Der Tag ist ruhig verlaufen. Der Maghzen zog auf Anraten des Eroßwestrs Elaut feine Einwilligung in die von den Uled Djamad ge­forderte Absetzung ihres Kaids Bagdadi zurück. Die­ser Stamm verharrt daher in seiner feindseligen Haltung. Eine große Menge von Lebensmitteln, Mehl, Vieh und Kohlen, find in die Stadt hinein gekommen, ebenso 800 Hayamas, die dem Maghzen ihre Hilfe anboten. Am 19. April griffen die Uled Djamad in einer Stärke von 2000 Mann die Stadt im Norden an, wurden jedoch nach anhaltendem Ge­wehr- und Artilleriefeuer zurückgeschlagen. Die Truppen des Maghzen hatten unbedeutende Verluste. Die europäischen Konsuln beschloßen in gemeinsamer Beratung, ihren Staatsangehörigen zu raten, Fez zu verlaßen, sobald der Weg nach Tanger frei ist. Aus Rabat wird unterm 24. April gemeldet, daß aus Mekinen eingetroffenen Briefen zufolge Mulay Elzin, der Bruder Mulay Hafids, dort zum Sultan proklamiert würde.

Algier, 26. April. Um die in der Schauja befind» B&ea Teile der Dioiüou in Oran m erleben, wird

die Division tn Algier 2 Bataillone Zuaven, ein Bataillon Schützen und eine Pionierkompagnie, die eine Brücke über den Mulujafluß bauen soll, nach der marokkanischen Grenze senden.

Paris, 25. April. Im Ministerium eingegangene Meldungen aus Tanger besagen: Scherif El Mrani versprach dem General Noinier tatkräftige Unter­stützung. Hauptmann Michaud traf Anordnungen, damit die Harka von Rabat erst nach der Ankunft der Kontingents aus dem Schaujageöiet, die den solidesten Kern der Streitmacht bilden, sich in Marsch setze. Major Bremond war am 20. April in Darkaid Hafid und hat nur noch Geld bis zum 25. April. Die Führer der Scherarda sollen kampfesmüde sein, aber der 3000 Krieger zählende Stamm ist lehr kampses- lustig. Die Gegend von Charb ist unruhig. Drei Kaids dieses Gebiets forderten ihre Stämme auf, Kontingente zur Harka zu liefern. Die Aufrührer wollen die Verproviantierung der Mahalla des Scherardagebiets verhindern.

Frankreichs Preße und die Marokkofrage.

DieVoß. Zig.« schreibt:

Endlich ist die Pariser Preße so weit, wie fie von Anfang an hätte sein sollen. Endlich läßt man von der AHeciras-Maskerade ab uiid stellt die Dinge dar, wie fie in Wirklichkeit sind. Die Ver­suche, der Welt Sand in die Augen zu streuen, in­dem man sich in Paris bemühte, das neue militärische Einschreiten Frankreichs in Marokko in den Rahmen des Algecirasvertrages zu zwängen, sind gescheitert. Nun gibt sogar der offiziöse Temps" schon zu, daß die jetzt im Zuge befindlichen militärischen Operationen außerhalb des Algeciras­vertrages stehen und daß Frankreich ausschließlich auf seine eigene Verantwortung hin handelt. Das Journal des Debats" und andere Blätter schließen sich dieser Auffaffung an. Frankreich läßt sich auf ein außervertragliches und sogar widervertragliches Abenteuer ein. Es wird sich nicht wundern dürfen, wenn es im gegebenen Augenblick unsanft an diese Tatsache erinnert wird. Selbstverständlich geben die Franzosen an, daß sie nicht in Fez bleiben werden. Auch die Besetzung von Casablanca und von Udschda waren bekanntlich nurprovisorische Maßregeln" für die Ewigkeit. Gewiß, die gesamten 23 000 Mann, über die General Moinier befehligt, werden für die Dauer in Fez nicht einquartiert bleiben. Man wird sich mit viel weniger begnügen, aber da­für sorgen, daß die jjon Westen nach Fez führenden Straßen französische Militärpoflen erhalten. Das Seitenstück im Osten wird auch nicht lange auf sich warten laffev. Dazu kommt die neue Kriegskosten­rechnung, die Marokko zu zahlen haben wird, wofür man irgendwelche neue Sicherheiten ausfindig machen wird. Und bei alledem beteuern die französt- schen Offiziösen, daß Frankreich keine Troberungsge- danken habe. Wirklich, es waltet ein wahres Miß­geschick über Frankreich in Marokko, daß es erobert und erobert, ganz ohne zu wollen!"

Zur Frankfurter Unioersitätsfrage äußert sich in derFranks. Ztg." Prof. Kluge- Freiburg, um gegen die Ausführungen Profeßor Büchers Stellung zu nehmen. Er nennt den Standpunkt des Großbetriebes im Universitäts­wesen, den Bücher einnehme, überraschend neu und vertritt die Berechtigung der kleineren Uni­versitäten. Wenn wir die Ausführungen Prof. Büchers recht verstanden haben, so hat er nur sagen wollen, eine kleine Universität in einer Großstadt ist Unsinn, und zweitens ist es un­nötig, durch 21 Universitäten das leisten zu laßen, was durch 20 ganz gut geleistet werden kann, zumal, wenn die 21. Neugründung einen Fortschritt oder eine Bereicherung des Hochschul­wesens in Wirklichkeit nicht darstellt. Dagegen erscheint uns nichts einzuwenden, wenn auch Prof. Bücher den Standpunkt der Universitäten mit über 4000 Studenten etwas schroff hervor­gekehrt hat, was eine Zurückweisung verdient. Auch Prof. Kluge geht, wie so viele andere, an dem tatsächlichen Verhältnis, daß durch eine Universität Frankfurt nicht Berlin, Leipzig und München, sondern gerade die in der Nähe liegen­den mittleren Universitäten (Gießen, Marburg Heidelberg, Würzburg usw.) in ihrem Betrieb und in ihrer Entwicklung gestört werden, mit einigen nichtssagenden Worten vorüber. Prof. Kluge freut sich vielmehr, daß eine neue Pflanz- stane der Wißenschaft erblühen soll. Unseres Erachtens treffen die Ausführungen Profeßor Kluges in keiner Weise den Kern der Ausfüh­rungen Prof. Büchers. Mit ein paar Redewen­dungen über Fortschritt, neue Kulturstätten usw. ist gegen die gründlichen Darlegungen Profeßor Büchers nichts auszurichten.

Politische Umschau.

General Bonnal über den Luftkrieg zwischen Deutschland und Frankreich.

Der bekannte französische General Bonnal hat jüngst einen bemerkenswerten Aufsatz über den zukünftigen Luftkrieg zwischen Deutschland und Frankreich veröffentlicht. Er weist darauf Yin, daß Frankreich augenblicklich noch nicht sehr stark mit Luftschiffen gerüstet ist, daß es aber in wenigen Monaten zwölf kriegstüchtige Luft- ß.,iffe haben wird. Unter diesem Gesichtspunkt beleuchtet er den strategischen Aufmarsch der deutschen Armee an der französischen Grenze mit Unterstützung von Luftschiffen. Er rechnet mit einer Gesamtstärke von 900 000 Mann in erster Linie. Von diesen sollen 450 020 Mann in der Linie Saarburg Diedenhofen Metz stehen, 15^000 Mann im oberen Elsaß und 300 000 Mann im oberen Raume Aachen Malmedy, Koblenz und Köln. Er nimmt an, daß, da der retvc französische Flügel sich auf die starke Po­sition von Belfort stützt, besonders der linke das Ziel der deutschen Angriffe sein wird. Dement­sprechend will er Verdun und Aeiv-s zu Stand­orten der französischen Luftschifflotte wählen. Als Hauptgefahrzone betrachtet er die Linie zwischen Maas und Mosel, stromabwärts von G.oct und von Diedenhofen. In diesem Ab- schn'tt speziell wollen die Franzosen sich die Vor­herrschaft in der Luft sichern, während man sich aus der Front VerdunEpinal vermutlich ohne nennenswerte Erfolge schlagen wird. Die deuAche Luftflotte denkt sich General Bonnal in G schwader eingeteilt, von denen jedes drei Luftschiffe faßt. Der General sagt mit Necht, daß auf der Linie VerdunMetz, also in einer Gntfcr.....von etwa 50 Klm., die Entscheidung

in dcr i ift fallen muß, und zwar kurze Zeit nach dem strategischen Aufmarsch. Hier stehen der Kavallerieaufkläruna sehr gr-^e Schwierig­keiten im Wege, sodaß sich von selbst die Auf­klärung durch Luftschiffe ergibt. Das gleiche gilt von dem Maaß-Moselabschnitt, der jedoch von den dort operierenden Luftschiffen ein bedeu­tendes Steigvermögen und lehr ausgebildete Manövrierfähigkeit verlangt.

Die Angst vor dem ^tat.

Es wird von sämtlichen Parteien zugegeben, daß eine Verabschiedung des Etats für 1912/13 noch in diesem Reichstage unmöglich ist. Trotz­dem könnte die Vorlegung des Etats, zum min­desten seine Veröffentlichung natürlich erfolgen. Aber gerade das scheint die Linke verhindern zu wollen und macht den Reichskanzler in diesem Sinne scharf. Der Etat, als Zeugnis für die Reichsfinanzreform, solle offenbar parteipoliti- sches Material für den Wahlkampf abgeben, eine Wahlparole für die konservativ-klerikale Mehr­heit tiefem. Darauf könne Herr v. Bethmann unmöglich eingehen, denn er habe am 10. De­zember ja ausdrücklich die stolzen Worte ge­sprochen:Ich laße mich nicht zu dem Werkzeug der Machtpolitik irgend einer Partei machen!" Die Angst vor einem guten Etat muß doch sehr groß sein, wenn man mit solchen Mittelchen kommt. Ein absichtliches Zurückhalten des Etats, befien llebersicht bisher stets kurz vor Weihnach­ten veröftentlicht wurde, würde doch nur ein der Machtpolitik der Linken erwiesener Dienst sein. Und auch dazu hat die Regierung keine Ver- anlaßung.

Deutsches Reich-

Bo« Korfu. Achilleion, 25. April. Der Kaiser besichtigte das LinienschiffErzherzog Franz Ferdinand" eingehend und sprach sich an­erkennend über den Zustand des Schiffes, na­mentlich über die Uebersichtlichkeit des ganzen Baues und die Klarheit der Decke aus. Er drückte seine Anerkennung dadurch aus, daß er noch den ersten Offizier, Korvettenkapitän Graf Eoloredo mit dem Roten Adlerordent 3. Klaße dekorierte. Noch vom Flaggschiff aus telegra­phierte der Kaiser an Kaiser Franz Josef, die Freude aussprechend, Gelegenheit gehabt zu haben, seine Schiffe zu sehen. Die Kaiserin und Prinzeßin Viktoria Luise machten mit der Großfürstin Michaelowitsch einen Besuch im Kö­nigspalast. Die Majestäten und die Prinzeßin folgten sodann einer Einladung der Königin- Mutter von England zur Frühstückstafel auf der JachtVictoria and Albert". Der Kaiser ver­lieh dem Ehef des österreichisch-ungarischen Ee»

2. Kl., den Linienschiffskommandanten Linien- schijsskapitänen Ritter, Schwarz, Fiedler und Kailer den Roten Adlerorden 3. Kl., dem Fre» gattenkapitän Hansa den Kronenorden 2. Kl. so­wie weitere Dekorationen an andere Offiziere. Der Kaiser überreichte die Dekorationen gestern abend selbst an Bord.

Der neue Kommandeur der Schutztrupp« in Südwest. Berlin, 25. April. An Stelle des Obersten v. Estorfs, deßen Rücktritt zur Armee wir kürzlich meldeten, ist nunmehr der Major v. Heydebreck mit der Führung der Schutztruppe von Südwestafrika betraut worden. Major von Hcydebreck gilt und galt schon seit langem als einer unserer besten Afrikaner, der eine unge­wöhnliche kolonial-militärische Erfahrung mit außerordentlichem soldatischen Schneid verbin­det. Dem Obersten v. Elasenapp, Kommandeur der Schutztruppen im Kolonialamte, ist der Rang eines Brigadekommandeurs verliehen worden.

Die Besc'n"-» der «e"en für

Postassistenten durch Militäranwarte«. Berlin, 25. April. Wie mitgeteilt wird, ist zu erwarten, daß für die Belebung der für Militäranwärter vorgesehenen Stellen für Postaßist-nien nicht dir in den <Rpr»»r8otTKfen nornnHertm Anwärter in Frage kommen, sondern die schon seit längerer Zeit eingestellten Anwärter. Da 800 neue Stel­len im neuen Etat für Vostakl»^-"'^-n bewilligt sind, und V- dieser Stellen mit Militäranwär« tern bestimmungsgemäß besetzt rochen sollen, so gelangen 350 Diätare aus dem Militär- gnwärterlt'nnde als -psstgfftftenten zur etats­mäßigen Anstellung. Es ist dies notwendig ge­worden, da sich die Verhältniße der Diätare zur clatsmähigen Anstellung erheb? verschlechtert batten.

Konferenz der Rettungsbaus- und Er­ziehungsverbände. München, 25. April. Di« Konferenz der deutschen Rettungshausverbänd( und Erziehungsverbände eröffnete ihre 12. Ta< gung. Das bayrische Justizministerium, das Ministerium des Innern und der preußische Mi­nister des Innern hatten Vertreter entsandt. Anwesend waren die Dezernenten für die Für­sorgeerziehung aus den preußischen Provinzen. Das Hauptreferat wurde über das Thema er­stattet: Welches Lebensalter soll die Alters» grenze bei der Ueberweisung in Fürsorgeerzie­hung fein? Die Versammlung sprach sich ein­mütig gegen die Herabsetzung von 18 auf 16 Jahre aus bei der Ueberweisung zur Fürsorge­erziehung und forderte, daß diejenigen Bundes­staaten, welche bisher nur bis zum 16. Lebens­jahr überweisen, die Altersgrenze auf 18 Jahre heraufsetzen.

Aus der Strafrechtskommißion. Berlin, 25. April. DerReichs- und Staatsanzeiger' gibt aus den bisherigen Beschlüßen des am 4. April im Reichsjustizamt zusammengetretenen Strafrechtskommißion folgende Beschlüße zu den §§ 1 bis 12 bekannt: Die Dreiteilung der straf­baren Handlungen in Verbrechen, Vergehen und Uebertretungen soll beibehalten werden. Die zeitliche und räumliche Geltung des Strafgesetzes will die Kommißion im wesentlichen nach de« Vorschlägen des Vorentwurfs, jedoch mit ver­schiedenen Ergänzungen regeln. Beim Wechsel der Strafgesetzgebung soll grundsätzlich das dem Täter günstigste Gesetz angewendet werden. Für das Einführungsgesetz sind gewiße lleberlei- tungsbestimmungen vorbehalten, insbesondere über die Aenderungen im Strafvollzug. An dcm Territorialprinzip des § 3 des Vorentwurfs ift festgehalten. Dabei sind die deutschen Schutz­gebiete und Konsulargerichtsbezirke ausdrücklich dem Inland gleichgestellt. Als Zeit der Be­gehung soll die Zeit anzusehen fein, zu der der Handelnde tätig gewesen ist, als Ort der Be­gehung dagegen jeder Ort, wo der Tatbestand der strafbaren Handlung ganz ober teilweise sich verwirklichte. Die Bestimmung im internatio­nalen Strafrecyr, daß strafbare Handlungen eines Deutschen im Auslande im Inlands auch dann verfolgbar find, wenn die Tat nach dem am Begehungsort geltenden Recht straflos ist, lehnt die Kommißion ab, dagegen stimmte die Kommißion den Vorschlägen hinsichtlich der Weltverbrechen zu, d. h. der $Af'*te, die ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit des Tätet»; und dem im Auslände belegenen Ort der Be». gehung tm Inland verfolgbar find. Außer Koch»'